Wagner ursprünglich und wörtlich genommen: Der Fliegende Holländer am Nationalthater Mannheim

Dass der Holländer die zentrale Figur dieser Oper ist, macht schon seine Präsenz deutlich: Kaum ist der Steuermann auf dem Schiff des seefahrenden Kaufmanns Daland eingenickt, tritt die Titelfigur zu ihrem großen Monolog auf und beherrscht dann für den Rest des 1. Aktes die Bühne. Senta, die in der von Wagner 1860 neu geschaffenen Fassung zur zentralen Figur wird, die den Holländer von seinem Fluch, ewig zur See fahren zu müssen, erlöst, tritt dagegen erst auf, wenn die Oper fast zur Hälfte vorüber ist. Nicht so in Roger Vontobels Inszenierung am Nationaltheater Mannheim.

Delphina Parenti (Traum-Senta),Michael Bronczkowski (Traum-Holländer) und Daniela Köhler (Senta) © Christian Kleiner

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Von den Nachwehen der Zeit: Vier neue Stücke der Jungen Choreographen am Stuttgarter Ballett

Bei vielen Großen des modernen Balletts liegen die Anfänge in Stuttgart – bei Jiří Kylián, John Neumeier oder Marco Goecke. Das ist freilich kein Zufall, denn in Stuttgart gibt die Noverre-Gesellschaft, die 1958 gegründet wurde, seit 1961 Tänzern Gelegenheit, selbst Choreographien zu kreieren und aufführen zu lassen. Inzwischen wird das unter dem Dach des Stuttgarter Balletts weitergeführt als Noverre:Junge Choreographen. In diesem Jahr waren es fünf, die zum Teil schon zum zweiten Mal von der Seite der Tänzer auf die der Choreographen wechselten.

Satchel Tanner, Jolie Rose Lombardo, Lassi Hirvonen, Julliane Franzoi, Danil Zinovyev © Stuttgarter Ballett

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Happy End einer Dystopie: Axel Ranisch inszeniert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart

1973 kam ein Film in die amerikanischen Kinos, der radikal vor einer drohenden Umweltzerstörung warnte. Er zeichnete ein hoffnungslos überbevölkertes New York in einer Welt, in der die Natur keine Nahrung mehr spendet und in der die Menschen mit farbigen Talern der Firma Soylent (abgeleitet von Soya und lent = Linse) abgespeist werden. Besonders begehrt, aber teuer das angeblich aus Plankton hergestellte grüne Soylent, das, so entdeckt ein alter Bürger, der noch echtes Gemüse kennengelernt hat, aus Menschenleichen hergestellt wird. Ob dieser Erkenntnis verschreibt er sich einer „Tötungsanstalt“, die ihm einen sanften Tod bei Naturbildern und Beethovens Pastoralsymphonie ermöglicht – ein Film, der Axel Ranisch 2022 bei seiner Stuttgarter Inszenierung von Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel inspiriert haben könnte, ein Film, der in die deutschen Kinos unter dem Titel …Jahr 2022…die überleben wollen kam.


Ida Ränzlöv (Hänsel), Catriona Smith (Mutter)Foto: Matthias Baus

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Vom Abbild zum autonomen Kunstwerk: Die menschliche Figur im 20. Jahrhundert im Kunstmuseum Albstadt

In einem Jahrhundert, in dem ein Kasimir Malewitsch ein schwarzes Quadrat zur Kunstikone machte, in dem die konkrete Kunst propagierte, es gebe nur die Linie, die Fläche und die Farbe, und die seien nur das, was sie sind, nicht Mittel zum Zweck einer Darstellung, dürfte die menschliche Figur, die neben der Landschaft und dem Stillleben jahrhundertelang die bildende Kunst geprägt hatte, keinen Platz mehr haben. Doch weit gefehlt, wie eine Ausstellung im Kunstmuseum Albstadt zeigt. Die Figur behauptete sich, wenn auch unter neuen Voraussetzungen.

Max Ackermann, Drei Akte in Landschaft, 1906 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto Kunstmuseum Albstadt

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Zwischen Augenblick und Ewigkeit – die Zeit im Kunstmuseum Reutlingen / konkret

Einszweidrei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit“ befand Wilhelm Busch pessimistisch. Ein ähnliches Gefühl mag man bei Goethes Faust vermuten, wenn er dem Augenblick ein „Verweile doch“ zurufen möchte. Die Zeit, die wir als flüchtige Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft erleben, war immer wieder Thema der bildenden Kunst, sei es als Stillleben, das die Franzosen treffend „nature morte – tote Natur“ nennen, sei es als flüchtiger Sinneseindruck, den die Impressionisten festzuhalten versuchten. Das Kunstmuseum Reutlingen / konkret zeigt, was Künstler von heute mit diesem Phänomen anfangen: Vom Verrinnen. Zeitkonzepte der Gegenwartskunst.

