Mit der Linie in den Raum: Der Bildhauer Robert Schad

Es gibt zahlreiche Bildhauer, die auch zeichnen, doch in der Regel stehen sich Zeichnung und Skulptur diametral entgegen. Die Zeichnung lebt von der Linie, dem dünnsten, vielleicht auch fragilsten, intimsten Ausdrucksmedium überhaupt, kommt ihr Gedanke doch über die Hand unmittelbar aus dem Kopf. Die Plastik ist ein Gebilde im dreidimensionalen Raum und wird meist aus Materialien geschaffen, die dem menschlichen Körper fremd sind: Stein, Metall. Daher empfinden sich Bildhauer, die auch zeichnen, doch vom Wesen her als plastische Künstler. Bei dem 1953 in Ravensburg geborenen Robert Schad fällt eine solche Unterscheidung schwer, wie eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg zeigt.

Robert Schad, Atelier Larians, 2017. Foto: Robin Billecard

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„Fast wia im richtigen Leben“: Ralf Ziervogels Körperkunst in der Kunsthalle Göppingen

Er lässt sich nicht gerne festlegen. Schon vom Spektrum der eingesetzten Medien her ist Ralf Ziervogel ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. So hat er Videofilme produziert, auf denen er sich alltäglichen Aktivitäten wie dem Zähneputzen widmet, so lange, wie der Zahnarzt es empfiehlt. Er hat Installationen gestaltet, in Berlin plant er einen riesigen Kubus für das Tempelhofer Feld. Bekannt wurde er mit filigranen Zeichnungen, die auf den ersten Blicke wie reine Ornamente wirken, sich bei näherem Hinsehen aber als Zeichnungen von kleinen Figuren bei zum Teil grausamen Aktionen entpuppen. Seit einigen Jahren greift er nicht zum Stift, wenn er zeichnen will, er zeichnet auch keine Körper, er zeichnet mit seinem Körper.

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Raum oder/und Bild: Erweiterte Malerei im Kunstmuseum Stuttgart

Viel Revolutionäres hat sich im 20. Jahrhundert in der Welt der Kunst ereignet – die Abstraktion hat die Realitätswiedergabe abgelöst, das Material wurde in seinem Eigenwert erkannt, vor allem aber ist das traditionelle Bild in die Krise geraten. Schon Malewitsch hatte möglicherweise mit seinem „Schwarzen Quadrat“ das letztmögliche Bild gemalt, zur selben Zeit trat Marcel Duchamp aus der Welt des Bildes heraus in die des Alltags und der Objekte. Lucio Fontana verletzte die Bildfläche, indem er sie aufschlitzte, machte so den Raum hinter dem Bild ebenso sichtbar und relevant wie das Bild selbst. „Ausstieg aus dem Bild“ nannte das der ungarische Kunstphilosoph Laszlo Glozer, „erweiterte Malerei“ stellte nun das Kunstmuseum Stuttgart zur Aufgabe für den diesjährigen Sparda-Kunstpreis Kubus.

Corinne Wasmuht Calafate. Foto: Gunter Lepkowski © Corinne Wasmuht

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Passion Schwarz – Pierre Soulages und Kollegen

Es gibt Künstler, die über eine persönliche Handschrift verfügen, an der man sie sofort erkennt. Bei van Gogh dürfte es die heftig aufgespachtelte Farbe sein, bei Picasso das Gesichtsporträt aus mehreren Perspektiven zugleich. Bei manchen Künstlern ist diese persönliche Handschrift an einer Vorliebe abzulesen, etwa für eine Farbe. Bei Yves Klein war es das ganz besondere Blau, bei Rupprecht Geiger das Rot, bei dem 1919 geborenen Pierre Soulages ist es das Schwarz. Es sei für ihn, so bekannte er einmal, eine Leidenschaft, geradezu ein Exzess. Seit seinen Anfängen widmete er sich dieser Farbe, die ja eigentlich eine Unfarbe ist und sich dem Phänomen verdankt, dass sie (nahezu) kein Licht zurücksendet. Dennoch kann man sich ihrer Faszination nicht entziehen. Das Museum Art.Plus in Donaueschingen geht dieser Leidenschaft des französischen Künstlers nach und zeigt auf, dass auch andere Künstler der Versuchung, die von Schwarz ausgeht, erlegen sind.

