Archiv der Kategorie: Historisches

Vom Standesvertreter zum Individuum: Das Kind in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts

In der Renaissance vertreten sie ihren Stand. Kinder als Individuen kennt die bildende Kunst Jahrhunderte hindurch nicht. Erst die Niederländer entdecken das Kind als solches, zeigen ese auch beim Spielen, doch meist in der Gruppe, als Einzelbildnis bleibt es Rarität. Galten Kinder dem Adel als Symbol der Weiterführung des Geschlechts, so dem Bürgertum im 19. Jahrhundert als Zubehör zur Familie wie die Eltern und Großeltern. Erst das 20. Jahrhundert würdigt das Kind als eigenständiges Wesen, bis hin zur Schnappschusskultur unserer Tage, wie eine Ausstellung im Museum Biberach zeigt.

Johann Friedrich Dieterich, Baroness Marie von Maucler und Baron Emile von Maucler

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Auf den Baum gekommen? Schwäbische Weihnachtsbräuche

Er ist wohl das Weihnachtssymbol schlechthin – der Tannen-, Christ- oder auch Weihnachtsbaum. Theodor Storm hat ihm ein verherrlichendes Denkmal gesetzt. Allüberall auf den Tannenspitzen, so verkündet bei ihm Knecht Ruprecht, sah er goldene Lichtlein sitzen. Das ist der Weihnachtsbaum in all seiner Lichterpracht. Doch Storm konnte dieses Loblied auf den Baum nur singen, weil er in Husum saß, im protestantischen Norden. Im Süden hätte er ein anderes Bild finden müssen, wie eine Ausstellung mit Weihnachtsbräuchen im schwäbischen Raum im Wasserschloss Glatt zeigt.

Christbaum mit historischem Baumschmuck, Foto: HP Kammerer, Rottweil

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Zwischen theologischer Disputation und Realpolitik: Die Reformation in Württemberg

Ein Augustinermönch brachte mit 95 theologischen Thesen den Stein ins Rollen und schuf damit ein Schisma, das nur noch der Trennung der orthodoxen von der katholischen Kirche 1054 vergleichbar ist, wenn überhaupt, denn zu den Folgen von Luthers Streit mit dem Papst gehörte immerhin auch der 30jährige Krieg, dem im 17. Jahrhundert ein Drittel der deutschen Bevölkerung zum Opfer fiel, ohne Luther hätte die politische Geschichte in Deutschland anders ausgesehen, wäre die Entwicklung der deutschen Sprache anders verlaufen. Eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart macht plastisch deutlich, welche Dimensionen diese Tat eines Einzelnen hatte.

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Geheimnisvoll zur Vollendung: 300 Jahre Freimaurer

Das Misstrauen ist groß: Sie sollen an einer Weltverschwörung arbeiten, sie schotten sich rigoros gegen jegliche Öffentlichkeit ab, ihre Rituale sind geheimnisumwittert – die Freimaurer sind der wohl größte Geheimbund der Welt. Dabei sind ihre Ziele ehrenwert, geradezu hehr: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie die Französische Revolution propagiert hatte, werden noch ergänzt durch Toleranz und Humanität, Ziel der Vereinigungen ist die ethische Verbesserung des Einzelnen. Vor 300 Jahren wurde die erste Freimaurerloge gegründet, in England, die Geschichte der Freimaurer in Württemberg ist rund 250 Jahre alt. Eine Ausstellung im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart versucht, Legende und Realität voneinander zu trennen, und betont im Titel die ideelle Seite der Freimaurer: Gelebte Utopie.

Arbeitsteppich für Lehrlinge und Gesellen, um 1775

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Woher – Wohin? Ursprünge in der Geschichte der Menschheit

Die Frage nach dem Woher hat die Menschen seit jeher umgetrieben. Kaum eine Kultur, die sich nicht Ursprüngsmythen ausgedacht hat. Bei den Griechen war die Nacht Ausgangspunkt allen Seins, Nyx, ein schwarzer Vogel, aus dessen vom Wind befruchtetes Ei Eros entstiegen sein soll. Die Sumerer hatten einen Ursprungsgott Anu zur Begattung der Erde, die Bibel berichtet von Gott, der sich als erste Aufgabe gestellt haben soll, Himmel und Erde zu schaffen. Und auch die Wissenschaften befassen sich gern mit ersten Anfängen. Eine Ausstellung im Tübinger Schloss geht nun einigen solcher Ursprünge nach, denn eines ist gewiss: Den Ursprung gibt es nicht.

Museum der Universität Tübingen MUT/Valentin Marquardt

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Ein Schwabe verändert die Welt: Carl Laemmle und das Kino

Die amerikanische Traumweltindustrie erinnert gern an ihre großen Väter. Was 1918 vier aus Polen stammende Brüder begründeten, lebt heute noch mit ihrem Namen fort als Warner Brothers, MGM ist benannt nach ihrem Gründer Louis B. Mayer. Beiden Filmgesellschaften ging aber eine Gründung voraus, die mit Fug und Recht LFS heißen könnte, Laemmle Film Studios, benannt Carl Laemmle.Der hatte seine Filmfirma bereits 1912 ins Leben gerufen und Universal Studios genannt, und damit endete sein Einsatz für die Traumindustrie keineswegs. Das Haus der Geschichte in Stuttgart zeichnet zum 150. Geburtstag die Lebensgeschichte dieses gebürtigen Schwaben aus Laupheim nach, die selbst Stoff für einen Film sein könnte.

