Archiv der Kategorie: Oper

Utopia ist erst morgen. Stephan Kimmig deutet Hans Werner Henzes Prinz von Homburg an der Oper Stuttgart

Der preußische König verbot die Aufführung des Dramas, die Romantiker priesen es als Inbegriff des Poetischen – Der Prinz von Homburg von Kleist schied die Geister. Die einen sahen im Titelhelden einen Mann, der die rigide Realität überwindet durch Träumerei und das Vertrauen auf das eigene Ich, Otto von Bismarck sah in ihm einen Schwächling. Für Hans Werner Henze war er wohl das Symbol eines Nonkonformismus, den er nach den Erfahrungen Nazideutschlands, des Weltkriegs und der autoritären Nachkriegsbundesrepublik für sich zum Lebensprinzip erklärte, allerdings nur außerhalb von Deutschland für sich realisieren konnte, in Italien, wie auch Ingeborg Bachmann. Gemeinsam machten sie aus Kleists Drama 1959 eine Oper, gedacht als Gegenmodell zu dem von ihnen abgelehnten Deutschland, das ihnen zu sehr den preußischen Idealen verpflichtet schien. Stephan Kimmig hat sie nun für die Oper Stuttgart inszeniert.

Ensemble. Foto: Wolf Silveri

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Den Mythos befragen: Leo Dicks Antigone-Tribunal

Es geht um die Frage: der Einzelne oder der Staat, Humanität oder Gesetz, Flexibilität oder Buchstabentreue: Als Sophokles im alten Athen seine Antigone auf die Bühne brachte, traf er mit solchen Fragen ins Herz der athenischen Demokratie, die noch bedroht war von Gegnern wie den mächtigen Persern oder den strengen Spartanern. Aber die Fragen haben bis heute Gültigkeit, weshalb gerade dieses Drama vielleicht vor all den anderen aus dieser Zeit bis heute an Aktualität nichts verloren hat, zumal die konträren Positionen jeweils einiges für sich haben. Der Philosoph Slavoj Žižek hat genau dies in seinem Stück Die drei Leben der Antigone aufgegriffen und sich der weit verbreiteten positiven Deutung der Antigone entgegengesetzt. Jetzt hat Leo Dick im Auftrag der Jungen Oper Stuttgart, die seit ihrem Umzug ins Probenzentrum Nord JOIN heißt (Junge Oper im Nord) daraus eine Oper komponiert.

Chor der Bürger*innen, David Kang (Kreon). Deborah Saffery (Haimon/Tiresias), Carinna Schmieger (Antigone). Foto: Martin Sigmund

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Viele Wege führen zur Oper: das JOIN der Oper Stuttgart

Sie sollte, so stellte es sich der damalige Stuttgarter Opernintendant Klaus Zehelein vor, der „ästhetischen Erziehung“ von Kindern dienen – die Junge Oper Stuttgart: mit Operninszenierungen, die der Vorstellungswelt der Kinder und Jugendlichen entsprachen, mit Märchenspielen und gesellschaftsrelevanten Themenaufbereitungen, stets komponiert und inszeniert für das heranwachsende Publikum und meist unter Beteiligung von Jugendlichen, die mal hinter den Kulissen mitarbeiteten – in der Maske, beim Bühnenaufbau -, mal als Chor auf der Bühne mitwirkten. Unter dem neuen Intendanten Viktor Schoner hat sie einen moderneren Namen bekommen, eine neue Spielstätte und sehr viel mehr Gewicht – das JOIN, die „Junge Oper im Nord“.

Foto: Matthias Baus

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Zwischen Kameras und Mikrofonen: Puccinis La Bohème an der Staatsoper Stuttgart

Selbst heute steht sie in der weltweiten Statistik an der Spitze der tödlichen Infektionskrankheiten: die Tuberkulose, oder wie man früher sagte: Schwindsucht. Im 19. Jahrhundert, als die Bevölkerungsdichte vor allem in den Städten zunahm und es noch keine Impfung dagegen gab, starb in England bisweilen jeder vierte daran, vor allem in armen Kreisen. Dass sie auch die High Society nicht verschonte, zeigte auf der Opernbühne Giuseppe Verdi mit der von der gehobenen Gesellschaft zwar geächteten, gleichwohl in luxuriösen Verhältnissen lebenden Kurtisane Violetta Valéry. Der Situation in den armen Schichten widmet sich Giacomo Puccinis Oper La Bohème – und führt schon vom Titel her in eine französische Künstlerszene, die sich vom Bürgertum absetzte und meist unter Armut litt. Andrea Moses hat für die Staatsoper Stuttgart das Werk aus seinem im 19. Jahrhundert verhafteten Milieu befreit.

Esther Dierkes (Mimi), David Junghoon Kim (Rodolfo). Foto: Martin Sigmund

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Rasante Farce mit Tiefgang: Rossinis Cenerentola an der Staatsoper Stuttgart

Rucke di guh, Blut ist im Schuh, dieser Satz kommt in Erinnerung, wenn es um das Märchen vom Aschenputtel geht, jenem Mädchen, das von der Stiefmutter als Dienerin gehalten wird, derweil sich die Stiefschwestern den heiratswilligen Prinzen angeln sollen. Er will seine Auserwählte – eben jenes Aschenputtel, das durch Zauberhilfe in prächtigstem Kleid auf den fürstlichen Ball gelangt – an einem ihrer Schuhe erkennen, und die Schwestern hacken sich eine Zeh ab, damit ihr Fuß in den Schuh passt. Dergleichen gibt es in der Oper, die Gioachino Rossini 1817 komponierte, nicht. Bei ihm geht es rationaler zu. Für die Staatsoper Stuttgart hat Andrea Moses inszeniert.

Enzo Capuano (Don Magnifico), Mitglieder des Staatsopernchors Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

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