„Rauschhafte“ Kunst in der Städtischen Galerie Böblingen

Was seien schon Namen, lässt Goethe seinen Faust räsonieren – nichts als Schall und Rauch. Weniger nichtig, aber nicht weniger irreführend, wäre statt des Rauchs der Rausch – so ließe sich der Titel einer Ausstellung in der Städtischen Galerie Böblingen deuten – wären da nicht die Reize der Substanzen, die zum Rausch führen, aber auch deren Nebenwirkungen: „Schall + Rau(s)ch“.

Fritz Steisslinger, Stammtisch in der Gaststätte „Schöner Otto“ in Böblingen, 1940. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Fröhlich geht es zu bei den Stammtischrunden, die Fritz Steisslinger in Böblingen Ende der dreißiger Jahre auf Leinwand porträtierte, feuchtfröhlich, und in den Henkelgläsern auf dem Tisch wartet nicht Bier auf die Zecher, sondern etwas höherprozentiger Wein, weiß und rot.

Insofern passt es vorzüglich, dass gleich daneben von den Künstlern von heute, die die Städtische Galerie zu dieser Ausstellung eingeladen hat, ein Weinbrunnen steht, ein Trollingerbrunnen von Marcel Mieth.

Trollinger hebt die Stimmung, so denkt man vor den Bildern von Fritz Steisslinger, Absinth, der hochprozentige, der vor allem im 19. Jahrhundert vielen die Gesundheit ruiniert hat, scheint sie zu trüben, wie eine Graphik von Oskar Gawell zeigt. Hier sitzen die drei Säufer dumpf vor sich hin sinnend beieinander.

Khalil El Mejnaoui, Autoportrait, 2017. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Rauschgift benebelt nicht selten die Sinne. Khalil El Mejnaoui hat eine Art Selbstporträt geschaffen, bei dem man nicht weiß, was Realität, was Vision ist. Jedenfalls ist sein Antlitz verzerrt, kaum genau auszumachen. So manche Künstler haben tatsächlich mit Rauschmitteln experimentiert. Johanna Mangold zum Beispiel hat Bilder nach ihren entsprechenden Erfahrungen gezeichnet und im Film festgehalten, denen man per Virtual-Reality-Brille folgen kann, sofern man dabei nicht das Gleichgewicht verliert. Ob die an Totenköpfe gemahnenden Bildwesen von Friederike Just auch auf realen Rauschgiftkonsum zurückzuführen sind oder rein der künstlerischen Fantasie entsprungen sind, bleibe offen. Der Betrachter aber kann sich, wie bei so vielen Bildern in dieser Ausstellung, seine Gedanken machen. Die Welt jedenfalls scheint dabei nicht selten aus den Fugen zu geraten, ins Fantastische umzukippen, wie Ellen Reins Bilder zeigen: Fantasieblüten, Verwandlungen – nichts bleibt, wie es gewohnt ist.

Dass solche Wirkungen, um den Begriff Nebenwirkungen zu vermeiden, durchaus auch Anlass zu Begeisterung sein können, hat schon der Maler Tell Geck deutlich gemacht, der sich selbst dabei porträtiert hat, wie er verzückt an seiner Pfeife zieht. Auf einem Video schickt Justyna Koeke eine Frau durch den Pilzwald, die dort am Boden schnüffelnd die begehrten Suchtstoffe zu inhalieren hofft. Und dass der beim Rauchen entstehende Qualm keine Grenzen kennt, zeigt MARCK, so sein Künstlername, in zwei raffinierten Videoinstallationen. Hier dringt der Qualm, der im Videofilm produziert wird, sogar über den Bildrahmen in den Ausstellungsraum.

Dieser Ausstellungsraum ist in diesem Fall denn auch – man möchte fast sagen naturgemäß – mehr als nur Präsentationsort der Kunstwerke, er ist selbst eine Art Erlebnisraum. Die Ausstellung konfrontiert die berauschende Seite des Themas anhand von Kunstwerken mit wissenschaftlicher Aufklärung wie einer Tafel mit dem Periodensystem der Elemente, einem alten Apothekerschrank und chemischen Verbindungsformeln etwa von Kokain, Heroin oder Ecstasy. Auch einige Pflanzen, die ja nicht selten Ausgangsmaterial zu den Rauschstoffen liefern, sind zu sehen – Alraune oder Roter Sonnenhut. Birgit Herzberg-Jochum hat dazu auf Stoffmedaillons die künstlerischen Bildäquivalente geschaffen, die nun von der Decke baumeln.

So kann aus Rauschgift Kunst werden. Maria Fernandez-Hansen hat mit dem 3D-Drucker Miniaturen geformt – Pillen, Gräser, eben alles, was mit Rauschgift assoziiert werden kann, nur optisch makellos und wie Schmuck zu betrachten oder gar anzulegen. Jan-Hendrik Pelz hat getrocknete Orchideen mit psychoaktiver Wirkung in Glaskugeln eingeschweißt. Es handelt sich um Dendrobium Nobile – aus dem bei Pelz dann ein Mobile wurde. Humor eben. Aber Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Wir qualmten dahin, betitelt Blerta Osmani ein Bild mit zwei verknoteten Zigaretten, die nicht ganz ungefährlich wirken – und ungefährlich ist Rauschgiftkonsum ja auf keinen Fall. Hatte Ellen Rein noch bunte ansehnliche Fantasieblüten gemalt, finden sich bei Friederike Just Totenköpfe. Gero Beer hat mit Klebstoff in eine Styroporplatte Löcher geätzt und verweist so auf die Folgen, die Rauschgiftkonsum in unseren Körperzellen hervorrufen kann.

Gero Beer, Snowpainting. Foto: U. Schäfer-Zerbst

Und inwieweit der „Schnee“, mit dem er seine Snow Paintings gemalt hat, ganz folgenlos blieb, sei abermals dahingestellt. Dieser Schnee jedenfalls hat nichts mit Wintersport zu tun.

Die Grenzen, so zeigt ein Gang durch diese Ausstellung, sind fließend, wie so oft. Auch die Ausstellungsgestaltung birgt für den Betrachter Unwägbarkeiten; er gerät buchstäblich „ins Schwimmen“ und muss nicht selten erst die Namen der Künstler zu den Kunstwerken suchen. Aber auch das gehört eben zum Thema.

Schall + Rau(s)ch – Dunstkreis der Dosierung“, Städtische Galerie Böblingen bis 19.5.2024

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