Pierre Soulages. Peinture 9 avril 2009 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Kapitale Kunstwerke? Das neue Gesicht der Kunsthalle Tübingen

Die Kunsthalle Tübingen ist ein Begriff – dank publikumsträchtiger Ausstellungen mit Klassikern der Moderne wie Cézanne, Degas oder Toulouse-Lautrec und Künstlern der Moderne wie Polke, Kiefer oder Karin Kneffel. Doch seit einigen Jahren ist das Haus wegen Umbaus geschlossen – und es ist die Frage, ob der langjährige Direktor der Kunsthalle und nachmalige Stiftungsvorsitzende Götz Adriani nicht den Ruhm des von ihm und danach Martin Helmold und Daniel J. Schreiber geleiteten Instituts überschätzt hat, denn eine jahrelange Pause, unterbrochen von einer Ausstellung, die mit dem Signum Tübinger Kunsthalle nichts zu tun hatte, ist gefährlich. Vielleicht hätte Adriani eine Übergangsausstellungslösung finden sollen. Jetzt muss die Kunsthalle nach der Renovierung wieder neu erfunden werden – und der neue künstlerische Vorstand Holger Kube Ventura versucht das mit einer drastischen Neuorientierung: Gesellschaftsrelevanz ist angesagt statt Ästhetik: Kapitalströmung.

Holger Wüst. Venedig Refugee / Non Citizen Protest Camp – gegen Grenzen,Nationen und ‘die ganze ökonomische Scheiße’ (Detail), 2014

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Vom Er zum Ich. Martin Walsers Roman Ehen in Philippsburg auf dem Weg ins Schauspiel Stuttgart

Es kommt gar nicht so selten vor, da merkt man einer Inszenierung an, wie schwer sich der Regisseur mit seiner Aufgabe getan hat. Das gilt vor allem, wenn, was seit Jahren geradezu epidemieartig an deutschen Theatern geschieht, Romane auf die Bühne kommen. Je weiter sich eine solche Dramatisierung vom Original entfernt, umso erfolgreicher ist dieses Unterfangen häufig, denn dann dient der Roman vor allem als Lieferant von Handlungsmaterial für eigenständige Theaterszenen. Doch je näher eine Dramatisierung dem Roman bleibt, umso mehr leidet sie daran, dass, was Theaterleute offenbar nicht realisieren, ein Roman ein Erzählkunstwerk ist, in dem sich Szenerie und Handlung verbal vermittelt vor dem geistigen Auge des Lesers realisieren, das Theater aber ein Schau-Spiel ist. Zum 90. Geburtstag von Martin Walser hat das Schauspiel Stuttgart dessen Erstlingsroman Ehen in Philippsburg dramatisieren lassen, und dem Anlass entsprechend hielt man sich ganz an die Vorlage.

Abak Safaei-Rad (Frau Färber/ Alice DuMont), Felix Klare (Dr. Alf Benrath), Verena Wilhelm (Birga Benrath), Manja Kuhl (Bertha Volkmann/ Ilse Alwin), Svenja Liesau (Cécile)
Foto: JU

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Inspiration aus Fernost: Japan und die französische Kunst der Moderne in der Staatsgalerie Stuttgart

Es war ein Geben und Nehmen: Die japanischen Künstler stürzten sich voller Neugier auf die Kunst in Europa, vor allem aber die europäischen Künstler ließen sich von der japanischen Kunst inspirieren. Über zweihundert Jahre lang hatte sich Japan von der Außenwelt abgeschottet, 1853 schließlich erzwangen die Amerikaner die Öffnung und veränderten indirekt die Kunst in good old Europe. Denn in großer Zahl gelangten japanische Holzschnitte nach England und Frankreich, erst als Verpackungsmaterial für Tee, alsbald aber auch als eigenwertiger Handelsartikel: Sie wurden der letzte Schrei. Ein regelrechter Kunsthandel entwickelte sich – und hinterließ seine Spuren in der europäischen Kunst, insbesondere der französischen, wie jetzt eine Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart vorführt.

