Psychogramm oder Historiendrama? Kenneth MacMillans Mayerling am Stuttgarter Ballett

Was genau geschah am 30. Januar 1889 im Jagdschloss Mayerling hätte nach dem Willen des österreichischen Kaiserhauses nie an die Öffentlichkeit dringen sollen. Fest steht, dass Kronprinz Rudolf mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wurde, neben ihm ebenfalls erschossen seine blutjunge Geliebte Mary Vetsera, sehr wahrscheinlich von ihrem Geliebten getötet. Rudolf war ein zerrissener Charakter, möglicherweise durch die sadistische Erziehung durch einen Major psychisch gebrochen, ein Mann, der in Liebesaffären und Drogen seine Flucht suchte. 1978 hat Kenneth MacMillan das Drama für Covent Garden in einem Ballett verarbeitet. Jetzt hat das Stuttgarter Ballett diese Choreographie in neuer Ausstattung herausgebracht.

Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

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Das Geheimnis der Malerei: Emil Kiess

Jahrhundertelang mischten Maler ihre Farben auf der Palette, ehe sie sie auf Leinwand oder Holz auftrugen. Das änderte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Maler Georges Seurat. Er untersuchte das Phänomen Farbe geradezu wissenschaftlich und gelangte zu der Erkenntnis, dass Farben sich nicht auf der Palette, sondern im Auge mischen. Daher trug er die Farben in kleinen Punkten oder Strichen nebeneinander auf. Der Divisionismus war geboren, aus dem sich dann der populäre Pointillismus entwickelte. Der 1930 geborene Emil Kiess machte diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Phänomen, wie eine Kabinettausstellung im Museum Art.Plus in Donaueschingen belegt.

Emil Kiess, Schwarz will blühen, 1956 ©VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

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Erste Schritte zur Meisterschaft? Baselitz, Richter, Polke und Kiefer in der Staatsgalerie Stuttgart

Was internationale Geltung betrifft, taten sich deutsche Künstler eher schwer. Ein Albrecht Dürer war europaweit bekannt, Hans Holbein d.J. wirkte am englischen Hof, Adam Elsheimer feierte in Rom Triumphe, doch das alles ist Jahrhunderte her. Ein Grund mag die deutsche Kleinstaaterei sein, die verhinderte, dass sich Kunstzentren vom Range eines Paris im 19. und frühen 20. Jahrhundert etablierten oder New York in den Jahrzehnten danach. Vier Künstlern unserer Gegenwart allerdings gelang der Sprung in die Internationalität, einer von ihnen führt sogar seit Jahren die Rankingliste der teuersten Maler der Welt an: Gerhard Richter. Er bekam neben Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Sigmar Polke weithin beachtete Ausstellungen in den USA in renommierten Instituten. Die Staatsgalerie Stuttgart untersucht nun in einer Ausstellung deren Anfänge.

Georg Baselitz, Der Wald auf dem Kopf, 1969 © Georg Baselitz 2019

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Vergangenheit als Trauma: Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Glucks Iphigénie en Tauride

Eine nicht abreißende Blutspur zieht sich durch die Geschichte des Atridengeschlechts der griechischen antiken Mythologie. Erst opfert Agamemnon seine Tochter Iphigenie, um von den Göttern Wind für seine Flotte gegen Troja zu bekommen, um also Krieg führen zu können. Göttin Diana aber rettet sie und bringt sie nach Tauris, wo sie als Priesterin für Menschenopfer zuständig ist. Bei seiner Rückkehr wird Agamemnon von seiner Frau und deren Geliebten ermordet, was wiederum Sohn Orest mit dem Mord an seiner Mutter rächt, weshalb er von den Rachegöttinnen dem Wahnsinn nahe gebracht wird. Doch in Glucks Oper Iphigénie en Tauride geschieht nahezu nichts, alle werden nur von Ängsten geplagt, und genau das hat Krzysztof Warlikowski zum Kernpunkt seiner Inszenierung an der Opéra National in Paris gemacht. Das war 2006, jetzt ist sie an der Oper Stuttgart auf die Bühne gelangt.

Renate Jett (Iphigénie, Schauspielerin, li.), Amanda Majeski (Iphigénie, re.). Foto: Martin Sigmund

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Ein Hilfsmittel wird autonom: Gustav Kluges Druckstöcke

Im Grunde ist es ganz einfach: Man schneide von einer Holzplatte all das, was nicht auf dem späteren Blatt zu sehen sein soll, weg, färbe das übrige hochstehende Holz ein und drücke es auf ein Stück Papier oder Leinwand. Das Kunstwerk, der Holzschnitt, ist fertig. Dass auch Druckstöcke ihren ästhetischen Reiz haben können, haben Museen längst erkannt und sie gelegentlich den ausgestellten Drucken beigegeben. Der Maler und Grafiker Gustav Kluge hat in ihnen eine selbstständige künstlerische Qualität erkannt. Das Kunstmuseum Reutlingen, dem er zahlreiche seiner Druckstöcke überlassen hat, zeigt, wie sich der Druckstock unter seiner Hand emanzipiert.

