Archiv der Kategorie: Theater

Tragödie ohne Tragik: Claus Peymanns King Lear in Stuttgart

Als Elementarereignis bezeichnete der Theaterkritiker Georg Hensel einmal das Stück: Shakespeares Tragödie über den König Lear, der vorzeitig sein Reich unter seinen Töchtern aufteilt, ist ein Drama um die Verblendung eines Mannes, der meint, weiter als König behandelt werden zu sollen, wenn er längst keiner mehr ist, der den vordergründigen verbalen Liebesbekenntnissen mehr traut als dem ehrlichen Verhalten, der aus maßloser Wut seiner Jüngsten, die ihm das Lippenbekenntnis versagt, das Erbe aufkündigt. Da werden Kinder verstoßen, Feinde geblendet – ein Drama um Egoismus, der jede Stimme des Herzens tötet. Abgesehen von Shakeapeares Titus Andronicus, in dem es nur um unmenschliche Grausamkeit zu gehen scheint, ist dies sein grausamstes Stück. Claus Peymann hat es nun am Schauspiel Stuttgart inszeniert.

Martin Schwab (König Lear). Foto: Thomas Aurin

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Psychodrama im Dorfmilieu: Bellinis La Sonnambula an der Oper Stuttgart

Es könnte ein Drama in einem Kitschroman aus der Alpenwelt sein, in dem der Held der Angebeteten unter Gefahr, sein Leben aufs Spiel zu setzen, einen Enzian pflückt, die Nebenbuhlerin die Heldin fast in den Tod treibt und am Ende doch alles glücklich ausgeht: Bellinis 1831 uraufgeführte Oper La Sonnambula lässt kaum ein Handlungsklischee aus, brilliert aber mit Koloraturen und hochdramatischen Ausbrüchen, die freilich erst von einer Callas wieder für die Opernbühne des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Dass Jossi Wieler und Sergio Morabito, die bekannt sind für ihre genaue Lektüre der Partitur und eine fast tiefenpsychologische Auslegung der Figuren, nicht diese plakative Vordergrundhandlung auf die Bühne bringen, versteht sich von selbst.

Mirella Bunoaica (Amina), Helene Schneiderman (Teresa), Christian Tschelebiew (Alessio), Jesús León (Elvino), Catriona Smith (Lisa), Liang Li (Rodolfo), Staatsopernchor Stuttgart. Foto: Martin Sigmund

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Plädoyer für den Zweifel: Das 1. Evangelium von Kay Voges am Schauspiel Stuttgart

Das Abendmahl, die Fußwaschung, der Judaskuss, die Geißelung, Kreuzigung – die Passion Christi hat sich fest ins kulturelle Gedächtnis der Christen eingeprägt und das mit ganz konkreten, durch die Kunstgeschichte gefestigten Bildern – das Abendmahl durch Leonardo da Vincis Wandgemälde, die Pietá durch Michelangelos Steinplastik, die Kreuzigung durch Matthias Grünewald. Doch gibt es auch andere, unkonventionelle Bilder derselben Geschehnisse, so schuf Francis Bacon mit seinem Kreuzigungstriptychon ein Szene der körperlichen Gewalt schlechthin. Der Regisseur Kay Voges hat dieses Phänomen kultureller ikonographischer Festlegung und Offenheit zum Thema seiner Passionsgeschichte gemacht. Am Schauspiel Stuttgart inszenierte er Das 1. Evangelium, mithin also das des Matthäus.

Foto: JU

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Liebe in Zeiten der Kälte. Cherubinis Medea an der Oper Stuttgart

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Genau genommen ist sie ein Monster: Medea hat auf der Flucht mit ihrem Geliebten Iason von ihrer Heimatinsel Kolchis, von der sie das Goldene Vlies entwendet hatten, ihren Bruder, der sie verfolgte, zerstückelt. Dann, in Korinth, als Iason sich der Königstochter Kreusa hingibt und Medea, mit der er zwei Söhne hat, verstößt, tötet sie die Nebenbuhlerin und ihre beiden Söhne: Eine Rächerin ohne Maß – und doch ist sie zugleich auch Heldin. Ob Euripides, Grillparzer oder Christa Wolf – sie alle fühlten sich zu einer Frau hingezogen, die ganz um der Liebe willen lebt. 1797 hat Luigi Cherubini den Stoff auf die Opernbühne gebracht und damit, nach den Worten von Johannes Brahms, „das Höchste in dramatischer Musik“ geschaffen. Für Stuttgart hat Peter Konwitschny dieses Werk inszeniert.

