Archiv des Autors: Dr. Rainer Zerbst

Transzendenz der Farbe: Thomas Deyle in der Galerie Schlichtenmaier

Man kann gelegentlich den Eindruck gewinnen, unsere optische Wahrnehmung sei reine Sinnestäuschung, doch dazu tragen wir ein Gutteil selbst bei. So sagen wir: Das Kleid ist blau und behaupten damit, die Farbe sei eine Eigenschaft des Stoffs. Doch in Wirklichkeit kommt der Eindruck „blau“ erst durch das Zusammenwirken von Augen und Gehirn zustande, und die Augen nehmen nur die vom Objekt reflektierte elektromagnetische Strahlung wahr, also das, was vom Objekt nicht aufgesogen wurde. Ohne Licht also gäbe es für uns keine Farben. Das sollte man im Kopf haben, wenn man vor den Bildern von Thomas Deyle steht.

Lichtdeuter No 21, 2019 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

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Die Bilder im Kopf: Daniel Deroubaix im Reutlinger Kunstmuseum

Als die Malerei noch als Handwerk galt, war es eine Ehre, bei einem großen Meister lernen zu dürfen und zu kopieren. Erst als dem Künstler Genialität zugesprochen wurde, das war Ende des 18. Jahrhunderts, galt es, aus sich selbst zu schöpfen. Dennoch sahen sich auch danach die Künstler fest eingebunden in die Tradition, und ein Picasso malte noch im Alter einige berühmte Gemälde in seinem Stil nach. Der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix bekennt sich dezidiert dazu, mit den Künstlern der Vergangenheit ständig „im Gespräch“ zu sein. So hat er jetzt die dritte Etappe eines Ausstellungsprojekts in Reutlingen im Untertitel Alte Meister genannt.

                                                Headbangers Ball, © 2018 ADAGP, Paris, 2019

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Butler fürs Leben: Kazuo Ishiguros Roman Was vom Tage übrig blieb

Ein gelungener Roman ist ein wahres Wunderwerk. Nur aus Wörtern ersteht eine fiktive Welt, die es ausschließlich nicht in diesem Roman gibt, sondern durch ihn, in der Fantasie des Lesers – eine Welt besiedelt von Figuren, die gleichfalls irreal sind und doch für den Leser eine Realität annehmen, die die der realen Menschen um ihn herum nicht selten übersteigt. Mit seinem bislang wohl besten Roman Was vom Tage übrig blieb gelang Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro das Kunststück, weit mehr als nur einen Roman zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen.

Was vom Tage uebrig blieb von Kazuo Ishiguro

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Spielerische Symbolwelten: Tom Sachs und seine USA

Es war eine Welle der Entgrenzungen, die Marcel Duchamp vor einem starken Jahrhundert auslöste, als er Gegenstände des Alltags zu Kunstobjekten erklärte. Von da an konnte alles als Material zu Kunstwerken dienen. Die Dadaisten schufen witzige bis skurrile Collagen aus Rechnungsbelegen und Streichholzschachteln. Daraus entwickelte sich eine regelrechte Kunstrichtung, die Bricolage, was soviel wie „Bastelei“ heißt, und einer der konsequentesten Vertreter ist der Amerikaner Tom Sachs, der seit den 90er Jahren in seinem Atelier Allied Cultural Prosthetics herstellt, Vereinigte Kulturprothesen. Das Schauwerk Sindelfingen zeigt einen Querschnitt durch sein fantasievolles Schaffen.

Nikon FM 2, 1974.

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Besuch in der Heimat: Jerg Ratgebs Altar in der Herrenberger Stiftskirche

Ein Schicksal musste der Herrenberger Altar von Jerg Ratgeb nicht erleiden: Er wurde im Zuge des reformatorischen Bildersturms nicht zerstört, sondern lediglich abgebaut und ausgelagert, bis katholische Truppen wenige Jahre darauf seinen Wiederaufbau herbeiführten. Doch allzu beliebt scheint er nicht gewesen zu sein: Er blieb zwar an seinem Ort, wurde aber Jahrhunderte hindurch zugehängt. Der Grund könnte seine Ästhetik gewesen sein, denn 1891 verkaufte der Stadtrat ihn für fünftausend Mark nach Stuttgart, angeblich wegen der „teilweise unschönen Bilder“. Seit 1924 befindet er sich in der Staatsgalerie Stuttgart, die nun zum 500. Jubiläum seiner Entstehung eine Art „Rückführung“ zustande gebracht hat.

