Grand Théâtre in Zeiten von Corona: Das Krisen-Onlineangebot der großen Theater im Land

Obwohl abzusehen war, dass die verordnete Zwangspause für Museen und Galerien vergleichsweise kurz sein würde, haben sich so manche Institute viel einfallen lassen, um Kunst online zu ermöglichen, wie ein Beitrag in diesem Blog darlegt. Sehr viel schwieriger gestaltet sich die Corona-Krise für die Theater. Es ist daher kein Wunder, dass vor allem die Dreispartentheater im virtuellen Raum ohne unmittelbar spürbares Publikum ihre Kunst weiter ausüben, mit unterschiedlicher Intensität.

Cornelius Meister dirigiert Laubenkonzert 2 © Staatsoper Stuttgart

Es dürfte das spektakulärste Dirigentenpult gewesen sein, das Cornelius Meister, der Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart, vor einigen Wochen bestiegen hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Es stand auf einer Hebebühne hoch über dem Boden des Publikumsraums, und von dort dirigierte Meister ein Blechbläserensemble des Staatsorchesters zu Mozarts Gran Partita. Die Musiker saßen durch Wände voneinander getrennt einzeln in den Logen des 1. Rangs. „Oper trotz Corona“!

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/oper-trotz-corona/

Das Konzept wurde mit dem Betriebsarzt entwickelt, was zeigt, in welche Dimensionen die Fantasie in diesen Zeiten vorstößt, und hat nur einen Schönheitsfehler: Der Film enthält nur zwei Sätze des Stücks, dafür in einem Film perfekt eingefangen und geschnitten.

Häuser wie die Oper Stuttgart haben es vergleichsweise leicht, ein Online-Programm für längere Zeit zur Verfügung zu stellen, denn viele Produktionen sind auf Video festgehalten. So bietet das Haus jede Woche eine andere Produktion als Streaming an, vor allem jüngere Inszenierungen, demnächst aber auch den Klassiker Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann .

Derart zahlreich ist das Videoarchiv des Nationaltheater Mannheims nicht, aber einige Beispiele stehen nun online in voller Länge zur Verfügung, so zum Beispiel das Tanztheaterstück Empty House. Opernproduktionen wurden für die Coronazeit zu halbstündigen Opernführerversionen zusammengeschnitten. So kann man „Aida-Kompakt“ erleben.

https://www.nationaltheater-mannheim.de/

Das gesamte Programm ist auf der Homepage enthalten, dort kann man auch den jeweiligen „Wochenspielplan“ herunterladen, der neben dem Geschehen auf der „Großen Bühne“ auch die sehr viel zahlreicheren, meist kürzeren Beiträge in den Social Media wie Facebook oder Instagram in Video- oder Podcastform enthält, die gleichfalls über die Homepage abrufbar sind. Derlei Auftritte bei den sozialen Medien haben alle Theater. Das Angebot besteht hier nicht selten aus einzelnen Videos von Ensemblemitgliedern, die über ihre Zeit im Home Office berichten. In der Rubrik „Meisterklasse“ finden sich Filme einzelner Ensemblemitglieder, die Kostproben ihrer Kunst geben oder in ihre Kunst gebnerell einführen – ein Blick hinter die Kulissen gewissermaßen.

So auch das Staatstheater Karlsruhe.

https://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/wohnzimmer/

Hier finden sich auch kleinere musikalische Darbietungen, die von Musikern des Orchesters zuhause auf Video festgehalten wurden. Schuberts Lied Auf den Flügeln des Gesangs beispielsweise, gesungen im Wohnzimmer und auf der grünen Wiese.

So etwas findet sich auch in Ulm:

https://www.theater-ulm.de/im-sechseck/rubrik/1337

Präsentiert werden etwa Arien aus Massenets Werther oder Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und andere Darbietungen. Als Großprojekt lesen Schauspieler Kafkas Roman Amerika in Fortsetzungen vor.

Ein solches Großprojekt bietet auch das Schauspiel Stuttgart

https://www.schauspiel-stuttgart.de/virtuell-statt-live

Hier liest Matthias Leja Boccaccios Decamerone vor, in dem sich einige junge Menschen vor der Pest auf das Land zurückgezogen haben und sich die Zeit durch Geschichtenerzählen vertreiben. Jede Folge der Lesung wird eingeleitet durch die Angabe des Datums und der Körpertemperatur des Schauspielers. Andere Schauspieler steuern einzelne Texte, Gedichte bei, ein Programm, das ständig erweitert wird. Ob Berichte über das persönliche Wohl und Wehe in diesen Wochen für ein breites Publikum von großem Interesse sind, sei dahingestellt. Immerhin bleiben diese Videos dauerhaft im Netz. Mannheim dagegen muss so manche Videos aus Rechtsgründen nach einigen Tagen wieder aus dem Programm nehmen, daher dort der jeweils aktuelle „Wochenspielplan“. Das ist umso bedauerlicher, als ein Video mit dem Titel „Der Bau“ eine aufregend gespenstische Fahrt durch die Katakomben des Hauses zeigte, dazu passend Kafkas gleichnamige Erzählung.

