Eine Welt auf der Kippe: Giovanni Battista Tiepolo

Im Licht der Lagune heißt ein Roman von Hanns-Josef Ortheil. Im Zentrum steht ein geheimnisvolles Findelkind, das als junger Mann eine ganz eigene Art der Malerei entwickelt, eine Malerei des Lichts. Der Roman spielt bezeichnenderweise in Venedig, einer Stadt mit einem ganz besonderen Lichtzauber. Kein Wunder, dass die Maler dieser Stadt seit der Renaissance gerade dieses Phänomen in den Vordergrund ihre Arbeit rückten. Der beste von ihnen, so meinte ein Kunstkritiker im 18. Jahrhundert, sei Giovanni Battista Tiepolo gewesen, und allein die Liste der Aufträge für diesen Maler scheint das zu unterstreichen, kamen sie doch aus ganz Europa. In Würzburg schuf er mit seinem Deckengemälde der Residenz sein Hauptwerk. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihm zu seinem 250. Todesjahr eine große Ausstellung unter eben diesem Titel: Tiepolo. Der beste Maler Venedigs.

 

Der heilige Jakobus der Ältere, 1749–50 © Szépművészeti Múzeum – Museum of Fine Arts Budapest 2019

Das Urteil ist kühn, steht Tiepolo doch in Konkurrenz zu Meistern wie Veronese, Bellini, Giorgione, Tintoretto oder Tizian, allesamt Großmeister der Zunft. Doch allein sein technisches Können ist stupend. Vor allem Stoffe und Felle hatten es ihm angetan. Bei dem Schimmel, auf dem der hl. Jakobus den Christen 844 im Kampf gegen die Sarazenen zu Hilfe gekommen sein soll, meint man, jedes Haar des Fells sehen zu können, bewundert man die Kraft des Fesseln und den Zierrat des Schuhwerks. Beim Pelzumhang eines Rechtsgelehrten möchte man am liebsten mit dem Fingerrücken darüber streichen. Doch derlei Finessen sind reines Handwerk.

Vielleicht ist es ja auch die raffinierte Farbpalette des Malers, die ihm den Titel eintrug, sein berühmtes helles Blau, das diffus und doch zugleich leuchtend ist, seine zarten Rosatöne. Hier hat ein Künstler gewiss vom Licht seiner Heimatstadt profitiert und es kongenial auf die Leinwand gebracht. Diese Faszination durch das Licht zeigt sich auch in der raffinierten Beleuchtung einzelner Elemente seiner Bildszenen, die schlaglichtartig hervorgehoben werden.

Oder es ist die Verve, mit der er Bewegung in seine Bilder einbringt. Als wolle Gottvater in letzter Sekunde einer jungen Frau zu Hilfe eilen, die ihn um Hilfe für die Pestkranken anfleht, schießt der bärtige alte Herr vom Himmel herab, die Arme gebieterisch ausgebreitet, und seine Gefährten, die ihn auf diesem veritablen Sturzflug aus dem Himmel begleiten, drohen alle gewissermaßen der Pest höchstselbst, sich ja nicht mehr auszubreiten.

Gerade diese erzählerische Vielfalt in einem einzigen Bild macht seine Kompositionen aufregend. So beschränkt er sich nicht wie viele seiner Kollegen darauf, das Fräulein Europa auf dem Rücken des in einen Stier verwandelten Jupiter dahingaloppieren zu lassen, wie es bei Ovid beschrieben wird. Er schildert, was bei Ovid fehlt, wie Europa zur Braut geschmückt wird. Derweil ist der arme Jupiter-Stier sichtlich ermattet, und ob die Dame diese göttliche Anstrengung wert war, scheint zweifelhaft, denn ein Inbegriff an Anmut ist sie nicht, und den Bediensteten scheinen die Zutaten zum Brautschmuck bereits ausgegangen zu sein, derweil ein Putto von einer Wolke auf die Szene herabpinkelt. Tiepolo erzählt ganze Geschichten – und macht seine eigenen daraus. Das, so wird in dieser Ausstellung deutlich, macht das eigentliche Faszinosum seiner Kunst aus.

