Den Mythos befragen: Leo Dicks Antigone-Tribunal

Es geht um die Frage: der Einzelne oder der Staat, Humanität oder Gesetz, Flexibilität oder Buchstabentreue: Als Sophokles im alten Athen seine Antigone auf die Bühne brachte, traf er mit solchen Fragen ins Herz der athenischen Demokratie, die noch bedroht war von Gegnern wie den mächtigen Persern oder den strengen Spartanern. Aber die Fragen haben bis heute Gültigkeit, weshalb gerade dieses Drama vielleicht vor all den anderen aus dieser Zeit bis heute an Aktualität nichts verloren hat, zumal die konträren Positionen jeweils einiges für sich haben. Der Philosoph Slavoj Žižek hat genau dies in seinem Stück Die drei Leben der Antigone aufgegriffen und sich der weit verbreiteten positiven Deutung der Antigone entgegengesetzt. Jetzt hat Leo Dick im Auftrag der Jungen Oper Stuttgart, die seit ihrem Umzug ins Probenzentrum Nord JOIN heißt (Junge Oper im Nord) daraus eine Oper komponiert.

Chor der Bürger*innen, David Kang (Kreon). Deborah Saffery (Haimon/Tiresias), Carinna Schmieger (Antigone). Foto: Martin Sigmund

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Viele Wege führen zur Oper: das JOIN der Oper Stuttgart

Sie sollte, so stellte es sich der damalige Stuttgarter Opernintendant Klaus Zehelein vor, der „ästhetischen Erziehung“ von Kindern dienen – die Junge Oper Stuttgart: mit Operninszenierungen, die der Vorstellungswelt der Kinder und Jugendlichen entsprachen, mit Märchenspielen und gesellschaftsrelevanten Themenaufbereitungen, stets komponiert und inszeniert für das heranwachsende Publikum und meist unter Beteiligung von Jugendlichen, die mal hinter den Kulissen mitarbeiteten – in der Maske, beim Bühnenaufbau -, mal als Chor auf der Bühne mitwirkten. Unter dem neuen Intendanten Viktor Schoner hat sie einen moderneren Namen bekommen, eine neue Spielstätte und sehr viel mehr Gewicht – das JOIN, die „Junge Oper im Nord“.

Foto: Matthias Baus

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Welt im Spiegel: Molières Menschenfeind am Schauspiel Stuttgart

Dass Theaterfiguren im Lauf der Interpretationsgeschichte neue Facetten erlangen, neu bewertet werden, ist nicht ungewöhnlich. So sehen wir Shakespeares Shylock heute gänzlich anders, als ihn die Zuschauer des 17. Jahrhunderts empfunden haben dürften. Eine der drastischsten Umdeutungen erlebte Molières Menschenfeind Alceste. Dieser radiale Verfechter der Aufrichtigkeit allem und jedem gegenüber ohne Rücksicht auf die Wirkung der Wahrheit dürfte von Molières Zeitgenossen als lächerlich angesehen worden sein in einer Gesellschaft, in der die Form, der gute Geschmack wichtiger waren als Ethik und Moral. Schon Goethe sah in ihm allerdings auch tragische Züge. Jetzt hat Bernadette Sonnenbichler das Rad der Deutungen weitergedreht.

Ensemble. Foto: David Baltzer

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Das Ich und die Gesellschaft: Jiří Kyliáns „Verfassungsballett“ One of a Kind

Da hatte die klassische Kultur offenbar einen hohen Stellenwert. So feierte die niederländische Regierung das 150jährige Jubiläum ihrer Verfassung nicht einfach nur durch Reden, sie wollte etwas Dauerhaftes und beauftragte den Direktor des Nederlands Dans Theater, Jiří Kilián, mit einem Ballett, und der – noch ungewöhnlicher – nahm sich zum Thema den ersten Satz dieser Verfassung: „Alle, die sich in den Niederlanden aufhalten, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Niemand darf wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden.“ So geschehen 1998: One of a Kind. Jetzt hat das Stuttgarter Ballett diese Choreographie in sein Repertoire aufgenommen.

Miriam Kacerova. Foto: Stuttgarter Ballett

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Brüssel, wie es sein könnte. Robert Menasses Roman Die Hauptstadt

Brauchte Robert Menasse Walter Hallstein in seinem Europaroman? Sicher, würde der Romancier wohl antworten, schließlich plädiere er für ein starkes Europa, in dem die nationalen Grenzen möglichst abgebaut werden sollten, ein nachnationales Europa, und Walter Hallstein, der Präsident der ersten Kommission der 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, hatte sich für die Entwicklung europäischer Institutionen stark gemacht, und also führte er den Politiker in seinem Roman als Referenzinstanz ein, ohne sich allerdings nennenswert um die historischen Fakten zu kümmern. Über dem darüber entstandenen publizistischen Aufstand geriet sein Roman fast ins Hintertreffen, dabei hätte Menasse sich diesen Ärger sparen können.

