Spaß mit Ernst: Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren Donizettis Don Pasquale

Alter Reicher will junge hübsche Frau – ein Standardthema der Komödie, bereits in der italienischen Commedia dell’arte ein klassisches Motiv. Der Alte macht sich zum Dummen und wird am Ende düpiert. Das liegt auch Gaetano Donizettis Don Pasquale zugrunde, und doch steckt hinter dieser komischen Oper mehr Substanz, als man annehmen möchte. Donizetti schrieb eine Oper über Liebe ohne richtiges Liebesduett, ohne überzeugendes Liebespaar – vor allem schrieb er eine Commedia dell’arte-Oper zeitgenössisch. All das haben Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer neuen Stuttgarter Inszenierung beherzigt.

Enzo Capuano (Don Pasquale). Foto: Martin Sigmund

Am Anfang sieht alles so aus, als wollte das Stuttgarter Regieduo die Klischees bedienen: Don Pasquale – eine burleske Komödie ohne Verankerung in der Realität. Während der Ouvertüre flimmert ein Trickfilm über die Bühne – eine Geschichte um einen jungen Mann der Flower-Power-Zeit mit langen lockigen Haaren, Kleidern in poppigen Farben, einer E-Gitarre und einer Harley Davidson, auf der er mit einem hübschen Flower-Power-Girl durch die Lande düst. Es ist der Lebenstraum des jungen Pasquale, dem die väterliche Autorität allerdings ein jähes Ende setzt: Die langen Haare fallen, die Popkleidung weicht dem schwarzen Anzug, und der junge Mann wird aus den Höhenflügen heruntergezogen und in einen Schreibtischstuhl gesetzt – wo er immer noch sitzt. Don Pasquales Reich ist das Büro, von dem aus er sein Unternehmen leitet, und das floriert, sonst hätte er nicht das viele Geld, auf das es sein Neffe Ernesto abgesehen hat und wovon Sofronia reichlich Gebrauch macht, denn der Alte wandelt auf Freiersfüßen, um sein Geld nicht dem Neffen vermachen zu müssen, und wird dabei mächtig hereingelegt.

Soweit die burleske Seite dieser Oper, die auch in Stuttgart zu ihrem Recht kommt. Hauptfigur Norina (die lediglich eine gewisse Sofronia mimt, um dem Alten den Kopf zu verdrehen) erfindet mit ihrem Kumpan Malatesta die Intrige, durch die sie letztlich zu Geld und jungem Ehemann kommt – und keine ist besser geeignet für ein böses Spiel als sie, die in ihrer Auftrittsarie ihre Verführungskünste rühmt. Ana Durlovski gestaltet das mit herrlichen Koloraturen und zugleich dem kecken Witz, der hinter dem Text steckt. Wenn sie mit Malatesta die geeignete Strategie wählt, mit der der Alte zu fangen ist, dann heißt das in dieser Regie auch, dass sie das passende Kostüm wählen muss – als aufreizende Hure, burschikoses Jeansgirl oder schüchterne Klosterschülerin. Jossi Wieler und Sergio Morabito statten jede Szene mit Witz und zugleich psychologischem Feingefühl aus, und das zeigt sich bereits in der Trickfilmsequenz zu Beginn, denn was wie ein Gag wirkt, ist in Wirklichkeit subtiles Wissen um das menschliche Wesen. Wenn Don Pasquale, einige Jahrzehnte älter als der junge Hippie im Film, jetzt auf Brautschau gehen will, dann holt er nur das nach, was ihm sein Vater verwehrt hatte, indem er ihn in das Familienunternehmen holte. Und was das damals bedeutete, macht das Bühnenbild von Jens Kilian deutlich: Der große Schreibtisch steht in einem Raum, vor den sich immer wieder ein weißes Gitter schiebt: Dieser Don Pasquale sitzt in einem Gefängnis, von Jugend an, seit ihn sein Vater zu dieser Existenz verdonnert hat, und sein Heiratswunsch ist der Versuch, diesem Gefängnis zu entkommen. So wird in Stuttgart gerade durch den witzigen – und perfekt zur Musik rhythmisch geschnittenen – Trickfilm eine psychische Dimension deutlich. Wenn Pasquale hört, wie Neffe Ernesto seiner Angebeteten im Garten eine Romanze darbietet, ziehen die jugendlichen Traumbilder noch einmal vor seinem geistigen Auge vorüber, melancholischer kann man eine Szene einer Opera buffa kaum mehr inszenieren. Don Pasquale ist kein lächerlicher alter Zausel, er ist eine seriöse Stütze der Gesellschaft, entsprechend verzichtet Enzo Capuano auf die üblichen komödiantischen Gesten, mit denen derlei Gestalten sich oft decouvrieren, er ist ganz Geschäftsmann, ausdrucksstark, in seiner Seriosität überzeugend – ein enttäuschter alter Mann, der Geld hat, aber kein Glück, und der sich nun einmal eine Schwäche erlaubt.

Enzo Capuano (Don Pasquale). Foto: Martin Sigmund

Und dass Norina nicht nur eine „Witwe“ ist, über die man nichts Genaues weiß, sondern eine junge Frau aus den Randsphären der Gesellschaft, verdankt die Regie ebenfalls ihrem genauen psychologischen Nachdenken über das, was in dieser Oper inhaltlich und musikalisch geschieht, denn kaum hat Pasquale den Heiratsvertrag mit seiner „Sofronia“ unterzeichnet, wandelt diese sich vom züchtigen jungen Mädchen zum Hausdrachen. Und als er zaghafte Einwände vorbringen will, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Nun sind Ohrfeigen in komischen Opern durchaus nicht unüblich, doch wenn Blondchen ihrem Pedrillo in Mozarts Entführung oder Susanne ihrem Figaro eine klebt, steckt dahinter doch auch Zuneigung, diese Ohrfeige aber, das macht Donizettis Musik deutlich, ist der Zusammenbruch des Selbst- und Weltbildes, das der arme Pasquale hat – und eine Frau, die derart handgreiflich wird, stammt eher aus der Vorstadt. Ana Durlovski tritt mit knappem Minirock und Lederjacke auf die Bühne.

Alles in dieser Inszenierung ist durchdacht und verleiht dieser komischen Oper Dimensionen, die man gemeinhin an ihr nicht entdeckt. Selbst was wie ein Gag wirkt, ist in sich schlüssig. Wenn Ernesto, aus Enttäuschung, dass er seine Norina nicht mit dem wünschenswerten Geld wird ausstatten können, auf die Liebe verzichtet und nach Amerika auswandern will, schminkt er sich landesüblich schon mal als Indianer – und erweist sich als junger Mann ohne Substanz, der zumindest noch mit einem Bein in der Pubertät steht.

Am Ende, wenn alle feiern und Ernesto und Norina doch noch heiraten, steht Don Pasquale am Rand des Geschehens – ein Mann, der nicht zum frohsinnigen Treiben gehört und auch nie gehören wird, ein Ausgestoßener, eine tragische Figur.

Und weil so etwas nicht nur im 17. Jahrhundert auf der Bühne der Commedia dell’arte passiert, sondern zeitlos ist, hat Donizetti für die Premiere darauf bestanden, alles in zeitgenössischen Kleidern spielen zu lassen – ganz wie Jossi Wieler und Sergio Morabito auch. Die alte Opera buffa entpuppt sich als ein sehr aktuelles Drama mit tragischen Untertönen. Die Komödie wird von der Stuttgarter Regie ernst genommen, und ist gerade deswegen komisch – tragi-komisch.

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