Archiv für den Monat: November 2019

Transzendenz der Farbe: Thomas Deyle in der Galerie Schlichtenmaier

Man kann gelegentlich den Eindruck gewinnen, unsere optische Wahrnehmung sei reine Sinnestäuschung, doch dazu tragen wir ein Gutteil selbst bei. So sagen wir: Das Kleid ist blau und behaupten damit, die Farbe sei eine Eigenschaft des Stoffs. Doch in Wirklichkeit kommt der Eindruck „blau“ erst durch das Zusammenwirken von Augen und Gehirn zustande, und die Augen nehmen nur die vom Objekt reflektierte elektromagnetische Strahlung wahr, also das, was vom Objekt nicht aufgesogen wurde. Ohne Licht also gäbe es für uns keine Farben. Das sollte man im Kopf haben, wenn man vor den Bildern von Thomas Deyle steht.

Lichtdeuter No 21, 2019 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

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Die Bilder im Kopf: Daniel Deroubaix im Reutlinger Kunstmuseum

Als die Malerei noch als Handwerk galt, war es eine Ehre, bei einem großen Meister lernen zu dürfen und zu kopieren. Erst als dem Künstler Genialität zugesprochen wurde, das war Ende des 18. Jahrhunderts, galt es, aus sich selbst zu schöpfen. Dennoch sahen sich auch danach die Künstler fest eingebunden in die Tradition, und ein Picasso malte noch im Alter einige berühmte Gemälde in seinem Stil nach. Der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix bekennt sich dezidiert dazu, mit den Künstlern der Vergangenheit ständig „im Gespräch“ zu sein. So hat er jetzt die dritte Etappe eines Ausstellungsprojekts in Reutlingen im Untertitel Alte Meister genannt.

                                                Headbangers Ball, © 2018 ADAGP, Paris, 2019

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Butler fürs Leben: Kazuo Ishiguros Roman Was vom Tage übrig blieb

Ein gelungener Roman ist ein wahres Wunderwerk. Nur aus Wörtern ersteht eine fiktive Welt, die es ausschließlich nicht in diesem Roman gibt, sondern durch ihn, in der Fantasie des Lesers – eine Welt besiedelt von Figuren, die gleichfalls irreal sind und doch für den Leser eine Realität annehmen, die die der realen Menschen um ihn herum nicht selten übersteigt. Mit seinem bislang wohl besten Roman Was vom Tage übrig blieb gelang Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro das Kunststück, weit mehr als nur einen Roman zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen.

Was vom Tage uebrig blieb von Kazuo Ishiguro

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Spielerische Symbolwelten: Tom Sachs und seine USA

Es war eine Welle der Entgrenzungen, die Marcel Duchamp vor einem starken Jahrhundert auslöste, als er Gegenstände des Alltags zu Kunstobjekten erklärte. Von da an konnte alles als Material zu Kunstwerken dienen. Die Dadaisten schufen witzige bis skurrile Collagen aus Rechnungsbelegen und Streichholzschachteln. Daraus entwickelte sich eine regelrechte Kunstrichtung, die Bricolage, was soviel wie „Bastelei“ heißt, und einer der konsequentesten Vertreter ist der Amerikaner Tom Sachs, der seit den 90er Jahren in seinem Atelier Allied Cultural Prosthetics herstellt, Vereinigte Kulturprothesen. Das Schauwerk Sindelfingen zeigt einen Querschnitt durch sein fantasievolles Schaffen.

Nikon FM 2, 1974.

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