Archiv der Kategorie: Ballett

Drei Gründe, atemlos zu werden: Ein neues Programm beim Stuttgarter Ballett

Seit lange Handlungsballette eher die Ausnahme sind, haben es Ballettdirektoren nicht leicht, sinnvolle Stückzusammenstellungen auf die Bühne zu bringen. Dem langjährigen Stuttgarter Ballettintendanten Reid Anderson ist das in zunehmendem Maße gelungen. So fügten sich einmal höchst unterschiedliche Choreographien zu einem in sich geschlossenen Abend voller Nachtvisionen zusammen. Sein Nachfolger Tamas Detrich führt diese Tradition fort, wählte bisher für seine Abende aber eher vordergründige Themen, was dennoch der Wirkung keinen Abbruch tun muss. Für Shades of White vereinte er moderne Stücke mit dem alten Glanz von weißem Tütü und Spitzentanz, für seinen neuen Abend wählte er das Epitheton Atem-Beraubend.

Itzik Galili, Hikarizatto. Tänzer:  Jason Reilly, Alicia Amatriain © Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Psychogramm oder Historiendrama? Kenneth MacMillans Mayerling am Stuttgarter Ballett

Was genau geschah am 30. Januar 1889 im Jagdschloss Mayerling hätte nach dem Willen des österreichischen Kaiserhauses nie an die Öffentlichkeit dringen sollen. Fest steht, dass Kronprinz Rudolf mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wurde, neben ihm ebenfalls erschossen seine blutjunge Geliebte Mary Vetsera, sehr wahrscheinlich von ihrem Geliebten getötet. Rudolf war ein zerrissener Charakter, möglicherweise durch die sadistische Erziehung durch einen Major psychisch gebrochen, ein Mann, der in Liebesaffären und Drogen seine Flucht suchte. 1978 hat Kenneth MacMillan das Drama für Covent Garden in einem Ballett verarbeitet. Jetzt hat das Stuttgarter Ballett diese Choreographie in neuer Ausstattung herausgebracht.

Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Tänzerischer Aufbruch! in die Zukunft: Drei Uraufführungen am Stuttgarter Ballett

Es gibt Daten, die die Welt veränderten: 1518 mit dem Thesenanschlag von Martin Luther beispielsweise oder 1789 mit der Französischen Revolution. Für die deutsche Geschichte war das Jahr 1919 impulsgebend bis in unsere Tage. Die Weimarer Republik wurde gegründet mit ihrer freiheitlichen Verfassung, die u.a. den Frauen das Wahlrecht gab, und gleichfalls in Weimar wurde das Bauhaus aus der Taufe gehoben mit einer Ästhetik, die unseren Alltag immer noch prägt. So gab der Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich drei Choreographen den Auftrag, sich von diesem Jahr inspirieren zu lassen. Entstanden ist ein Aufbruch!.

Mizuki Amemiya, Diana Ionescu © Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Das Ich und die Gesellschaft: Jiří Kyliáns „Verfassungsballett“ One of a Kind

Da hatte die klassische Kultur offenbar einen hohen Stellenwert. So feierte die niederländische Regierung das 150jährige Jubiläum ihrer Verfassung nicht einfach nur durch Reden, sie wollte etwas Dauerhaftes und beauftragte den Direktor des Nederlands Dans Theater, Jiří Kilián, mit einem Ballett, und der – noch ungewöhnlicher – nahm sich zum Thema den ersten Satz dieser Verfassung: „Alle, die sich in den Niederlanden aufhalten, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Niemand darf wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden.“ So geschehen 1998: One of a Kind. Jetzt hat das Stuttgarter Ballett diese Choreographie in sein Repertoire aufgenommen.

