Archiv der Kategorie: Rezensionen

Philosophisch verbrämt: E. O. Chirovicis Buch der Spiegel

Ein Blick auf die Rezensionsseiten unserer Zeitungen lässt die Geburt eines Meisterromanciers vermuten. Da erkennt man – zumal in den deutschen Feuilletons – Anklänge an einen Marcel Proust, da werden Verwandtschaftslinien zum großen Nabokov gezogen. Dabei ist E.O. Chirovici kein Newcomer; in seiner rumänischen Heimat hat er bereits einige Romane verfasst, jetzt hat er, der seit 2012 in den USA lebt, seinen ersten Roman in englischer Sprache geschrieben und in ihm selbst die Fährten in Richtung dieser beiden Autoren gelegt, denn zum einen ist sein Roman perspektivisch durchaus raffiniert konstruiert, da mag man an einen Nabokov denken, zum zweiten spielt er in den letzten Zeilen seines Romans selbst an den großen Meister der literarischen Erinnerung an.

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Der Alltag als Kunst: Ein Schriftsteller erkundet die Kunsthalle Göppingen

Mit einer Günther Uecker-Ausstellung fing es an, das Leben der Kunsthalle Göppingen, anno 1989 in einer Stadt, in der Kunst bis dahin allenfalls im Foyer der Stadthalle zu sehen war. Seither gibt es also einen eigenen Kunsttempel, wenn auch in einer Gegend, in der man derlei nicht unbedingt suchen mag. Doch der Ort entwickelte Leben, Kunst von heute, Avantgarde, oft noch ehe eine documenta in Kassel auf einen Künstler aufmerksam wurde. Nun konnte auch noch ein Literaturstipendium eingerichtet werden, benannt nach einem Dichter, der Göppingen nie zu Gesicht bekommen hat: Rainer Maria Rilke, und der erste Stipendiat, Kai Bleifuss, widmete sich in einem Buch sinnigerweise dem Genius loci, der Kunsthalle, wenn auch nicht der Kunst.

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Freud und Leid des Landlebens: Elizabeth Gaskells Frauen und Töchter

In Literaturgeschichten rangiert sie im Schatten eines Charles Dickens: Elizabeth Gaskell, auch Mrs. Gaskell genannt, die mit Romanen über die Welt der Arbeiter vor allem von sozialhistorisch engagierten Literaturkritikern geschätzt wird. Doch die Themen, die sie in Werken wie Mary Barton, einem der ersten englischen Industrieromane über den Chartistenaufstand in Manchester und die katastrophalen Lebensbedingungen des Industrieproletariats aufgriff, sind heute, trotz literarischer Qualitäten, doch eher Stoff für die Wissenschaft. Mit ihrem letzten (bis auf wenige Seiten noch von ihr vollendeten) Roman griff sie scheinbar zurück in die Provinzwelt einer Jane Austen, und doch hielt der große Literaturkritiker Laurence Lerner ihren Roman Frauen und Töchter für den unterschätztesten Roman der englischen Sprache. Vor 150 Jahren ist sie kurz vor Vollendung dieses Romans gestorben.

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Trau schau wem! Ein Krimi mit philosophischem Hintergrund von Paula Hawkins

Ein Tag wie jeder andere: Rachel fährt mit dem Zug zur Arbeit, vorbei an den Wohnsiedlungen entlang den Bahngleisen, und beobachtet dabei tagaus, tagein ein Ehepaar. Die beiden machen auf sie einen sympathischen Eindruck, und in ihrer alltäglichen Langeweile auf dem Weg zur und von der Arbeit denkt sie sich für die beiden Gestalten, die sie sieht, aber nicht hört, Biographien aus: Geschichten eines Ehepaares, sie nennt die beiden Jess und Jason. Das könnte der Anfang eines Romans über eine werdende Schriftstellerin sein, die am Ende aus dem Alltag erfolgreiche Literatur bastelt. Und genau dieser Wechsel von „könnte sein“ und „ist es nicht“ bestimmt den Fortgang dieses Buches, der beginnt wie das Psychogramm einer gescheiterten jungen Frau im Großstadtdschungel von London.

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula Hawkins

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