Inge Dick, blau, unendlich, 28.6.2010, 4:05–20:06 Uhr (2018) Foto: H.Simschek © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

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Neue Dimensionen für eine alte Kunst: Der Holzschneider Frans Masereel im Kunstmuseum Reutlingen

Hatten Künstler wie Dürer oder Cranach dem Holzschnitt zu künstlerischer Blüte verholfen, diente er im Bauernkrieg vor allem als politisches Informations- und Agitationsmedium. Danach geriet er eher ins Hintertreffen, bis die Expressionisten seine Schwarz-Weiß-Kontraste und seine formale Konzentration auf das Essenzielle entdeckten. Der Belgier Frans Masereel griff beide Traditionen auf und wurde zum Erneuerer dieser Kunst – ein viel zu geringes Lob, wie jetzt eine große Retrospektive im Kunstmuseum Reutlingen zeigt.

Idées noires (Dunkle Gedanken), 1929 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

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Auftakt zur Revolution. Mozarts Le Nozze di Figaro an der Staatsoper Hannover

Es war schon kühn von Mozart, den Schriftsteller Lorenzo Da Ponte damit zu beauftragen, ausgerechnet die Komödie Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro von Beaumarchais zu einem Opernlibretto umzuarbeiten, denn in Frankreich war dieses Stück verboten, prangerte es doch die Selbstherrlichkeit des Adels an, und in Wien verbot der Kaiser die deutschsprachige Version auf der Bühne, wenn auch nicht im Druck. Aber Mozart erhielt die Genehmigung zu dieser Oper, und bei der Uraufführung war der Kaiser höchstselbst anwesend. Ob er das auch getan hätte, wenn er die neue Inszenierung an der Staatsoper Hannover gekannt hätte, ist fraglich.

Sarah Brady © Sandra Then

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West-östliche Synthese. Japonismus heute in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

1854 erzwangen die Amerikaner die Öffnung Japans, das sich dem Ausland jahrhundertelang verweigert hatte. So gelangten westliche Waren nach Japan, für die europäische Kunst viel wichtiger aber war, dass japanische Holzschnitte in den Westen gelangten und eine Begeisterungswelle auslösten. Manet, van Gogh, Gauguin, um nur einige zu nennen, ließen sich inspirieren. Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen zeigt jetzt, dass die japanische Welt auch noch heute begeistert: Japonismus 2.0.

Sven Drühl, HY 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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Von der Geometrie der Wirklichkeit: Paul Uwe Dreyer im Kunstmuseum Stuttgart

Linie, Farbe und Fläche, so meinte Theo van Doesburg 1930, sei das Konkreteste, das man sich optisch vorstellen könne, und es reiche auch aus: Die Konkrete Kunst war begründet, eine Kunst, deren Ausdrucksmittel dem Betrachter zwar bekannt sind, aber alles andere als vom Alltag her vertraut, denn diese Kunst verzichtet auf jegliche Abbildung einer gegenständlichen Realität. Auf den ersten Blick ist man geneigt, den langjährigen Stuttgarter Akademiedirektor Paul Uwe Dreyer ganz dieser Kunstrichtung zuzuordnen, doch dieser Eindruck trügt, wie eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zeigt.

Der Gruß an Mr. Chippendale, um 1966. Foto: Martin Frischauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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Tausendsassa der Kunst? „Kein Tag ohne Linie“ im Museum Ritter

Mathematisch gesehen ist sie ein eindimensionales Gebilde ohne Unterbrechung und ohne Querausdehnung – die Linie; ein breiter Streifen wäre also schon keine Linie mehr. Man kann sie auch als kürzeste Verbindung zweier Punkte definieren – aus künstlerischer Sicht also ein höchst unergiebiges Zeichenelement, und doch setzte kein Geringerer als Paul Klee einen Satz von Plinius dem Älteren aus dem antiken Rom über sein Schaffen: Kein Tag ohne Linie, wobei er die Linie sehr viel spielerischer verstand als die Mathematiker, nämlich als Spur eines in Bewegung geratenen Punktes. Dass die Linie noch sehr viel mehr sein kann, zeigt eine Ausstellung im Museum Ritter: „Kein Tag ohne Linie“.

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