Archiv der Kategorie: Oper

Vom Titel her gedacht: Offenbachs Hoffmanns Erzählungen an der Zürcher Oper

Mit Happy Ends hatte Jacques Offenbach seine Probleme. Bei ihm will Orpheus sich gar nicht in die Unterwelt begeben, um seine Eurydike zurückzuholen, und ein glückliches Ende ist dem Paar auch nicht beschieden. Auch Ritter Blaubart geht nicht gerade harmonisch aus, und in seiner einzigen Oper Hoffmanns Erzählungen scheint das Böse zu siegen, so zumindest lässt das lediglich skizzierte Finale vermuten, Offenbach starb vor Vollendung des Werks. Regisseur Andreas Homoki sieht das in seiner Inszenierung am Züricher Opernhaus anders.

Omer Kobiljak, Saimir Pirgu, Andrei Skliarenko, Yannick Debus, Statistenverein am Opernhaus Zürich. Foto: Monika Rittershaus

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Wie im Film: Rossinis Il Signor Bruschino an der Bayerischen Staatsoper

Dass ein Opernregisseur während der Ouvertüre einen Film abspulen lässt und darin nicht selten seine eigene Vorgeschichte der Handlung präsentiert, ist inzwischen fast schon gang und gäbe, und auch dass während der Oper Filme über eine Leinwand flimmern. Damit freilich begnügte sich Regisseur Marcus H. Rosenmüller nicht. In seiner Inszenierung von Rossinis Il Signor Bruschino an der Bayerischen Staatsoper, deren Premiere im Internet als Stream zu sehen war, prägt die Filmästhetik das ganze Bühnengeschehen.

Josh Lovell (Florville), Emily Pogorelc (Sofia), Orchester der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

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Die Tücken des Streamings: Die Premierenübertragung von Verdis La Traviata aus der Staatsoper Wien

Auch wenn die Opernhäuser noch geschlossen sein müssen, geht der Opern- und Ballettbetrieb weiter, reduziert zwar vor leeren Häusern, aber mit Liveaufführungen und Premieren, und konfrontiert den Zuschauer mit einer neuen Ästhetik. Natürlich ist der Klang im Opernhaus dem aus dem Lautsprecher des Heimkinos vorzuziehen, dafür aber ist der Betrachter durch die Kameraperspektiven dem mimischen und gestischen Geschehen sehr viel näher und er sieht Details, die vom festen Platz im Zuschauerraum weniger präsent sind. Bei der Traviata-Premiere an der Wiener Staatsoper freilich, die man per Streaming im Internet verfolgen konnte, war dieses Vergnügen eingeschränkt.

Pretty Yende © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

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Romantik in der Chefetage? Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Webers Freischütz an der Bayerischen Staatsoper

Sie ist vielleicht der Inbegriff der romantischen Oper: Carl Maria von Webers Freischütz, angesiedelt zwischen bürgerlicher Naivität der Jägerszene und archaischen Zaubermächten. Zugleich weist sie in ihrer grandiosen Verknüpfung aller musikalischen und szenischen Elemente voraus auf Wagners Gesamtkunstwerk und stellt Fragen nach Ratio und Übernatürlichem, verbindet Alltagshelligkeit mit Albtraumdunkel – für jeden Regisseur eine Herausforderung. An der Bayerischen Staatsoper hat Dmitri Tcherniakov nun auf jegliche Waldseligkeit und Jägerromantik verzichtet und die Handlung im Hier und Heute angesiedelt.

Pavel Černoch (Max), Golda Schultz (Agathe), Kyle Ketelsen (Kaspar), Ensemble und Chor der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

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Blick ins Innere: Jean-Pierre Ponnelles Inszenierung von Mozarts Le Nozze di Figaro an der Wiener Staatsoper

Es war kühn, dass Mozart sich 1776 entschloss, das Stück Der tolle Tag von Beaumarchais zu einer Oper zu machen, denn dessen Aufführung war in Wien verboten. Und auch heute ist es voller politischer Brisanz. Man kann es als Anklage gegen den Adel bzw. Obrigkeit allgemein verstehen, es ist auch für die Metoo-Debatte von Relevanz, schließlich will hier ein Graf seine Position ausnutzen, um ein Dienstmädchen zum Sex zu zwingen – idealer Stoff für ein Regietheater von heute. Als Jean-Pierre Ponnelle die Oper 1977 für die Wiener Staatsoper inszenierte, war Regietheater allerdings erst im Entstehen und von einer Metoo-Debatte keine Rede. Ponnelle setzte auf Psychologie – und kam damit Mozarts Musik durchaus entgegen. Jetzt steht die Inszenierung wieder auf dem Wiener Spielplan.

