Archiv der Kategorie: Kunst

Zeitlos modern: Der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck

Zeitlose Gültigkeit und tagespolitische Aktualität sind in der Kunst in der Regel selten vereinbar, meist sogar Gegensätze. Dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck allerdings gelang dieser Spagat, und das, obwohl sein Formenrepertoire eindeutig an klassisch-antiken Vorbildern geschult ist und ausschließlich an der menschlichen Figur durchdekliniert wurde. Die Staatsgalerie Stuttgart, die nach dem Erwerb dreier Lehmbruck-Plastiken und zahlreicher Graphiken über den zweitgrößten musealen Bestand an seinen Werken verfügt, zeigt in einer Ausstellung auf, wie diese Synthese gelang, und führt zugleich in einer mustergültig klaren Präsentation in seine Arbeitsweise und sein künstlerisches Denken ein, die Lehmbrucks Modernität unterstreicht.

Der Gestürzte, 1915

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Ein Holzschneider par excellence: Wilhelm Laage im Kunstmuseum Reutlingen

Verschrieb sich im 19. Jahrhundert ein Künstler der Druckgraphik, gar dem Holzschnitt, verstand er sich wohl eher als zweitrangig, denn dieses Medium galt in erster Linie als Reproduktionsmittel, allenfalls als Illustrationstechnik. Das änderte sich, als mit der Öffnung Japans, das sich jahrhundertelang von der Welt abgeschottet hatte, die feinlinigen ostasiatischen Farbholzschnitte bekannt wurden und als die Künstler zunehmend auf intensiven Ausdruck von Emotionen setzten wie etwa Edvard Munch. Dass sich ein Künstler des Jahrgangs 1868 nahezu vollständig auf den Holzschnitt konzentrierte wie Wilhelm Laage, war freilich dennoch eine Ausnahme, aber für die Nachwelt ein Glück, wie eine Ausstellung im Reutlinger Spendhaus belegt.

Steg am Meer, 1901

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Außer sich: Formen der Ekstase

Konträrer hätten die Griechen sich die Götter nicht vorstellen können. Da ist auf der einen Seite Apoll – Sinnbild für das Schöne, Lichte, die Reinheit und die Künste, vor allem den Gesang und die Dichtung. Und da ist Dionysos, der Gott des Weins und daher wohl auch der Freude, aber auch der Triebhaftigkeit, des Rausches und der Fruchtbarkeit, und auch er ein Quell der Künste; auf den Dionysien entwickelte sich die griechische Tragödie. Dionysos steht für die Extreme, die Unbändigkeit, die Hemmungslosigkeit und damit für die Ekstase. Was dieses Phänomen, das sowohl körperliche als auch emotionale Komponenten hat, verursacht, erkundet eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, schließlich ist Kunst in der Lage, unser Bewusstsein zu verändern und an Grenzen zu treiben, die dem Alltag und der Normalität fremd sind.

Lovis Corinth Heimkehrende Bacchanten, 1898. Foto: Von der Heydt-Museum Wuppertal

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Und sie bewegt sich doch! „Squares in Motion“ im Museum Ritter

Das Kunstwerk ordne Farben und Formen nebeneinander an, so befand Gotthold Ephraim Lessing 1766, im Gegensatz zur Dichtkunst, deren Worte nacheinander folgten. Dichtung sei also Zeitkunst und könne daher Handlungen darstellen, bildende Kunst dagegen nur Gegenstände. Diese Auffassung hat bis heute durchaus Geltung, „Leben“ erhält demnach ein Kunstwerk erst im Geist des Betrachters, in dessen Deutung. Doch seit Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Kunst, sich zu bewegen, sei es durch Lichteffekte, sei es durch Motoren. Die von Lessing konstatierte Beschränkung war aufgehoben. Das Museum Ritter führt nun vor, was dabei „Bewegung“ alles sein kann – natürlich, wie stets in diesem Museum, im Quadrat: „Squares in Motion“.

Achim Zeman, swirl, 2013/18 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

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Vom Ton zum Bild – Bildende Künstler und Johann Sebastian Bach

Die Bedeutung eines Komponisten kann man an der Zahl der Aufführungen und Interpretationen seiner Werke ablesen. Da steht Johann Sebastian Bach gewiss nicht schlecht da. Ein Maß für seinen Rang ist aber auch die Anzahl von Kunstwerken, die durch seine Musik angeregt wurden – und da erwies sich Bach als wahrer Inspirationsquell. So regte seine Musik zahlreiche Musiker an, sei es, seine Werke zu bearbeiten, wie dies Leopold Stokowski mit Orgelstücken für Orchester tat, sei es, Bachs Kompositionen in neuen Tonsprachen weiterzuführen wie etwa Dieter Schnebel. Aber auch die bildenden Künstler ließen sich vor allem von dem Meister der genau strukturierten Komposition anregen, bezeichnenderweise Vertreter der abstrakten Kunst, die sich ganz auf formale Aspekte konzentriert. Aus Anlass der 333. Wiederkehr von Bachs Geburtstag hat das Stadtmuseum Tübingen acht Tübinger Künstler um eine Hommage gebeten.