Herrenberger Altar (Schauseite für den Osterfestkreis), 1519

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Eine Welt auf der Kippe: Giovanni Battista Tiepolo

Im Licht der Lagune heißt ein Roman von Hanns-Josef Ortheil. Im Zentrum steht ein geheimnisvolles Findelkind, das als junger Mann eine ganz eigene Art der Malerei entwickelt, eine Malerei des Lichts. Der Roman spielt bezeichnenderweise in Venedig, einer Stadt mit einem ganz besonderen Lichtzauber. Kein Wunder, dass die Maler dieser Stadt seit der Renaissance gerade dieses Phänomen in den Vordergrund ihre Arbeit rückten. Der beste von ihnen, so meinte ein Kunstkritiker im 18. Jahrhundert, sei Giovanni Battista Tiepolo gewesen, und allein die Liste der Aufträge für diesen Maler scheint das zu unterstreichen, kamen sie doch aus ganz Europa. In Würzburg schuf er mit seinem Deckengemälde der Residenz sein Hauptwerk. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihm zu seinem 250. Todesjahr eine große Ausstellung unter eben diesem Titel: Tiepolo. Der beste Maler Venedigs.

 

Der heilige Jakobus der Ältere, 1749–50 © Szépművészeti Múzeum – Museum of Fine Arts Budapest 2019

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Farbe aus der Steckdose. Lichtkunst von Daniel Hausig im Museum Ritter

Licht als solches ist, entgegen landläufiger Vorstellung, nicht sichtbar, denn es ist reine Energie. Wenn wir den „Lichtschalter“ betätigen, so sagen wir, wir machten Licht, doch diese Formulierung ist falsch, denn wir veranlassen lediglich, dass Strom in einen Leuchtkörper fließt, der dort Helligkeit erzeugt. Für die Künstler war das Phänomen Licht seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein besonderes Faszinosum. Schon 1930 entwickelte László Moholy-Nagy einen Apparat, der an verschiedenen Stellen Licht aufleuchten ließ, Mario Merz schrieb mit Lichtröhren Buchstaben in die Luft, und James Turrell erzeugte ganze Lichträume, in denen einem schwummrig werden kann. Daniel Hausig dagegen „malt“ mit Licht und bringt den Betrachter mit seinen Installationen zur Reflexion über seinen Umgang damit, wie eine Ausstellung im Museum Ritter zeigt.

Wetterleuchten, 2019 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Daniel Hausig

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Greiforgan und Sinnbild – die Hand in der Kunst der Gegenwart

Sie ist ein Wunderwerk – die Hand des Menschen und seines engsten Verwandten, des Primaten. Sie setzt sich aus siebenundzwanzig Knochen zusammen, in beiden Händen befindet sich somit ein Viertel aller im menschlichen Körper, sie verfügt als einzige über einen opponierenden Daumen, der sie zur Greifhand prädestiniert – und entsprechend hoch ist ihr Ansehen. Als Werkzeug aller Werkzeuge lobte Aristoteles sie, als sichtbaren Teil des Gehirns pries Immanuel Kant sie, wie man im vorzüglichen Katalog zu einer Ausstellung von Barbara Renftle in Biberach lesen kann, die aufzeigt, welchen Stellenwert die Hand in der Kunst von heute hat.

Ingeborg Wissel, Skeletthand mit Ehering, 2014 (Detail)

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Das Problem mit dem Alter: Neues Publikum für alte Musik?

Die Haarfarbe bei klassischen Musikveranstaltungen ist weitgehend grau bis weiß, sofern sich überhaupt noch Haare auf den Häuptern beflnden. 2007 war mehr als die Hälfte der Besucher von Klassikkonzerten über sechzig, nur acht Prozent unter dreißig, und der Trend dürfte sich in den letzten zehn Jahren noch verschärft haben. 1980 lag der Altersdurchschnitt noch bei vierzigJahren. Das Publikum der Klassik stirbt aus – Grund genug für dieVeranstalter, sich neue Formen auszudenken, um alternativePublikumsgruppen für die Klassik zu interessieren.

Staatsorchester Stuttgart © Sebastian Klein

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Von der Aktualität der Kunst: Calixto Bieito inszeniert in Stuttgart Ödön von Horváths Italienische Nacht

Dramen auch lange nach ihrer Entstehung aktuelle Bezüge zu entlocken, ist vornehme Aufgabe der Regisseure, der diese seit einiger Zeit freilich oft recht subjektiv nachkommen bis hin zur Unkenntlichkeit der Stücke. Dass ein Drama aber Jahrzehnte nach seiner Entstehung wieder aktuell ist, dürfte die Ausnahme sein. Ödön von Horváths Italienische Nacht zählt dazu, zeigt es doch anhand eines von Sozialisten veranstalteten gemütlichen Abends die aufziehende Gefahr von Rechts. Das Stück wurde 1931 uraufgeführt, jetzt hat es Calixto Bieito für das Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Michael Stiller (Betz), Christiane Roßbach (Adele), Elmar Roloff (Stadtrat), Felix Strobel (Engelbert), Boris Burgstaller (Kranz). Foto: David Baltzer

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