Archiv der Kategorie: Literatur

Philosophisch verbrämt: E. O. Chirovicis Buch der Spiegel

Ein Blick auf die Rezensionsseiten unserer Zeitungen lässt die Geburt eines Meisterromanciers vermuten. Da erkennt man – zumal in den deutschen Feuilletons – Anklänge an einen Marcel Proust, da werden Verwandtschaftslinien zum großen Nabokov gezogen. Dabei ist E.O. Chirovici kein Newcomer; in seiner rumänischen Heimat hat er bereits einige Romane verfasst, jetzt hat er, der seit 2012 in den USA lebt, seinen ersten Roman in englischer Sprache geschrieben und in ihm selbst die Fährten in Richtung dieser beiden Autoren gelegt, denn zum einen ist sein Roman perspektivisch durchaus raffiniert konstruiert, da mag man an einen Nabokov denken, zum zweiten spielt er in den letzten Zeilen seines Romans selbst an den großen Meister der literarischen Erinnerung an.

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Nicht nur illustriert – Picassos Kunstbücher in Göppingen

In der Regel führen sie ein Nischendasein, dabei müsste ihnen eigentlich ein großes Publikum sicher sein: Bücher, die von Künstlern gestaltet wurden, denn selten ist das Spektrum eines Genres, um nicht gleich von einer Kunstgattung zu reden, derart groß wie in dem Fall, da sich ein Künstler dem eigentlich dem Lesen vorbehaltenen Kommunikationsmedium widmet. Das konnte, wie jahrhundertelang kultiviert, in Form von Illustrationen geschehen, das konnte in eigenen Texten bestehen, die mit Bildern versehen wurden, das konnten auch ganz eigene Buchformen sein, wie es die Dadaisten und nach ihnen die Künstler des Fluxus praktizierten. Dennoch sucht man Künstlerbücher in Museen oft vergebens. Die Kunsthalle Göppingen zeigt nun Künstlerbücher eines Mannes, der vielen als Inbegriff des Künstlers des 20. Jahrhunderts schlechthin gilt, Pablo Picasso.

Pablo Picasso, Trois têtes d’hommes, 1931, aus Ovid, Les métamorphoses © Succession Picasso, 2017, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Der Alltag als Kunst: Ein Schriftsteller erkundet die Kunsthalle Göppingen

Mit einer Günther Uecker-Ausstellung fing es an, das Leben der Kunsthalle Göppingen, anno 1989 in einer Stadt, in der Kunst bis dahin allenfalls im Foyer der Stadthalle zu sehen war. Seither gibt es also einen eigenen Kunsttempel, wenn auch in einer Gegend, in der man derlei nicht unbedingt suchen mag. Doch der Ort entwickelte Leben, Kunst von heute, Avantgarde, oft noch ehe eine documenta in Kassel auf einen Künstler aufmerksam wurde. Nun konnte auch noch ein Literaturstipendium eingerichtet werden, benannt nach einem Dichter, der Göppingen nie zu Gesicht bekommen hat: Rainer Maria Rilke, und der erste Stipendiat, Kai Bleifuss, widmete sich in einem Buch sinnigerweise dem Genius loci, der Kunsthalle, wenn auch nicht der Kunst.

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Deutsche Wurzeln: Samuel Beckett im Literaturmuseum der Moderne

Er ist der am zweithäufigsten aufgeführte französische Autor außerhalb von Frankreich, auch wenn er auf unseren Bühnen nicht mehr so oft anzutreffen ist wie in den 80er oder 90er Jahren: Samuel Beckett. Dabei war er Brite, nahm die irische Staatsbürgerschaft an und schrieb zunächst in seiner Muttersprache, bis er sich ganz der französischen Sprache zuwandte und seine Werke erst dann selbst ins Englische übertrug. Frankreich also prägte ihn, auch James Joyce, von dem er einige Texte ins Französische übersetzte. Eine Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt, dass die vielleicht wesentlichsten Impulse für sein Denken und Schaffen deutschen Ursprungs sind: German fever.

German Diaries, Notebook 3, 6.-7. Februar 1937 (Foto: DLA Marbach)

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Zwischen Wahrheit und Dichtung: Die Familie unter Literaten

Sie kann den Inbegriff von Nähe ausdrücken, die Familie, eine eng verschworene Gemeinschaft aus Mutter, Vater und Kindern – und allen Anverwandten. Doch da kann die eng verschworene Gemeinschaft auch schon aufhören. Familie kann ein Idealbild sein oder eine Zwangsveranstaltung, eine Zweckgemeinschaft oder Wesensverwandtschaft, auf jeden Fall kann man sie sich nicht aussuchen, sie wird einem geschenkt oder man ist zu ihr verurteilt. Für Schriftsteller ist sie ein Quell an Fakten, Inspirationen und Bildern. Das Deutsche Literaturarchiv spürt in einer Ausstellung der Bedeutung des Phänomens für die Literatur nach.