Robert Menasse. Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag

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Verstörende Welten: Franz Radziwill in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

Der Technikeuphorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, für die die Futuristen eine ausdrucksstarke Ästhetik fanden, folgte die Fortschrittsskepsis, die Hybris, der Mensch könne alles machen, wich der Erkenntnis, dass er auch die Welt vernichten könne. Eine solche Entwicklung, für die die Gesellschaft Jahrzehnte brauchte, scheint der Maler Franz Radziwill in wenigen Jahren erfahren zu haben, denn während er in den 20er Jahren noch moderne Schiffe eher neutral porträtierte, in expressionistisch aufgeregtem Duktus, entwickelte er danach einen fast fotorealistischen Stil und schuf mahnende Botschaften in verstörenden Bildern.

Franz Radziwill, Nach dem Unglück, 1949 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Radziwill Sammlung Claus Hüppe

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Von der Straße ins Museum: Die Plakatkultur im Paris des Fin de Siècle

Als Josef von Sternberg 1930 Heinrich Manns Roman Professor Unrat verfilmte, ließ er sich von den Plakaten inspirieren, die Ende des 19. Jahrhunderts in Paris zu künstlerischer Blüte gelangten. Marlene Dietrich legt da, wenn sie sich singend als fesche Lola vorstellt, auf einem Kneipenfass sitzend lasziv die Beine übereinander – genauso wie es Jane Avril, die berühmte Tänzerin in Paris, auf einem Plakat tut, das Toulouse-Lautrec für sie 1893 geschaffen hatte. Und der Filmregisseur hatte seine Anregung an der richtigen Stelle gefunden, denn in jenen Jahren entfaltete die bis dahin rein pragmatischen Zwecken dienende Plakatkunst einen künstlerischen Reichtum sondergleichen, und das nicht nur mit dem berühmtesten dieser Künstler, Toulouse-Lautrec. Die Galerie Stihl in Waiblingen zeigt nun die ganze Bandbreite dieses Kulturrauschs: La Bohème. Toulouse-Lautrec und die Meister von Montmartre.

Henri de Toulouse-Lautrec. Ambassadeurs: Aristide Bruant, 1892© Foto: Musée d’Ixelles-Bruxelles, Courtesy Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2018

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Vom Nesenbach an die Ilm: Was Adolf Hölzel mit dem Bauhaus zu tun hat

Die klare Linie, der praktische Umgang mit industriell gefertigten Materialien, das nützliche und zugleich ästhetische Design und vor allem die Architektur – wenn der Name Bauhaus fällt, drängen sich meist unvermittelt diese Vorstellungen auf. Schon die Tatsache, dass der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, eng mit Henry van de Velde zusammenarbeitete, dem die Verschönerung der Lebenswelt in allen Bereichen am Herzen lag, zeigt, dass hier Kunst nicht als ästhetische Instanz erneuert werden sollte, sondern als Instanz des Lebens. So ist das Bauhaus nicht zuletzt dank der so unterschiedlichen Künstler, die als Lehrer wirkten, ein Quell der Vielfalt. Eine Ausstellung der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart regt an, das enge Bauhausbild zu revidieren, auch wenn sie den Blick nicht nach Weimar richtet, sondern nach Stuttgart: Von Hölzel zum Bauhaus.

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Kunst entsteht im Kopf: Marcel Duchamp in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein „Markenzeichen“ eines Künstlers liefert eine Handhabe, mittels derer man sich einem komplexen Werk nähern kann. Doch ein Markenzeichen ist zugleich eine Reduktion, denn es simplifiziert, bringt auf einen Nenner, was vom Wesen doch vielschichtig sein sollte. So erging es einem der radikalsten Neuerer in der Kunst des 20. Jahrhunderts: 1913 montierte Marcel Duchamp ein handelsübliches Fahrrad-Vorderrad auf einen Hocker und erklärte es zum Kunstwerk. Es war das erste Readymade der Kunstgeschichte. Noch größere Popularität erlaubte sein Urinal. Doch Duchamp revolutionierte nicht nur den Kunstbegriff, sondern das Wesen von Kunst insgesamt, wie jetzt eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart zeigt.

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Vom Reden und vom Leben. Nis-Momme Stockmanns neues Theaterstück: Das Imperium des Schönen

Ein Sprachkunstwerk ist eine Herausforderung für die Fantasie. In der erzählenden Literatur muss sich der Leser mit seiner Vorstellungskraft ausmalen, wie die Figuren aussehen, sich bewegen, dafür kann ihm das Innenleben der Figuren unmittelbar nahegebracht werden. In der dramatischen Literatur ist Aussehen und Aktion optisch vorgegeben, dafür muss der Besucher das Innenleben anhand der Worte und Aktionen deuten. Genau darauf setzte Tina Lanik in ihrer Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns neuem Theaterstück Das Universum des Schönen und kam dem Wesen dieses Stücks damit vielleicht besonders nahe, das der Autor als Hommage an das Konversationsstück bezeichnet hat.

Daniel Fleischmann, Marco Massafra, Katharina Hauter, Marielle Layher, Martin Bruchmann, Nina Siewert. Foto: Björn Klein

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