Archiv der Kategorie: Kunst

Schöpfungen wie aus dem Nichts: Die Farbe Weiß im Museum Ritter

Es sollte ein Neuanfang sein, eine Stunde Null in der Kunst, von der an alles möglich war. So verstanden Otto Piene und Heinz Mack 1958 ihre neue Kunst, die sie ZERO nannten und in deren Zentrum die Farbe Weiß stand – die Farbe bzw. das Licht. Ein besseres Medium hätten sie nicht wählen können, als sie ein Gegengewicht gegen den Ballast der Vergangenheit suchten, denn Weiß gilt – zumindest in unserem Sprach- und Kulturraum als Symbol der Reinheit, der Unschuld und Unendlichkeit (im Unterschied etwa zum Buddhismus, wo Weiß für Trauer steht, und zu China, wo Weiß Symbol für Herbst und Alter ist). Weiß zählt mit Schwarz zu den unbunten Farben, wobei der Begriff Farbe durchaus zutrifft, denn physikalisch ist Weiß die Addition von Rot, Grün und Blau in jeweils gleichen Intensitäten. Insofern könnte man bei Weiß auch von einem Höchstmaß an Möglichkeiten reden. Das Museum Ritter in Waldenbuch zeigt ein Spektrum dieser Möglichkeiten – natürlich, wie stets in diesem Haus – im Quadrat.

Günther Uecker, Spirale, 2002 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

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Unmögliche Räume: Martin Kaspers „Architekturmalerei“

My home is my castle – der englische Spruch verrät Stolz und ein Gefühl der Sicherheit. Die Welt da draußen ist voller Gefahren – fremd, bedrohlich. Der Rückzug ins Innere, ins Eigenheim verspricht Vertrautheit, Wärme, Zuflucht. Aber das Innen kann auch Gefängnis sein. Piranesis Radierungen der Carceri wurden gedeutet als Alptraumwelten, die Räume bei Max Beckmann verbreiten eine Stimmung des Unbehagens. Auch Martin Kasper malt Innenräume. Bei ihm sind es Symbole der Verunsicherung, dabei wirken sie auf den ersten Blick ganz „normal“.

Schusev 1, 2017 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018. Foto: Bernhard Strauss

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Kunst als Herausforderung: Olaf Metzel im Spendhaus in Reutlingen

Er mischte sich ein, bezog Stellung. Der Maler Jerg Ratgeb engagierte sich für die Bauern im Bauernkrieg und musste das mit dem Leben bezahlen. Das war 1526. 450 Jahre danach setzte ein anderer Künstler, der sich gleichfalls für Gerechtigkeit und Freiheit engagierte, diesem Künstler ein Denkmal. HAP Grieshaber rief den Jerg-Ratgeb-Preis ins Leben. Damit sollte nicht unbedingt politische Kunst ausgezeichnet werden, wie man vermuten könnte, sondern generell ein künstlerisch bedeutendes Lebenswerk. Mit dem jüngsten Preisträger hat diese Ehrung allerdings wieder die Komponente, die das Werk des Stifters auszeichnet. Olaf Metzel, seit 1990 Professor für Bildhauerei in München, versteht Kunst als ästhetische Äußerungsform, die zugleich politische Stellungnahme ist: Kunst als eine Form der Provokation. Die den Preis begleitende Ausstellung im Reutlinger Spendhaus macht das deutlich.

13.4.1981, 1986 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

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Pure Farbe als Gestaltungmittel: Emil Noldes Arbeiten auf Papier

Er war der große Blumenmaler der Kunstgeschichte: Emil Nolde vermochte auf seinen Bildern, Blumen eine strahlende Leuchtkraft zu verleihen, die die Fähigkeit der Natur noch übertraf; seinem großen Motiv zuliebe legte er sich in seinem Haus in Seebüll an der dänischen Grenze ein blühendes Paradies an. Dass er mehr als nur ein Blumenliebhaber war, hatte bereits vor einem starken Jahr eine Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg gezeigt. Den „ganzen“ Nolde zeigt jetzt auch die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn, obwohl sie sich auf Arbeiten auf Papier beschränkt, vor allem Aquarelle, und kann gerade mit dieser Beschränkung noch einen weiteren wesentlichen Aspekt seines Schaffens verdeutlichen.

Zugspitze und die beiden Waxensteine. Bergpostkarte Nr. 21, um 1895/96 © Nolde-Stiftung, Seebüll

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Licht im Dunkel: Der Maler Hermann Pleuer

Ein Gemälde gab der Kunstrichtung den Namen: Impression – Soleil levant. Claude Monet vereinte da die großen Elemente, aus denen sich der Impressionismus zusammensetzte: Den Eindruck, den die Welt im Auge hinterließ, und das Licht. Duftige Himmelsbilder entstanden auf diese Weise, helle Farben dominierten, auf Schwarz oder Dunkelbraun verzichtete man gern, alles atmete eine Leichtigkeit des Seins. Nicht so bei den Künstlern, die sich im Schwäbischen dem Impressionismus verschrieben. Hier sucht man den Himmel oft vergebens, auf ihren Bildern taucht man oft in dunkle Waldszenen ein, erdige Farben dominieren, aber auch die Technik, die Farbflächen in einzelne Farbstriche und -flecken aufzulösen. Das Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd zeigt einen Extremfall dieser ganz eigenen Richtung: Hermann Pleuer.