Stammbaum der Familie Mörike (Foto: DLA Marbach)

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Wie viele Ichs hat der Mensch? Paul Austers Meisterwerk 4321

Er ist ein Meister der fiktiven Biographie. Wer einen Roman von Paul Auster aufschlägt, darf in der Regel erwarten, nicht einfach nur einen Helden samt seiner Lebensgeschichte vorgeführt zu bekommen; meist suchen seine Figuren Alternativbiographien, reisen quer durch den nordamerikanischen Kontinent, verfolgen die Lebensspuren anderer Figuren. Paul Auster hat in seinen Romanen das Phänomen „Leben“ in allen Facetten studiert, manchmal in der Tradition des realistischen Erziehungsromans, manchmal mit geradezu surrealer Künstlichkeit. So trug ein Roman den Titel Das Buch der Illusionen. Jetzt hat er einen Roman geschrieben, der alle seine bisherigen Werke übertrifft, und zwar mit über 1200 Seiten nicht nur vom Umfang her.

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Ein Leben für Russland und durch Russland: Rainer Maria Rilke

Man kann ihn mit Prag assoziieren – doch diese seine Heimatstadt hat Rilke möglichst gemieden; man kann ihn in Worpswede ansiedeln, wo er seine Frau fand und worüber er ein berühmtes Buch geschrieben hat, ihn mit dem Paris Auguste Rodins identifizieren oder mit Schloss Duino, wo seine Duineser Elegien entstanden. Rilke war rastlos und fand erst in Muzot gegen Ende seines Lebens eine dauerhaft Wohnstätte. Doch eigentlich müsste man seine Heimat in Russland sehen – so hat er es immer wieder getan, und so führt es jetzt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach vor.

Leonid Pasternak, Skizze für Ölgemälde Rainer Maria Rilkes. Foto: DLA Marbach

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Zwischen Hoffen und Scheitern. Armin Petras inszeniert Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht

Bei Mozart heißt er Cherubino und ist in Wirklichkeit eine Sie, bei Strauss nennt die Marschallin ihren Octavian „Kindchen“ und tollt mit einer Mezzosopranistin im Bett: Hosenrollen nennt man derlei, es hat Tradition, und niemand denkt sich dabei etwas. Ganz anders ist es auf der Sprechbühne, und erst recht, wenn nicht Frauen die Hosen anhaben, sondern Männer in Frauenkleider schlüpfen. Zwar hatten berühmte Schauspieler damit Erfolg wie Dustin Hoffman als Tootsie und Peter Alexander als Charleys Tante, doch da ist der Rollentausch immerhin handlungsbedingt und auf Zeit; nicht so derzeit am Schauspiel Stuttgart in Eugene O’Neills Theaterstück Eines langen Tages Reise in die Nacht.

Foto: Thomas Aurin

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Magie durch Tanz: Demis Volpis Handlungsballett Krabat

Spätestens seit John Cranko, der legendäre Schöpfer des Stuttgarter Ballettwunders, in den 60er Jahren das große abendfüllende Handlungsballett neu belebt hat, ist dieses Genre aus dem Repertoire des Stuttgarter Balletts nicht wegzudenken. Die großen Crankoballette nach literarischen Stoffen – Romeo und Julia, Eugen Onegin – sind fester Bestand, und mit dem langjährigen Hauschoreographen Christian Spuck erhielt es neue Impulse mit Lulu und Der Sandmann. Spuck ist inzwischen Ballettchef in Zürich. Jetzt hat Demis Volpi sich dieser Form angenommen: Er wurde als Tänzer in Stuttgart groß, tanzte die großen Rollen in den Handlungsballetten. Als literarische Vorlage wählte er sich das Jugendbuch Krabat von Otfried Preußler. Krabat ist eine Mischung aus Volksmärchentradition und Jugendbuch – um einen Zauberer, die Verführung zur Macht und die erlösende Liebe.

David Moore (Krabat), Roman Novitzky (Der Meister) © Stuttgarter Ballett

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Haikus in Wort und Bild: Jürgen Glocker dichtet, Werner Pokorny zeichnet

Von allen literarischen Formen ist das Gedicht die komprimierteste, und unter allen Gedichten ist das Haiku das dichteste. In deutscher Sprache gerade einmal siebzehn Silben auf drei Zeilen verteilt, ein Nichts, ein Hauch an Worten, eine Fülle an Anspielungen, die der Leser in Assoziationen verwandeln muss – die Minimal Art unter den Dichtwerken. Und Werner Pokorny, der Bildhauer, ist in der bildenden Kunst ein Minimal Artist, nicht weil er in die Gruppe der Sol Lewitts, Dan Flavins oder Donald Judds gehörte, sondern weil er sich wie nur wenige Künstler Jahrzehnte lang auf wenige Formen beschränkt hat wie das Haus oder die Schale. Ein Künstler wie er scheint geradezu auf eine Begegnung mit der Minimal Art der Dichtung gewartet zu haben, jetzt liegt sie vor, mit Haikus von Jürgen Glocker.

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