Josefin Feiler (Kreusa), Shigeo Ishino (Kreon), Sebastian Kohlhepp (Iason), Staatsopernchor. Foto: Thomas Aurin

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Molières Menschenfeind als Revue am Schauspiel Stuttgart

Die falsche Haltung ist bei Molière in der Regel schnell zu erkennen: Geiz, Hypochondrie oder der Wunsch, vornehmer zu wirken, als man ist – Molière ist ein Meister in der Bloßlegung grundlegender menschlicher Schwächen. Nicht so bei seinem 1666 entstandenen Menschenfeind. Hier ist die von höflicher Schmeichelei und Speichelleckerei geprägte vornehme Gesellschaft ebenso Gegenstand der Kritik wie der Menschenfeind Alceste, der stur absolute Wahrhaftigkeit über zwischenmenschliche Beziehungen setzt, wobei Alceste für seine Zeitgenossen wohl sehr viel lächerlicher wirkte als auf die späteren Generationen, schließlich attestierte ihm bereits Goethe eine gewisse Tragik. Für das Schauspiel Stuttgart entdeckte Wolfgang Michalek eine ganz neue Dimension.

Birgit Unterweger (Célimène), Christian Czeremnych (Alceste). Foto: Björn Klein

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Zwei alte Tanten … Arsen und Spitzenhäubchen am Schauspiel Stuttgart

Es ist einer der großen Filmklassiker, der Inbegriff schwarzen Humors: Brave Bürgerlichkeit trifft auf unverhohlenen Wahnsinn, und dieser Wahnsinn hat auch noch Methode. Arsen und Spitzenhäubchen war ein Erfolgshit am Broadway und mit Cary Grant auch auf der Filmleinwand. Das war vor über siebzig Jahren, und immer noch bringen Theater den Dauerbrenner auf die Bühne – jetzt das Schauspiel Stuttgart, und es holte sich dazu den Spezialisten für psychologisch tiefschürfende Dramen, Jan Bosse, als Regisseur.

Sebastian Röhrle (Teddy Brewster), Ferdinand Lehmann (O’Hara), Christian Schneeweiß (Jonathan Brewster), Manolo Bertling (Mortimer Brewster), Astrid Meyerfeldt (Dr. Einstein). Foto: Bettina Stöß

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Die Liebe in Zeiten der Krise: Horváths Kasimir und Karoline am Schauspiel Stuttgart

Er war ein Meister kleinbürgerlicher Trivialitäten, Hoffnungen und Enttäuschungen, patriarchalischer Rollenverständnisse und ein früher Mahner vor der Gefahr eines aufkeimenden Nationalismus: Ödön von Horváth. Als Ziel seiner Arbeit bezeichnete er die Demaskierung des Bewusstseins, und damit dürfte er, wiewohl seine Stücke unverkennbar die Gesellschaft der 20er und 30er Jahre zum Inhalt haben, auch im 21. Jahrhundert, einer Gegenwart zunehmender Nationalismen und „alternativer Fakten“, von erschreckender Aktualität sein – und gezeigt haben dass Karl Marx möglicherweise Recht hatte mit seiner Behauptung, das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein. In Horváths 1932 uraufgeführtem Stück Kasimir und Karoline ist Chauffeur Kasimir gerade arbeitslos geworden, und dieses Schicksal prägt sein ganzes weiteres Tun und Denken. Wem seine Arbeit genommen wird, der verliert auch seine Braut. Über Kasimir und Karoline droht von Anbeginn an eine Zukunft Kasimir ohne Karoline.

