Archiv der Kategorie: Musik

Freiheit – eine Illusion: Gefängnis auf der Bühne der der Oper Stuttgart

Sprecht leiser, haltet euch zurück, ihr seid belauscht mit Ohr und Blick“ warnt ein Gefangener in Beethovens Fidelio seine Mithäftlinge in einem kurzen Augenblick, in dem sie ans Tageslicht dürfen, ehe sie wieder zurück in die dunklen Zellen müssen. Dennoch steht am Ende eine große Befreiung, obwohl zunächst alles dagegen spricht. Eine Befreiung scheint dagegen in greifbarer Nähe in Luigi Dallapiccolas 1949 entstandener Oper Der Gefangene, und auch in der 2006 uraufgeführten „nächtlichen Szene“ Das Gehege von Wolfgang Rihm scheint es zunächst um Befreiung zu gehen, und doch ist am Ende Freiheit unerreichbar. Die Oper Stuttgart hat nun beide Kurzopern zu einem Abend verbunden.

John Graham-Hall (Der Kerkermeister / Der  Großinquisitor), Georg Nigl (Der Gefangene)
Foto: Bernd Uhlig

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Spaß mit Ernst: Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren Donizettis Don Pasquale

Alter Reicher will junge hübsche Frau – ein Standardthema der Komödie, bereits in der italienischen Commedia dell’arte ein klassisches Motiv. Der Alte macht sich zum Dummen und wird am Ende düpiert. Das liegt auch Gaetano Donizettis Don Pasquale zugrunde, und doch steckt hinter dieser komischen Oper mehr Substanz, als man annehmen möchte. Donizetti schrieb eine Oper über Liebe ohne richtiges Liebesduett, ohne überzeugendes Liebespaar – vor allem schrieb er eine Commedia dell’arte-Oper zeitgenössisch. All das haben Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer neuen Stuttgarter Inszenierung beherzigt.

Enzo Capuano (Don Pasquale). Foto: Martin Sigmund

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Der Opernbesucher als Mitdenker: Peter Konwitschnys Zauberflöte an der Oper Stuttgart

Man kann sie als Spiel für Kinder inszenieren, als Trickfilm, als Science Fiction, oder man kann sie in die Zirkussphäre verlegen: Mozarts Zauberflöte verweigert sich kaum einem Inszenierungsstil, weil sie alles in sich birgt: Sie ist Märchenspiel und Rachedrama, Weihespiel und ein Drama um Liebesleid Liebesglück und. An der Oper Stuttgart hat Regisseur Peter Konwitschny sich nicht für einen bestimmten szenischen Ansatz entschieden, er hat die Oper in jedem Detail ernst genommen und eben ihre Vielfalt der Ausdrucksebenen auf die Bühne gebracht.

Esther Dierkes, Maria Theresa Ullrich, Stine Marie Fischer (3 Frauen)

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Psychodrama im Dorfmilieu: Bellinis La Sonnambula an der Oper Stuttgart

Es könnte ein Drama in einem Kitschroman aus der Alpenwelt sein, in dem der Held der Angebeteten unter Gefahr, sein Leben aufs Spiel zu setzen, einen Enzian pflückt, die Nebenbuhlerin die Heldin fast in den Tod treibt und am Ende doch alles glücklich ausgeht: Bellinis 1831 uraufgeführte Oper La Sonnambula lässt kaum ein Handlungsklischee aus, brilliert aber mit Koloraturen und hochdramatischen Ausbrüchen, die freilich erst von einer Callas wieder für die Opernbühne des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Dass Jossi Wieler und Sergio Morabito, die bekannt sind für ihre genaue Lektüre der Partitur und eine fast tiefenpsychologische Auslegung der Figuren, nicht diese plakative Vordergrundhandlung auf die Bühne bringen, versteht sich von selbst.

Mirella Bunoaica (Amina), Helene Schneiderman (Teresa), Christian Tschelebiew (Alessio), Jesús León (Elvino), Catriona Smith (Lisa), Liang Li (Rodolfo), Staatsopernchor Stuttgart. Foto: Martin Sigmund

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Liebe in Zeiten der Kälte. Cherubinis Medea an der Oper Stuttgart

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Josefin Feiler (Kreusa), Shigeo Ishino (Kreon), Sebastian Kohlhepp (Iason), Staatsopernchor. Foto: Thomas Aurin

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Wider alle Umstände: Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart

 

Krasser geht es kaum mehr: Weil die Familie zu wenig zu essen hat, werden die beiden Kinder im Wald ausgesetzt, weil sonst Kinder und Eltern verhungern würden. Als Engelbert Humperdinck diesen Stoff in eine Märchenoper verwandelte, milderte er die Grausamkeit; bei ihm werden die Kinder in den Wald geschickt, um Beeren zu sammeln, wobei sie sich dann verirren und beim Knusperhäuschen der Hexe landen. In beiden Fällen sind Armut und Hunger die Motive des Geschehens, und so suchte Kirill Serebrennikov für seine Stuttgarter Inszenierung eines der am stärksten von Armut und Hunger heimgesuchten Gebiete dieser Welt auf. Er reiste nach Ruanda und drehte dort einen Märchenfilm nach den Gebrüdern Grimm und nach Humperdinck.

