Archiv für den Monat: Juli 2018

Individuelle Allgemeinheit: Hyperrealistische Plastik in der Kunsthalle Tübingen

Aufgrund schlechter Erfahrungen zum Frauenhasser geworden, zog sich ein Bildhauer ganz in seine Kunst zurück und schuf – eine perfekte Frauenstatue, so perfekt, dass er sich in sie verliebte. So erzählt es unter anderem Ovid von Pygmalion und schuf damit die Basis für eine Tradition in der Bildhauerei, in der eine möglichst lebensechte Darstellung der menschlichen

Figur angestrebt wird, die freilich zugleich auch idealisiert ist, ob nun beim David eines Michelangelo ist oder beim Apollo von Belvedere. Daran hat sich auch im 20. Jahrhundert fast nichts geändert – außer der Technik und dem Material, wie eine Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle belegt.

Duane Hanson, Bodybuilder, 1990 © Estate of Duane Hanson/VG Bild-Kunst, Bonn, 2018. Courtesy Estate of Duane Hanson und Gagosian Gallery

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Günther Förg – Malen in einer Zeit des „Anything goes“?

Marcel Duchamp hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Kunstbegriff revolutioniert. Von da an galt nicht die geniale künstlerische Handschrift als Ausweis dessen, was Kunst ist, sondern der Wille des Künstlers mit der Folge, dass alles Kunst sein konnte – folglich auch alle Materialien zur Herstellung von Kunst eingesetzt werden konnten. Zur selben Zeit machte Kasimir Malewitsch mit seinem Schwarzen Quadrat deutlich, dass Kunst mit der Erfindung von Gegenstandswelten nichts mehr zu tun haben muss. Kunst war grenzenlos geworden – eine Chance zu Beginn, doch spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts auch ein Problem zumal für junge Künstler. Das kann man beispielhaft in einer Ausstellung mit Werken von Günther Förg im Reutlinger Kunstverein nachvollziehen.

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Mit allen im Gespräch: Jossi Wielers Stuttgarter Opernintendanz

Es war ein kritischer Moment in der Geschichte der Oper in Stuttgart, als der Vertrag von Intendant Albrecht Puhlman nicht verlängert wurde, denn auch wenn der Verwaltungsrat der Meinung war, ein Wechsel an der Spitze sei angebracht, so war die Ära Puhlmann doch geprägt durch herausragende Opernproduktionen, und große Intendanten sind Mangelware, wie die für die Oper auch zuständigen Politiker merken mussten, als sie dem Verwaltungsrat ihren Lieblingskandidaten wie ein Überraschungsei gleich persönlich vorstellen wollten. Sie scheiterten – und als der Verwaltungsrat danach bei Jossi Wieler anfragte, ob er die Nachfolge übernehmen würde, war ein Ja keineswegs sicher, denn Wieler ist Regisseur, die bisherigen Intendanten waren Dramaturgen oder Musikwissenschaftler bzw. -kritiker. Wieler sagte zu. Jetzt, nach sieben Spielzeiten, widmet er sich wieder ganz seiner künstlerischen Arbeit.

Sergio Morabito, Jossi Wieler. Foto: Martin Sigmund

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Von der Lebendigkeit des Alten: Plastiken von Gerda Bier

Es gibt Künstler, die eine Art „Markenzeichen“ haben, an denen man sie sofort erkennt. Das kann eine Handschrift sein wie die dick aufgespachtelte Farbe bei van Gogh, eine Darstellungsweise wie die Multiperspektivität in Picassos Figurenbildern oder eine Formeigenschaft wie die dürren Figuren eines Giacometti. Bei der Bildhauerin Gerda Bier sind es die Materialien: altes Holz und Eisen, aus denen sie neue Skulpturen schafft, und das, wie eine Ausstellung in der Galerie im Prediger in Schwäbisch Gmünd beweist, seit Jahrzehnten.

Türrelikt, 1997

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Zwischen Sein und Nichtsein: Malerei von Dieter Mammel

Das Malen eines Bildes gleicht einer Creatio ex nihilis. Ein erster Pinselstrich auf der unberührten Leinwand schafft eine Realität. Diese kann ergänzt werden (und wird es auch meist), sie kann modifiziert, nicht aber zurückgenommen werden. Selbst eine Übermalung schafft eine neue Realität. Insofern ist der Maler gefangen in einer Welt der – wenn auch nur gemalten – Dinge, zu denen jeder Strich, jede Fläche zählt. Das mag in der Moderne geradezu anachronistisch anmuten, in der selbst die früher als solide angesehene physikalische Welt durch die moderne Wissenschaft als stets im Fluss, in Bewegung entlarvt wurde. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Reutlingen zeigt einen Maler, der diese Schaffung von Welt durch den Pinsel für problematisch hält. Dieter Mammel beschreitet mit seinen Arbeiten Zwischenwelten.

Zauberei 2018 Tusche auf Leinwand © VG Bildkunst Bonn 2018

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Bilder aus dem Inneren: Karl Hurms Albphantasien im Kunstmuseum Albstadt

Schon das 19. Jahrhundert bewies die Neigung, sich von der traditionellen Akademiemalerei abzukehren. Nicht im Atelier entstanden nun die Bilder, strengen Malgesetzen folgend, sondern im Freien nach den Gesetzen dessen, was sich da dem Auge bot. Im 20. Jahrhundert setzte sich das als radikale Ablehnung des Akademismus fort – bei den Expressionisten beispielsweise -, und in der Entdeckung von Malern, die keine Akademie von innen gesehen hatten wie etwa Henri Rousseau. Ihre „naive“ Malerei hatten sie sich selbst beigebracht, und sie hatte für die Großen der akademisch ausgebildeten Küntsler den Reiz des Naturhaften und Unbekümmerten. Picasso entdeckte Rousseau, Kandinsky nahm ihn in seinen Almanach der Moderne Der Blaue Reiter auf. In der Nähe von Haigerloch arbeitet seiet einem halben Jahrhundert Karl Hurm in dieser Tradition, die keine ist. Jetzt hat er dem Kunstmuseum Albstadt vierzig seiner Bilder von er schwäbischen Alb vermacht.

Der Lochgräber, 1982 © Karl Hurm

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Endzeitvision zum Ende einer Intendanz: Toshio Hosokawas Erdbeben.Träume hat Uraufführung an der Oper Stuttgart

Es ist einer der grausamsten Texte deutscher Literatur zumindest des 19. Jahrhunderts. In fast klinisch aseptischer, neutraler Sprache berichtet Heinrich von Kleist vordergründig von einem Erdbeben in Chili. Doch in Wirklichkeit beschreibt er eine Apokalypse: der Welt durch eine Naturkatastrophe, der Menschlichkeit durch das Volk, das durch die Angst im Dienste einer rigiden Moral zum mordenden Mob wird. Marcel Beyer hat diese Erzählung zu einem Opernlibretto verdichtet, der Japaner Toshio Hosokawa hat sie in ein operndramatisches Klangereignis verwandelt. Jossi Wieler verabschiedete sich von seiner Opernintendanz mit einer eindringlichen Mahnung an die Menschheit.

Dominic Große (Jeronimo), Esther Dierkes (Josephe Asteron), Sachiko Hara (Philipp), Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson (Anführer der sadistischen Knaben). Foto: A.T. Schaefer

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