Archiv des Autors: Dr. Rainer Zerbst

Immer an der Wand lang: Wände in der bildenden Kunst

Die Wand ist ein zwiespältiges Phänomen. Auf der einen Seite definiert sie Räume, mithin also auch Geborgenheit, Privatsphäre, sie bietet Sicherheit gegen das unwägbare Draußen. Andererseits schließt sie auch aus, trennt uns von der Welt der anderen, stellt ein Hindernis dar, auch eine psychische Bedrohung weil Einengung, gegen die wir anrennen wollen. Selbst der Schutzaspekt ist eine Medaille mit zwei Seiten. Die Wand bietet die Möglichkeit zur Anlehnung, aber sie stellt auch den letzten Rückzugspunkt dar, wenn wir mit dem Rücken zu ihr stehen. Kein Wunder, dass sie für die Künstler mehr ist als nur ein architektonisches Alltagselement, wie jetzt eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart mit dem schlichten Titel Wände/Walls zeigt.

Joseph Kosuth, Wall – One and five (Historical), 1965, Teilansicht. Foto: U. Schäfer-Zerbst

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Bizets Carmen an der Staatsoper Hannover: Femme ohne fatale

 

Sie sei „der Sexus selber“ meinte Theodor W. Adorno über Georges Bizets Carmen, und meinte die Titelfigur. Er hätte auch die Oper bzw. die Musik meinen können, die Friedrich Nietzsche als böse und raffiniert empfand. Carmen gilt vielen als vollkommene Verkörperung der Femme fatale, eine Lulu des 19. Jahrhunderts, aber auch schon eine Vorausdeutung auf die moderne Frau, die sich durch keine gesellschaftlichen Konventionen eingrenzen lässt, die ganz ihrer Lust und dem Augenblick lebt. An der Staatsoper Hannover kommt sie dagegen ganz anders auf die Bühne.

Evgenia Asanova, Ensemble © Sandra Then

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Problemfall Leben: „Rastlos“ beim Staatsballett Hannover

Die Premiere am 8. November beim Staatsballett Hannover mit Choreographien von Altmeister Jiří Kylián, Lukáš Timulak und erstmals für eine deutsche Compagnie Juliano Nunes, coronatauglich choreographiert, war mit Publikum geplant, wurde aber jetzt vor fast leerem Haus (mit Ausnahme des Ballettpersonals) getanzt und als Livestream der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Er bleibt bis Ende November auf Abruf bereit. Bei einem Livestream des Stuttgarter Balletts kurz davor wählte man eine Videoästhetik, die das Zuschauererlebnis im Theater wiedergab: eine feste Perspektive mit Totale und Nahaufnahme. In Hannover entschied man sich für eine eher filmische Ästhetik mit wechselnden Perspektiven, die brillant realisiert wurde und vor allem für das erste Stück eine ideale Wahl war.

Juliano Nunes, Moonlight. Tänzer: Adam Russell-Jones, Davide Sioni © Foto: Bettina Stöß

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Fiktionen der Realität – Positionen moderner Fotografie

Wörtlich genommen heißt fotografieren Zeichnen mit Licht. Das klingt nach bildender Kunst. Doch ursprünglich diente die Fotografie dem Ziel, die Realität möglichst exakt abzubilden, exakter und auch „neutraler“, als dies dem Maler vergönnt war, der seit der Erfindung dieses Mediums denn auch von der Aufgabe, die Realität wiederzugeben, befreit war. Dem trägt eine Bemerkung im Leporello zu einer Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier Rechnung: es sei nicht möglich zu fotografieren, was nicht vor die Linse zu holen ist, heißt es da, um gleich zu korrigieren, das Ergebnis sei dennoch etwas anderes als das Dargestellte. Und der Ausstellungstitel verstärkt diese Korrektur noch: Die Illusion der Realität.

Hannes Kilian, Guggenheim Museum New York, 1971 © Hannes Kilian /VG Bild-Kunst, Bonn

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Zwischen Innen und Außen: Die Tür aus Sicht der bildenden Künstler

Türen sind letztlich stets eine Sache der Perspektive. Man kann durch sie einen Raum, ein Haus betreten, aber auch verlassen. Türen trennen das Innen vom Außen, sie verbinden aber zugleich auch beide Bereiche, sie grenzen, weil man sie verschließen kann, das Private vom Öffentlichen ab, ermöglichen aber zugleich auch, dass beide Bereiche miteinander verschmelzen. Über diese Janusnatur des Phänomens kann man sich derzeit in der Städtischen Galerie in Bietigheim-Bissingen Gedanken machen, denn sie zeigt, was die Tür an Assoziationen bei Künstlern unserer Zeit ausgelöst hat: Keine Schwellenangst.

