Farbe aus der Steckdose. Lichtkunst von Daniel Hausig im Museum Ritter

Licht als solches ist, entgegen landläufiger Vorstellung, nicht sichtbar, denn es ist reine Energie. Wenn wir den „Lichtschalter“ betätigen, so sagen wir, wir machten Licht, doch diese Formulierung ist falsch, denn wir veranlassen lediglich, dass Strom in einen Leuchtkörper fließt, der dort Helligkeit erzeugt. Für die Künstler war das Phänomen Licht seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein besonderes Faszinosum. Schon 1930 entwickelte László Moholy-Nagy einen Apparat, der an verschiedenen Stellen Licht aufleuchten ließ, Mario Merz schrieb mit Lichtröhren Buchstaben in die Luft, und James Turrell erzeugte ganze Lichträume, in denen einem schwummrig werden kann. Daniel Hausig dagegen „malt“ mit Licht und bringt den Betrachter mit seinen Installationen zur Reflexion über seinen Umgang damit, wie eine Ausstellung im Museum Ritter zeigt.

Wetterleuchten, 2019 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Daniel Hausig

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Greiforgan und Sinnbild – die Hand in der Kunst der Gegenwart

Sie ist ein Wunderwerk – die Hand des Menschen und seines engsten Verwandten, des Primaten. Sie setzt sich aus siebenundzwanzig Knochen zusammen, in beiden Händen befindet sich somit ein Viertel aller im menschlichen Körper, sie verfügt als einzige über einen opponierenden Daumen, der sie zur Greifhand prädestiniert – und entsprechend hoch ist ihr Ansehen. Als Werkzeug aller Werkzeuge lobte Aristoteles sie, als sichtbaren Teil des Gehirns pries Immanuel Kant sie, wie man im vorzüglichen Katalog zu einer Ausstellung von Barbara Renftle in Biberach lesen kann, die aufzeigt, welchen Stellenwert die Hand in der Kunst von heute hat.

Ingeborg Wissel, Skeletthand mit Ehering, 2014 (Detail)

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Das Problem mit dem Alter: Neues Publikum für alte Musik?

Die Haarfarbe bei klassischen Musikveranstaltungen ist weitgehend grau bis weiß, sofern sich überhaupt noch Haare auf den Häuptern beflnden. 2007 war mehr als die Hälfte der Besucher von Klassikkonzerten über sechzig, nur acht Prozent unter dreißig, und der Trend dürfte sich in den letzten zehn Jahren noch verschärft haben. 1980 lag der Altersdurchschnitt noch bei vierzigJahren. Das Publikum der Klassik stirbt aus – Grund genug für dieVeranstalter, sich neue Formen auszudenken, um alternativePublikumsgruppen für die Klassik zu interessieren.

Staatsorchester Stuttgart © Sebastian Klein

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Von der Aktualität der Kunst: Calixto Bieito inszeniert in Stuttgart Ödön von Horváths Italienische Nacht

Dramen auch lange nach ihrer Entstehung aktuelle Bezüge zu entlocken, ist vornehme Aufgabe der Regisseure, der diese seit einiger Zeit freilich oft recht subjektiv nachkommen bis hin zur Unkenntlichkeit der Stücke. Dass ein Drama aber Jahrzehnte nach seiner Entstehung wieder aktuell ist, dürfte die Ausnahme sein. Ödön von Horváths Italienische Nacht zählt dazu, zeigt es doch anhand eines von Sozialisten veranstalteten gemütlichen Abends die aufziehende Gefahr von Rechts. Das Stück wurde 1931 uraufgeführt, jetzt hat es Calixto Bieito für das Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Michael Stiller (Betz), Christiane Roßbach (Adele), Elmar Roloff (Stadtrat), Felix Strobel (Engelbert), Boris Burgstaller (Kranz). Foto: David Baltzer

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Wiederentdeckt: E.M.Forster: Zimmer mit Aussicht. Eine Liebesgeschichte

Seit der Renaissance ist Italien ein Mekka für Künstler, für die wohlhabenden jungen Engländer war es ab dem 18. Jahrhundert ein Muss auf ihrer Grand Tour über das Festland, im Hollywoodkino bekehrt es geschäftstüchtige und allzu nüchterne amerikanische Herren der besseren Gesellschaft zum Dolce far niente. Auch der englische Schriftsteller E. M. Forster, Jahrgang 1879, war offenbar nicht unempfänglich für die Reize des Landes, wo die Zitronen blühen. Zwei seiner sechs Romane spielen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil im Land der Sonne und der Kultur, so auch der durch James Ivorys Verfilmung einem breiteren Publikum bekannte Roman Zimmer mit Aussicht.