Auf Homestories verzichtet das Theater Heidelberg.

https://www.theaterheidelberg.de/

Es bietet einige Videos für die Kleinen, etwa Moby Dick „schnell erklärt“. In Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt hat das Theater eine Hilfsaktion für Künstler der Region gestartet. Täglich stellt sich einer im Video vor und erhält dafür 500 Euro.

So manches Haus nützt die Zeit, um sich vorzustellen. Karlsruhe beispielsweise gibt Einblick in die Theaterkasse, allerdings nur auf Facebook und Instagram. Außerdem stellen sich das Orchester sowie die Theaterpädagogik in kurzen Filmen vor. Freiburg widmet seinem Orchester einen Film, der vor allem auf kurzen Statements der Musiker zu ihrem Beruf besteht.

https://theater.freiburg.de/de_DE/hoeren

Aus den Archiv gibt es ein Konzert aus dem Jahr 2010; weitere sollen offenbar folgen.

Das Stuttgarter Ballett ist ähnlich wie die Oper in der glücklichen Lage, zahlreiche Choreographien auf Video festgehalten zu haben. Während das Angebot der Oper jeweils eine Woche täglich zur Verfügung steht, wechselt hier das Programm häufiger und ist meist nur einige Tage abrufbar.

https://www.stuttgarter-ballett.de/

 

Anouk van der Weijde auf ihrem Balkon © Stuttgarter Ballett

Auf Youtube findet sich außerdem ein kleiner Film, der Tänzer mit einigen Darbietungen im Homeoffice zeigt:

 

https://www.youtube.com/channel/UCk9WDFKf3TjXwk1rf1tgfGg

Am nächsten beim ureigenen traditionellen künstlerischen Angebot befindet sich die Oper Stuttgart nicht zuletzt durch das konstante Streamingangebot ganzer Opern. Darüber hinaus haben etliche Ensemblemitglieder in den letzten Wochen die Bühne des Großen Hauses betreten und Beispiele ihrer Kunst aufgezeichnet, begleitet natürlich vom Flügel, nicht vom Orchester. So sind veritable Konzertprogramme entstanden mit ganzen Liederzyklen wie Schumanns Frauenliebe und -leben. Esther Dierkes und Björn Bürger haben ein Medley beliebter Stücke von Don Giovanni bis My Fair Lady zusammengestellt, „Oper für Oma“, und sie dürfen bei Duetten sogar näher als zwei Meter beieinanderstehen, schließlich sind sie miteinander verheiratet.

Die Abteilung für die Junge Oper, das JOIN, lässt für Kinder und Jugendliche Instrumente des klassischen Orchesters erklären; den Anfang machte das Triangel. Der Schlagzeuger Thomas Höfs macht das ausgesprochen ansprechend und amüsant, das gilt aber auch für die Sänger, die nicht einfach nur eine Arie vortragen, oder für Benjamin Hartmann, der zeigt, wie man sich als Sänger bei Stimme hält. Das sieht man gern auch öfter an. Außerdem gibt es Wohnzimmerkonzerte und eben Mozarts Gran Partita mit Cornelius Meister auf der Hebebühne beim „Laubenkonzert“, weil ja jeder Musiker in seinem eigenen Kabäuschen sitzt – Humor findet sich in Zeiten von Corona erfreulich oft.

Joachim Goltz, Das Opernquiz © Nationaltheater Mannheim

Was das betrifft, dürfte Joachim Goltz das perfekte Highlight gelungen sein. Der Bariton des Nationaltheaters Mannheim hat in Eigenregie eine perfekte Musikquizshow hergestellt. Sie ist mindestens bis Ende Mai zu sehen, denn bis dahin können Musikinteressierte ihre Lösungen einschicken. Dann werden unter den Einsendern Preise ausgelost, wie es sich für ein Quiz gehört, und so manche Fragen sind alles andere als leicht zu beantworten.

Unter welchen Bedingungen derlei künstlerische Leistungen erbracht werden müssen, zeigt das Foto einer Aufnahmesitzung. Das Angebot macht aber auch deutlich, was für ein kreatives Fantasiepotential in unseren Theatern und dort bei allen Beteiligten vorhanden ist. Und die Erfahrungen, die alle Beteiligten mit diesen medialen Unternehmungen gemacht haben, könnten sich nach der Krise ja auch auf die Darstellungen der Häuser und ihrer Produktionen im Netz positiv auswirken.

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