Archiv der Kategorie: Theater

Endzeitvision zum Ende einer Intendanz: Toshio Hosokawas Erdbeben.Träume hat Uraufführung an der Oper Stuttgart

Es ist einer der grausamsten Texte deutscher Literatur zumindest des 19. Jahrhunderts. In fast klinisch aseptischer, neutraler Sprache berichtet Heinrich von Kleist vordergründig von einem Erdbeben in Chili. Doch in Wirklichkeit beschreibt er eine Apokalypse: der Welt durch eine Naturkatastrophe, der Menschlichkeit durch das Volk, das durch die Angst im Dienste einer rigiden Moral zum mordenden Mob wird. Marcel Beyer hat diese Erzählung zu einem Opernlibretto verdichtet, der Japaner Toshio Hosokawa hat sie in ein operndramatisches Klangereignis verwandelt. Jossi Wieler verabschiedete sich von seiner Opernintendanz mit einer eindringlichen Mahnung an die Menschheit.

Dominic Große (Jeronimo), Esther Dierkes (Josephe Asteron), Sachiko Hara (Philipp), Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson (Anführer der sadistischen Knaben). Foto: A.T. Schaefer

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Untergang als Comic: Sebastian Baumgarten inszeniert Salome am Schauspiel Stuttgart

Wenn man Vorgeschichte als Omen begreift, dann stand diese Figur unter einem bösen Stern. Salome war die Enkelin jenes Herodes, der für den bethlehemitischen Kindermord verantwortlich war, und sie war eine Tochter der Herodias, die in zweiter Ehe mit dem Bruder ihr ersten Mannes verheiratet war – auch er ein Herodes, was den Widerspruch des Propheten Johannes hervorrief. Was kann da schon Gutes entstehen? Und so wurde Salome denn auch zum Inbegriff des verführerischen Frau, die mit einem Schleiertanz ihren Stiefvater dazu bringt, ihr das Haupt des von ihr geliebten Propheten Johannes zu liefern. Die Erzählung findet sich in der Bibel, nicht jedoch der Name dieser Prinzessin. 1893, in der Blütezeit des Fin de Siècle, das eine besondere Vorliebe für die Laszivität dieser Figur hatte, veröffentlichte Oscar Wilde sein Drama um diese Prinzessin, hundert Jahre danach bearbeitete Einar Schleef das Stück und betonte vor allem eine krude Sexualität. Jetzt hat Sebastian Baumgarten diese Version am Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Horst Kotterba, Sebastian Röhrle. Foto: Birgit Hupfeld

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Freiheit – eine Illusion: Gefängnis auf der Bühne der der Oper Stuttgart

Sprecht leiser, haltet euch zurück, ihr seid belauscht mit Ohr und Blick“ warnt ein Gefangener in Beethovens Fidelio seine Mithäftlinge in einem kurzen Augenblick, in dem sie ans Tageslicht dürfen, ehe sie wieder zurück in die dunklen Zellen müssen. Dennoch steht am Ende eine große Befreiung, obwohl zunächst alles dagegen spricht. Eine Befreiung scheint dagegen in greifbarer Nähe in Luigi Dallapiccolas 1949 entstandener Oper Der Gefangene, und auch in der 2006 uraufgeführten „nächtlichen Szene“ Das Gehege von Wolfgang Rihm scheint es zunächst um Befreiung zu gehen, und doch ist am Ende Freiheit unerreichbar. Die Oper Stuttgart hat nun beide Kurzopern zu einem Abend verbunden.

John Graham-Hall (Der Kerkermeister / Der  Großinquisitor), Georg Nigl (Der Gefangene)
Foto: Bernd Uhlig

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Spaß mit Ernst: Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren Donizettis Don Pasquale

Alter Reicher will junge hübsche Frau – ein Standardthema der Komödie, bereits in der italienischen Commedia dell’arte ein klassisches Motiv. Der Alte macht sich zum Dummen und wird am Ende düpiert. Das liegt auch Gaetano Donizettis Don Pasquale zugrunde, und doch steckt hinter dieser komischen Oper mehr Substanz, als man annehmen möchte. Donizetti schrieb eine Oper über Liebe ohne richtiges Liebesduett, ohne überzeugendes Liebespaar – vor allem schrieb er eine Commedia dell’arte-Oper zeitgenössisch. All das haben Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer neuen Stuttgarter Inszenierung beherzigt.