 Diana Haller (Hänsel), Esther Dierkes (Gretel), Kinderchor der Oper Stuttgart, auf dem Bildschirm: Kirill Serebrennikov (Filmregisseur), im Hintergrund: Georg Fritzsch (Musikalische Leitung), Staatsorchester Stuttgart
Foto: Thomas Aurin

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Surrealer Liebeswahn. Edison Denisovs Der Schaum der Tage an der Oper Stuttgart

Boris Vian war ein Tausendsassa: Französischer Chansonnier, Jazztrompeter, Romancier, Dramatiker – und stets sorgte er für Aufsehen, weil er gegen alle Konventionen verstieß. 1947 erschien sein Roman „Der Schaum der Tage“ – damals kaum beachtet, zählt er heute zu den Kultromanen der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts – ein Roman, in dem sich Fantasy, Comic und Satire auf den Existentialismus mischen. 1981 verarbeitete der russsische Komponist Edison Denisov den Roman zu einer Oper, die allerdings nur selten aufgeführt wurde. Denisov zählte zu den Avantgardisten unter den russischen Komponisten, daher blieb ihm die Anerkennung des sozialistischen Regimes versagt. Vor fünf Jahren hat sich der Intendant der Stuttgarter Staatsoper, der Regisseur Jossi Wieler, zusammen mit seinem ständigen Co-Regisseur Sergio Morabito des Stoffs angenommen. Jetzt ist die Oper wieder im Repertoire.

Mitglieder des Kinderchores der Oper Stuttgart. Foto: A.T.Schaefer

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Benjamin – Gion Antoni Derungs‘ Josephslegende bei der Jungen Oper Stuttgart

Sie zählt nicht zu den kürzesten Erzählungen in der Bibel, die Geschichte um den jungen Joseph, dessen Brüder auf ihn neidisch sind, weil der Vater ihn zum Liebling erkoren hat, und den sie nach Ägypten in die Sklaverei verkaufen und dem Vater als tot melden, aber auch sie nimmt nur rund ein Dutzend Seiten ein – im Unterschied zu Thomas Mann, der daraus ein Epos von weit über tausend Seiten machte. Als Oper in der Vertonung des Schweizers Gion Antoni Derungs dauert sie achtzig Minuten, anrührende Minuten, aber auch verstörende. Die Junge Oper, vor zwanzig Jahren an der Oper Stuttgart eingerichtet, um jungen Musikern erste professionelle Bühnenerfahrung zu ermöglichen, vor allem aber, um das Phänomen Oper einem jungen Publikum (dem Publikum der Zukunft) nahezubringen, hat die 2006 entstandene Oper nun in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht.

Ibrahima Biaye (Benjamin). Foto: Christoph Kalscheuer

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Psychologie des Spiels – Tschaikowskis Pique Dame an der Oper Stuttgart

Es ist eine Oper der Widersprüche. Auf der einen Seite die leidenschaftliche Liebe zwischen Lisa und German, auf der anderen kühle Berechnung, wenn Lisa sich mit dem reichen Jeletzki verlobt. Hier die große Emotion, da das gierige Verlangen nach dem Spielgewinn am Kartentisch. Und auch musikalisch gibt die Oper Rätsel auf. Einerseits gibt die Musik die großen Gefühle romantisch wieder, auf der anderen zitiert sie die Rokokozeit eines Mozart. Diese Widersprüchlichkeiten sin die Basis für eine neue Inszenierung von Tschaikowskis Werk an der Oper Stuttgart.

Helene Schneiderman (Gräfin), Erin Caves (German

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Alles dichterische Fantasie? Demis Volpi inszeniert Brittens Death in Venice

1973 hatte Benjamin Brittens Opernversion von Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig Uraufführung, zwei Jahre zuvor hatte Luchino Visconti seine Interpretation ins Kino gebracht. Beide verarbeiteten in diesen Werken ihre homoerotischen Neigungen, wie es ja 1911 auch schon der 36jährige Thomas Mann getan hatte. Visconti machte für die Leinwand aus dem Dichter Aschenbach einen an Gustav Mahler erinnernden Komponisten, Britten hielt sich in seiner Opernversion streng an die literarische Vorlage bis hin zur Endvision, in der der an Cholera erkrankte todkranke Dichter meint, der von ihm vergötterte Knabe Tadzio lächle und winke ihm zu, das, was er tagelang in Venedig erfolglos zu erreichen versucht hatte. Britten hatte in seinem Werk, in dem es vor allem um Schönheit und Ästhetik geht, Oper und Tanz kombiniert, so war es nur folgerichtig, dass die Oper Stuttgart nun die Regie für ihre Neuproduktion dem Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts, Demis Volpi, übertrug.

Matthias Klink (Aschenbach) Foto: Oper Stuttgart

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