Peer Oskar Musinowski (Kasimir), Manja Kuhl (Karoline), Horst Kotterba (Speer), Andreas Leupold (Rauch), Paul Grill (Schürzinger). Foto: Thomas Aurin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vom Er zum Ich. Martin Walsers Roman Ehen in Philippsburg auf dem Weg ins Schauspiel Stuttgart

Es kommt gar nicht so selten vor, da merkt man einer Inszenierung an, wie schwer sich der Regisseur mit seiner Aufgabe getan hat. Das gilt vor allem, wenn, was seit Jahren geradezu epidemieartig an deutschen Theatern geschieht, Romane auf die Bühne kommen. Je weiter sich eine solche Dramatisierung vom Original entfernt, umso erfolgreicher ist dieses Unterfangen häufig, denn dann dient der Roman vor allem als Lieferant von Handlungsmaterial für eigenständige Theaterszenen. Doch je näher eine Dramatisierung dem Roman bleibt, umso mehr leidet sie daran, dass, was Theaterleute offenbar nicht realisieren, ein Roman ein Erzählkunstwerk ist, in dem sich Szenerie und Handlung verbal vermittelt vor dem geistigen Auge des Lesers realisieren, das Theater aber ein Schau-Spiel ist. Zum 90. Geburtstag von Martin Walser hat das Schauspiel Stuttgart dessen Erstlingsroman Ehen in Philippsburg dramatisieren lassen, und dem Anlass entsprechend hielt man sich ganz an die Vorlage.

Abak Safaei-Rad (Frau Färber/ Alice DuMont), Felix Klare (Dr. Alf Benrath), Verena Wilhelm (Birga Benrath), Manja Kuhl (Bertha Volkmann/ Ilse Alwin), Svenja Liesau (Cécile)
Foto: JU

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Die Psychologie des Affekts: Jossi Wieler und Sergio Morabito deuten Händels Ariodante

Für Johann Christoph Gottsched, einen der führenden Literaturtheoretiker des 18. Jahrhunderts war sie „das unnatürlichste und ungereimteste Werk, das der menschliche Verstand jemals erfunden hat“: die Oper – und wenn es eine Epoche gibt, die wie ein Beleg für dieses Verdikt betrachtet werden kann, dann ist es das Barock. Hier entführt die Oper den Besucher in Märchenwelten, hier treten Zauberinnen auf, hier wird Rache geübt, leidenschaftlich geliebt und ebenso leidenschaftlich gehasst, alles auf höchster Kochstufe. Die Handlung dient weitgehend dazu, Figuren in Extremsituationen zu versetzen, Figuren dienen dem Zweck, glühende Affekte vorzuführen. Psychologie ist hier Nebensache, stringente Handlung auch. Das alles haben sich offenbar Jossi Wieler und Sergio Morabito vor Augen gehalten, als sie sich daran machten, Händels „Ariodante“ für die Oper Stuttgart zu inszenieren – auf faszinierende und zugleich verstörende Weise, beides extrem, versteht sich.

Foto: Christoph Katscheuer

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Zwischen Hoffen und Scheitern. Armin Petras inszeniert Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht

Bei Mozart heißt er Cherubino und ist in Wirklichkeit eine Sie, bei Strauss nennt die Marschallin ihren Octavian „Kindchen“ und tollt mit einer Mezzosopranistin im Bett: Hosenrollen nennt man derlei, es hat Tradition, und niemand denkt sich dabei etwas. Ganz anders ist es auf der Sprechbühne, und erst recht, wenn nicht Frauen die Hosen anhaben, sondern Männer in Frauenkleider schlüpfen. Zwar hatten berühmte Schauspieler damit Erfolg wie Dustin Hoffman als Tootsie und Peter Alexander als Charleys Tante, doch da ist der Rollentausch immerhin handlungsbedingt und auf Zeit; nicht so derzeit am Schauspiel Stuttgart in Eugene O’Neills Theaterstück Eines langen Tages Reise in die Nacht.

Foto: Thomas Aurin

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