Von der Straße ins Museum: Die Plakatkultur im Paris des Fin de Siècle

Als Josef von Sternberg 1930 Heinrich Manns Roman Professor Unrat verfilmte, ließ er sich von den Plakaten inspirieren, die Ende des 19. Jahrhunderts in Paris zu künstlerischer Blüte gelangten. Marlene Dietrich legt da, wenn sie sich singend als fesche Lola vorstellt, auf einem Kneipenfass sitzend lasziv die Beine übereinander – genauso wie es Jane Avril, die berühmte Tänzerin in Paris, auf einem Plakat tut, das Toulouse-Lautrec für sie 1893 geschaffen hatte. Und der Filmregisseur hatte seine Anregung an der richtigen Stelle gefunden, denn in jenen Jahren entfaltete die bis dahin rein pragmatischen Zwecken dienende Plakatkunst einen künstlerischen Reichtum sondergleichen, und das nicht nur mit dem berühmtesten dieser Künstler, Toulouse-Lautrec. Die Galerie Stihl in Waiblingen zeigt nun die ganze Bandbreite dieses Kulturrauschs: La Bohème. Toulouse-Lautrec und die Meister von Montmartre.

Henri de Toulouse-Lautrec. Ambassadeurs: Aristide Bruant, 1892© Foto: Musée d’Ixelles-Bruxelles, Courtesy Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2018

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Vom Nesenbach an die Ilm: Was Adolf Hölzel mit dem Bauhaus zu tun hat

Die klare Linie, der praktische Umgang mit industriell gefertigten Materialien, das nützliche und zugleich ästhetische Design und vor allem die Architektur – wenn der Name Bauhaus fällt, drängen sich meist unvermittelt diese Vorstellungen auf. Schon die Tatsache, dass der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, eng mit Henry van de Velde zusammenarbeitete, dem die Verschönerung der Lebenswelt in allen Bereichen am Herzen lag, zeigt, dass hier Kunst nicht als ästhetische Instanz erneuert werden sollte, sondern als Instanz des Lebens. So ist das Bauhaus nicht zuletzt dank der so unterschiedlichen Künstler, die als Lehrer wirkten, ein Quell der Vielfalt. Eine Ausstellung der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart regt an, das enge Bauhausbild zu revidieren, auch wenn sie den Blick nicht nach Weimar richtet, sondern nach Stuttgart: Von Hölzel zum Bauhaus.

                                                        Johannes Itten. Form auf Gelb, 1961

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Kunst entsteht im Kopf: Marcel Duchamp in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein „Markenzeichen“ eines Künstlers liefert eine Handhabe, mittels derer man sich einem komplexen Werk nähern kann. Doch ein Markenzeichen ist zugleich eine Reduktion, denn es simplifiziert, bringt auf einen Nenner, was vom Wesen doch vielschichtig sein sollte. So erging es einem der radikalsten Neuerer in der Kunst des 20. Jahrhunderts: 1913 montierte Marcel Duchamp ein handelsübliches Fahrrad-Vorderrad auf einen Hocker und erklärte es zum Kunstwerk. Es war das erste Readymade der Kunstgeschichte. Noch größere Popularität erlaubte sein Urinal. Doch Duchamp revolutionierte nicht nur den Kunstbegriff, sondern das Wesen von Kunst insgesamt, wie jetzt eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart zeigt.

Eingang zur Ausstellung

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Vom Reden und vom Leben. Nis-Momme Stockmanns neues Theaterstück: Das Imperium des Schönen

Ein Sprachkunstwerk ist eine Herausforderung für die Fantasie. In der erzählenden Literatur muss sich der Leser mit seiner Vorstellungskraft ausmalen, wie die Figuren aussehen, sich bewegen, dafür kann ihm das Innenleben der Figuren unmittelbar nahegebracht werden. In der dramatischen Literatur ist Aussehen und Aktion optisch vorgegeben, dafür muss der Besucher das Innenleben anhand der Worte und Aktionen deuten. Genau darauf setzte Tina Lanik in ihrer Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns neuem Theaterstück Das Universum des Schönen und kam dem Wesen dieses Stücks damit vielleicht besonders nahe, das der Autor als Hommage an das Konversationsstück bezeichnet hat.

Daniel Fleischmann, Marco Massafra, Katharina Hauter, Marielle Layher, Martin Bruchmann, Nina Siewert. Foto: Björn Klein

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Wiederentdeckt: Zwischen Realität und Fiktion: Colm Tóibíns Roman über Henry James

Er hatte mit seiner Mozart-Biographie einen Klassiker der Mozartliteratur geschrieben, der in über zwei Dutzend Sprachen übersetzt wurde, und doch behauptete Wolfgang Hildesheimer danach kategorisch, eine perfekte Biographie könne man über einen Menschen, der tatsächlich gelebt habe, nicht schreiben. Und so schrieb er nach dem „biographischen Essay“ über das musikalische Wunderkind eine „Biographie“, in der alle Figuren rund um den Protagonisten gelebt haben, nur der „Titelheld“ nicht: Marbot. Dies kommt einem in den Sinn, wenn man das Buch des Iren Colm Tóibín zur Hand nimmt, in dem er den großen Romancier Henry James porträtiert, nicht in einer Biographie, sondern in einem 2005 erschienenen Roman.

