Von den Nachwehen der Zeit: Vier neue Stücke der Jungen Choreographen am Stuttgarter Ballett

Bei vielen Großen des modernen Balletts liegen die Anfänge in Stuttgart – bei Jiří Kylián, John Neumeier oder Marco Goecke. Das ist freilich kein Zufall, denn in Stuttgart gibt die Noverre-Gesellschaft, die 1958 gegründet wurde, seit 1961 Tänzern Gelegenheit, selbst Choreographien zu kreieren und aufführen zu lassen. Inzwischen wird das unter dem Dach des Stuttgarter Balletts weitergeführt als Noverre:Junge Choreographen. In diesem Jahr waren es fünf, die zum Teil schon zum zweiten Mal von der Seite der Tänzer auf die der Choreographen wechselten.

Satchel Tanner, Jolie Rose Lombardo, Lassi Hirvonen, Julliane Franzoi, Danil Zinovyev © Stuttgarter Ballett

Es bedarf nicht unbedingt tiefschürfender Gedanken, um ein Tanzstück auf die Bühne zu bringen. Adrian Oldenburger reichte für sein neues Stück Better late than never die Vorstellung: Wie wäre es, den alltäglichen Trott des Lebens hinter sich zu lassen und das Leben einfach zu leben? Und also bringt er Menschen wie du und ich auf die Bühne, die des Morgens aufstehen, sich für den Berufsalltag rüsten und zur Arbeit eilen; in diesem Fall in seriösem Habit – Anzug, weißem Hemd mit Krawatte – und mit steifem Aktenkoffer.

Doch dann scheinen einem von ihnen Zweifel zu kommen, und er schert aus diesem Alltagstrott aus – zögerlich zwar, aber doch durchaus willens, und damit eröffnet sich ein Reigen heiterer Exkurse in die Welt der Fantasie, des Spiels, der Freude. Was eignete sich dazu besser als die Klänge des Donauwalzers von Johann Strauss, und das Unterfangen der Figuren gelingt, wenn auch meist nur mit kleiner Schützenhilfe einer Art Maître de Plaisir, einer Art Regisseurin in Hosenanzug und feschem Hut, die den Figuren erste Schritte weist – zu einem Handshake, auch mal zu einem Küsschen auf die Wange, aus dem sich dann unvermittelt ein Tänzchen entwickelt. Das ist witzig durchgespielt und von allen Tänzerinnen und Tänzern bravourös mit viel Humor ausgeführt. Entdeckt einer der Tänzer in seinem Aktenkoffer eine Blume, mit der es sich ja sehr viel lockerer lebt als mit Akten, suchen die übrigen in ihren Köfferchen nach Ähnlichem – und werden enttäuscht. Am Ende entsteht aus einer solchen Alltagsbegegnung ein grandioser Pas de deux zu den aufschwellenden Schlussklängen des Walzers. Oldenburgers Choreographie wird die Ballettwelt nicht revolutionieren, aber er hat eine perfekte, witzige tänzerische Arabeske auf die Bühne gebracht, die eine wahre Preziose ist. Wie gesagt, es bedarf nicht großer philosophischer Tiefe zu einem Tanzstück, aber vielleicht ist die Idee, dem Leben einfach einmal nachzugeben, ja eine der tiefgründigsten überhaupt.

Timoor Afshar hat sich dagegen für sein Zeitorgan möglicherweise zu viele philosophische Gedanken gemacht. Es geht, nach einem Satz von Thomas Mann, um die Frage, ob es neben einem Gesichts- oder einem Tastsinn auch ein Organ für das Zeitempfinden gibt.

Anouk van der Weijde © Stuttgarter Ballett

Und so lässt Afshar zu Beginn in einem grandiosen Auftaktbild gewissermaßen eine Norne auftreten, die ein rotes Seil in Händen hält, aus dem die übrigen Tänzer dann eine Art quadratischen Innenraum bilden; schließlich sind die Nornen in der nordischen Sage ja die Gottheiten, die das Schicksalsgarn der Menschen spinnen. Anouk van der Weijde tanzt das grandios filigran und ausdrucksstark, doch wäre es unfair, eine tänzerische Leistung herauszuheben aus einem Ensemble, in dem alle perfekt sind.

