Die Liebe in Zeiten der Krise: Horváths Kasimir und Karoline am Schauspiel Stuttgart

Er war ein Meister kleinbürgerlicher Trivialitäten, Hoffnungen und Enttäuschungen, patriarchalischer Rollenverständnisse und ein früher Mahner vor der Gefahr eines aufkeimenden Nationalismus: Ödön von Horváth. Als Ziel seiner Arbeit bezeichnete er die Demaskierung des Bewusstseins, und damit dürfte er, wiewohl seine Stücke unverkennbar die Gesellschaft der 20er und 30er Jahre zum Inhalt haben, auch im 21. Jahrhundert, einer Gegenwart zunehmender Nationalismen und „alternativer Fakten“, von erschreckender Aktualität sein – und gezeigt haben dass Karl Marx möglicherweise Recht hatte mit seiner Behauptung, das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein. In Horváths 1932 uraufgeführtem Stück Kasimir und Karoline ist Chauffeur Kasimir gerade arbeitslos geworden, und dieses Schicksal prägt sein ganzes weiteres Tun und Denken. Wem seine Arbeit genommen wird, der verliert auch seine Braut. Über Kasimir und Karoline droht von Anbeginn an eine Zukunft Kasimir ohne Karoline.

Peer Oskar Musinowski (Kasimir), Manja Kuhl (Karoline), Horst Kotterba (Speer), Andreas Leupold (Rauch), Paul Grill (Schürzinger). Foto: Thomas Aurin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Motto zu Horváths Stück stammt aus der Bibel, 1. Korinther 13,8: Die Liebe höret nimmer auf. Ginge es nach Kasimir, so sollte dieser Spruch Ewigkeitsgeltung haben, und es ist ja auch nicht unbedingt so, dass seine Karoline ihn nicht mehr liebte, nur weil er seine Arbeit verloren hat. Doch Kasimir ist an einem existentiellen und psychischen Tiefpunkt – und da verändert sich die Sicht auf die Welt: Für ihn ist es auch mit der Liebe zu Ende. Horváth porträtiert das Schicksal einer Liebesbeziehung, die durch Selbstzweifel zerstört wird – und genau das bringt Regisseur Stefan Pucher auf die Stuttgarter Bühne. Kaum lässt Kasimir seine Braut einen Augenblick allein, wirft sie sich schon dem nächsten an den Hals, so jedenfalls sieht er es, auch wenn es keineswegs stimmt, doch sein innerer Zustand projiziert sich auf die Außenwelt – und als er Karoline mit seinem Verdacht konfrontiert, löst er genau das aus, was seiner Meinung nach bereits geschehen ist.

Bei Pucher stehen die beiden Titelfiguren anfangs zwar noch eng beieinander, aber sie reden schon ein wenig aneinander vorbei, blicken sich kaum in die Augen. Kaum haben sie auf Wunsch von Karoline das Oktoberfest betreten, den Schauplatz des Stücks, hat sich bereits ein Keil zwischen die beiden geschoben. Immer weiter driften sie auseinander. Pucher macht das subtil deutlich durch seine in zwei Bereiche getrennte Bühne: die Rampe und durch Plastikrutschbahnen erreichbar, den hinteren Teil der Bühne, der wie in weite Ferne gerückt erscheint.

Peer Oskar Musinowski (Kasimir), Manja Kuhl (Karoline), Sandra Gerling (Erna), Felix Mühlen (Der Merkl Franz). Foto: Thomas Aurin

 

Die Achterbahn, Symbol für das Auf und Ab von Beziehungen, hängt in Bruchstücken wie ein rotes Fanal im Bühnenraum, zersplittert wie die private Welt der beiden Protagonisten. Manja Kuhl spielt die junge Frau unbekümmert heiter, unternehmungslustig, aber keineswegs frivol, Peer Oscar Musinowski den Kasimir verschüchtert, deprimiert durch seine berufliche Lage – zwei Menschen, wie sie momentan stimmungsmäßig unterschiedlicher kaum sein können.

Ähnlich subtil charakterisiert Pucher das übrige Personal: Felix Mühlen gibt den Kleinganoven Franz Merkl kühl und sarkastisch – er hat die Gesellschaft durchschaut, ist gewillt, sich seinen Teil davon zu holen, und scheitert an seiner Kriminalität. Seine Freundin Erna ist ebenso desillusioniert, kann sich aber von ihrer Liebe zu Franz ebenso wenig lösen wie Kasimir von seiner zu Karoline. Nur ist sie sich dieser Abhängigkeit bewusst. Sandra Gerling spielt eine anrührende Mischung aus souveräner Weltsicht und einer unvermeidlichen Hingabe, die schon fast an eine amour fou grenzt, und Erna weiß genau, dass es nichts anderes ist – schauspielerisch eine Gratwanderung der Emotionen.

Pucher hält sich strikt an Horváths Text, ergänzt ihn lediglich durch einige Passagen aus früheren Versionen – er schlachtet ihn nicht aus wie so manche seiner Kollegen auf unseren Bühnen heute. Das Stück birgt für ihn politischen Sprengstoff auch für unsere Gegenwart, ohne dass er es vordergründig „aktualisieren“ müsste. Wenn sich in Theaterkreisen herumspräche, dass das für den größten Teil der Dramenliteratur gelten kann, man nur die in ihnen liegende Aktualität herausdestillieren muss, wäre so mancher Klassiker vor der Gefahr bewahrt, bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet zu werden. Hat Pucher bei den fünf Hauptfiguren (zu de beiden Paaren gesellt sich noch der ähnlich wie Kasimir schüchterne Schürzinger, den Paul Grill herrlich jungenhaft unprätentiös spielt und dennoch in jedem Satz präsent ist) eher die charakterlichen Differenzierungen herausgearbeitet, greift er bei den übrigen Personen zur satirischen Überhöhung – ganz in Horváths Sinn, der den Kommerzienrat Rauch als geradezu feudalistischen Unternehmer charakterisiert und den Landgerichtsdirektor Speer als nationalistisch durchtränkten Gesinnungsgenossen dessen, was bereits zur Entstehungszeit des Stückes als braune Gefahr unübersehbar war und von Horváth auch thematisiert wird.

Auch die Musik, die Horváth raffiniert zur Charakterisierung der inneren Zustände der Szenen einsetzt, behält Pucher, wiewohl modernisiert bei. So zeigt er, dass ein Stück nahezu wortgetreu auf die Bühne gebracht werden kann, dabei von erschreckender Aktualität ist, in rund neunzig Minuten eine vollgültige Aussage zu vermitteln vermag, als Klassiker erkennbar bleibt und psychologisch packend ist – bis zum letzten Wort. Hier allerdings weicht er von Horváths Vorlage ab. Der Dramatiker lässt sein Stück mit einem elegischen Lied enden, bei Pucher steht als letztes Wort: „Nichts“ – er hätte keinen besseren Schluss finden können.

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