Archiv der Kategorie: Musik

Oper im Ausnahmezustand: Die Oper Stuttgart mit „Herzog Blaubarts Burg“ im Paketpostamt

Die Suche nach einer Interimsspielstätte für die dringend sanierungsbedürftige Oper Stuttgart gleicht inzwischen einem Schwabenstreich. Als Viktor Schoner zum neuen Intendanten gewählt wurde, ging man davon aus, dass er, der als Künstlerischer Betriebsdirektor an der Bayerischen Staatsoper auch große Erfahrungen im organisatorischen Bereich hat, die Oper in Stuttgart ins Übergangsdomizil führen, dort erfolgreich leiten und vielleicht sogar wieder ins Stammhaus zurückführen werde. Damals war unter anderem an den Umbau des ehemaligen Paketpostamts in Stuttgart gedacht, und so plante Schoner für seine erste Spielzeit gewissermaßen symbolisch den Umzug mit einer „Probeproduktion“. Inzwischen ist das Postamt vom Tisch und Schoner wird während seiner Vertragszeit wohl auch kaum die Oper in irgendeine andere Interimsstätte führen können, die Politik dürfte in der Planung derzeit auf dem Stand von vor einigen Jahre sein. Die „Probeinszenierung“ aber fand statt.

Herzog Blaubart: Falk Struckmann, Judith: Claudia Mahnke. Foto: Matthias Baus

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Gralsritter ohne Gral. Árpád Schilling inszeniert Lohengrin an der Oper Stuttgart

Als der fast schon legendäre Wagnertenor Leo Slezak den Lohengrin sang, soll er dem Schwan, der soeben seinen Nachen nach Brabant gezogen hatte, nachgerufen haben: „Wann kommt der nächste Schwan?“ War das noch ungebrochenes Vertrauen in die von Wagner szenisch manchmal aberwitzig märchenhaft vorgeschriebene Bühnenwelt, in der der Schwan ebenso selbstverständlich auf der Bühne erscheint wie Lohengrin als Leuchtgestalt vom fernen Gral? Oder deutete sich hier bereits eine leise Distanzierung von dieser Vorstellungswelt an? Heute jedenfalls gibt diese Oper den Regisseuren einiges zu bewältigen. Für den Ungarn Árpád Schilling, der Lohengrin jetzt für die Oper Stuttgart inszeniert hat, war der Vogel nicht das einzige, was er einer strengen Überprüfung unterziehen musste.

Michael König (Lohengrin), Simone Schneider (Elsa), Staatsopernchor. Foto: Matthias Baus

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Der Thomaskantor in mannigfachem Gewand. Annäherungen an Johann Sebastian Bach

Da die unterschiedlichsten Musikensembles seit Jahrzehnten bemüht sind, den Klang wiederzufinden, der zu Bachs Zeiten gegolten hat, sollte man meinen, dass die Tradition der Bearbeitungen von Werken des Thomaskantors vorüber sei, doch offenbar fordert ausgerechnet dieser Meister der klaren Form, der Struktur und der Systematik in der Musik Künstler der unterschiedlichsten Gattungen zu neuen Kreationen heraus. Zur 333. Wiederkehr von Bachs Geburtstag hat sich das Museum der Universität Tübingen zusammen mit dem Fachbereich Kunst und Kultur der Stadt Tübingen dem Spektrum der Bearbeitungen gewidmet – und das begann schon sehr früh.

J. S. Bach / F. Mendelssohn-Bartholdy. „Wenn ich einmal soll scheiden“ Choral aus der Matthäuspassion BWV 244. Altstimme für die Aufführung durch Felix Mendelssohn-Bartholdy am 11. März 1829

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Mit allen im Gespräch: Jossi Wielers Stuttgarter Opernintendanz

Es war ein kritischer Moment in der Geschichte der Oper in Stuttgart, als der Vertrag von Intendant Albrecht Puhlman nicht verlängert wurde, denn auch wenn der Verwaltungsrat der Meinung war, ein Wechsel an der Spitze sei angebracht, so war die Ära Puhlmann doch geprägt durch herausragende Opernproduktionen, und große Intendanten sind Mangelware, wie die für die Oper auch zuständigen Politiker merken mussten, als sie dem Verwaltungsrat ihren Lieblingskandidaten wie ein Überraschungsei gleich persönlich vorstellen wollten. Sie scheiterten – und als der Verwaltungsrat danach bei Jossi Wieler anfragte, ob er die Nachfolge übernehmen würde, war ein Ja keineswegs sicher, denn Wieler ist Regisseur, die bisherigen Intendanten waren Dramaturgen oder Musikwissenschaftler bzw. -kritiker. Wieler sagte zu. Jetzt, nach sieben Spielzeiten, widmet er sich wieder ganz seiner künstlerischen Arbeit.

