Gesicht zeigen – das Ich im Dialog mit der Welt im Kunstmuseum Ravensburg

Wie es in einem Menschen aussieht, kann man an seiner Kleidung ablesen, die Auskunft gibt über seine soziale Befindlichkeit, an seiner Körperhaltung, die momentanes Empfinden verrät, vor allem aber in seinem Gesicht, dem Spiegel der Seele. Diesem Phänomen widmet sich eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg, allerdings weniger dem Gesichtsausdruck als vielmehr seiner Mimik. „Face it!“ lautet der Titel, was so viel heißt wie: „Stell dich (der Welt)“, aber auch interpretiert werden kann: „Mach ein Gesicht zu dem, was dir begegnet“, was dem ingeniösen Untertitel entspräche: „Im Selbstgespräch mit dem Anderen“.

Nan Goldin, Jimmy Paulette and Taboo! In the Bathroom, 1991 © Nan Goldin

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Zwischen Realität und Fiktion: Zeitgenössische Blumenfotografie in der Galerie Stihl

Für Ausstellungen in der Galerie Stihl in Waiblingen sollte man viel Zeit mitbringen. Dafür wird man neben dem üblichen Kunstgenuss belohnt mit einer Vielzahl an kunsthistorischen, kulturgeschichtlichen und -theoretischen Informationen, die aus dem Besuch einer Kunstausstellung ein umfassendes kulturelles Erlebnis machen. So hatte die Kuratorin Barbara Martin vor einigen Monaten in einer Ausstellung über die französische Plakatkunst des 19. Jahrhunderts jedes Exponat mit einem umfangreichen Text versehen, den es zu lesen lohnte, und auch in der neuen Ausstellung, die sie mit der Kunsthistorikerin Stephanie Buck erarbeitet hat, führen die Texte weit über das rein sinnliche Erlebnis hinaus, und das ist reichhaltig genug, geht es doch um Blumen in der Fotografie.

Luzia Simons, Stockage 97 – 1 AP, 2011© Luzia Simons/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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Drei Gründe, atemlos zu werden: Ein neues Programm beim Stuttgarter Ballett

Seit lange Handlungsballette eher die Ausnahme sind, haben es Ballettdirektoren nicht leicht, sinnvolle Stückzusammenstellungen auf die Bühne zu bringen. Dem langjährigen Stuttgarter Ballettintendanten Reid Anderson ist das in zunehmendem Maße gelungen. So fügten sich einmal höchst unterschiedliche Choreographien zu einem in sich geschlossenen Abend voller Nachtvisionen zusammen. Sein Nachfolger Tamas Detrich führt diese Tradition fort, wählte bisher für seine Abende aber eher vordergründige Themen, was dennoch der Wirkung keinen Abbruch tun muss. Für Shades of White vereinte er moderne Stücke mit dem alten Glanz von weißem Tütü und Spitzentanz, für seinen neuen Abend wählte er das Epitheton Atem-Beraubend.

Itzik Galili, Hikarizatto. Tänzer:  Jason Reilly, Alicia Amatriain © Stuttgarter Ballett

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Modernität in der Tradition: Christian Landenberger im Kunstmuseum Albstadt

Indirekt begegnet man ihm immer wieder. Der Name Christian Landenberger taucht in Ausstellungen so unterschiedlicher Maler wie Wilhelm Geyer, Manfred Henninger oder Oskar Schlemmer auf. Sie waren seine Studenten an der Stuttgarter Akademie. Doch seinen Bildern begegnet man eher selten, eine Einzelausstellung ist Rarität, vielleicht weil er als typischer Maler des 19. Jahrhunderts eingeordnet wird, zudem als schwäbischer Maler, also als regionale Größe. Dabei wurden zu seinen Lebzeiten seine Werke von allen bedeutenden deutschen Museen angekauft. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Albstadt, im Stadtteil Ebingen, seiner Heimat, zeigt, dass diese Einschätzung nur bedingt richtig ist.

Nun ade, du stilles Haus 1897 © Kunstmuseum Albstadt

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Teufelsdrama als Revue: Arrigo Boitos Mefistofele an der Oper Stuttgart

Die Deutungsversuche um Goethes Faust scheinen nicht aufzuhören, vor allem die Deutschen sahen in der Titelfigur gern eine Verkörperung ihres Wesens als Menschen des Geistes, der Forscherkraft, weshalb sie Charles Gounods Vertonung des Dramas hierzulande nicht mit demselben Titel versahen, sondern als Margarethe auf die Bühne brachten. Doch das Drama ist genau besehen letztlich eine Auseinandersetzung um die Schattenseiten des Menschen, um Verführung, Kindsmord und Hinrichtung, geplant vom Inbegriff des grundlos Bösen, dem Teufel, und das stellte Arrigo Boito in seiner bezeichnenderweise nach ihm benannten Oper in den Vordergrund. Der Spanier Àlex Ollé hat sie in einer Koproduktion der Opern Lyon und Stuttgart neu inszeniert, wo sie jetzt mit neuem Ensemble auf die Bühne kam.

