Zwischen Genie und Wahnsinn: Marco Goeckes „Nijinski“ als Hommage an den Tanz

Er ist bis heute eine Legende des Tanzes: Waslaw Nijinski: Die Zeitgenossen rühmten seine Grazie, bestaunten seine Sprungtechnik, bei der er den Sprung in der Luft anzuhalten schien, sie berauschten und empörten sich an der sexuellen Ausdruckskraft seiner Bewegungen; die Nachwelt feiert ihn als Erneuerer der Tanzkunst. Zusammen mit dem Ballettimpresario Sergej Diaghilew führte er das klassische Ballett über in den Tanz der Moderne. Und er verkörpert das tragische Schicksal eines Frühvollendeten mit dem Absturz in den Wahnsinn; die Hälfte seines Lebens, dreißig Jahre, verbrachte er in psychiatrischen Kliniken. John Neumeyer hat im Rückblick sein Leben nacherzählt, Maurice Bejart hat ihn als Clown der Götter auf die Bühne gebracht, jetzt hat Marco Goecke für die Gauthier Dance Company im Stuttgarter Theaterhaus eine Hommage für das Tanzgenie kreiert.

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Garazi Perez Oloriz, Foto: Regina Brocke

Auch Goecke will, ähnlich wie John Neumeyer, das Leben dieses begnadeten Tanzkünstlers erzählen: die Liebe zur Mutter, seine Anfänge im Internat, den Drill in der Tanzakademie in St. Petersburg, die künstlerische – und erotische – Beziehung zu Diaghilew. Dazu gelingen ihm faszinierende Momentaufnahmen. Es reicht eine zärtliche Berührung der Wange, um das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn beim Abschied zu verdeutlichen – Goecke benötigt wenige Sekunden für das, was andere Choreographen im langen Pas de Deux zum Ausdruck bringen. Der Tanzlehrer drischt mit dem Stock den Takt unerbittlich auf den Boden ein, zu dem die Eleven ihre ersten Tanzübungen einstudieren – mehr militärisches Exerzitium als Hinführung zur Kunst. Und Goeckes Nijinski zeigt schon hier seine außerordentliche Begabung – und seinen Hang zum eigenen Willen.

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Rosario Guerra, Foto: Regina Brocke

Goecke reichen kurze Exkurse, um Nijinskis spätere eigene Choreographien anzudeuten: Ein Clownskragen verweist auf seinen Petruschka, eine müde im Sessel ruhende Tänzerin auf sein „Spectre de la rose“, handgreifliche Sexualität auf seinen „Nachmittag eines Fauns“. Schon in den Szenen von Nijinskis Ausbildung bricht der junge Tänzer in Goeckes Choreographie immer wieder aus den Konventionen aus, zeigt Ansätze zu einer Ausdruckskraft, die die spätere Modernität seines Tanzes ahnen lassen, denn eigentlich ist das Thema von Goeckes Ballett nicht (nur) Nijinski, der vergötterte Tanzstar zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern der Aufbruch des Balletts in die Moderne. Goecke, der Schöpfer einer eigenständigen modernen choreographischen Sprache, widmet dieses Ballett letztlich seiner Kunst ganz allgemein. So betritt sein Titelheld vergleichsweise spät die Bühne. Das Stück beginnt mit einer gesichtslosen Tänzerfigur, gewissermaßen der noch ungestalteten tänzerischen Energie, die den Körper zu sprengen scheint; im Verein mit Terpsichore, der Muse des Tanzes, bricht sich diese Energie erste Bahnen in einen neuen Ausdruck – und zusammen mit der Biographie seines Helden, vor allem der Begegnung mit Ballettdirektor Diaghilew, gewinnt sie neue Ausdrucksform auf der internationalen Ballettbühne. Biographie und Symbolik gehen in dieser Arbeit Hand in Hand, das eine ergibt sich ständig aus dem anderen.

Es ist eine Choreographie des Suchens und Findens, der Entstehung neuer Kreativität. Dazu passt vorzüglich das von Goecke bevorzugte Schwarz des Bühnenraums. Wie aus einem Schattenreich tauchen seine Figuren immer wieder auf oder verschwinden darin: Tanz als Form werdende Bewegungsenergie. Auch dazu eignet sich Goeckes persönlicher Stil ausgezeichnet. Er misstraute ja von Anfang an als Choreograph jeder klassischen Bewegung, zerlegte sie in Einzelbestandteile, ließ seine Tänzer bis in die einzelnen Gliedmaßen hinein erzittern, vibrieren. Jetzt, mit „Nijinski“, hat er eine Synthese gefunden zwischen dem Goecke-Stil und dem inzwischen klassisch gewordenen modernen Tanz. Was sein Nijinski hier auf die Bühne bringt, ist die Geburt eines neuen ästhetischen Phänomens, von Rosario Guerra in jedem Detail furios verkörpert. Goecke fordert ihm Höchstleistung ab – tänzerisch, körperlich und psychisch -, und Guerra setzt sie mit traumwandlerischer Sicherheit um. Das gilt für alle Tänzer der Gauthier Dance Company: NIJINSKI_DavidRodriguez_ReginaBrocke2

David Rodriguez, Foto: Regina Brocke

So vollbringt David Rodriguez in der Rolle des Diaghilew das Meisterstück, Anekdotisches (der Impresario als Großbürger im schwarzen Habit mit Pelzkragen und Hut) und Künstlerisches (Inbegriff der Innovation des Tanzes schlechthin) zur Einheit zu bringen.

Vor allem aber fasziniert Goecke mit seinen schwerelos, traumhaft wirkenden Übergängen von biographischer Erzählung zu symbolischer Verdichtung. Wenn Nijinski an der Ballettstange übt, dann wird dieses Arbeitsinstrument aus den verschränkten Armen zweier Tänzer gebildet – Nijinski begegnet bereits beim Proben seinem eigenen Ich – so wie er im Tanz als Narziss selbstverloren seinem Spiegelbild nachhängt. Bei Goecke deutet sich hier bereits jene Bewusstseinsspaltung an, die wenige Jahre später im Leben dieses Tänzers zur Krankheit werden sollte. Vielleicht aber ist es auch der Ausfluss seiner sexuellen Unsicherheit: Auf der einen Seite das Verhältnis zu Diaghilew, auf der anderen die Ehe mit der Tänzerin Romola de Pulszky. Vielleicht aber ist die Krankheit auch die Auswirkung einer genialen Begabung auf dem Gebiet des Körperausdrucks. Goeckes Nijinski-Choreographie lotet die unterschiedlichsten Aspekte des Tanzes im engeren Sinn und der künstlerischen Kreativität im Allgemeinen aus. Er hat in den rund fünfzehn Jahren als Choreograph viele Preziosen für das Tanztheater kreiert, mit „Nijinski“ hat er ein in jeder Hinsicht großes Meisterwerk geschaffen.

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