Mit allen im Gespräch: Jossi Wielers Stuttgarter Opernintendanz

Es war ein kritischer Moment in der Geschichte der Oper in Stuttgart, als der Vertrag von Intendant Albrecht Puhlman nicht verlängert wurde, denn auch wenn der Verwaltungsrat der Meinung war, ein Wechsel an der Spitze sei angebracht, so war die Ära Puhlmann doch geprägt durch herausragende Opernproduktionen, und große Intendanten sind Mangelware, wie die für die Oper auch zuständigen Politiker merken mussten, als sie dem Verwaltungsrat ihren Lieblingskandidaten wie ein Überraschungsei gleich persönlich vorstellen wollten. Sie scheiterten – und als der Verwaltungsrat danach bei Jossi Wieler anfragte, ob er die Nachfolge übernehmen würde, war ein Ja keineswegs sicher, denn Wieler ist Regisseur, die bisherigen Intendanten waren Dramaturgen oder Musikwissenschaftler bzw. -kritiker. Wieler sagte zu. Jetzt, nach sieben Spielzeiten, widmet er sich wieder ganz seiner künstlerischen Arbeit.

Sergio Morabito, Jossi Wieler. Foto: Martin Sigmund

Wenn man Jossi Wieler begegnet, erlebt man ihn meist mit einem Lächeln. Nicht einem breiten Lachen – Grobes, Derbes, Lautes ist seine Sache nicht. Wenn er spricht, dann mit leiser Stimme. In dem zu seiner Ära erschienenen Buch – einer wahren Festschrift – wird der Leiter der Rüstmeisterei mit der Bemerkung zitiert, Jossi und Explosionen, das passe nicht ganz zusammen.

Wieler als Regisseur zeichnet sich durch Gespräche aus, er kommt nicht mit einem fertigen Konzept auf die Probenbühne, sondern entwickelt seine Inszenierungen im Dialog – mit den Bühnenbildnern, allen voran Anna Viebrock, die ihrerseits eine Künstlerin der leisen Töne ist, und „seinem“ Dramaturgen Sergio Morabito; er hatte ihn bei einer Regiearbeit unter dem Stuttgarter Opernintendanten Klaus Zehelein kennen gelernt und brngt seitdem Inszenierungen nur noch zusammen mit ihm auf die Bühne.

Musiktheater als Dialog“ lautet denn bezeichnenderweise der erste Teil der Festschrift. Was aus diesem Dialog entstehen kann, grenzt an ein Wunder. Schon vor seiner Intendanz hat Wieler in Stuttgart regelmäßig Regie geführt, während seiner Intendanz meist mehrere Male pro Spielzeit. Dabei hat er stets jedes Detail hinterfragt und ernst genommen, selbst altmodisch und aus heutiger Zeit lächerlich wirkende Textteile des Librettos, für die er in seinen Bühnenversionen stets sinnvolle Pendants fand. Zudem sind für ihn Opernfiguren nicht singende dramatis personae, sondern Menschen mit einem tiefen, nicht selten problematischen psychischen Hintergrund – und einer Position in der jeweiligen Gesellschaft. Wielers Inszenierungen sind psychosoziale Studien, ohne dass er politische Slogans bemüht.

Diese innere Stringenz, die seine Inszenierungen auszeichnet, weisen auch die Arbeiten der Regisseure aus, die Wieler als Intendant einlud, ob es nun die fulminante Salome unter Kirill Serebrennikov war oder die grandiose Barockoper Platée von Rameau, die Calixto Bieito mit Feingefühl und intelligentem Witz auf die Bühne brachte.

Barock spielte unter diesem Intendanten eine große Rolle, und stets wurden die alten Werke auf der Bühne modern lebendig, ohne dass die Regisseure vordergründige Aktualisierungsideen anwenden mussten. Die Modernität wurde aus den Werken heraus entwickelt.

Und die musikalische Leistung aus dem, was das Haus zu bieten hat. Teure Gaststars einzuladen verbot das Budget, doch das entspräche auch nicht Wielers Idee eines Opernhauses. So wie er als Regisseur – und wohl auch als Intendant – das Gespräch, also das Miteinander, das Gemeinsame, sucht und findet, ist Oper für ihn ein von der Gemeinsamkeit getragenes und gestütztes Produkt. Es dürfte schwer fallen, ein großes Haus wie die Oper Stuttgart mit einem solchen Ensemblegeist zu finden. Das zeigt sich in schnellen Einstellungsentschlüssen – gleich in seiner ersten Spielzeit verpflichtete er Ana Durlovski, bis dahin nur als Gast in der Rolle der Lucia von Lammermoor in Stuttgart, fes für das Ensemble, wo sie sich binnen kurzem zu einer tragenden Säule entwickelte. Bei der inhaltlichen Zusammensetzung des Spielplans spielte dieses Ensemble eine zentrale Rolle. So war für Wieler klar, dass er sich an Bellinis Nachtwandlerin nur würde wagen können mit einer Gestalterin wie Ana Durlovski, mit der er dann noch eine weitere Bellini-Oper auf die Bühne brachte.

In den wenigen Jahren seiner Intendanz gelang ihm ein Balanceakt: Standardrepertoire (Rigoletto, Fidelio, Tristan) wurde ergänzt durch selten gespielte Opern aus der Barockzeit und Ausgrabungen wie Jommellis Berenike und in die Moderne weitergeführt mit Werken von Britten, Denissow, Schönberg, Rihm und Dalapiccola sowie Uraufführungen, mit denen er auch seine Intendanz beendete. Eine solche Breite des Spielplans hat Seltenheitswert und zeigt die Künstlerseele an der Spitze des Hauses (stets ergänzt durch die Dramaturgenseele Sergio Morabitos).

Zudem war Wielers Intendanz geprägt durch eine bemerkenswerte Treue zum Haus. Auch das gehört zum Ensemblegeist. Wieler hatte gleich zu Beginn betont, er werde während seiner Intendanz ausschließlich für Stuttgart Regie führen, für einen international gesuchten Regisseur eine erstaunliche Zurückhaltung. Und zum Ensemblegeist gehört auch, dass er, soweit es ging, die Abende in der Oper verbrachte, auch bei den ältesten Repertoirevorstellungen und bei den Premieren seiner beiden Intendantenkollegen zugegen war.

So hat Jossi Wieler nach der beachtlichen Intendanz Albrecht Puhlmanns und der inzwischen als legendär verklärten Klaus Zeheleins einen ganz neuen Geist in dieses Haus gebracht. Er habe, so die Pressedramaturgin Sara Hoerr in der Publikation zu dieser Intendanz, die Kommunikation am ganzen Haus verändert. Insofern ist der Titel der Publikation sehr treffend: Verwandlungen. Er habe gerade durch seine besondere Art Spuren hinterlassen. Auf jeden Fall auch beim Publikum, das ihm sieben Jahre Opernglück verdankt und seine Ära wohl kaum vergessen wird.

Verwandlungen. Oper Stuttgart 2011/12 bis 2017/18. Sieben Spielzeiten unter der Intendanz von Jossi Wieler“, hg. Sergio Morabito. Avedition. 524 Seiten, 200 Abb., 49 Euro

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