Die Offenbarung in der Musik: Le Nozze di Figaro an der Oper Stuttgart

Da sei schon die Revolution am Werk gewesen, meinte Napoleon, bereits im Exil auf St. Helena, über die Komödie Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit von Beaumarchais, schließlich erheben sich darin die Untergebenen eines Adligen gegen dessen Wunsch, ererbte Privilegien durchzusetzen. Wohl kaum ein anderer Komponist als Mozart hätte es gewagt, diese Komödie kurz nach ihrer Uraufführung zu einer Oper zu machen, zumal Beaumarchais‘ Stück in Wien nicht aufgeführt werden durfte. Librettist Lorenzo Da Ponte entschärfte zwar die Brisanz, aber Mozart brachte sie allein durch seine Musik wieder hinein, so der Komponist Hanns Eisler im 20. Jahrhundert. Eine Neuproduktion an der Stuttgarter Oper demonstriert das hinlänglich.

Esther Dierkes (Susanna) und Michael Nagl (Figaro), im Hintergrund: Sarah-Jane Brandon (Gräfin). Foto: Martin Sigmund

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Vom Inhalt beim Tanz. Creations I-III beim Stuttgarter Ballett

Die Keimzelle zu einer neuen Choreographie kann alles sein: eine Zeile in der Zeitung, eine kleine Begebenheit auf der Straße, ein kurzes Musikstück, vielleicht nur ein Klang. Doch welche Funktion haben solche auslösenden Elemente für das vollendete Stück? Sind sie nur Reminiszenz für den Choreographen, oder sind sind sie von zentraler Bedeutung für das Verständnis beim Zuschauer? Drei neue Choreographien am Stuttgarter Ballett entpuppen sich als höchst unterschiedliche Fallstudien zu diesem Thema: Creations I-III.

Elisa Badenes © Stuttgarter Ballett

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Die Bewegung der Bilder: Gemälde von Asger Jorn und Filme von Nathalie Djurberg im Kunstmuseum Ravensburg

Ein Gedicht sei wie ein Gemälde, behauptete in der Antike Horaz, und ihm folgten jahrhundertelang die Kunst- und Literaturtheoretiker, bis Gotthold Ephraim Lessing ihnen widersprach. Die Malerei ordne ihre Zeichen, also Farben und Formen, nebeneinander an, also im Raum, die Dichtung die ihren hintereinander, also in der Zeit, und das gilt auch für alle darstellenden Künste. Wenn nun das Kunstmuseum Ravensburg Malerei und Animationsfilme einander gegenüberstellt, ist das von besonderem Reiz, allerdings auch nicht ohne Risiko. Der Maler ist Asger Jorn, einer der herausragendsten Vertreter der Künstlergruppe CoBrA, die Filme stammen von Nathalie Djurberg, die mit dem Komponisten Hans Berg zusammenarbeitet.

Asger Jorn, Eine CoBrA-Gruppe, 1964 © Donation Jorn, Silkeborg / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Wynrich Zlomke

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Auf dem Weg zum Geistigen – der Maler Otto Nebel

Als Wassily Kandinsky sich Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Malerei und mehr noch in seiner Graphik von der Gegenständlichkeit entfernte und nur noch Linien, Farben und Formen als reines Ausdrucksmittel wählte, ging es ihm nicht um eine formale Kunst, vielmehr sah er darin die Befreiung zum Geistigen. Und mit seinem Almanach Der Blaue Reiter machte er deutlich, dass es ihm bei Kunst nicht nur um die bildende ging, denn er lud auch die Komponisten Arnold Schönberg und Alban Berg zur Mitwirkung ein, verstand selbst sein Malen als Komponieren. Damit traf er die Bestrebungen des später von ihm geförderten dreißig Jahre jüngeren Otto Nebel. Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen widmet ihm eine umfassende Retrospektive: Zur Unzeit gegeigt.

Runen-Fahnen zur Runen-Fuge Unfeig, 1924/25 © Foto: Horst Simschek

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Schwarze Kunst – Künstlerische Nachtvisionen im Kunstmuseum Albstadt

Um Tod, Wahnsinn und Gewalt geht es in dem 1973 erschienenen Album The Dark Side of the Moon von Pink Floyd. Der erste Titel darauf wird von Herzschlägen begleitet, so etwas könnte auch in einer Geschichte von Edgar Allan Poe stehen. Um die Macht halluzinogener Pilze geht es in Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes, eine wörtliche Übersetzung des Pink-Floyd-Albums, doch bezog sich Suter möglicherweise auch auf eine Bemerkung von Mark Twain, der meinte, jeder Mensch sei ein Mond und habe eine dunkle Seite, die er niemandem zeige. Wer da an die düstere Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde denkt, liegt nicht falsch. Das Kunstmuseum Albstadt zeigt nun, was bildenden Künstlern zu dieser dunklen Seite eingefallen ist.