Utagawa Kunisada. Ohana, die Frau von Yogosaku, um 1850. Staatsgalerie Stuttgart

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Die Psychologie des Affekts: Jossi Wieler und Sergio Morabito deuten Händels Ariodante

Für Johann Christoph Gottsched, einen der führenden Literaturtheoretiker des 18. Jahrhunderts war sie „das unnatürlichste und ungereimteste Werk, das der menschliche Verstand jemals erfunden hat“: die Oper – und wenn es eine Epoche gibt, die wie ein Beleg für dieses Verdikt betrachtet werden kann, dann ist es das Barock. Hier entführt die Oper den Besucher in Märchenwelten, hier treten Zauberinnen auf, hier wird Rache geübt, leidenschaftlich geliebt und ebenso leidenschaftlich gehasst, alles auf höchster Kochstufe. Die Handlung dient weitgehend dazu, Figuren in Extremsituationen zu versetzen, Figuren dienen dem Zweck, glühende Affekte vorzuführen. Psychologie ist hier Nebensache, stringente Handlung auch. Das alles haben sich offenbar Jossi Wieler und Sergio Morabito vor Augen gehalten, als sie sich daran machten, Händels „Ariodante“ für die Oper Stuttgart zu inszenieren – auf faszinierende und zugleich verstörende Weise, beides extrem, versteht sich.

Foto: Christoph Katscheuer

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Synthese von Tradition und Moderne: Lyonel Feininger in der Galerie Stihl in Waiblingen

Die einzige Konstante in seinem Leben scheint New York gewesen zu sein: Hier wurde er 1871 als Sohn eines Musikerehepaars geboren, und hier starb er 1956: Lyonel Feininger. Dazwischen war es ein Leben voller unerwarteter Wendungen: Er wollte Geiger werden, wandte sich aber der bildenden Kunst zu, er heiratete eine Schülerin des Pianisten Arthur Schnabel, verließ seine Familie aber wegen Julia Berg, einer Künstlerin, er stellte zusammen mit den Expressionisten der Brücke und des Blauen Reiters aus und pflegte doch einen hochgradig unexpressionistischen Stil. Entscheidend war seine Begegnung mit dem Kubismus, doch ein Kubist im strengen Sinne wurde er dennoch nicht. Bekannt ist er vor allem als Maler, doch am Bauhaus leitete er die Druckwerkstätten, und so ist es nur folgerichtig, wenn die Galerie Stihl in Waiblingen nun den Graphiker Feininger ins Zentrum rückt.

Das Tor, 1920. Museum Kunstpalast, Düsseldorf © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Horst Kolberg

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Zwischen Hoffen und Scheitern. Armin Petras inszeniert Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht

Bei Mozart heißt er Cherubino und ist in Wirklichkeit eine Sie, bei Strauss nennt die Marschallin ihren Octavian „Kindchen“ und tollt mit einer Mezzosopranistin im Bett: Hosenrollen nennt man derlei, es hat Tradition, und niemand denkt sich dabei etwas. Ganz anders ist es auf der Sprechbühne, und erst recht, wenn nicht Frauen die Hosen anhaben, sondern Männer in Frauenkleider schlüpfen. Zwar hatten berühmte Schauspieler damit Erfolg wie Dustin Hoffman als Tootsie und Peter Alexander als Charleys Tante, doch da ist der Rollentausch immerhin handlungsbedingt und auf Zeit; nicht so derzeit am Schauspiel Stuttgart in Eugene O’Neills Theaterstück Eines langen Tages Reise in die Nacht.

Foto: Thomas Aurin

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