Simon Schubert, Tür, 2012 (Ausschnitt), Mixed Media

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Ein tänzerisches „Und dennoch“: Response II beim Stuttgarter Ballett

So groß die Ballettbegeisterung auch ist, bei 15.000 Neuinfektionen pro Tag kann man, um mit der Bundeskanzlerin zu sprechen, auch im Ballettbesuch unnötige Kontakte sehen. Umso wichtiger war das Angebot des Stuttgarter Balletts, den neuen Abend auch zuhause als Streaming miterleben zu können, zumal die Neugier groß war. Unter dem Titel Response hatte Ballettdirektor Tamas Detrich im Juli drei Uraufführungen auf die Bühne gebracht, und alle reagierten auf unterschiedliche Weise auf die Lage, in der wir alle uns, vor allem aber auch die Tänzer, durch Corona befinden, und das Ergebnis war fulminant. Jetzt hat Detrich dem choreographischen Nachwuchs die Bühne ermöglicht, Response II. Und auch hier war Corona allenthalben zu spüren.

Fabio Adorisio, Flemming Puthenpurayil © Stuttgarter Ballett

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Ohne Luft zum Leben: Die Stadt aus künstlerischer Sicht

Einst war sie ein Magnet, die Stadt, Inbegriff der Kultur und Zivilisation. Stadtluft mache frei, hieß es im Mittelalter, frei von Leibeigenschaft. Die Folge – eine Landflucht und damit eine zunehmende Enge in der Stadt, die alsbald ihr positives Image verlor und zum Moloch wurde. Die Gegenbewegung heute: Stadtflucht. Inzwischen gilt offenbar: Landluft macht frei. Das Kunstmuseum Reutlingen zeigt künstlerische Perspektiven auf das Phänomen Stadt: Urbane Landschaften.

Otto Dix (1891—1969), Der Lärm der Straße, 1920 © VG Bild-Kunst Bonn, 2020

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Gestaltete Bewegung – Tanz in der bildenden Kunst der Moderne in Schloss Dätzingen

Zweihundert Bilder schuf Edgar Degas zum Thema Tanz, bzw. vor allem zum Thema Tänzerin. Doch nur ein Fünftel davon zeigt die jungen Frauen bei der Aufführung auf der Bühne, weit mehr interessierte ihn die Garderobe, der Probenraum, und bei den Tänzerinnen die schleierhaften Tütüs, mehr Farbtraum als Wirklichkeit, weniger der eigentliche Tanz. Der steht im Zentrum einer Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier in Dätzingen: Tanz ist Verwandlung.

Hannes Kilian, Ballettsilhouetten, 1969 © Hannes Kilian /VG Bild-Kunst, Bonn

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Landschaftliche Abstraktion. Die Graphikerin Brigitte Wagner

Es scheint in der bildenden Kunst kaum etwas Gegensätzlicheres zu geben als Landschaftsbild und abstrakte Malerei, eine ganz auf die Natur und ihre Bestandteile konzentrierte Gestaltung und das freie Spiel der Formen und Farben, und doch gibt es durchaus auch Annäherungen, vielleicht sogar Synthesen. So ist ein breiter brauner Querbalken in der unteren Bildhälfte und ein blauer darüber eine abstrakt-konstruktivistische Komposition, wird aber unversehens vom Auge als Landschaft wahrgenommen. Ein ganz anderes Widerspiel von Abstraktion und Landschaft findet sich im Schaffen der Graphikerin Brigitte Wagner.

In winterlicher Landschaft, 1965

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Malereien am Himmel: Wolkenbilder von Künstlern heute

Habe die Wolke dort am Himmel nicht die Gestalt eines Kamels, fragt Hamlet den Haushofmeister Polonius, und der beeilt sich, ihm das zu bestätigen. Oder die eines Wiesels, gar eines Walfischs? Wolken, so Shakespeare in dieser Szene, können dem menschlichen Auge alles sein und sind es doch meist nur in der jeweiligen Sicht des Subjekts. Sie sind wandelbar, stets in Bewegung und scheinen doch formal greifbar, um sich im nächsten Moment wieder zu verwandeln – Symbole des wechselvollen Lebens, des unbestimmbaren Schicksals. Barbara Regina Renftle, die Kuratorin der Biberacher Stiftung S BC – pro arte hat in einem fulminanten Essay das Wolkenhafte ergründet und in der Kunstgeschichte nachgespürt, wie Wolken mal dokumentarisch, mal atmosphärisch, mal symbolisch eingesetzt wurden. Ihre Ausstellung in der Stiftung zeigt künstlerische Wolken aus unserer Gegenwart: „bewölkt“.

Bettina Bürkle, Klaus Illi, Wolkenatem, 2014/2020 © 2020 VG Bild Kunst, Bonn

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