Archiv für den Monat: Oktober 2019

Besuch in der Heimat: Jerg Ratgebs Altar in der Herrenberger Stiftskirche

Ein Schicksal musste der Herrenberger Altar von Jerg Ratgeb nicht erleiden: Er wurde im Zuge des reformatorischen Bildersturms nicht zerstört, sondern lediglich abgebaut und ausgelagert, bis katholische Truppen wenige Jahre darauf seinen Wiederaufbau herbeiführten. Doch allzu beliebt scheint er nicht gewesen zu sein: Er blieb zwar an seinem Ort, wurde aber Jahrhunderte hindurch zugehängt. Der Grund könnte seine Ästhetik gewesen sein, denn 1891 verkaufte der Stadtrat ihn für fünftausend Mark nach Stuttgart, angeblich wegen der „teilweise unschönen Bilder“. Seit 1924 befindet er sich in der Staatsgalerie Stuttgart, die nun zum 500. Jubiläum seiner Entstehung eine Art „Rückführung“ zustande gebracht hat.

Herrenberger Altar (Schauseite für den Osterfestkreis), 1519

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Eine Welt auf der Kippe: Giovanni Battista Tiepolo

Im Licht der Lagune heißt ein Roman von Hanns-Josef Ortheil. Im Zentrum steht ein geheimnisvolles Findelkind, das als junger Mann eine ganz eigene Art der Malerei entwickelt, eine Malerei des Lichts. Der Roman spielt bezeichnenderweise in Venedig, einer Stadt mit einem ganz besonderen Lichtzauber. Kein Wunder, dass die Maler dieser Stadt seit der Renaissance gerade dieses Phänomen in den Vordergrund ihre Arbeit rückten. Der beste von ihnen, so meinte ein Kunstkritiker im 18. Jahrhundert, sei Giovanni Battista Tiepolo gewesen, und allein die Liste der Aufträge für diesen Maler scheint das zu unterstreichen, kamen sie doch aus ganz Europa. In Würzburg schuf er mit seinem Deckengemälde der Residenz sein Hauptwerk. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihm zu seinem 250. Todesjahr eine große Ausstellung unter eben diesem Titel: Tiepolo. Der beste Maler Venedigs.

 

Der heilige Jakobus der Ältere, 1749–50 © Szépművészeti Múzeum – Museum of Fine Arts Budapest 2019

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Farbe aus der Steckdose. Lichtkunst von Daniel Hausig im Museum Ritter

Licht als solches ist, entgegen landläufiger Vorstellung, nicht sichtbar, denn es ist reine Energie. Wenn wir den „Lichtschalter“ betätigen, so sagen wir, wir machten Licht, doch diese Formulierung ist falsch, denn wir veranlassen lediglich, dass Strom in einen Leuchtkörper fließt, der dort Helligkeit erzeugt. Für die Künstler war das Phänomen Licht seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein besonderes Faszinosum. Schon 1930 entwickelte László Moholy-Nagy einen Apparat, der an verschiedenen Stellen Licht aufleuchten ließ, Mario Merz schrieb mit Lichtröhren Buchstaben in die Luft, und James Turrell erzeugte ganze Lichträume, in denen einem schwummrig werden kann. Daniel Hausig dagegen „malt“ mit Licht und bringt den Betrachter mit seinen Installationen zur Reflexion über seinen Umgang damit, wie eine Ausstellung im Museum Ritter zeigt.

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Greiforgan und Sinnbild – die Hand in der Kunst der Gegenwart

Sie ist ein Wunderwerk – die Hand des Menschen und seines engsten Verwandten, des Primaten. Sie setzt sich aus siebenundzwanzig Knochen zusammen, in beiden Händen befindet sich somit ein Viertel aller im menschlichen Körper, sie verfügt als einzige über einen opponierenden Daumen, der sie zur Greifhand prädestiniert – und entsprechend hoch ist ihr Ansehen. Als Werkzeug aller Werkzeuge lobte Aristoteles sie, als sichtbaren Teil des Gehirns pries Immanuel Kant sie, wie man im vorzüglichen Katalog zu einer Ausstellung von Barbara Renftle in Biberach lesen kann, die aufzeigt, welchen Stellenwert die Hand in der Kunst von heute hat.

Ingeborg Wissel, Skeletthand mit Ehering, 2014 (Detail)

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