Eine der größten ihres Fachs: George Eliot – ein Porträt. Teil 2

Es dauerte gerade einmal fünf Jahre, und aus der Wissenschaftsjournalistin und Übersetzerin philosophischer Schriften Marian Evans ist eine erfolgreiche Schriftstellerin von Romanen geworden. Zwar hat sie erst zwei Bücher vorgelegt, aber die Verkaufszahlen schnellen in die Höhe, die Einnahmen steigen, und nach weiteren fünf Jahren ist die anfangs wegen ihrer wilden Ehe mit dem Sachbuchautor George Henry Lewes im viktorianischen England gesellschaftlich geächtete Frau eine in den höchsten Kreisen begehrte, ja vergötterte Autorin geworden, die ihre Romane unter dem Pseudonym George Eliot schreibt und in ihrem Haus buchstäblich Hof hält – eine erstaunliche Karriere, vor allem, wenn man ihre Herkunft bedenkt!

Weder kam Mary Anne Evans, so ihr Taufnahme, in London zur Welt, dem intellektuellen Zentrum Englands, noch entstammte sie einer wohlhabenden, gar adligen Familie – beides hätte eine Intellektuellenkarriere, die ihr schließlich gelang, erwarten lassen, wenn auch nicht bei einer Frau. So hätte aus der 1819 in Nuneaton geborenen Mary Anne eine Ehefrau und Mutter werden können, und dafür standen die Zeichen nicht einmal schlecht. Ihr Vater war ein erfolgreicher Gutsverwalter, der mehrere Anwesen betreute, die häusliche Existenz war gesichert, kurz vor Mary Annes Geburt war die Familie nach Griff House umgezogen, ein stattliches Haus vor den Toren von Nuneaton. Mary Anne erhielt dort eine gute Ausbildung; Nuneaton war immerhin eine der größten Städte Warwickshires in Mittelengland. Später besuchte sie in Coventry ein Internat. Sie war eine fleißige und begabte Schülerin. Bereits im kindlichen Alter zeigte sich allerdings, dass sie nie eine Schönheit werden würde. Als Spielkameradin war sie weniger geeignet denn als Schülerin. Schon als Kind unterhielt sie sich lieber mit Erwachsenen als mit Gleichaltrigen, eine Neigung, an der sie auch in späteren Jahren festhielt.

So war es kein Wunder, dass sie sich im Internat in Coventry eng an ihre Lehrerin Maria Lewis anschloss, die sie zu einer intensiven Frömmigkeit anhielt, eine Leidenschaft, die sie allerdings später radikal ablegen sollte. In den Ferien konnte sie ihre Wissbegierde weiter stillen, denn ihr stand die Bibliothek von Robert Evans‘ Arbeitgeber zur Verfügung, der auf dem Landgut Arbury Hall lebte.

Das Verhältnis zum Vater muss gut gewesen sein, Väter kommen in ihren
Romanen meist recht gut weg, im Unterschied zu den Müttern. Und auch zu ihrem Bruder Isaac hegte sie eine große Zuneigung, auch wenn der etwas ältere, kaum hatte er ein Pony geschenkt bekommen, nicht mehr sonderlich daran interessiert war, mit der Schwester zu spielen. Auch ihm sollte sie wie ihrem Vater in einem Roman ein Denkmal setzen.