Bei seiner Darstellung der von Apoll sexuell bedrängten Daphne wählte er den Augenblick, in dem sich die Dame, beginnend an den Fingerspitzen, allmählich in einen Lorbeerbaum verwandelt. Apoll ist sichtlich verdutzt angesichts dieser Wendung und vielleicht auch wegen den Fußtritts, mit dem die Schöne sein Drängen abzuwehren scheint. Zudem hat er mit den Massen ihres Gewands zu kämpfen, sodass er mehr wie ein Verlierer wirkt denn ein Eroberer.

Tiepolo, das macht die Auswahl der Bilder in dieser Ausstellung deutlich, besaß eine überbordende szenische Fantasie. Zwar war er auf Aufträge aus der Kirche und dem Adel angewiesen wie alle seine Kollegen und hielt sich auch an die inhaltlichen Vorgaben seiner Auftraggeber, aber in seiner Ausführung entwickelte er seine ganz eigenen Geschichten, und da in der vornehmen Gesellschaft die literarischen und biblischen Vorlagen hinreichend bekannt gewesen sein dürften, mag es gerade auch diese Eigenständigkeit der Bilderfindung gewesen sein, die zu dem erstaunlichen Urteil geführt hat. Tiepolo steht ganz im Rahmen seiner Zeit – und weist doch über sie hinaus. Er macht Nebensachen zu Hauptsachen und Wesentliches zur Petitesse.

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, ca. 1762/70, Staatsgalerie Stuttgart

So sieht man die heilige Familie bei einer Rast auf ihrer Flucht nach Ägypten kaum. Tiepolo gestaltet statt des eigentlichen Motivs eine grandiose Landschaft mit nackten Felsen und einem schiefen Baum, eine Szene der Verlassen- und Verlorenheit, und bringt so das Thema auf ganz eigene Weise zur Geltung.

Das alles ist vielfach von einem Witz, der auch heute noch ein unwillkürliches Schmunzeln, wenn nicht gar Lachen abnötigt. So verliebte sich angeblich Apelles, einer der berühmtesten Maler der griechischen Antike, in die Geliebte Alexanders des Großen, als er sie porträtierte. Tiepolo zeigt ihn bei der Arbeit, der Feldherr sitzt daneben.

Apelles und Campaspe, um 1725/30 © Photo MMFA, Christine Guest

Doch anstatt sich frontal vor das Modell zu platzieren, sitzt dieser Apelles mit dem Rücken zum Modell vor seiner Leinwand und muss immer wieder den Kopf nach hinten wenden, um das Modell in Augenschein nehmen zu können. Mit dieser Szene gibt Tiepolo auch einen Kommentar zur Situation des Künstlers in seiner Zeit ab, der zwar durch seine Kunst geachtet war, aber doch nicht zur großen Welt gehörte, denn er sitzt hier im Schatten, fast in einer Zimmerecke. Und er gehört ja auch gar nicht dazu, denn er pinselt gerade an der Brustwarze der nackten Schönheit auf der Leinwand herum, eine Intimität, die ihn außerhalb des guten Geschmacks stellt. Dass Tiepolo dies ausgerechnet am Beispiel des berühmten Apelles tut, den Alexander derart geschätzt haben soll, dass er ihm seine Geliebte überließ, zeugt noch einmal von der Eigenständigkeit dieses Künstlers, der immer wieder deutlich macht, dass er sich zwar noch in der Bildungswelt des Barocks befindet, dass für diese Epoche jedoch das letzte Stündlein geschlagen hat. Aufregender kann Kunst kaum mehr sein, und wenn sie dann auch noch ein Augenschmaus sondergleichen ist, ist man geneigt, dem Urteil des zitierten Kunstkritikers Recht zu geben.

Tiepolo. Der beste Maler Venedigs“, Staatsgalerie Stuttgart bis 2.2.2020. Katalog 239 Seiten, 29,90 Euro

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