Welt im Spiegel: Molières Menschenfeind am Schauspiel Stuttgart

Dass Theaterfiguren im Lauf der Interpretationsgeschichte neue Facetten erlangen, neu bewertet werden, ist nicht ungewöhnlich. So sehen wir Shakespeares Shylock heute gänzlich anders, als ihn die Zuschauer des 17. Jahrhunderts empfunden haben dürften. Eine der drastischsten Umdeutungen erlebte Molières Menschenfeind Alceste. Dieser radiale Verfechter der Aufrichtigkeit allem und jedem gegenüber ohne Rücksicht auf die Wirkung der Wahrheit dürfte von Molières Zeitgenossen als lächerlich angesehen worden sein in einer Gesellschaft, in der die Form, der gute Geschmack wichtiger waren als Ethik und Moral. Schon Goethe sah in ihm allerdings auch tragische Züge. Jetzt hat Bernadette Sonnenbichler das Rad der Deutungen weitergedreht.

Ensemble. Foto: David Baltzer

Ein Suchscheinwerfer gleitet über die Zuschauerreihen und bleibt bei einem Herrn in einer vorderen Sitzreihe stehen, und während sich die Bühne mit Figuren füllt, hören wir aus dem Lautsprecher, was er von den Menschen hält – nämlich nichts: „Ein Trippeln, Wippen und Verrenken verblödet alle, mit künstlichen Gelenken. Sie suhlen sich in Eitelkeit und sind zu jeder Lüge gleich bereit.“

Und was gleichzeitig auf der Bühne stattfindet, scheint ihm Recht zu geben, denn es wippen und verrenken sich in einer Art verzerrtem Rokokomenuett grell kostümierte Gestalten zu den Klängen der Livemusik, die aus drei über der Bühne schwebenden Gondeln ertönt. Es ist eine Gesellschaft von affektierten, ganz auf äußere Wirkung ausgerichteten Menschen, die jedem nach dem Munde reden und zu einer Konversation jenseits der reinen Schmeichelei unfähig sind. Das gilt für den Höfling und Möchtegerndichter Oronte, und Alceste verspürt keinerlei Hemmung, ihm in drastischen Worten sein vernichtendes Urteil über dessen poetische Ergüsse ins Gesicht zu sagen. Das gilt aber auch die junge Witwe Célimène, in die Alceste sich gleichwohl verliebt hat. Schon in der ersten Szene bricht dieser Seelenkonflikt in ihm auf, und Matthias Leja gelingt die Gratwanderung einer in sich gespaltenen Figur: Der Wahrheitsfanatiker müsste sich mit der Welt, wie sie ist, abfinden, wollte er, dass seine Liebe zu Célimène Erfüllung findet, oder er müsste auf die Liebe verzichten, wollte er seinem Ideal treu bleiben.

Matthias Leja (Alceste). Foto: David Baltzer

Es ist eine tragische Situation, und wenn dieser Alceste einmal nicht seine Galle über die Hohlheit der Welt ausgießt, dann spürt man in jedem Satz die tief in seinem Inneren sitzende Verzweiflung ob dieses Dilemmas. Leja gelingt es, das Innenleben der Figur mit seinem verzweifelten Brodeln deutlich zu machen: Dieser Alceste ist wütend selbstgerecht und zugleich unglücklich zerquält. Allein diese schauspielerische Leistung macht den Abend zum Genuss.

Verglichen damit haben es die übrigen Schauspieler schwer, denn sie dürfen nur eine Facette einer Persönlichkeit verkörpern: die Selbstüberschätzung des Dichterlings Oronte, die Koketterie der mit den Männern spielenden Célimène, die Selbsttäuschung zweier Verehrer derselben, die Prüderie der Arsinoé. Aber auch wenn Oronte selbstsicher Alceste wegen dessen Verunglimpfung seines Gedichts vor Gericht zerrt, gelingt es Sven Prietz doch auch, einen Hauch Unsicherheit zum Ausdruck zu bringen, die im Verhalten dieser Figur ebenfalls angelegt ist. In solch kleinen Wendungen zeigt sich die Bandbreite dieser Figuren, die die Regisseurin mit den Schauspielern herausgearbeitet hat – was auch unbedingt nötig ist, denn durch die ausgefallene Kleidung in farbigen Glitzerstoffen und die outrierten Perücken wirken sie allzu leicht wie reine Idioten…

Robert Rožić (Philinte), Benjamin Pauquet (Acaste). Foto: David Baltzer

Zu denen sie sich allerdings selbst gemacht haben, denn keiner ist willens, über die eigene Person hinauszuschauen. Jeder bespiegelt sich selbst, was in einer Szene augenfällig wird, in der alle nur mit Spiegeln durch die Szene gehen und lediglich das eigene Bild, nicht aber den anderen sehen: eine Welt aus lauter Selfies. Selbst der Fußboden ist ein Spiegel, der von einem Diener in Putzschuhen ständig glattgewienert wird, was allerdings auch Staub aufwirbelt, sodass hier eine Welt entsteht, in der Durchblick unmöglich ist und folglich auch Einsicht in die Wahrheit der Dinge.

Am Ende verlässt Alceste die Welt, die bleibt, wie sie ist, und in der er nicht atmen kann, eine tragische Figur, vielleicht ein Stellvertreter von uns allen, die wir glücklich sein können, nicht von der Welt des bloßen Scheins zu sein, denn er kehrt wieder auf seinen Sitzplatz in Reihe fünf zurück, von dem aus er zu Beginn die Welt des Molièreschen Stücks betreten hat. Aber wenn, so muss man sich fragen, dieser Alceste einer von uns ist, sind wir dann moralisch ohne Fehl? Denn mit seiner radikalen Wahrheitsliebe ist ein Mensch wie Alceste allenfalls für ein Eremitendasein geeignet, nicht für ein gesellschaftliches Miteinander, ist letztlich, wenn auch aus gegensätzlichen Gründen, nicht so anders als die anderen. Dafür hat Molière eine Alternative erfunden: Alcestes Freund Philinte. Man glaubt ihm, so wie Robert Rožić ihn spielt, die echte Verzweiflung angesichts des unverbesserlichen Besserwissers, aber leider unterscheidet sich dieser Philinte in Sonnenbichlers Inszenierung nicht von den anderen Figuren – weder im Habit noch im Habitus. Es ist dies der einzige Schwachpunkt in dieser Inszenierung.

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