Durch diesen Bruder sollte sich ihr Leben allerdings bald gründlich ändern, denn 1841 – Mary Ann, wie sie sich inzwischen schrieb, war da gerade 22 Jahre alt, übernahm Isaac die Geschäfte des Vaters, der daraufhin mit der zu seinem Leidwesen noch unverheirateten Tochter nach Foleshill in ein stattliches Haus zog; und hier begann, was man in ihrer intellektuellen Entwicklung „Nachbarschaftshilfe“ nennen könnte. Durch eine Frau in unmittelbarer Nähe lernt sie deren Bruder kennen, Charles Bray, und mit ihm beginnt eine Phase in ihrem Leben, die ihr noch kurz davor unvorstellbar vorgekommen wäre, denn durch Bray kommt Mary Ann, die von tiefer Frömmigkeit erfüllte junge Frau, in Kontakt mit Freigeistern, Freidenkern, gar Atheisten. Bray ist Fabrikant in Coventry und intellektuell sehr aufgeschlossen, hat schon als junger Mann ein philosophisches Werk veröffentlicht, setzt sich im Gefolge des Sozialreformers Robert Owen sehr für die Interessen der Arbeiterschaft ein und lernt durch seine Frau Cara Charles Christian Hennell kennen, der mit seinem Buch An Inquiry into the Origins of Christianity Zweifel an der Göttlichkeit Christi formuliert hat. In Brays Haus Rosehill trifft Mary Ann in der Folge auf bedeutende Zeitgenossen wie Florence Nightingale, die Reformerin des Sanitätswesens in England, und die Frauenrechtlerin Harriet Martineau. Sie blüht auf, man beobachtet nicht ohne Naserümpfen, wie sie mit dem attraktiven Charles Hennell Arm in Arm spazieren geht, und verliert nach und nach ihren Glauben. Anfang 1847 verweigert sie ihrem Vater den üblichen gemeinsamen Kirchgang, der Familieneklat ist perfekt. Der Vater setzt sie vor die Tür. Mary Ann gibt nach, geht wieder mit ihm in die Kirche, doch ohne innere Überzeugung.

Dafür ist sie erwachsen geworden. Der Umgang mit dem „Rosehill-Kreis“ um George Bray, die intensiven Gespräche vor allem mit geistig anregenden – und auch attraktiven – Männern, hat sie wachgerüttelt. Und immer wieder sind es ältere Gesprächspartner, zu denen sie sich oft genug auch sehr persönlich hingezogen fühlt, wie beispielsweise zu einem gewissen Dr. Robert Herbert Brabant. Dessen Schwester heiratet Charles Hennell, man lernt sich auf der Hochzeit kennen und vielleicht auch lieben, obwohl Brabant verheiratet ist.

Brabant lädt die junge Frau zu sich nach Hause ein. Die Umgebung ist verstimmt, man bedeutet dem Herrn, den Umgang zu beenden, Marian, wie sie sich inzwischen schreibt, kehrt vorzeitig nach Hause zurück. In ihrem Meisterwerk Middlemarch wird sie diese Erfahrung aufgreifen: Die Heldin Dorothea heiratet hier einen älteren Gelehrten, der sich freilich als staubtrockene Persönlichkeit erweist ohne die geistigen Fähigkeiten, die man in ihm fälschlicherweise zu sehen meint. Dieser Gelehrte arbeitet an einem umfassenden Werk über den Urstoff aller Mythen, durchaus vergleichbar dem Vorhaben Dr. Brabants, der in seinem Werk mit allem Aberglauben aufräumen möchte und ähnlich wie der Gelehrte im Roman über eine Stoffsammlung nicht hinauskommt.

Mary Ann ist geistig gewachsen. Für Brays Coventry Herald schreibt sie erste Texte, und auf Hennells Bitte übersetzt sie das Buch Das Leben Jesu des Tübinger Theologen David Friedrich Strauß, in dem der noch junge Autor zum Entsetzen der protestantischen Kirche, in der er Pfarrer werden will, deutlich unterscheidet zwischen der historischen Person Jesu von Nazareth und dem Christus des Glaubens.

Die intellektuelle Schriftstellerin Marian Evans, wie sie sich jetzt schreibt, ist geboren. Ihre Übersetzung, für die sie ein lächerlich geringes Honorar erhält, erscheint im Verlag des Londoner Verlegers John Chapman, der nebenbei in seinem Wohnhaus auch Zimmer vermietet. Hier kommt Marian nach dem Tod ihres Vaters unter – und hier beginnt die Geschichte ihrer Selbstständigkeit – geistig und privat.

Fortsetzung folgt

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