Archiv der Kategorie: Literatur

Eine Stadt, die sich der Definition entzieht: Paris im Blick der Schriftsteller

Paris ist ein Begriff. Man meint es zu kennen, selbst ohne dort gewesen zu sein. Man weiß, wie der Eiffelturm in die Höhe ragt, bewundert in Notre Dame die Wunder der Gotik, im Louvre die der Kunst, man ergeht sich im Bois de Boulogne, bestaunt auf dem Friedhof Père Lachaise die Pracht der Grabmale. Paris ist mit seinen Sehenswürdigkeiten ein Wunder, doch wenn man in einer Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach nachsieht, wie all jene Schriftsteller, die diese Stadt an der Seine erlebt haben, die es aus dem deutschsprachigen Raum in die Metropole zog oder verschlagen hat, dann fragt man sich, wo dieses Paris, das man kennt, abgeblieben ist.

Siegfried Kracauer. Fotografie Paris 1938. Foto: DLA Marbach

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Untergang als Comic: Sebastian Baumgarten inszeniert Salome am Schauspiel Stuttgart

Wenn man Vorgeschichte als Omen begreift, dann stand diese Figur unter einem bösen Stern. Salome war die Enkelin jenes Herodes, der für den bethlehemitischen Kindermord verantwortlich war, und sie war eine Tochter der Herodias, die in zweiter Ehe mit dem Bruder ihr ersten Mannes verheiratet war – auch er ein Herodes, was den Widerspruch des Propheten Johannes hervorrief. Was kann da schon Gutes entstehen? Und so wurde Salome denn auch zum Inbegriff des verführerischen Frau, die mit einem Schleiertanz ihren Stiefvater dazu bringt, ihr das Haupt des von ihr geliebten Propheten Johannes zu liefern. Die Erzählung findet sich in der Bibel, nicht jedoch der Name dieser Prinzessin. 1893, in der Blütezeit des Fin de Siècle, das eine besondere Vorliebe für die Laszivität dieser Figur hatte, veröffentlichte Oscar Wilde sein Drama um diese Prinzessin, hundert Jahre danach bearbeitete Einar Schleef das Stück und betonte vor allem eine krude Sexualität. Jetzt hat Sebastian Baumgarten diese Version am Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Horst Kotterba, Sebastian Röhrle. Foto: Birgit Hupfeld

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Ein Märchen um König Fußball: J. L. Carrs Buch Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Dass ein Zwerg einen Riesen besiegen kann, ist spätestens seit der Geschichte von David und Goliath Standardmotiv so mancher Märchen. Und Märchen werden auch in der Welt, in der wir leben, wahr. So geschehen 2008 in Deutschland. Da stieg der Fußballverein einer 3000-Seelen-Gemeinde in die Bundesliga auf. Zugegeben: es hatte der Unterstützung eines millionenschweren Unternehmers bedurft, aber die Sensation war perfekt: Die TSG Hoffenheim schreibt Fußballgeschichte. Dass ein solches Märchen auch in einem Dorf wahr werden kann, hat J.L.Carr 1975 in einem schmalen Bändchen geschildert. Und dieser Fußballmannschaft gelang nicht nur der Aufstieg in die englische Liga, sie errang sogar den Finalsieg im Wembley Stadion und damit den Englischen Pokal.

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Das Wunder des Alltags: J. L. Carrs Monat auf dem Land

Homer ließ seinen Helden quer über das Mittelmeer segeln, mit Riesen kämpfen, sich gegen verführerische Frauen zur Wehr setzen und von einer Zauberin bezirzen lassen. Dafür brauchte er mehrere hundert Seiten. Ungleich mehr, knapp tausend Seiten, benötigte Thomas Mann einzig mit der Schilderung dessen, was ein junger Mann über mehrere Jahre hinweg in einem Lungensanatorium erlebt. Literatur braucht keine großen Inhalte, sie kommt mit der Schilderung einiger Kleinigkeiten aus. Das gilt auch für die Bücher von J. L. Carr, die Titel wie Ein Tag im Sommer oder Ein Monat auf dem Land tragen. Trotzdem waren sie erfolgreich, der Monat wurde sogar mit Schauspielern vom Rang eines Colin Firth und Kenneth Branagh verfilmt. Nur in Deutschland suchte man seine Bücher bislang vergebens. Jetzt ist der Monat auf dem Land auf deutsch erschienen – mit fast vierzigjähriger Verspätung.

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Philosophisch verbrämt: E. O. Chirovicis Buch der Spiegel

Ein Blick auf die Rezensionsseiten unserer Zeitungen lässt die Geburt eines Meisterromanciers vermuten. Da erkennt man – zumal in den deutschen Feuilletons – Anklänge an einen Marcel Proust, da werden Verwandtschaftslinien zum großen Nabokov gezogen. Dabei ist E.O. Chirovici kein Newcomer; in seiner rumänischen Heimat hat er bereits einige Romane verfasst, jetzt hat er, der seit 2012 in den USA lebt, seinen ersten Roman in englischer Sprache geschrieben und in ihm selbst die Fährten in Richtung dieser beiden Autoren gelegt, denn zum einen ist sein Roman perspektivisch durchaus raffiniert konstruiert, da mag man an einen Nabokov denken, zum zweiten spielt er in den letzten Zeilen seines Romans selbst an den großen Meister der literarischen Erinnerung an.