Miriam Kacerova. Foto: Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Aus der Tradition in die Moderne: Shades of White am Stuttgarter Ballett

Es gab Kunstepochen, da galt die Übernahme eines musikalischen Satzes oder ein langes Zitat eines geschätzten Komponisten als Ausweis der Hochachtung vor dem Kollegen, zugleich reihte man seine eigene Kunst ein in die Reihe der hehren großen Werke. Spätestens seit dem Geniekult der Romantik und erst recht im 20. Jahrhundert gilt derlei eher als Beleg für eine gewisse Rückständigkeit. Dabei braucht das Neue das Alte wesensmäßig, sei es, um sich von ihm abzusetzen, sei es, um Entwicklungen deutlich zu machen. Selbst die Revolution – als extreme Umkehr oder Negation des Alten – kommt ohne die Tradition nicht aus. Dass auch ein unverhohlener Rückgriff auf Tradition Neues nicht ausschließen muss, zeigt ein Abend des Stuttgarter Balletts.

               Ensemble © Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

„Die Fantastischen Fünf“ – Ballettdirektor Reid Anderson nimmt mit fünf Uraufführungen Abschied vom Stuttgarter Ballett

Dem künftigen Intendanten des Stuttgarter Balletts, Tamas Detrich, könnte der neue Ballettabend zu denken geben. Als Marco Goecke, mit dessen neuem Stück der Abend endete, die Bühne betrat, regnete es aus dem Publikum Blumensträuße und der langjährige Stuttgarter Hauschoreograph erhielt Standing Ovations. Das war zum einen hymnisches Lob für seine Choreographie, mit der er ganz neue Wege beschritt, das war aber auch als Protestkundgebung zu interpretieren, denn Detrich hatte vor einigen Wochen bekanntgegeben, dass er Goecke in seiner Intendanz nicht mehr als Hauschoreograph beschäftige, den Künstler, dem die Compagnie in den vergangenen Jahren zwölf fulminante Uraufführungen verdankt.

© Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Wehmutvolle Bilder einer besseren Welt. „Begegnungen“ beim Stuttgarter Ballett

In den USA polarisierte der Vietnamkrieg die Gesellschaft, und die Hippiebewegung suchte Liebe statt Krieg. In Deutschland revoltierten die Studenten in den späten 60er Jahren an den Universitäten gegen den Muff von tausend Jahren unter den Professorentalaren, und die RAF sorgte mit Mordanschlägen für Angst vor Terror von links. In dieser Zeit schufen zwei der renommiertesten Choreographen Ballette, die im Nachhinein wie ein Gegenentwurf zur Realität wirken. In den USA gestaltete Jerome Robbins 1969 eine Art idyllische Reminiszenz an schönere Zeiten mit seinen Dances at a Gathering und in Stuttgart präsentierte John Cranko mit seinen Initialen R.B.M.E. ein Plädoyer für Freundschaft und Kollegialität. Das Stuttgarter Ballett hat in seiner neuesten Produktion beide zu einem eigenen Abend verbunden: Begegnungen.

Jerome Robbins, Dances at the Gathering
Tänzer: Veronika Verterich, Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett
Weiterlesen

Auf dem Schleudersitz? Hauschoreograph am Stuttgarter Ballett

Es brauchte nur eine große abendfüllende Choreographie, und der Argentinier Demis Volpi war in das Amt des Hauschoreographen am Ballett Stuttgart katapultiert. Noch während des Premierenbeifalls nach der Uraufführung von Krabat nach dem Roman von Otfried Preußler am 22. März 2013 überraschte Ballettdirektor Reid Anderson das Publikum mit dieser seiner
Entscheidung; Volpi, damals gerade einmal siebenundzwanzig, wurde neben Marco Goecke der zweite Mann in diesem Amt. Doch es bedurfte nur einer zweiten abendfüllenden Choreographie –
Salome -, und Volpi war diesen Posten auch schon wieder los. Anderson hätte ihm das Amt wohl schon nach der Premiere von diesem Ballett entzogen, wollte aber wohl Volpi nicht damit belasten, der für die Oper Stuttgart Benjamin Brittens Oper Tod in Venedig inszenieren sollte – was er mit überwältigendem Erfolg auch tat.