Louise Alder (Susanna), Andrè Schuen (Conte d’Almaviva) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

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Über allem wacht der „Kini“. Rossinis Cenerentola am Münchner Gärtnerplatztheater

In der Regel verhalten sich die Opernkomponisten sängerfreundlich und schreiben die schwierigen Arien in die erste Hälfte der Oper. So singt Radamès sein „Celeste Aida“ gleich zu Beginn von Verdis Ägyptenoper, die Felsenarie der Fiordiligi in Così fan tutte erklingt im 1. Akt, und auch Rossini lässt in seinem Barbier von Sevilla Rosina ihre Koloraturarie früh singen. Nicht so in La Cenerentola. Hier bildet die mit Koloraturen gespickte Hauptarie der Titelfigur den Schluss der Oper. Nach drei Opernstunden eine Herausforderung.

Gyula Rab (Don Ramiro), Alexander Grassauer (Alidoro), Anna-Katharina Tonauer (Angelina), Daniel Gutmann (Dandini), Herrenchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

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Liebesgeschichte als Lebensrettung: Paul Abrahams Viktoria und ihr Husar am Gärtnerplatztheater in München

Auf eine Reise um die halbe Welt nimmt Paul Abrahams Operette Viktoria und ihr Husar den Zuschauer mit, schließlich beginnt sie in einem Gefangenenlager in Sibirien, wo der Husarenrittmeister Koltay mit seinem Burschen Janczy auf die Hinrichtung wartet, und führt nach deren Flucht in die amerikanische Botschaft in Japan, dann in Petrograd und zum Happy End in die ungarische Puszta – eine Herausforderung für jeden Bühnenbildner, doch Regisseur Josef Köpplinger kommt mit einem einzigen Bühnenbild aus.

Ensemble © Christian POGO Zach

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Witz, Satire – und Gefühl: Franz Lehárs Operette Schön ist die Welt an der Bayerischen Staatsoper

Prinz Georg soll Prinzessin Elisabeth ehelichen, so haben es sein Vater, der König, und Elisabeths Tante, die Herzogin von Brankenhorst, entschieden Doch die beiden jungen Herrschaften wollen sich eine Ehe nicht vorschreiben lassen, schließlich befinden wir uns im Jahr 1930. Sie kommen inkognito im Alpenhotel an – und verlieben sich ineinander. Das ist vergleichsweise banal, und wenn die ganzen Situationen umständlich in Dialogen entwickelt werden, zieht es sich recht dröge dahin – ein Manko so mancher Operette. Es entbehrt aber auch nicht einer gewissen Ironie, denn schließlich finden die zueinander, die es nach dem Willen der Alten tun sollen und es selbst nicht wollten. Und so setzt Regisseur Tobias Ribitzki bei seiner Inszenierung für die Bayerische Staatsoper denn auch auf eben sie – die Ironie.

Ensemble Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

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Ein zerrütteter Geist: Peter Maxwell Davies‘ Eight Songs for a Mad King an der Bayerischen Staatsoper

Er war König von Großbritannien und Irland, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg und König von Hannover: Georg III. regierte so lange wie kein englischer König vor ihm, und doch endete seine Herrschaft vorzeitig und tragisch. Zunehmend machte sich eine Geisteskrankheit bemerkbar, 1811 übernahm sein Sohn die Regentschaft, Georg irrte dem Vernehmen nach in den Gängen von Schloss Windsor umher. Was er da vor sich hin redete, wurde zum Teil aufgezeichnet und bildet die Basis für ein Libretto von Randolph Stow, das Peter Maxwell Davies 1969 vertonte: Eight Songs for a Mad King. Im Sommer 2020 inszenierte Andreas Weirich das stark halbstündige Werk an der Bayerischen Staatsoper, die es jetzt als Stream zur Verfügung stellt.

                               Holger Falk, Statisterie der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

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Lauter Alter egos: Hans Neuenfels‘ Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail

Es ist ein Kreuz mit dieser Oper. Die Dialoge um den Edelmann Belmonte, der seine von Türken entführte geliebte Konstanze sucht – und behütet von seinem Diener Pedrillo findet – sind von rührender Naivität, und dann auch noch meist von Sängern vorgetragen, die zwar singen können, deren Sprechen aber an Laiendarsteller gemahnt. Nur wenn die Musik erklingt, ist der Opernfrieden gewahrt. So möchte man am liebsten die Dialoge auf ein Minimum zusammenstreichen – hätte dann aber das Singspiel verfehlt. So etwa mag es sich der Regisseur Hans Neuenfels gedacht haben – und besetzte 1998 an der Oper Stuttgart flugs doppelt: Den fünf Sängern gab er fünf Schauspieler an die Seite.

Matthias Klink, Alexander Bogner. Standbild aus der Videoproduktion

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