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Mit Hieronymus Bosch in die Gegenwart: Heinz Zanders vielschichtige Bildwelten

Er war für damalige Verhältnisse ein Weltstar, und kein Geringerer als König Philipp II. von Spanien war sein großer Bewunderer, weshalb in Spanien die meisten seiner Gemälde zu finden sind: Hieronymus Bosch. Bis heute geben seine Bildwelten Anlass zum Rätselraten, nicht nur wegen der zuweilen skurrilen Fabelwesen aus dem Tierreich. Und nicht nur Exegeten faszinierte er, auch spätere Malerkollegen. Unter ihnen sicher Heinz Zander, einer der Hauptvertreter der Leipziger Schule. Die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen widmet ihm eine große Ausstellung, deren Titel bereits auf die Bosch-Begeisterung des Malers schließen lässt: Schönheiten und Ungeheuer.

Posaunenkonzert am Strand von Kanoniers Island, 2013, Ausschnitt © VG Bild-Kunst Bonn, 2019 Foto: Horst Simschek

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Konkretes Büro: lgnacio Uriarte im Kunstmuseum Reutlingen / Konkret

Linie, Farbe und Fläche, so meinte Theo van Doesburg 1930, sei das Konkreteste, das man sich optisch vorstellen könne, und es reiche auch aus: Die Konkrete Kunst war begründet, eine Kunst, deren Ausdrucksmittel dem Betrachter zwar bekannt sind, aber alles andere als vom Alltag her vertraut, denn diese Kunst verzichtet auf jegliche Abbildung einer gegenständlichen Welt, ihre Mittel sind reiner Zweck, der einer meist mathematisch begründeten Kunst dient. Entsprechend systematisch geht auch der Spanier lgnacio Uriarte vor, doch seine Ausdrucksmittel sind nicht geometrisch abstrakt, sondern entstammen dem vertrauten Lebensalltag, genauer, dem Alltag im Büro.

Still aus Papierballfall (2008) Foto: © S. Vogel

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Skulpturale Metamorphosen: Robert Schads Skulpturenregion auf Zeit

Skulpturen im öffentlichen Raum sind in der Regel Solitäre, kommen vereinzelt vor – zu schwer die Arbeiten, zu aufwändig die Logistik. Zwar gibt es Ansammlungen von Skulpturen, meist in Form von Wegen wie etwa in Kirchheim/Teck oder in den Weinbergen von Strümpfelbach, doch viel mehr als ein Dutzend Arbeiten sind auch da selten versammelt. Im Sommer 2019 aber gibt es gar eine ganze Skupturenlandschaft: Bis November finden sich in Oberschwaben Arbeiten von Robert Schad – sechzig Arbeiten an vierzig Orten von Ulm im Norden bis zum Bodensee im Süden, von Beuron im Westen bis Isny im Osten.

SERBINT, 2019, Hofgarten Schloss Messkirch © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto Ursula Schäfer-Zerbst

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Unsterblich! Alte Kunst aus neuen Händen in der Kunsthalle Tübingen

Während seiner Lehrjahre in Italien, dem Kunstland seiner Zeit, kopierte Peter Paul Rubens in sein Skizzenbuch einzelne Gliedmaßen von Figuren aus Meisterwerken seiner Lehrer. Zuhause fügte er diese dann in seine eigenen Gemälde ein, wobei die Übernahmen sich in perfekte Rubensgemälde verwandelten. Man hätte das mit dem neuen Begriff „Appropriation Art“ bezeichnen können, Aneignungskunst. Als Plagiat galt derlei damals nicht, eher als ehrfürchtige Verneigung vor den Meistern. Heute sind solche „Anleihen“ zu einem eigenen Trend in der zeitgenössischen Kunst geworden. Die Kunsthalle Tübingen zeigt das Comeback der großen alten Meister in der Kunst von heute.

José Manuel Ballester, Primavera, 2015. Foto: José Manuel Ballester

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Wiederentdeckt: E.M. Forster, Wiedersehen in Howards End

Wenn von einem Schriftsteller, der nur sechs Romane geschrieben hat, drei den Weg auf die internationale Leinwand gefunden haben, ist das ein Zeichen für ein gerüttelt Maß an Popularität. Die genießt E.M. Forster in der angelsächsischen Welt durchaus, seit David Lean seinen Roman Reise nach Indien 1984 verfilmte. Dem folgte ein Jahr danach James Ivorys nicht minder erfolgreiche Version von Zimmer mit Aussicht und 1992 Ivorys Film Wiedersehen in Howards End. Nur in Deutschland hält sich diese Popularität in Grenzen – zu Unrecht, denn Forsters Romane sind vorzüglich geschriebene Gesellschaftspanoramen mit subtilen Einsichten in die Psychologie und Lebensumstände der Figuren. In Howards End, so der englische Titel, zeichnet er eine Gesellschaft an der Zeitenschwelle zur Moderne.

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