Anderson begründet seine Entscheidung damit, Volpis Begabung liege eher im Geschichtenerzählen und Theatermachen als in der Choreographie – eine seltsame Begründung, denn die Ernennung Volpis zum Hauschoreographen erfolgte nach einer Ballettversion eines Romans, und Romane erzählen per definitionem Geschichten. Zudem hatte Volpi für die Geschichte eindringliche, durchaus vom Tanz her bestimmte Bilder gefunden. Andersons Entscheidung, ihn wegen dieser Arbeit zum Hauschoreographen zu ernennen, war mehr als plausibel. Geschichtenerzählen war also kein Hindernis – und Volpi bekannte sich kurz danach ausdrücklich dazu.

Zugegeben, Volpis Salome glänzt nicht mit großen Tanzszenen, es ist eine Choreographie der bedeutungsvollen Gesten und der eindrucksvollen Bilder, auch wenn diese gelegentlich ein wenig allzu ästhetisch ausfielen – doch das ließe sich von der jungen Choreographin Katarzyna Kozielska auch sagen, etwa in ihrem Ballett Neurons; von ihr hält Anderson offenbar sehr viel. Er scheint übrigens eher allein mit seinem Urteil über Volpis Salome, denn die Arbeit wurde für den Tanzpreis Benois de la Danse nominiert. Außerdem brillierte Volpi nicht nur in der Sparte Handlungsballett, mit Aftermath gelang ihm ein dreißigminütiges Meisterwerk, in dem er mit rein tänzerischen Mitteln das Thema Individuum und Masse auslotet.

Mit Krabat schuf er einen Publikumshit und erhielt dafür den Deutschen Tanzpreis Zukunft. Die Rolle des Teufels in seiner Version von Strawinskys Geschichte vom Soldaten brachte der Ersten Solistin am Stuttgarter Ballett, Alicia Amatriain, den Deutschen Theaterpreis Faust ein. Das alles in der kurzen Zeit seit Krabat.

Seltsam ist außerdem, dass Anderson, der mit dem Stuttgarter Ballett eine Compagnie leitet, die vor allem durch die erzählerischen Handlungsballette eines John Cranko bekannt ist, sich nun gegen das Geschichtenerzählen wendet.

An Aufträgen dürfte es Volpi nicht mangeln, er ist ein weltweit angesehener und gefragter Choreograph, im Stuttgarter Ballett wird er fehlen – und sollte er demnächst bei Eric Gauthiers inzwischen sehr renommierter Tanztruppe am Stuttgarter Theaterhaus eine erfolgreiche Choreographie herausbringen, wie es vor ihm schon ein anderer Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts getan hatte, dann wäre es pikant.

Zwischen Hell und Dunkel – Nachtstücke beim Stuttgarter Ballett

In der Nacht sollen zwar alle Katzen grau sein, doch keine Tageszeit dürfte derart voller Geheimnisse und Zwischentöne sein wie die Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. In der Malerei ist es der Bereich des Hell-Dunkel, was nicht heißen muss, des Schwarz-Weiß, in der Literatur ist es das Reich des Geheimnisvollen, auch des Schauders, der Gefahr, in der Musik ist es die Welt der klanglichen Raffinesse, der leisen Töne, der vagen Emotionen. Das Stuttgarter Ballett versucht nun mit einem neuen Programm, die Nacht in Tanz zu definieren.

Edward Clug: „Ssss…“. Tänzer: Hyo-Jung Kang, Pablo von Sternenfels ©Stuttgarter Ballett

Weiterlesen

Und ewig lockt … Verführung als Inbegriff des Tanzes am Stuttgarter Ballett

Es gilt als das Buch der Verführung schlechthin, das Kamasutra (deutsch Verse des Verlangens), und Verführung ist das Wesen der Erotik. Doch Verführung birgt auch Gefahren, sie macht widerstandslos, besteht ihr Ziel doch darin, das Gegenüber von seinem eigentlichen Weg abzuführen. Folgerichtig sah der Soziologe Max Weber in der Verführung eine Form der Machtausübung und damit der Herrschaft. Verführung hat ein Janusgesicht – und genau dieses Doppelspiel führt ein neuer Abend beim Stuttgarter Ballett in vier Facetten vor.

Tänzer/dancers: Friedemann Vogel, Ensemble © Carlos Quezada

Weiterlesen