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Beklemmende Welt im Biedermeiergewand. Karen Duves Roman über die junge Annette von Droste-Hülshoff

Ihr genügten Kleinigkeiten – Blätter, Farben, Töne, und Annette von Droste Hülshoff entdeckte in ihnen Geheimnisse. In der Natur und der Landschaft, zumal der ihrer westfälischen Heimat, suchte sie nicht ihr eigenes Ich, vielmehr spürte sie dem Eigenleben der Welt nach und entdeckte immer wieder tiefere Zusammenhänge. Im Alltag war die stets kränkelnde Annette nicht so feinfühlig. So weigerte sie sich, ihrem Onkel Werner von Haxthausen ihren ersten Gedichtband zuzusenden, denn er würde ja doch alles nur niedermachen, „dass es kein Schwein fressen sollte“, und den Schreibstil eines Kunsthistorikers verglich sie mit den „sieben mageren Kühen des Pharaos“. Lag es daran, dass sie nie geheiratet hat, weil sie die Männer abschreckte, oder steckt hinter dieser Ehelosigkeit ein tieferes Geheimnis? Das deutet Karen Duve in ihrem neuen Roman an.

Karen Duve. Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. Galiani Verlag Berlin. 592 Seiten

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Meister der Schattierung: Der Radierer Felix Hollenberg

Ausgerechnet einer der größten Maler der Kunstgeschichte ebnete der Radierung den Weg in die Hochkunst, denn jahrhundertelang galt sie lediglich als Reproduziertechnik großer Gemälde, mithin also als Kunst eher zweiter Klasse. Rembrandt experimentierte und brachte in die eigentlich auf reine Strichgrafik beschränkte Technik geradezu malerische Qualitäten ein. Dennoch war es noch bis ins 20. Jahrhundert ungewöhnlich, dass sich ein Künstler ganz dieser Technik verschrieb. Felix Hollenberg, Jahrgang 1868, tat es und ging so hochverdient in die Kunstgeschichte ein. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Albstadt ehrt ihn mit einer großen Retrospektive – mit gutem Grund, verfügt es doch über den größten Hollenbergbestand überhaupt.

Heide mit Birken, 1890, Ätzradierung. Kunstmuseum Albstadt, Felix Hollenberg-Archiv Foto: Lengerer,Albstadt

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Es werde Licht: Lichte Momente im Stadthaus Ulm

Es ist das in unserem Sprachraum am positivsten besetzte Phänomen. Wann immer das Wort Licht auftaucht, blitzen Konnotationen von Helligkeit auf, damit verbunden Erhellung, Aufklärung, Wissen. Finster ist das Böse, die Unvernunft. Physikalisch ist das schwer erklärbar, denn Licht hat mit strahlender Helle nichts zu tun, Licht ist reine Energie, als solche nicht sichtbar. In einer Ausstellung im Stadthaus Ulm kann man diesem Widerspruch nachspüren, sie zeigt Lichte Momente.

Julius von Bismarck, Talking to Thunder (Palm tree), 2017

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Im Kopf des Dichters: Thomas Mann in Amerika

Im Rückblick, wieder in der Schweiz, mag es Thomas Mann wie eine ironische Fügung vorgekommen sein. Vierzehn Jahre dauerte sein Exil in den USA, und es zerfiel in zweimal sieben Jahre – sieben glückliche, in denen er als Repräsentant deutscher Literatur und europäischer Kultur galt, und sieben, in denen ihm im Zuge der Kommunistenverfolgung eines McCarthy der Wind entgegen blies. Für einen Schriftsteller, dem Ironie und Symbolik zum Wesensausdruck geworden waren, eine interessante Konstellation. Ihr widmete das Deutsche Literaturarchiv Marbach eine große Ausstellung, die mehr ist als eine bloße literarhistorische Informationsschau.

Blick in die Ausstellung (Foto: Chris Korner, DLA Marbach)

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Zwischen Kameras und Mikrofonen: Puccinis La Bohème an der Staatsoper Stuttgart

Selbst heute steht sie in der weltweiten Statistik an der Spitze der tödlichen Infektionskrankheiten: die Tuberkulose, oder wie man früher sagte: Schwindsucht. Im 19. Jahrhundert, als die Bevölkerungsdichte vor allem in den Städten zunahm und es noch keine Impfung dagegen gab, starb in England bisweilen jeder vierte daran, vor allem in armen Kreisen. Dass sie auch die High Society nicht verschonte, zeigte auf der Opernbühne Giuseppe Verdi mit der von der gehobenen Gesellschaft zwar geächteten, gleichwohl in luxuriösen Verhältnissen lebenden Kurtisane Violetta Valéry. Der Situation in den armen Schichten widmet sich Giacomo Puccinis Oper La Bohème – und führt schon vom Titel her in eine französische Künstlerszene, die sich vom Bürgertum absetzte und meist unter Armut litt. Andrea Moses hat für die Staatsoper Stuttgart das Werk aus seinem im 19. Jahrhundert verhafteten Milieu befreit.

Esther Dierkes (Mimi), David Junghoon Kim (Rodolfo). Foto: Martin Sigmund

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