Humor bei Wagners Siegfried: Die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito an der Oper Stuttgart

Es war vor über zwanzig Jahren, da hatte der damalige Stuttgarter Opernintendant Klaus Zehelein die durchaus kühne Idee, die vier Teile von Wagners Ring, nicht wie meist – und vor allem in Bayreuth – üblich, von einem einzigen Regisseur inszenieren zu lassen, sondern für jeden Abend einen anderen Regisseur zu wählen. Der jetzige Intendant Viktor Schlomer setzte diese Tradition fort, ja steigerte sie noch, indem er für eine der vier Opern – Die Walküre – gar pro Akt einen anderen Regisseur verpflichtete. Für den Siegfried dagegen holte er die seinerzeit von Jossi Wieler und Sergio Morabito erarbeitete Version noch einmal auf die Bühne – eine grandiose Wahl für eine grandiose Inszenierung.

Matthias Klink (Mime), Daniel Brenna (Siegfried). Foto: Martin Sigmund

Bei Wieler und Morabito ist vieles anders als in anderen Siegfried-Inszenierungen. Das beginnt schon mit den ersten Takten. Laut Partitur schmiedet da Mime, der Ziehvater des jungen Siegfried, dessen Mutter bei der Geburt gestorben war und dessen Vater schon gleich nach seiner Zeugung starb, ein Schwert für den künftigen Helden. Im Orchester erklingen dazu die metallischen Klänge – allerdings in einem Tempo, zu dem man wohl kaum einen schweren Hammer schwingen kann, und Mime schon gar nicht: Richtig schmieden kann er ohnehin nicht, wie er in der Oper selbst bekennt, das wird Jung-Siegfried dann übernehmen. Bei Wieler und Morabito, bekannt für ihre genaue Libretto- und Partiturlektüre und ihren psychologischen Scharfblick, bereitet Mime das Mittagessen für sich und seinen Ziehsohn – er pellt Kartoffeln und schlägt mit dem Messer den Takt an die Metallschüssel in seinem Schoß. Es darf gelacht werden – und das bei Wagner! Wenn Siegfried Ende zweiter Akt noch einmal auf die Bühne eilt, um das vergessene Schwert zu holen, ehe er dem Waldvögelein nacheilt, dann hat er die Lacher auf seiner Seite, denn der Sänger des Siegfried brachte bei der Premiere 1999 neben seiner fulminanten Heldenstimme eine gewisse Leibesfülle auf die Bühne, wie durchaus auch der jetzige Siegfrieddarsteller, und die eilt nicht von allein.

Diese psycho-logische Durchdringung setzt sich in jeder der folgenden Szenen fort. Wieler stellt ihn als Psychopathen vor, der nur eines im Sinn hat: den Nibelungenschatz wiederzugewinnen, der von Lindwurm Fafner bewacht wird.

Matthias Klink (Mime), Tommi Hakala (Der Wanderer)
Foto: Martin Sigmund

Auch Göttervater Wotan erscheint in neuem Licht. Wie ein Verbrecher schleicht er mit Lederjacke und Sonnenbrille durch die Szenen, um seine Beute zu sichern – auch das plausibel, schließlich hat Wotan zu diesem Zeitpunkt der Tetralogie jede Menge Verrat auf seine Schultern geladen, um ans schnöde Ziel zu kommen. Ein weihevoller, würdiger Weltenlenker kann das nicht sein, und wenn er mit Mime sein Spiel mit den drei Fragen treibt, dann ist er ganz der Überlegene, Mime nichts als eine Maus im Käfig. 

Und Siegfried? Kein strahlender Held, sondern, wie es immer wieder in der Oper heißt, ein dummer Jugendlicher mit überschüssiger Kraft, die er loswerden muss – und sei es auch nur, indem er Stühle zertrümmert, um Brennholz für die Esse zu haben, in der er sein Schwert Nothung schmiedet, mit dem er dann Fafner erschlägt. Zugegeben: Wieler begnügt sich damit, die Geschichte der Oper zu erzählen. Historische Deutungen finden sich nur am Rand, etwa im Bühnenbild. Der Gefängniszaun, hinter dem der Schatz bewacht wird, erinnert an KZ-Szenen, das Waldvögelein ist ein blindes, kurzgeschorenes Lagermädchen – auch das plausibel, schließlich stellt in dieser Oper Siegfried ständig Fragen nach seinen Eltern – ohne Antwort. Das kennt man. Am Ende steht Wotan in einer Art Kinderhort – Haus Lebensborn kam dem Regisseur in den Sinn, auch das sinnvoll: Wotan wollte ja mit den Wälsungen, die er außerehelich gezeugt hatte, ein neues Menschengeschlecht gründen. Aber solche Assoziationen sind eher am Rande.

Simone Schneider (Brünnhilde), Daniel Brenna (Siegfried). Foto: Martin Sigmund

Im Zentrum steht die Geschichte um Jung-Siegfried, und da, wie gesagt, darf gelacht werden – spätestens, wenn Siegfried, in einer reinen Männergesellschaft aufgewachsen, vor dem Weib Walküre Angst bekommt, und sich am liebsten in den Schlafzimmerschrank flüchtet. Diese beiden, die nach dem Willen Wotans das neue Geschlecht zeugen sollen, sind als Liebespaar ein reiner Witz: Sie möchte schon, er aber flüchtet sich in den Schlafzimmerschrank – bei seinem Volumen und dem engen Möbelstück im Ikeastil wieder ein Grund zu schmunzeln. Aber wieder hat das Regieduo genau in die Partitur geschaut: Beide singen genau genommen ständig aneinander vorbei! Vor dem Lindwurm Fafner hat dieser Siegfried keine Angst, wohl aber vor Brünnhilde im lindgrünen Negligee.

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