Synthese von Gegensätzen: Die Malerei von Vera Leutloff

Farbe kann einem Maler zu sehr unterschiedlichen Zwecken dienen. Zum einen kann sie Mittel zur Darstellung eines Bildes von unserer Welt sein – einer Landschaft, eines Stilllebens, eines Porträts; zum anderen kann sie reiner Selbstzweck sein wie etwa das Blau bei Yves Klein oder das Schwarz bei Ad Reinhardt. Die Malerei von Vera Leutloff scheint beides zur Synthese zu bringen, wie jetzt eine Retrospektive im Kunstmuseum Reutlingen/konkret zeigt.

Stangen: Horizont: Koi (2014) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Auf den ersten Blick sieht man ein Gewirr von Stangen, vermutlich Eisenstangen von nicht unbeträchtlicher Dicke; man erkennt genau die perfekte Rundung des Stahls. Doch das hat Vera Leutloff eigentlich gar nicht gemalt. Geht man nah an diese Bilder heran, sieht man, dass alles, was zu einer realistischen Darstellung solcher Stangen nötig wäre, fehlt. Sie hat nicht einmal versucht, perspektivisch das Runde der Stäbe anzudeuten, sie hat streng genommen nur farbige Streifen auf die Leinwand gesetzt, mit wie mit dem Lineal gezogenen Rändern, was zum Eindruck einer runden Stange auch nicht passte. Sie hat auch gar nicht versucht, farblich die Oberfläche solcher Stangen nachzubilden, im Gegenteil. Es finden sich unrealistische Farben wie Grün, Gelb oder Rot, und sie sind auch nicht, wie zu erwarten wäre, glatt auf die Leinwand gemalt, vielmehr laufen die Pinselstriche in einzelnen Fasern der Pinselborsten aus. Was Vera Leutloff hier auf die Leinwand gebracht hat, ist reine Malerei, abstrakt, informell, wie durch Zufall hingepinselt, dabei aber doch zugleich auch genau geplant: Für die scharfen Ränder muss sie beim Malen Klebestreifen zu Hilfe genommen haben.

Es ist eine Kunst der Gegensätze, die eine Synthese eingehen: Auf der einen Seite reine Malerei, auf der anderen ein fast realistischer Bildeindruck. Doch auch der hält einer Überprüfung nicht stand. Wofür stehen diese Stangen? Ein Bild einer Techniklandschaft ergibt sich nicht, die Gebilde sind reiner Selbstzweck, ein Sinn erschließt sich dem Betrachter nicht.

Und diese Widersprüchlichkeit gilt auch für den Eindruck räumlicher Tiefe. Das Stangengewirr scheint zwar tief nach hinten in den Raum zu reichen, doch wie tief? Der Raum ist ohne Ende, ist er damit überhaupt ein Raum? Vera Leutloff weiß um die Technik der Zentralperspektive und führt sie zugleich ad absurdum.

Diese Stangenbilder – Vera Leutloff malt gern in Serien – entstanden 2018. Zwanzig Jahre davor, noch ganz am Anfang ihrer Malkarriere, widmete sie sich Naturphänomenen, vor allem Gräsern. Doch was wie realistische Porträts von fedrigen, leicht exotisch anmutenden Graslandschaften wirkt, besteht bei genauerem Hinsehen aus nichts als einzelnen Pinselstrichen: Jeder Strich ein Grasblatt: Aus reiner Malerei, dem Umgang mit Pinsel und Farbe, entstand der Eindruck von Natur. Raumtiefe war auch in diesen Bildern vorhanden, allerdings waren die Bildelemente nicht selten streng geordnet, fast in Reih und Glied.

Und immer entdeckt man, wenn man sich mit ihren Bildern auseinandersetzt – und man braucht lange für jedes dieser Bilder – das Umkippen von Abstraktheit und Konkretheit, von purer Gegenstandslosigkeit und perfekter Abbildhaftigkeit. Und immer wieder wird man auf den Malakt, die reine Maltechnik verwiesen.

Netz: Atrament, Vandyckbraun,Stil de Grain brun, Grünlack (2005), Ausschnitt © VG Bild-Kunst, Bonn 2022. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Was wie ein Über- und Untereinander von dünnen Fäden wirkt, sodass sich der Eindruck von Netzen ergibt, kam in Wirklichkeit durch ein Verwischen der Farbe zustande: Die noch feuchten Farbstriche wurden mit einem dünnen Stab durchkreuzt und dabei verwischt – und ausgerechnet aus einer Zerstörung einer Linie ergibt sich der Eindruck eines vollkommen reißfesten Netzes. Dieselbe Technik führte Jahre später zu Bildern, die aussehen, als seien sie von einem Oszillographen erstellt.

Immer wieder wird auf diesen Bildern Konträres zur Synthese geführt. Was wie ein Blick in eine kalte Gletscherlandschaft wirkt, ist nichts als der Umgang mit spitzen, weißen Pinselstrichen.

Bis Vera Leutloff zu diesem Changieren zwischen Abbild und reiner Malerei fand, erprobte sie die Wirkungen von Farbmalerei in mehreren Phasen. So gehen in einigen Serien Farben fast nahtlos ineinander und sind doch nichts anderes als einzelne Pinselstriche.

Man kann ihre Entwicklung von streng geordneten Bildkompositionen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die wie am Computer konstruiert wirken, bis zu den Dickichten aus Stangen in dieser Ausstellung Schritt für Schritt nachvollziehen. 

Fenster: 2 Seen (1989) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Am frappierendsten aber ist der Eindruck, wenn man von den späten Stangenbildern zu ihren frühesten Bildern geht, Bildern, die eindeutig von Landschaften inspiriert wurden, und siehe da: Auf einem Bild von 1989 ist eigentlich alles schon in nuce vorhanden, was sich später in Einzelserien entwickeln sollte: Assoziationen von Naturbildern wie blühenden Büschen, möglicherweise Flieder, ebenso wie die von Stangen der späten Phase, die sich auch hier schon finden, allerdings noch einen inhaltlichen Sinn haben: Fenster heißt das Gemälde, die Stäbe sind die Fenstersprossen. Wenn man davor ihre späteren Arbeiten gesehen hat, ahnt man, dass hier bereits der Keim zu allem Folgenden gelegt wurde.

Vera Leutloff. Farbe in Bewegung“, Kunstmuseum Reutlingen/konkret bis 12.3.2023

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