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Gold und Silber zu Ehren Gottes: Der Zwiefaltener Klosterschatz

Es war noch keine fünfzig Jahre alt, da beschrieben es Zeitgenossen bereits als schimmernden Tempel „mit goldenen Kronen, mit goldenen, silbernen, kristallenen und elfenbeinernen Gefäßen, mit Edelsteinen und seidenen Wandbehängen“. Was nach einem morgenländischen Palast aus 1001 Nacht klingt, befand sich freilich auf der Schwäbischen Alb und war kein heidnisches Schloss, sondern ein katholisches Kloster: Zwiefalten. Noch heute zieht es Tausende von Besuchern an, obwohl es längst nur noch Relikt ist: Das Kloster wurde 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst, seine Schätze nach Stuttgart verbracht, wo sie zum Teil eingeschmolzen wurden. Was der Zerstörungsarbeit durch die Protestanten entging, befindet sich heute im Besitz der Kirchengemeinde Zwiefalten, ist, von einzelnen Gegenständen, die im Kirchenalltag Verwendung finden, dem Auge der Öffentlichkeit entzogen. Eine Ausstellung im Diözesanmuseum Rottenburg zeigt, wie kostbar die Schätze sind, vor allem aber, was sie über das Kloster aussagen.

Staurothek, wohl Jerusalem, um 1100 © Zwiefalten, Katholische Kirchengemeinde. Foto Joachim Feist

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Wandverkleidung als Kulturträger. Die altrömischen Campana-Reliefs im Schloss Hohentübingen

Archäologie ist häufig „Stückwerk“. Nicht immer hat der Forscher das Glück, ganze Statuen zur Verfügung zu haben, erst recht nicht Objekte in dem Lebenszusammenhang, in dem sie den Griechen oder Römern vertraut und geläufig waren und der zur möglichst detaillierten und anschaulichen Rekonstruktion der Lebensgewohnheiten nötig wäre. Das gilt auch für die so genannten Campana-Reliefs, so benannt, weil ein gewisser Giampietro Campana ihnen als einer der ersten seine Sammelleidenschaft und sein wissenschaftliches Interesse gewidmet hat. Sie finden sich in renommierten Häusern wie dem British Museum und dem Louvre – und im Archäologischen Institut der Universität Tübingen. Lange Zeit als irrelevant abgetan, gerieten sie erst vor einem halben Jahrhundert in den Fokus der Wissenschaft – und derzeit in eine Ausstellung im Tübinger Schloss.

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Herakles kämpft gegen die Hydra von Lerna. Foto: Thomas Zachmann

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Zwischen Traum und Wirklichkeit: Max Pechsteins Bild von der Südsee

Gauguin hatte es allen vorgemacht. Des Lebens in Paris überdrüssig, suchte er in der Südsee sein Paradies, hielt sich mehrfach auf Tahiti auf. Diesem Beispiel folgten dreißig Jahre danach Künstler, die sich unter dem Namen „Die Brücke“ zu einer neuen Kunst zusammengefunden hatten – Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Max Pechstein. Sie alle brachten wie Gauguin von ihrer Reise einen neuen Malstil mit, vereinfacht in den Formen, sie alle hatten mit den in der Südsee oder danach entstandenen Gemälden Erfolg, wie auch Gauguin, und noch heute wird Pechsteins Reise gern als Fahrt ins Paradies präsentiert, so geschehen vor zwanzig Jahren im Spendhaus in Reutlingen. „Das ferne Paradies“ hieß die Schau damals in Zusammenarbeit mit dem Museum in Zwickau. Das scheint sich zu wiederholen: „Der Traum vom Paradies“ heißt die neue Präsentation, wieder in Koproduktion mit Zwickau, jedoch ergänzt durch den Untertitel: „Max und Lotte Pechstein in der Südsee“, und das ist ein entscheidender Unterschied.

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Provinziell und weltläufig: Die Schwaben

Sie meinen, gegen ein Untier kämpfen zu müssen, die sprichwörtlich gewordenen sieben Schwaben, weshalb jeder den Platz an der Speerspitze meidet, doch das Untier entpuppt sich als harmloser Hase. Sie werden gerne belächelt, gelten als mundfaul geizig und ein wenig wunderlich, können nach eigenem Bekunden angeblich alles außer hochdeutsch und beweisen damit mehr Selbstironie als die gerne großtuerisch auftretenden Bayern; Selbstironie aber ist eine feine Form der Weisheit. Das Schwabenbild ist voller Klischees und Widersprüche, und das greift die große Landesausstellung im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart auf: Sie heißt „Die Schwaben“, und versucht, sie zwischen den Polen Mythos und Marke zu definieren.

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Die Sieben Schwaben“ Anton Sohn Zizenhausen, 1830/31 Terrakotta, bemalt,Landesmuseum Württemberg, Stuttgart © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart; Foto: Hendrik Zwietasch

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