Gesetzmäßigkeiten der Tragik: Shakespeares Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart

Es ist eine der folgenreichsten Tragödien der Literaturgeschichte. Die tragisch endende Liebe zwischen Romeo und Julia aus zwei verfeindeten Adelshäusern bereicherte die Kinoleinwand, den Broadway, die Welt des Musicals – und die Stadt Verona, nicht zuletzt wegen des Balkons, von dem herab Julia ihrem Romeo den berühmten Spruch von der Lerche und der Nachtigall zugerufen haben soll. Der Regisseur Oliver Frljić baut denn in seiner Inszenierung am Schauspiel Stuttgart auf die Popularität der Geschichte und verzichtet daher, sie noch einmal von Anfang an auf der Bühne zu erzählen.

David Müller (Tybalt), Nina Siewert (Julia), Valentin Richter (Benvolio), Benjamin Pauquet (Graf Paris), Thomas Meinhardt (Pater Lorenzo), Jannik Mühlenweg (Romeo), Christoph Jöde (Mercutio), Franz Laske (Montague), Klaus Rodewald (Capulet). Foto: Thomas Aurin

Der Abend beginnt mit dem tragischen Ende. Romeo und Julia liegen tot in zwei Särgen, die übrigen Figuren, so noch am Leben, versammeln sich in Trauer. Bei Frljić fehlen zwar die vollmundigen Versöhnungsbekundungen der Herren Capulet und Montague, doch die Gesten sprechen für sich. Sie helfen den beiden im Tod Vereinten auf und verbinden sie in einer Umarmung. Frljićs Inszenierung ist voll solcher ausdrucksstarken Bilder.

Was dann folgt, ist die Geschichte dieser Liebe in Einzelepisoden, die in den besten Fällen unmittelbar ineinander übergehen. So verfolgen wir wie in einem (Alb-)Traum die wichtigen Stufen, die zu diesem Ende führen. Aus der Sargszene entwickelt sich jener Ball – in diesem Fall eine Party von heute, auch wenn die Schauspieler historische Kostüme tragen -, auf dem die verhängnisvolle Liebe ihren Anfang nahm, und wenn Romeo und Julia zu ihrem ersten Kuss finden, müssen sie in die beiden Särge steigen, die zwischen ihnen stehen: Das Ende ist bereits in diesem ersten Kuss angelegt.

Frljićs Präsentation der Geschichte im Rückblick nimmt dem Geschehen jeden Hoffnungsschimmer, den eine chronologische Erzählung immer wieder aufweisen würde. Hier führt alles unerbittlich zum Ende – eine Tragödie eben. Und Frljić lässt keine wesentliche Szene aus, alles, so erkennt man, führt hier zum tragischen Ende. Wenn in konventionellen Inszenierungen mal die Feindschaft zwischen den Capulets und Montagues als Hauptmotiv für das Ende erscheint, in anderen die tödlichen Fechtkämpfe zwischen den Jugendlichen, regt Frljićs Erzählweise den Zuschauer zu Spekulationen an, was denn sonst noch alles zu diesem Tod geführt haben könnte. Da wäre das unerbittliche Drängen von Julias Vater, sie solle eine Ehe mit dem reichen Grafen Paris eingehen, und da ist schließlich auch noch die tragische Verkettung von Zufällen – denn Julia wird von dem ihr zugetanen Pater in einen todesähnlichen Schlaf versetzt, um sie vor der ungewünschten Heirat mit Paris zu bewahren, was Romeo aber als echten Tod deutet, weshalb er sich umbringt – und Julia daraufhin sich.

Frljićs Erzählweise in Einzelsituationen macht deutlich, wie vielschichtig Shakespeares Tragödien gebaut sind. Da gibt es nicht einzelne Kausalketten, diese Stücke bestehen aus einer Gemengelage unterschiedlicher Handlungsmotive, die alle zusammen erst eine Einheit bilden. Viele Wege führen zum Tod der beiden Liebenden.

Benjamin Pauquet (Graf Paris), Nina Siewert (Julia). Foto: Thomas Aurin

Und zu vielen einzelnen Handlungskomponenten findet der Regisseur eindrucksvolle Bilder. So überblenden sich in einem Spiegelbild die Körper des heiratswilligen Grafen Paris mit dem Julias: Der Mann möchte die Frau buchstäblich vereinnahmen – kein Wunder, dass Julia nur Flucht als Rettung aus dieser Bedrängnis sieht. Die Kirche, Schauplatz der vom Vater geplanten Hochzeit mit Paris, wird als Holzmodell immer wieder hin- und hergefahren, bis Julia, von den übrigen Figuren bedrängt, wie eine Gekreuzigte als Opfer an ihr hängt.

Jannik Mühlenweg (Romeo), Nina Siewert (Julia), Statisterie. Foto: Thomas Aurin

Wer liebe, könne nicht fallen, heißt es einmal zwischen den beiden Liebenden – und sie balancieren dabei am Rand eines der beiden Särge. Ob allerdings unbedingt die Fantasiegestalten aus Hieronymus Boschs Gemälde Garten der Lüste auf die Bühne gebracht werden mussten, ist fraglich, denn in ihren Kostümen wirken sie doch eher putzig als bedrohlich.

Frljićs Inszenierung ist Regietheater. Solche massiven Eingriffe in die Dramenstruktur müssen nicht jedem gefallen, setzen vor allem auch eine intime Kenntnis des Stücks voraus. Aber dieses Regietheater macht sich im Unterschied zu so mancher Inszenierung unter dem früheren Stuttgarter Intendanten Petras das Stück nicht untertan, es ist vielmehr dem Stück dienlich, weil es Hintergründe und Tiefendimensionen sichtbar macht, die bei einer herkömmlichen Inszenierung im Unklaren bleiben würden. Romeo und Julia müssen untergehen, die so populäre Feindschaft zwischen ihren Familien ist dabei nur ein Grund, und nicht einmal unbedingt der wesentlichste.

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