Axel von Criegern, Brandenburgische Konzerte, 2018

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System und Fantasie – konkrete Kunst als optisches Labor

Nichts sei konkreter als eine Linie, eine Farbe und eine Oberfläche, so formulierte es Theo van Doesburg 1930 in seinem Manifest der konkreten Kunst und legte damit den Grundstein für eine Kunstrichtung, die völlig auf gegenständliche Beschreibung, Emotion oder subjektiven Ausdruck verzichten sollte zugunsten einer reinen Form. Sie hat bis heute nichts an Faszination verloren, obwohl sie dem Betrachter nicht immer leicht zugänglich ist, entwerfen die Künstler in ihr doch meist mathematisch fundierte Systeme, deren Möglichkeiten sie dann austesten. Seit dreißig Jahren hat sie in Reutlingen in einer auf der Privatsammlung von Manfred Wandel basierenden Stiftung ein international renommiertes Forschungsforum. Jetzt sind Teile davon durch eine Schenkung in die Sammlung des Kunstmuseums Reutlingen übergegangen, deren neue Sparte „Kunstmuseum Reutlingen / konkret“ nun einen ersten Überblick präsentiert: „Arbeiten aus System.“

Vera Molnar. M comme Malewitsch (1959-71) © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

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Künstliche Realitäten: Der Maler Julius Herburger

Das Frühwerk eines Malers ist meist geprägt durch ein Suchen: Man kann Vorbilder erkennen, die zum Teil noch epigonal verarbeitet wurden, man kann tastende Versuche ausmachen, aus denen sich dann möglicherweise das herausschälte, was als typischer Personalstil später zur Reife gedeihen sollte. Bei zwei Künstlern, die in den 20er Jahren an der Stuttgarter Akademie studiert haben, war das anders. Wilhelm Geyer verblüffte schon als Student mit einer Auflösung der Figuren in lauter Farbklänge, die er beibehalten sollte, und Julius Herburger, wie Geyer Student bei Christian Landenberger, entwickelte eine Bildgestaltung, die einzigartig in dieser Zeit dastand. In der Kunststiftung Hohenkarpfen lässt sie sich derzeit nachvollziehen.

                                                           Vier Männer am Strand, 1926

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Malerei ganz aus dem Malakt heraus: Wilhelm Geyer

So radikal die Moderne den Gegenstand aus der Malerei auch entfernt haben mag – dieser Auflösungsprozess nahm eine lange Zeit in Anspruch. Die Kubisten nahmen sich für ihre formale Zerlegung die Geometrie zu Hilfe, die Expressionisten die jeglicher Natürlichkeit entgegenstehende Farbgebung, aber schon der Impressionismus läutete diesen Vorgang ein, so sehr er auch der Landschaft und dem Licht in der freien Natur noch verpflichtet war. Wilhelm Geyer schlug einen ganz eigenen Weg ein, wie jetzt eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Böblingen belegt.

                            Vierflügelaltar „Das Kirchenjahr“. Advent – Verkündigung, 1925/26

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Wirklichkeits-Bilder: Fotografien der letzten fünfzig Jahre im Schauwerk Sindelfingen

Sie diente dem Ziel, die Realität möglichst exakt abzubilden, die Fotografie sollte es exakter und auch „neutraler“ ermöglichen, als dies dem Maler vergönnt war, der etwa in der Porträtmalerei dem Modell zwar möglichst nahe kommen wollte, indem er es „naturgetreu“ wiedergab, der sich aber dennoch bereits durch den Pinselstrich von der Realität entfernte. Kunstcharakter wurde der Fotografie denn auch zunächst einmal abgesprochen. Der Künstler erschaffe die Wirklichkeit, so meinte noch 1963 der Kunsttheoretiker Karl Pawek, der Fotograf sehe sie. Doch da hatte diese Erfindung längst Einzug in die Kunstwelt gehalten und wurde 1977 auf der documenta mit einer eigenen Abteilung geadelt. Das Schauwerk Sindelfingen ermöglicht nun einen Einblick in das Wesen moderner Fotografie während der vergangenen fünfzig Jahre.

Karl Hugo Schmölz, Eingang Lampengeschäft axiala, 1951. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart © Karl Hugo Schmölz, Archiv Wim Cox, Köln

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Die Vergangenheit im Bild – die Antike in Graphiken aus der frühen Neuzeit

Der Fotoapparat sowie in letzter Zeit dank besserer Qualität der Kameras, das Mobiltelefon sind unverzichtbar. Wer Rom besucht, will festhalten, was dort von der Antike vor über zweitausend Jahren noch übrig ist: Man bestaunt die Säulen auf dem Forum Romanum, das Kolosseum, das Pantheon – und will es zuhause gleichermaßen tun. Dieses Bedürfnis, sich der Antike in der Stadt am Tiber zu nähern, hatten freilich auch schon unsere Vorfahren zu Beginn der Neuzeit, wie eine Ausstellung des Museums der Universität Tübingen zeigt, nur übernahmen da die Künstler, was heute jeder Laie vermag.

Giovanni Battista Piranesi, Sybillen-Tempel in Tivoli, 1761

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