Wilhelm Laage, Der Dorfbrand, 1898

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Aus der Provinz auf den literarischen Olymp: Zum 200. Geburtstag von George Eliot

Iwan Turgenjew sah in ihr eine der größten Erzählerinnen des Jahrhunderts. In ihrem Salon fanden sich literarische Größen wie Charles Dickens oder Henry James ein, und selbst Mitglieder des Königshauses fühlten sich geehrt, dort vorgelassen zu werden. George Eliot hatte in den Intellektuellenkreisen einen fast göttinnenähnlichen Nimbus, und auch heute werden ihre Romane hoch geschätzt. Für einen Julian Barnes ist ihr Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts erschienenes Hauptwerk Middlemarch der „wahrscheinlich bedeutendste englische Roman überhaupt“, wie einer jüngst bei dtv neu erschienenen Übersetzung des Werks zu entnehmen ist. Dennoch ist sie heute zumal in Deutschland eher ein Geheimtipp. Am 19.November 2019 jährt sich ihr Geburtstag zum 200. mal.

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Transzendenz der Farbe: Thomas Deyle in der Galerie Schlichtenmaier

Man kann gelegentlich den Eindruck gewinnen, unsere optische Wahrnehmung sei reine Sinnestäuschung, doch dazu tragen wir ein Gutteil selbst bei. So sagen wir: Das Kleid ist blau und behaupten damit, die Farbe sei eine Eigenschaft des Stoffs. Doch in Wirklichkeit kommt der Eindruck „blau“ erst durch das Zusammenwirken von Augen und Gehirn zustande, und die Augen nehmen nur die vom Objekt reflektierte elektromagnetische Strahlung wahr, also das, was vom Objekt nicht aufgesogen wurde. Ohne Licht also gäbe es für uns keine Farben. Das sollte man im Kopf haben, wenn man vor den Bildern von Thomas Deyle steht.

Lichtdeuter No 21, 2019 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

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Die Bilder im Kopf: Daniel Deroubaix im Reutlinger Kunstmuseum

Als die Malerei noch als Handwerk galt, war es eine Ehre, bei einem großen Meister lernen zu dürfen und zu kopieren. Erst als dem Künstler Genialität zugesprochen wurde, das war Ende des 18. Jahrhunderts, galt es, aus sich selbst zu schöpfen. Dennoch sahen sich auch danach die Künstler fest eingebunden in die Tradition, und ein Picasso malte noch im Alter einige berühmte Gemälde in seinem Stil nach. Der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix bekennt sich dezidiert dazu, mit den Künstlern der Vergangenheit ständig „im Gespräch“ zu sein. So hat er jetzt die dritte Etappe eines Ausstellungsprojekts in Reutlingen im Untertitel Alte Meister genannt.

                                                Headbangers Ball, © 2018 ADAGP, Paris, 2019

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Butler fürs Leben: Kazuo Ishiguros Roman Was vom Tage übrig blieb

Ein gelungener Roman ist ein wahres Wunderwerk. Nur aus Wörtern ersteht eine fiktive Welt, die es ausschließlich nicht in diesem Roman gibt, sondern durch ihn, in der Fantasie des Lesers – eine Welt besiedelt von Figuren, die gleichfalls irreal sind und doch für den Leser eine Realität annehmen, die die der realen Menschen um ihn herum nicht selten übersteigt. Mit seinem bislang wohl besten Roman Was vom Tage übrig blieb gelang Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro das Kunststück, weit mehr als nur einen Roman zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen.

Was vom Tage uebrig blieb von Kazuo Ishiguro

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Spielerische Symbolwelten: Tom Sachs und seine USA

Es war eine Welle der Entgrenzungen, die Marcel Duchamp vor einem starken Jahrhundert auslöste, als er Gegenstände des Alltags zu Kunstobjekten erklärte. Von da an konnte alles als Material zu Kunstwerken dienen. Die Dadaisten schufen witzige bis skurrile Collagen aus Rechnungsbelegen und Streichholzschachteln. Daraus entwickelte sich eine regelrechte Kunstrichtung, die Bricolage, was soviel wie „Bastelei“ heißt, und einer der konsequentesten Vertreter ist der Amerikaner Tom Sachs, der seit den 90er Jahren in seinem Atelier Allied Cultural Prosthetics herstellt, Vereinigte Kulturprothesen. Das Schauwerk Sindelfingen zeigt einen Querschnitt durch sein fantasievolles Schaffen.

Nikon FM 2, 1974.

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