Sergio Morabito, Jossi Wieler. Foto: Martin Sigmund

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Endzeitvision zum Ende einer Intendanz: Toshio Hosokawas Erdbeben.Träume hat Uraufführung an der Oper Stuttgart

Es ist einer der grausamsten Texte deutscher Literatur zumindest des 19. Jahrhunderts. In fast klinisch aseptischer, neutraler Sprache berichtet Heinrich von Kleist vordergründig von einem Erdbeben in Chili. Doch in Wirklichkeit beschreibt er eine Apokalypse: der Welt durch eine Naturkatastrophe, der Menschlichkeit durch das Volk, das durch die Angst im Dienste einer rigiden Moral zum mordenden Mob wird. Marcel Beyer hat diese Erzählung zu einem Opernlibretto verdichtet, der Japaner Toshio Hosokawa hat sie in ein operndramatisches Klangereignis verwandelt. Jossi Wieler verabschiedete sich von seiner Opernintendanz mit einer eindringlichen Mahnung an die Menschheit.

Dominic Große (Jeronimo), Esther Dierkes (Josephe Asteron), Sachiko Hara (Philipp), Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson (Anführer der sadistischen Knaben). Foto: A.T. Schaefer

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Freiheit – eine Illusion: Gefängnis auf der Bühne der der Oper Stuttgart

Sprecht leiser, haltet euch zurück, ihr seid belauscht mit Ohr und Blick“ warnt ein Gefangener in Beethovens Fidelio seine Mithäftlinge in einem kurzen Augenblick, in dem sie ans Tageslicht dürfen, ehe sie wieder zurück in die dunklen Zellen müssen. Dennoch steht am Ende eine große Befreiung, obwohl zunächst alles dagegen spricht. Eine Befreiung scheint dagegen in greifbarer Nähe in Luigi Dallapiccolas 1949 entstandener Oper Der Gefangene, und auch in der 2006 uraufgeführten „nächtlichen Szene“ Das Gehege von Wolfgang Rihm scheint es zunächst um Befreiung zu gehen, und doch ist am Ende Freiheit unerreichbar. Die Oper Stuttgart hat nun beide Kurzopern zu einem Abend verbunden.

John Graham-Hall (Der Kerkermeister / Der  Großinquisitor), Georg Nigl (Der Gefangene)
Foto: Bernd Uhlig

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Spaß mit Ernst: Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren Donizettis Don Pasquale

Alter Reicher will junge hübsche Frau – ein Standardthema der Komödie, bereits in der italienischen Commedia dell’arte ein klassisches Motiv. Der Alte macht sich zum Dummen und wird am Ende düpiert. Das liegt auch Gaetano Donizettis Don Pasquale zugrunde, und doch steckt hinter dieser komischen Oper mehr Substanz, als man annehmen möchte. Donizetti schrieb eine Oper über Liebe ohne richtiges Liebesduett, ohne überzeugendes Liebespaar – vor allem schrieb er eine Commedia dell’arte-Oper zeitgenössisch. All das haben Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer neuen Stuttgarter Inszenierung beherzigt.

Enzo Capuano (Don Pasquale). Foto: Martin Sigmund

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Der Opernbesucher als Mitdenker: Peter Konwitschnys Zauberflöte an der Oper Stuttgart

Man kann sie als Spiel für Kinder inszenieren, als Trickfilm, als Science Fiction, oder man kann sie in die Zirkussphäre verlegen: Mozarts Zauberflöte verweigert sich kaum einem Inszenierungsstil, weil sie alles in sich birgt: Sie ist Märchenspiel und Rachedrama, Weihespiel und ein Drama um Liebesleid Liebesglück und. An der Oper Stuttgart hat Regisseur Peter Konwitschny sich nicht für einen bestimmten szenischen Ansatz entschieden, er hat die Oper in jedem Detail ernst genommen und eben ihre Vielfalt der Ausdrucksebenen auf die Bühne gebracht.

Esther Dierkes, Maria Theresa Ullrich, Stine Marie Fischer (3 Frauen)

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Psychodrama im Dorfmilieu: Bellinis La Sonnambula an der Oper Stuttgart

Es könnte ein Drama in einem Kitschroman aus der Alpenwelt sein, in dem der Held der Angebeteten unter Gefahr, sein Leben aufs Spiel zu setzen, einen Enzian pflückt, die Nebenbuhlerin die Heldin fast in den Tod treibt und am Ende doch alles glücklich ausgeht: Bellinis 1831 uraufgeführte Oper La Sonnambula lässt kaum ein Handlungsklischee aus, brilliert aber mit Koloraturen und hochdramatischen Ausbrüchen, die freilich erst von einer Callas wieder für die Opernbühne des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Dass Jossi Wieler und Sergio Morabito, die bekannt sind für ihre genaue Lektüre der Partitur und eine fast tiefenpsychologische Auslegung der Figuren, nicht diese plakative Vordergrundhandlung auf die Bühne bringen, versteht sich von selbst.

Mirella Bunoaica (Amina), Helene Schneiderman (Teresa), Christian Tschelebiew (Alessio), Jesús León (Elvino), Catriona Smith (Lisa), Liang Li (Rodolfo), Staatsopernchor Stuttgart. Foto: Martin Sigmund

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Liebe in Zeiten der Kälte. Cherubinis Medea an der Oper Stuttgart

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Josefin Feiler (Kreusa), Shigeo Ishino (Kreon), Sebastian Kohlhepp (Iason), Staatsopernchor. Foto: Thomas Aurin

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