Archiv des Autors: Dr. Rainer Zerbst

Von der Geometrie der Wirklichkeit: Paul Uwe Dreyer im Kunstmuseum Stuttgart

Linie, Farbe und Fläche, so meinte Theo van Doesburg 1930, sei das Konkreteste, das man sich optisch vorstellen könne, und es reiche auch aus: Die Konkrete Kunst war begründet, eine Kunst, deren Ausdrucksmittel dem Betrachter zwar bekannt sind, aber alles andere als vom Alltag her vertraut, denn diese Kunst verzichtet auf jegliche Abbildung einer gegenständlichen Realität. Auf den ersten Blick ist man geneigt, den langjährigen Stuttgarter Akademiedirektor Paul Uwe Dreyer ganz dieser Kunstrichtung zuzuordnen, doch dieser Eindruck trügt, wie eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zeigt.

Der Gruß an Mr. Chippendale, um 1966. Foto: Martin Frischauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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Tausendsassa der Kunst? „Kein Tag ohne Linie“ im Museum Ritter

Mathematisch gesehen ist sie ein eindimensionales Gebilde ohne Unterbrechung und ohne Querausdehnung – die Linie; ein breiter Streifen wäre also schon keine Linie mehr. Man kann sie auch als kürzeste Verbindung zweier Punkte definieren – aus künstlerischer Sicht also ein höchst unergiebiges Zeichenelement, und doch setzte kein Geringerer als Paul Klee einen Satz von Plinius dem Älteren aus dem antiken Rom über sein Schaffen: Kein Tag ohne Linie, wobei er die Linie sehr viel spielerischer verstand als die Mathematiker, nämlich als Spur eines in Bewegung geratenen Punktes. Dass die Linie noch sehr viel mehr sein kann, zeigt eine Ausstellung im Museum Ritter: „Kein Tag ohne Linie“.

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Realistisch in unwirkliche Welten: Die Malerei des Eckart Hahn

Trompe-l’oeil heißt auf deutsch Augentäuschung. In der Malerei dient sie dazu, durch eine extrem realistische Darstellung dem Auge die wahre Realität vorzugaukeln. In der Antike soll der Maler Zeuxis dadurch Vögel dazu verführt haben, an den von ihm gemalten Trauben zu picken, als seien es echte Früchte. Ein Meister dieser Malerei ist der Reutlinger Eckart Hahn, der allerdings damit nicht Realität vortäuschen, sondern ganz neue Realitäten schaffen will, wie eine Ausstellung mit neuen Werken in der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier zeigt.

  Red Rope, 2021 © Eckart Hahn

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Vielschichtige Natursemantik. Der Bildhauer Gianni Caravaggio im Kunstmuseum Reutlingen/konkret

Für Natur und Landschaft waren das 17. und 18. Jahrhundert eine Blütezeit, im 19. löste sich die Landschaftsdarstellung bereits in Sinneseindrücke auf, und im 20. ließen Abstraktion und Verfremdung wenig Raum für diese Motivik. Natur tauchte da eher materiell auf wie bei den Pollenarbeiten von Wolfgang Laib oder symbolisch wie das Thema Energie bei Joseph Beuys. Für den Bildhauer Gianni Caravaggio ist das Naturerleben zwar ein zentraler Teil seines Lebens, doch versucht er gar nicht erst, Landschaft und Natur abbildend darzustellen, vielmehr will er im Betrachter Assoziationen an eigene Naturerlebnisse wachrufen.o

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Künstlerische Metamorphosen quer durch alle Genres. Die Kunst des Jordan Madlon

Der Titel einer Kunstausstellung sollte im idealen Fall das Wesen der ausgestellten Kunst erfassen und zugleich dem erwünschten Publikum einen Anreiz zum Besuch der Ausstellung liefern. Wenn das Kunstmuseum Reutlingen nun die Ausstellung von Jordan Madlon, dem diesjährigen Gewinner des Holzschnitt-Förderpreises, mit dem Wort Diagrammatisch überschreibt, dann wäre das für den künftigen Besucher von Nutzen, wenn damit das deutsche Diagramm gemeint wäre. Doch bezieht sich der Titel auf die diagrammatische Philosophie eines Gilles Deleuze, und die dürfte kaum ein Besucher kennen, insofern dürfte es für ihn auch wenig hilfreich sein, wenn er in den „erläuternden“ Wandtexten wieder damit konfrontiert wird.