In diesem Fall bildet das Garn den Lebensraum der Figuren/Tänzer, worin sie sich mal verfangen, dann wieder befreien, dessen rote Fadengrenze sie mit Füßen treten, auch überschreiten, in den sie aber immer wieder zurückkehren. Und hier spielen sich mal Annäherungen ab in Form synchroner Bewegungen, mal zögernde Gefühlsbekundungen, meist aber eher abwehrende, fast aggressive Ausbrüche. Etwas, so beginnt man zu ahnen, ist zwischen diesen Menschen vorgefallen, und das deuten schließlich zwei Figuren aus der Vergangenheit an, zwei Tänzer in einer Art altmodischem Morgenmantel, die offenbar einmal befreundet waren, vielleicht sogar ein Liebespaar, die sich dann aber entzweiten.

So wirkt sich Vergangenheit auf das Jetzt aus, doch für eine solche Botschaft sind die Szenen zu unvermittelt nebeneinander gestellt, und die Freundschaftssequenz ist zu lang ausgespielt. Am Ende wickelt die Tänzerin vom Beginn das Seil wieder auf.

Henrik Erikson, Alessandro Giaquinto © Stuttgarter Ballett

Auch bei Yasuragi no chi von Alessandro Giaquinto geht es um Beziehungen, in diesem Fall zwischen zwei Männern, die in einem engen Lichtkreis am Boden gefangen sind. In ihm agieren sie ihre Beziehung aus, eine Beziehung voller Kraftausübung, Ablehnung, zögernder Annäherung. Brillant der Choreograph selbst als Tänzer und sein Partner Henrik Erikson. Auf die leiseste Berührung an der Schulter reagiert der Partner – oder Gegner? – geradezu aggressiv erschrocken. Auch hier, so ahnt man, muss etwas in der Geschichte der beiden vorgefallen sein. Giaquinto gelingen diese Andeutungen allerdings sehr viel präziser und konzentrierter als Timoor Afshar. Doch auch hier ist der Rückblick auf die Keimzelle einer einstigen Freundschaft, die sich offenbar in Gegnerschaft verwandelte, zu lang.

Demgegenüber haben Simone Repele und Sasha Riva in ihrem Stück über La jeune fille et les morts ein perfektes Timing entwickelt. Zu den sich ständig wandelnden sehr unterschiedlichen Gefühlswelten, die der langsame Satz von Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen musikalisch entwickelt, bringen sie Kurzszenen auf die Bühne, in denen es ebenfalls um die Zeit, die Erinnerung, das Früher und das Jetzt geht.

Yumi Aizawa, Simone Rapele, Sasha Riva © Stuttgarter Ballett

Hier aber ist alles nachvollziehbar. Ein wenig erinnert die Geschichte an François Truffauts Film Jules et Jim, die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei jungen Männern, die durch die Liebe zu einer Frau zerbricht. Dieses Stück erzählt die Geschichte aus der Erinnerung der Frau – grandios in einer Synthese von mädchenhafter Unbekümmertheit und altersweiser Gedankenschwere tänzerisch und mimisch von Yumi Aizawa verkörpert. In einer raschen Abfolge traumhafter Szenen entfaltet sich die Vorgeschichte der drei Figuren, an deren Ende gleich zwei Tode der Frau stehen – der der Erinnerung an Vergangenes und der tatsächliche, mit dem ihr Leben endet und der die beiden Männer in Trauer um den Verlust – damals wie jetzt – zurücklässt.

Das alles ist ganz aus dem Tanz heraus entwickelt, der wiederum der Musik in jeder Nuance traumwandlerisch folgt – was zeigt, dass es vielleicht nicht unbedingt der beste Einfall ist, sich als Choreograph von einer Musik inspirieren zu lassen, die eher als Klangwolke den Raum erfüllt, aber tänzerischer Bewegung wenig Anregungen bietet wie bei Afshar und Giaquinto. Die aufwühlenden Wechselbäder der Gefühle eines Schubertschen Streichquartetts sind da choreographisch ungleich ergiebiger und die schwungvollen Walzerklänge eines Johann Strauss erst recht.

Noverre:Junge Choreographen 2022“, Stuttgarter Ballett. Bis zum 29.4.2022 als Stream on demand abrufbar

https://www.youtube.com/watch?v=zoPaAHQp2CY

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