Mädchen am Fenster, 1894

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Vom Realen zum Möglichen: Künstler schaffen Räumlichkeiten

Es ist die große Domäne aller Kunst: Tun zu können „als ob“. Mag ein Gemälde der Außenwelt auch extrem nahe kommen wie in der Trompe l’oeil-Malerei, so bleibt sie doch eine Sphäre sui generis. Ganz anders die Architektur: Sie bedient sich des Als-ob, einer Zeichnung oder eines Modells als Vorstufe, doch ihre vornehmliche Arbeit findet im Bereich des Realen statt und muss den Gesetzen dieser Sphäre gehorchen. Wie es aussieht, wenn sich Künstler mit dem befassen, was die Architekten herstellen – Räumlichkeiten jeder Art – zeigt eine Ausstellung im Kunstwerk in Eberdingen.

Sinta Werner, Die szenische Auflösung I, 2013

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Kunst gebiert Kunst: Albert Weisgerber in der Kunststiftung Hohenkarpfen

Im 16. und 17. Jahrhundert war es für Künstler nördlich der Alpen ein Muss, nach Italien zu reisen und sich an der dortigen Kunst zu schulen. Was einem Dürer und Rubens die Mittelmeerwelt war, bedeutete für die Künstler im 19. Jahrhundert Frankreich, vor allem Paris. Hier holte man sich Inspirationen von den gerade herrschenden neuen Stilen – dem Impressionismus, dem Pointillismus -, vor allem aber von einzelnen Künstlerpersönlichkeiten wie Cézanne oder van Gogh. Diesem Drang konnte sich auch der 1878 geborene Bayer Albert Weisgerber nicht entziehen. Er ließ sich anregen, kopierte auch, und entwickelte daraus einen ganz eigenen Stil.

Der Maler und die drei Grazien, 1910

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Ja – aber: Minimal Art heute in der Kunsthalle Tübingen

Objektiv sollte sie sein, klar, schematisch, vor allem bar jeder Persönlichkeit – die Künstler der Minimal Art strebten in den 60er Jahren eine radikale Abkehr von der extrem subjektiven Kunst der abstrakten Expressionisten an, die spontan ihr Innerstes im Augenblick des Malens auf die Leinwand brachten. Die Folge: Reduzierung auf einfachste geometrische Formen, Vermeidung jeder persönlichen Handschrift, Verwendung industriell genormter Materialien. Das sollte die Konzentration schärfen und den Betrachter auf seine eigene Wahrnehmung lenken. Solche Zielsetzungen faszinieren auch heute noch, auch die Reduzierung auf einfache Formen, und doch ist das, was Künstler heute unter Bezugnahme auf die Minimal Art herstellen, etwas radikal anderes, wie eine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen zeigt.

Beate Terfloth Neonkreis I, 2015

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Was ist Farbe? Neue Bilder von Tamina Amadyar

Vergleiche helfen, einen Künstler einzuordnen, aber wird man ihm dadurch gerecht? Ist nicht spätestens seit Beginn der Moderne jeder Künstler einzigartig und also unvergleichbar? So ist es wenig hilfreich, die 1989 in Kabul geborene Tamina Amadyar mit Malergrößen wie Helen Frankenthaler, Ellsworth Kelly oder Agnes Martin zu vergleichen, was bereits der Fall war, denn diese drei Künstler sind jeweils höchst unterschiedlich, was Vergleiche verbietet. Wenn man ein Schlagwort bemühen will, dann das der Farbfeldmalerei, denn nichts anderes bringt die Künstlerin auf die Leinwand und hat in ihren neuesten Arbeiten eine sehr freie Behandlung solcher Farbfelder entwickelt, wie eine Ausstellung im Reutlinger Kunstverein demonstriert.

miracle mile, 2018

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Widersprüche in sich: Die Plastiken von Axel Anklam

Die Vorstellungen, die man mit einer Plastik verbindet, sind klar umrissen. Eine Plastik ist ein dreidimensionales Gebilde, also raumgreifend, definiert sich über das Volumen, mithin über die Außenfläche, und ist in der Regel kompakt – aus Stein oder Holz. Im Fall von Metallplastiken kann sie auch innen hohl sein, vor allem aber ist sie schwer. Bei den Plastiken von Axel Anklam allerdings scheint alles anders, seine Arbeiten hinterfragen die traditionellen Aspekte der klassischen Plastik und zwingen den Betrachter, seine festgefügten Ansichten zu überdenken, wenn nicht gar zu relativieren.

Melancholia, 2016© VG Bild-Kunst Bonn 2018

 

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