Happy End einer Dystopie: Axel Ranisch inszeniert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart

1973 kam ein Film in die amerikanischen Kinos, der radikal vor einer drohenden Umweltzerstörung warnte. Er zeichnete ein hoffnungslos überbevölkertes New York in einer Welt, in der die Natur keine Nahrung mehr spendet und in der die Menschen mit farbigen Talern der Firma Soylent (abgeleitet von Soya und lent = Linse) abgespeist werden. Besonders begehrt, aber teuer das angeblich aus Plankton hergestellte grüne Soylent, das, so entdeckt ein alter Bürger, der noch echtes Gemüse kennengelernt hat, aus Menschenleichen hergestellt wird. Ob dieser Erkenntnis verschreibt er sich einer „Tötungsanstalt“, die ihm einen sanften Tod bei Naturbildern und Beethovens Pastoralsymphonie ermöglicht – ein Film, der Axel Ranisch 2022 bei seiner Stuttgarter Inszenierung von Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel inspiriert haben könnte, ein Film, der in die deutschen Kinos unter dem Titel …Jahr 2022…die überleben wollen kam.


Ida Ränzlöv (Hänsel), Catriona Smith (Mutter)Foto: Matthias Baus

Auch bei Axel Ranisch ist die Welt am Ende. Während Alevtina Ioffe zu Beginn der Ouvertüre die Streicher, Holzbläser und samtenen Hörner des Staatsorchesters klanglich brillant zu romantischer Waldseligkeit animiert, zeigt ein Trickfilm den Weg von üppig grüner Landschaft über immer kahler werdende Bäume bis hin zu einem alles verkohlenden Brand, vor dem sich Tiere in Sicherheit zu bringen versuchen. Entsprechend ist die Heimat von Hänsel und Gretel düster, karg, dominiert von metallenen Rohren. Statt aus Reisig binden sie für ihren Vater Besen aus Elektrokabeln und anstelle der Sahne im Milchkrug laben sie sich an kleinen bunten Talern, die ihnen das kleine Männlein im Walde geschenkt hat, das in einem roten Mäntelchen stumm dasteht, wie das von Humperdinck in seine Oper übernommene Volkslied weiß. Josefin Feiler und Ida Ränzlöw treffen virtuos den schlichten Liedton, den Humperdinck in seiner Mischung aus alten Volksliedern und raffiniert im Volksliedton neu komponierten Arien und Duetten zu Papier gebracht hat, Kompositionen, die ihrerseits zu Volksliedern avanciert sind. So entsteht eine Opernklangwelt aus einem Guss, nicht zuletzt auch, weil Dirigentin Alevtina Ioffe das ganze Klangspektrum bis hin zu wagnerisch inspirierten Klangmassen und dem attackierenden Leitmotiv der bösen Hexe herausarbeitet –


Rosie Aldridge (Hexe), Statisterie der Staatsoper Stuttgart
Foto: Matthias Baus

einer Hexe, die sich bereits als Männlein im purpurnen Mäntelchen in die Handlung eingemischt hat. Rosie Aldridge gelingt das pompös Damenhafte, könnte als Hexe jedoch etwas unheimlicher sein. Sie ist die wahre Herrscherin in dieser Welt, sie führt ein großes Chemieunternehmen, durch das die Menschen mit den kleinen bunten Talern satt gemacht und bei Laune gehalten werden, Produkte, die ähnlich wie Soylent Green im Kinofilm aus den Leichen von Kindern gewonnen werden, die vom Fließband oben in die Fabrik geschleudert werden und unten zu Talern geschreddert landen.

Das mag man als allzu große künstlerische Freiheit angesichts einer Oper kritisieren, die durch das Lebkuchenhäuschen und die Knusperhexe zum Begriff geworden ist. Doch Ranisch gelingt mit seiner Adaption des Märchens der Gebrüder Grimm an den US-Film, den er sicher kannte, als er sich an seine Arbeit machte, eine bruchlose Aktualisierung. Begriffe wie Umweltverschmutzung sind auch schon Kindern ein Begriff (die Inszenierung wird für Kinder ab fünf Jahren empfohlen),


Josefin Feiler (Gretel), Rosie Aldridge (Hexe), Ida Ränzlöv (Hänsel), Statisterie der Staatsoper Stuttgart
Foto: Matthias Baus

ein Laden mit dem Titel „Leckermaul“ erinnert an die bunte Welt der Jahrmarktsbuden, und Süßigkeiten in poppigen Farben prägen die Süßigkeitenregale unserer Supermärkte, in denen lilafarbene Weihnachtsmänner und Osterhasen unwidersprochen akzeptiert werden; und dass Leckereien aus Menschenfleisch hergestellt werden, ist keine neue Idee des US-Kinos, sondern steht wortwörtlich im Libretto der Oper, an deren Ende die in Lebkuchen verwandeltn Kinder wieder lebendig werden, so wie auch bei Ranisch aus den Tiefen der Fabrik, in der die bunten Taler hergestellt wurden, nach dem Tod der Hexe wieder Kinder auftauchen.

So manche Anspielung dürfte das junge Publikum nicht verstehen. So entdeckt das Taumännchen einen blauen Pilz, aus dessen Mycel es am Ende eine neue Nahrungsquelle kreiert – ein naturwissenschaftlich korrektes Bild, das freilich entsprechende Kenntnisse verlangt und das zugleich an die blaue Blume der Romantik erinnern mag. Solche Assoziationen sind für das Verständnis der Oper allerdings nicht nötig – dürften aber für das erwachsene Publikum, das bei dieser Oper ja nicht allein auf die Begleitfunktion von Kindern reduziert werden sollte wie beim Kasperletheater, reizvolles Gedankenfutter sein.

Natürlich ist diese Welt nicht zu retten, und ihre Bewohner werden durch den Pilz kaum genügend Nahrung bekommen; es wird also nach dem Tod der Hexe weiterhin Hunger auf dieser Welt herrschen, doch zum Märchen gehört ein Happy End, und auch in einer Dystopie sollte ein Hauch Utopie erlaubt sein.

Bis 24.4.2022 als Stream on demand verfügbar

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/live/

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