Bloßer Kopf, Druckstock Ø 47 cm, 1996

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Zwischen Idylle und Apokalypse: Landschaft bei Rudolf Schlichter

Es gibt Bilder von Künstlern, die deren künstlerische Biografie höchst unvollständig wiedergeben. So denkt man bei Otto Dix an die Bilder aus der Weimarer Republik, Szenen der sogenannten Goldenen Zwanziger Jahre, der Tänzerinnen, doch in Berlin und Dresden lebte und wirkte Dix keine zehn Jahre, dann zog er sich unter den Nazis nach Süddeutschland zurück und malte die folgenden drei Jahrzehnte ganz andere Bilder. Ähnlich liegt der Fall bei einem weiteren Vertreter der Neuen Sachlichkeit: Auch mit Rudolf Schlichter assoziiert man Bilder aus dem Berlin der Zwanzigerjahre, wo er u.a. Bertolt Brecht porträtierte. Doch wie Dix zog er sich, wenn auch aus anderen Motiven, nach stark zehn Jahren in seine schwäbische Heimat zurück. Was er da malte, zeigt jetzt eine Ausstellung in der Kunststiftung Hohenkarpfen.

Rudolf Schlichter, Kornbühl bei Salmendingen, 1933 © Viola Roehr v. Alvensleben

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Picture goes spatial: Malereihochdrei im Museum Reutlingen/konkret

Jahrhundertelang galt das Bild als Fenster zur Welt. Farbe, Linie und Fläche dienten zur Gestaltung einer gegenständlichen Welt, die lange die reale abzubilden trachtete. Dieser Bildbegriff löste sich bereits im Lauf des 19. Jahrhunderts auf, die Zentralperspektive wurde zunehmend bedeutungslos, der Blick konzentrierte sich auf die Farbe und ihre Qualitäten, bis schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts jegliche bildnerische Repräsentation aufgegeben wurde. Alexander Rodtschenko kreierte 1921 die Reine Farbe Rot Gelb und Blau, Kasimir Malewitsch erhob die Kunst zum Selbstzweck, und Theo van Doesburg schuf die auf Linie, Farbe und Fläche als einzigen Gestaltungsmitteln beschränkte Konkrete Kunst. Dass sie im Gefolge den Bildbegriff in ganz neue Dimensionen vorantreiben konnte, zeigt eine Ausstellung im Kunstmuseum Reutlingen/konkret: Malereikonkrethochdrei.

Aurélie Nemours, Le long chemin, 1989 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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Politikerentlarvung – John Adams‘ Nixon in China an der Oper Stuttgart

Oper und Politik standen einander schon immer nahe. Mozart griff ein heikles Thema auf, als er Figaros Hochzeit schrieb, der Gefangenenchor aus Nabucco wurde zur heimlichen Nationalhymne der italienischen Freiheitsbewegung, und Marquis Posas Ruf nach Gedankenfreiheit im Don Carlos war schon zu Schillers Zeit ein Politikum. Aber Nabucco spielt in alttestamentarischer Zeit, Don Carlos war schon Jahrhunderte Geschichte, als Schiller und später Verdi ihm ein Denkmal setzten, lediglich Mozart bzw. seine Vorlage von Beaumarchais handelte ein zeitlich naheliegendes Thema ab. Geradezu hochaktuell aber wurde im 20. Jahrhundert John Adams, als er die Begegnung zwischen Richard Nixon und Mao Tse-tung zum Thema einer Oper machte, denn diese Begegnung lag nur fünfzehn Jahre vor Entstehung der Oper. Die Oper Stuttgart hat sie nun neu herausgebracht.

Shigeo Ishino (Kissinger), Michael Mayes (Nixcon). Foto: Matthias Baus

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Bewegung in der Statik: Malerei und Plastik von Horst Reichle

Die Kunst des 20. Jahrhunderts ist geprägt von Grenzüberschreitungen. In der Malerei war es vor allem die Befreiung von der Welthaltigkeit der Bilder, also der Gegenständlichkeit. In der Plastik gingen die Bestrebungen dahin, das Statische, auch Statuarische zu überwinden – durch Kinetik, Lichtprojektionen oder das Mittel der Installation. Der bei Biberach lebende Horst Reichle hat in seinem Spätwerk genau diese Grenzüberwindungen in seine Arbeiten auf ganz eigene Weise eingebracht, wie jetzt eine Ausstellung in Ochsenhausen belegt.

Ein einziger langer Tag, 1998

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Dem Ich auf der Spur: Maria Lassnig in der Staatsgalerie Stuttgart

Jeder Künstler hat sich wohl irgendwann einmal mit dem eigenen Körper beschäftigt und selbst porträtiert, keiner wohl so oft wie Rembrandt, der sein Ich in allen Lebensaltern, Stimmungslagen und Befindlichkeiten festgehalten hat und dabei durch die äußere Haut in sein Inneres vorgestoßen ist. Mit einer ähnlichen Konsequenz hat sich im 20. Jahrhundert die Österreicherin Maria Lassnig mit sich beschäftigt, schließlich kennt man niemanden so gut wie sich selbst. Allerdings ging sie nicht den Weg von außen nach innen, sondern versuchte, gleich das Innenleben zu erfassen und dafür Bildsymbole zu erfinden. „Körperempfindungsbilder“ nannte sie die Ergebnisse. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt nun eine Auswahl ihrer Arbeiten.

Herzselbstporträt im grünen Zimmer, 1968, Sammlung Klewan © Maria Lassnig Stiftung

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