Olda Busuioc (Margherita), Mika Kares (Mefistofele), Antonello Palombi (Faust). Foto: Thomas Aurin

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System und Chaos – Zeichnungen und Malerei von Renata Jaworska in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen

Sie sind stark schematisiert, übersichtlich und dienen der Orientierung: Stadtpläne erlauben selbst dem Ortsunkundigen zielgerichtete Fortbewegung in einem urbanen Ambiente. Freilich suggerieren sie nicht selten ein Ordnungssystem, das sich dem Flaneur im Dschungel der Straßenschluchten nicht offenbart. Somit sind sie Ordnungsinstrument und zugleich artifizielles Konstrukt. Mit diesem Widerspruch arbeitet die 1979 in Polen geborene Renata Jaworska. Die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen zeigt eine Auswahl ihrer Werke unter dem bezeichnenden Titel Verortung.

Ausstellungsansicht © Renata Jaworska, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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Lukas Weiß: Bildwelten aus Parkett

Man braucht nicht viel zu einem Holzschnitt, es genügen: ein Holzbrett, ein scharfes Messer und Farbe. Damit hat man sich jahrhundertelang begnügt. Aber spätestens seit Holzschneider wie HAP Grieshaber ganze Türen als Druckstöcke benutzten, von Gewehrkugeln durchlöcherte Bretter oder gedrechselte Stuhlbeine, waren der Vielfalt der Materialien, mit denen man drucken konnte, keine Grenzen gesetzt. Verglichen damit ist der 1986 geborene Lukas Weiß, Gewinner des diesjährigen Holzschnitt-Förderpreises des Freundeskreises Kunstmuseum in Reutlingen, ein Minimalist. Er hat als Druckstock das Stäbchenparkett entdeckt und gestaltet aus damit gedruckten schmalen rechteckigen Streifen Bilder von mehreren Quadratmetern, die jetzt das Kunstmuseum Reutlingen zeigt.

Blues, 2018 © Lukas Weiß, Leipzig. Foto: Barbara Proschak, Leipzig

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Sehen wir, was ist? Die Kunst des Hans Jörg Glattfelder

Etwas Konkreteres als Linie, Farbe und Oberfläche gebe es nicht, so meinte Theo van Doesburg und begründete damit 1930 die Konkrete Kunst. Sechs Jahre später fand dieses Manifest bei einer Gruppe von Künstlern in Zürich ihren Widerhall, und auch das Manifest von Max Bill betonte eine Kunst, die ganz ihren eigenen Gesetzen gehorchen solle, fern jeder Naturerscheinung. Allerdings fügte er den beiden Mitteln Farbe und Form noch drei hinzu: Raum, Licht und Bewegung. Die Schule der Zürcher Konkreten war geboren. Drei Jahre danach kam Hans Jörg Glattfelder zur Welt und ließ sich als junger Künstler von dieser Kunst inspirieren. Das Museum Ritter zeigt nun eine Retrospektive.

Hommage an Richard Paul Lohse, 2002 © Hans Jörg Glattfelder

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Psychogramm oder Historiendrama? Kenneth MacMillans Mayerling am Stuttgarter Ballett

Was genau geschah am 30. Januar 1889 im Jagdschloss Mayerling hätte nach dem Willen des österreichischen Kaiserhauses nie an die Öffentlichkeit dringen sollen. Fest steht, dass Kronprinz Rudolf mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wurde, neben ihm ebenfalls erschossen seine blutjunge Geliebte Mary Vetsera, sehr wahrscheinlich von ihrem Geliebten getötet. Rudolf war ein zerrissener Charakter, möglicherweise durch die sadistische Erziehung durch einen Major psychisch gebrochen, ein Mann, der in Liebesaffären und Drogen seine Flucht suchte. 1978 hat Kenneth MacMillan das Drama für Covent Garden in einem Ballett verarbeitet. Jetzt hat das Stuttgarter Ballett diese Choreographie in neuer Ausstattung herausgebracht.

Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

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Das Geheimnis der Malerei: Emil Kiess

Jahrhundertelang mischten Maler ihre Farben auf der Palette, ehe sie sie auf Leinwand oder Holz auftrugen. Das änderte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Maler Georges Seurat. Er untersuchte das Phänomen Farbe geradezu wissenschaftlich und gelangte zu der Erkenntnis, dass Farben sich nicht auf der Palette, sondern im Auge mischen. Daher trug er die Farben in kleinen Punkten oder Strichen nebeneinander auf. Der Divisionismus war geboren, aus dem sich dann der populäre Pointillismus entwickelte. Der 1930 geborene Emil Kiess machte diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Phänomen, wie eine Kabinettausstellung im Museum Art.Plus in Donaueschingen belegt.

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