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Nicht nur illustriert – Picassos Kunstbücher in Göppingen

In der Regel führen sie ein Nischendasein, dabei müsste ihnen eigentlich ein großes Publikum sicher sein: Bücher, die von Künstlern gestaltet wurden, denn selten ist das Spektrum eines Genres, um nicht gleich von einer Kunstgattung zu reden, derart groß wie in dem Fall, da sich ein Künstler dem eigentlich dem Lesen vorbehaltenen Kommunikationsmedium widmet. Das konnte, wie jahrhundertelang kultiviert, in Form von Illustrationen geschehen, das konnte in eigenen Texten bestehen, die mit Bildern versehen wurden, das konnten auch ganz eigene Buchformen sein, wie es die Dadaisten und nach ihnen die Künstler des Fluxus praktizierten. Dennoch sucht man Künstlerbücher in Museen oft vergebens. Die Kunsthalle Göppingen zeigt nun Künstlerbücher eines Mannes, der vielen als Inbegriff des Künstlers des 20. Jahrhunderts schlechthin gilt, Pablo Picasso.

 

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Der Alltag als Kunst: Ein Schriftsteller erkundet die Kunsthalle Göppingen

Mit einer Günther Uecker-Ausstellung fing es an, das Leben der Kunsthalle Göppingen, anno 1989 in einer Stadt, in der Kunst bis dahin allenfalls im Foyer der Stadthalle zu sehen war. Seither gibt es also einen eigenen Kunsttempel, wenn auch in einer Gegend, in der man derlei nicht unbedingt suchen mag. Doch der Ort entwickelte Leben, Kunst von heute, Avantgarde, oft noch ehe eine documenta in Kassel auf einen Künstler aufmerksam wurde. Nun konnte auch noch ein Literaturstipendium eingerichtet werden, benannt nach einem Dichter, der Göppingen nie zu Gesicht bekommen hat: Rainer Maria Rilke, und der erste Stipendiat, Kai Bleifuss, widmete sich in einem Buch sinnigerweise dem Genius loci, der Kunsthalle, wenn auch nicht der Kunst.

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Deutsche Wurzeln: Samuel Beckett im Literaturmuseum der Moderne

Er ist der am zweithäufigsten aufgeführte französische Autor außerhalb von Frankreich, auch wenn er auf unseren Bühnen nicht mehr so oft anzutreffen ist wie in den 80er oder 90er Jahren: Samuel Beckett. Dabei war er Brite, nahm die irische Staatsbürgerschaft an und schrieb zunächst in seiner Muttersprache, bis er sich ganz der französischen Sprache zuwandte und seine Werke erst dann selbst ins Englische übertrug. Frankreich also prägte ihn, auch James Joyce, von dem er einige Texte ins Französische übersetzte. Eine Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt, dass die vielleicht wesentlichsten Impulse für sein Denken und Schaffen deutschen Ursprungs sind: German fever.

German Diaries, Notebook 3, 6.-7. Februar 1937 (Foto: DLA Marbach)

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Zwischen Wahrheit und Dichtung: Die Familie unter Literaten

Sie kann den Inbegriff von Nähe ausdrücken, die Familie, eine eng verschworene Gemeinschaft aus Mutter, Vater und Kindern – und allen Anverwandten. Doch da kann die eng verschworene Gemeinschaft auch schon aufhören. Familie kann ein Idealbild sein oder eine Zwangsveranstaltung, eine Zweckgemeinschaft oder Wesensverwandtschaft, auf jeden Fall kann man sie sich nicht aussuchen, sie wird einem geschenkt oder man ist zu ihr verurteilt. Für Schriftsteller ist sie ein Quell an Fakten, Inspirationen und Bildern. Das Deutsche Literaturarchiv spürt in einer Ausstellung der Bedeutung des Phänomens für die Literatur nach.

Stammbaum der Familie Mörike (Foto: DLA Marbach)

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Wie viele Ichs hat der Mensch? Paul Austers Meisterwerk 4321

Er ist ein Meister der fiktiven Biographie. Wer einen Roman von Paul Auster aufschlägt, darf in der Regel erwarten, nicht einfach nur einen Helden samt seiner Lebensgeschichte vorgeführt zu bekommen; meist suchen seine Figuren Alternativbiographien, reisen quer durch den nordamerikanischen Kontinent, verfolgen die Lebensspuren anderer Figuren. Paul Auster hat in seinen Romanen das Phänomen „Leben“ in allen Facetten studiert, manchmal in der Tradition des realistischen Erziehungsromans, manchmal mit geradezu surrealer Künstlichkeit. So trug ein Roman den Titel Das Buch der Illusionen. Jetzt hat er einen Roman geschrieben, der alle seine bisherigen Werke übertrifft, und zwar mit über 1200 Seiten nicht nur vom Umfang her.

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