Enzo Capuano (Don Pasquale). Foto: Martin Sigmund

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Tragödie ohne Tragik: Claus Peymanns King Lear in Stuttgart

Als Elementarereignis bezeichnete der Theaterkritiker Georg Hensel einmal das Stück: Shakespeares Tragödie über den König Lear, der vorzeitig sein Reich unter seinen Töchtern aufteilt, ist ein Drama um die Verblendung eines Mannes, der meint, weiter als König behandelt werden zu sollen, wenn er längst keiner mehr ist, der den vordergründigen verbalen Liebesbekenntnissen mehr traut als dem ehrlichen Verhalten, der aus maßloser Wut seiner Jüngsten, die ihm das Lippenbekenntnis versagt, das Erbe aufkündigt. Da werden Kinder verstoßen, Feinde geblendet – ein Drama um Egoismus, der jede Stimme des Herzens tötet. Abgesehen von Shakeapeares Titus Andronicus, in dem es nur um unmenschliche Grausamkeit zu gehen scheint, ist dies sein grausamstes Stück. Claus Peymann hat es nun am Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Martin Schwab (König Lear). Foto: Thomas Aurin

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Psychodrama im Dorfmilieu: Bellinis La Sonnambula an der Oper Stuttgart

Es könnte ein Drama in einem Kitschroman aus der Alpenwelt sein, in dem der Held der Angebeteten unter Gefahr, sein Leben aufs Spiel zu setzen, einen Enzian pflückt, die Nebenbuhlerin die Heldin fast in den Tod treibt und am Ende doch alles glücklich ausgeht: Bellinis 1831 uraufgeführte Oper La Sonnambula lässt kaum ein Handlungsklischee aus, brilliert aber mit Koloraturen und hochdramatischen Ausbrüchen, die freilich erst von einer Callas wieder für die Opernbühne des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Dass Jossi Wieler und Sergio Morabito, die bekannt sind für ihre genaue Lektüre der Partitur und eine fast tiefenpsychologische Auslegung der Figuren, nicht diese plakative Vordergrundhandlung auf die Bühne bringen, versteht sich von selbst.

Mirella Bunoaica (Amina), Helene Schneiderman (Teresa), Christian Tschelebiew (Alessio), Jesús León (Elvino), Catriona Smith (Lisa), Liang Li (Rodolfo), Staatsopernchor Stuttgart. Foto: Martin Sigmund

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Plädoyer für den Zweifel: Das 1. Evangelium von Kay Voges am Schauspiel Stuttgart

Das Abendmahl, die Fußwaschung, der Judaskuss, die Geißelung, Kreuzigung – die Passion Christi hat sich fest ins kulturelle Gedächtnis der Christen eingeprägt und das mit ganz konkreten, durch die Kunstgeschichte gefestigten Bildern – das Abendmahl durch Leonardo da Vincis Wandgemälde, die Pietá durch Michelangelos Steinplastik, die Kreuzigung durch Matthias Grünewald. Doch gibt es auch andere, unkonventionelle Bilder derselben Geschehnisse, so schuf Francis Bacon mit seinem Kreuzigungstriptychon ein Szene der körperlichen Gewalt schlechthin. Der Regisseur Kay Voges hat dieses Phänomen kultureller ikonographischer Festlegung und Offenheit zum Thema seiner Passionsgeschichte gemacht. Am Schauspiel Stuttgart inszenierte er Das 1. Evangelium, mithin also das des Matthäus.

Foto: JU

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Liebe in Zeiten der Kälte. Cherubinis Medea an der Oper Stuttgart

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Josefin Feiler (Kreusa), Shigeo Ishino (Kreon), Sebastian Kohlhepp (Iason), Staatsopernchor. Foto: Thomas Aurin

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Molières Menschenfeind als Revue am Schauspiel Stuttgart

Die falsche Haltung ist bei Molière in der Regel schnell zu erkennen: Geiz, Hypochondrie oder der Wunsch, vornehmer zu wirken, als man ist – Molière ist ein Meister in der Bloßlegung grundlegender menschlicher Schwächen. Nicht so bei seinem 1666 entstandenen Menschenfeind. Hier ist die von höflicher Schmeichelei und Speichelleckerei geprägte vornehme Gesellschaft ebenso Gegenstand der Kritik wie der Menschenfeind Alceste, der stur absolute Wahrhaftigkeit über zwischenmenschliche Beziehungen setzt, wobei Alceste für seine Zeitgenossen wohl sehr viel lächerlicher wirkte als auf die späteren Generationen, schließlich attestierte ihm bereits Goethe eine gewisse Tragik. Für das Schauspiel Stuttgart entdeckte Wolfgang Michalek eine ganz neue Dimension.

Birgit Unterweger (Célimène), Christian Czeremnych (Alceste). Foto: Björn Klein

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Zwei alte Tanten … Arsen und Spitzenhäubchen am Schauspiel Stuttgart

Es ist einer der großen Filmklassiker, der Inbegriff schwarzen Humors: Brave Bürgerlichkeit trifft auf unverhohlenen Wahnsinn, und dieser Wahnsinn hat auch noch Methode. Arsen und Spitzenhäubchen war ein Erfolgshit am Broadway und mit Cary Grant auch auf der Filmleinwand. Das war vor über siebzig Jahren, und immer noch bringen Theater den Dauerbrenner auf die Bühne – jetzt das Schauspiel Stuttgart, und es holte sich dazu den Spezialisten für psychologisch tiefschürfende Dramen, Jan Bosse, als Regisseur.

Sebastian Röhrle (Teddy Brewster), Ferdinand Lehmann (O’Hara), Christian Schneeweiß (Jonathan Brewster), Manolo Bertling (Mortimer Brewster), Astrid Meyerfeldt (Dr. Einstein). Foto: Bettina Stöß

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