Gesicht zeigen – das Ich im Dialog mit der Welt im Kunstmuseum Ravensburg

Wie es in einem Menschen aussieht, kann man an seiner Kleidung ablesen, die Auskunft gibt über seine soziale Befindlichkeit, an seiner Körperhaltung, die momentanes Empfinden verrät, vor allem aber in seinem Gesicht, dem Spiegel der Seele. Diesem Phänomen widmet sich eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg, allerdings weniger dem Gesichtsausdruck als vielmehr seiner Mimik. „Face it!“ lautet der Titel, was so viel heißt wie: „Stell dich (der Welt)“, aber auch interpretiert werden kann: „Mach ein Gesicht zu dem, was dir begegnet“, was dem ingeniösen Untertitel entspräche: „Im Selbstgespräch mit dem Anderen“.

Mit geradezu aufreizendem Selbstbewusstsein blickt die Gestalt in die Kamera von Nan Goldin, auf den ersten Blick eine Art Zwitterwesen zwischen Mann und Frau, aber bei genauerem Hinsehen eindeutig ein Mann, der freilich lieber eine Frau wäre. Goldin hat sich intensiv diesen „Dragqueens“ gewidmet und ein Phänomen festgehalten, das Unbehagen mit den von der Gesellschaft definierten Geschlechterrollen ausdrückt. Ähnliches hat Cindy Sherman getan, die in immer neue Gewänder und damit Rollen schlüpft, mal als Clown, mal nach Art älterer Gemälde, freilich nicht wie die Dragqueens für die Öffentlichkeit, sondern für den Fotoapparat, für die Kunst, und damit für Ausstellungsbesucher.

Dem haftet etwas Androgynes an, das mehr ist als nur Spiel mit der Verkleidung. Schlüpfte Sherman in andere Outfits, drückte Ugo Rondinone das mittels der Fotocollage aus, bei der er seinen eindeutig männlichen, weil bärtigen Kopf auf den fotografierten Körper von Frauen montierte.

Das ist ein Spiel mit dem Gesicht in seiner extremsten Form. Es zeigt vor allem, dass Gesicht nicht etwas spontan Gewordenes ist, ein unbewusster Ausdruck des Inneren, sondern aktive Mimik. Karel Appel hat das 1975 mit rein malerischen Mitteln getan, indem er mit spürbar körperlicher Energie Farbe dick auf die Leinwand auftrug, möglicherweise gar unter Zuhilfenahme der Finger, und so eine geradezu groteske Grimasse formte. Das geht auch ohne Farbe und Leinwand, nämlich mit dem eigenen Gesicht. Zhang Huan hat in einem Video die Haut seines Gesichts mit den eigenen Händen deformiert und damit „Gesichter geschnitten“, gewissermaßen ein face gemacht – face it.

Das ist ein aktives auf die Welt Zugehen mit dem eigenen Gesicht, letztlich eine Art Inbegriff dessen, was der Kunsthistoriker Hans Belting meinte, als er formulierte, ein Gesicht repräsentiere sich, um sein Selbst darzustellen oder aber auch zu verbergen.

Wie es sich dem eigenen Ich darstellt, kann man täglich im Spiegel erleben. Kein Wunder, dass Künstler seit langem sich selbst oder auch andere im Spiegel darstellen. Das kann an den in sich selbst verliebten Narziss erinnern, kann aber auch der Versuch sein, sich seiner selbst zu vergewissern.

Dass das Spiegelbild dabei stets auch eine Abweichung vom eigenen Ich ist, nicht nur durch die seitenverkehrte Repräsentation, machte auf geradezu grausige Weise Dieter Appelt deutlich. Er fotografierte sich so nah am Spiegel, dass sein Atem das Gesicht im Spiegel überdeckte, der lebensspendende Odem dient hier der Auslöschung des eigenen Ichs.

Wie sehr dabei die Beschäftigung mit dem Spiegel (siehe Narziss) der Begegnung mit dem anderen entgegensteht, zeigten Marina Abramović und ihr Partner Ulay. Während einer gefilmten Performance stehen sie sich körperlich dicht gegenüber, allerdings getrennt durch einen zweiseitigen Spiegel. Jeder sieht nur sich, das Spiegelbild dient als Trennung vom anderen, und doch benötigen sie einander, denn der Spiegel steht nur aufrecht, weil sie ihn mit ihren Körpern halten.

Selbstvergewisserung der eigenen Identität und zugleich Trennung von der übrigen Welt bleibt einer Spezies Mensch zum Teil vorenthalten, den Zwillingen, denn sie sehen im Gegenüber das eigene Ich. Albrecht Tübke hat Zwillingskinder fotografiert, identisch aussehend nicht nur im Antlitz, sondern auch in Kleidung und Haltung: die Verdoppelung des an sich einzigartigen Individuums.

So zwingt die Ausstellung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, mit dem Gesicht, das wir der Welt entgegensetzen. Allerdings wollen die Arbeiten mit Menschen im Schlaf, in der Ekstase oder gar im Tod hierzu nicht passen. Hier nämlich findet kein „Selbstgespräch mit dem anderen“ statt, hier ist das Gesicht einzig Rückzug auf das eigene Innenleben ohne Bezug zum Außen. Hier geht es nicht um „Miene“ (eine Miene machen auch zum bösen Spiel!), wie Hans Belting im Katalog zitiert wird, mit der das „Ich im und mit dem eigenen Gesicht“ dargestellt werde, hier geht es lediglich um Gesicht als Ausdruck, nicht als Selbstgespräch mit dem Anderen. Das aber wäre eine andere Ausstellung.

Face It! Im Selbstgespräch mit dem Anderen“, Kunstmuseum Ravensburg bis 29.9.2019. Katalog erscheint demnächst

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