Jordan Madlon, Shhhtturz – Konstellation, 2021

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Mit Bäumen und ohne – Landschaftsbilder der Schwäbischen Alb gestern und heute

Seit 1980 war die Dauerausstellung über das Landschaftsbild der Schwäbischen Alb ein Markenzeichen des Kunstmuseums Albstadt, damals noch „Galerie Albstadt“. Allerdings war sie auch in der Präsentation allmählich in die Jahre gekommen und unter der Leiterin Veronika Mertens durch einzelne Schwerpunktausstellungen zum Thema abgelöst worden. Jetzt, zu ihrem Abschied vom Museum, hat sie eine ganz besondere Auswahl von Arbeiten seit 1893 zusammengestellt, bei denen natürlich auch die alten Klassiker nicht fehlen: Albspaziergang.

Christian Landenberger, Donautal bei Gutenstein, 1893

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Hochmut vor dem Fall? Der Turm in der Kunst von heute

Das höchste Gebäude der Welt steht in Dubai und überragt den zweithöchsten Turm der Erde um immerhin fast zweihundert Meter. Ob er der höchste bleiben wird, ist zu bezweifeln, denn die Geschichte des Turms ist seit Jahrtausenden mit dem Immer-höher verbunden. Der Turm ist der Inbegriff des Strebens nach oben, damit Symbol des Faustischen im Menschen, des Strebens nach Überblick, aber zugleich auch Symbol der Selbstüberhöhung, vielleicht auch Selbstüberschätzung, der Überheblichkeit, die nicht selten in den verschiedenen Erzählungen vieler Kulturen und Literaturen mit einem Scheitern einhergeht. Die pro arte Stiftung Biberach zeigt nun, wie der Turm Künstler unserer Tage inspiriert hat: Getürmt.

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Wirklich unwirklich. René Wirths im Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim

Dem Maler Zeuxis sagte man im antiken Athen nach, er habe Trauben so porträtieren können, dass Vögel nach ihnen gepickt hätten. Das war das Ideal der Malerei, als es noch ihr alleiniges Vermögen war, Realität wiederzugeben. Das hat sich mit der Erfindung der Fotografie geändert. Wenn heute ein Maler dennoch die Realität derart perfekt mit Pinsel und Farbe nachahmt wie einst Zeuxis, hat er andere Ziele, wie etwa der Berliner René Wirths, von dem das Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim jetzt Beispiele seines Könnens zeigt.

Zwiebel, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: H. Simschek

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Reine Malerei: Helmut Sturm im Kunstmuseum Ravensburg

In der Malerei des 20. Jahrhunderts gab es fast nichts, das es nicht gab: Abstrakte Komposition, geometrische Strenge, aber auch neusachlichen Realismus, glatte Flächigkeit und expressiv aufgespachtelte Farbexplosion. Wer Ende der 50er Jahre als angehender Künstler seine Sprache finden wollte, hatte es schwer. Helmut Sturm entwickelte über Jahrzehnte hinweg eine Malerei, die alle Gegensätzlichkeiten einband und alle Grenzen überwand, wie das Kunstmuseum Ravensburg jetzt in einer großen Retrospektive zeigt.

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Zwischen Motiv und reiner Malerei – Landschaftsbilder in der Galerie Schlichtenmaier

Wer den Begriff Landschaft hört, hat in der Regel konkrete Vorstellungen. Landschaft ist nicht einfach nur ein Stück Natur, Landschaft hat eigenen Charakter, sei es eine Berglandschaft, Seenlandschaft oder gar eine Stadtlandschaft. Sie hat ein Wesen, ist gewissermaßen ein Bild der Natur, weshalb letztlich die Malerei prädestiniert für dieses Thema ist. Dass es sich auch im Jahrhundert der abstrakten Malerei eignet, zeigt die Galerie Schlichtenmaier nun anhand von ausgewählten Landschaftsbildern aus einhundertfünfzig Jahren.

Wilhelm Geyer, Blühender Garten, 1940

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