Bunte Theorie. Der Konzeptkünstler Daniel Knorr

2005 durfte Daniel Knorr bei der Biennale in Venedig den Pavillon seiner rumänischen Heimat gestalten und ließ ihn – leer. Lediglich ein Buch über die Europäische Union befand sich im Raum nebst Resten vorangegangener Ausstellungen. Damit sorgte er für Unmut, aber auch für Reflexion, wollte er damit doch unter anderem auf die benachteiligte Situation Rumäniens in Europa und auf dem Kunstmarkt hinweisen – Konzeptkunst pur, eine Kunstströmung, bei der die Gestaltung eines Werks weniger wichtig ist als die dahinter stehende Idee. Nicht immer bei Daniel Knorr, wie jetzt eine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen zeigt.

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Alltag und Religion als Einheit: Die Azteken

Als die Spanier unter Hernán Cortés am 13. August 1551 die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan endgültig einnahmen, stand von ihr kaum ein Haus mehr, und die aztekische Hochkultur war ausgelöscht, nicht zuletzt, weil Cortés befahl, auf den Trümmern der Stadt die Hauptstadt des neuen Staates Mexiko zu errichten, Mexiko-Stadt. Damit überlagerte er die alte Kulturmetropole durch die von den Spaniern neu gegründete christliche Stadt. Was bei anderen Hochkultivierten wie dem alten Ägypten vor Jahrtausenden geschah, liegt hier gerade einmal fünfhundert Jahre zurück, und trotzdem ist die Welt der Azteken ähnlich rätselhaft wie die der Ägypter, wie eine Ausstellung im Stuttgarter Lindenmuseum zeigt.

Figur des Gottes Quetzalcoatl© Landesmuseum Württemberg, Foto: Hendrik Zwietasch

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Zwischen Natur und Technik – Blütenstillleben in der Gegenwart

Es galt, die Üppigkeit der Blumen möglichst naturgetreu wiederzugeben, und das mit Pinsel und Farbe. Die Niederländer vollbrachten dabei im 17. Jahrhundert wahre Malwunder. Doch die Zeit, in der die Malerei die Realität abzubilden hatte, ist längst Geschichte, und so sollte man meinen, ein Blumenstillleben habe in der Kunst des 20. Jahrhunderts, gar der Gegenwart, keinen Platz. Doch weit gefehlt, wie eine Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier zeigt, die mit einem Hesse-Zitat in ihrem Titel bewusst romantische Assoziationen heraufbeschwört. „Wie Blüten geh’n Gedanken auf“.

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Das Bild vom Ich. James Halls Geschichte des Selbstporträts

Eine der schönsten und tiefgründigsten Geschichten zum Selbstbildnis findet sich in der griechischen Mythologie. Der schöne und auf seine Schönheit stolze Narziss weist alle Verehrerinnen ab, blickt eines Tages in eine Wasserquelle und verliebt sich unsterblich in sein Spiegelbild, ohne zu wissen, dass es sein eigenes Gesicht ist, das er sieht. Schließlich ist ausgerechnet das Gesicht, der Spiegel der Seele, aller Welt zugänglich, nur dem nicht, dem es gehört, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Kein Wunder, dass sich gerade Maler diesem Phänomen zugewandt haben, können sie doch sichtbar machen, was das Ich nicht zu sehen bekommt, allerdings im Lauf der Jahrhunderte aus unterschiedlichen Motiven heraus, wie James Hall in einer Studie nachweist: Das gemalte Gesicht.

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Selbstbefragung. Das Selbstbildnis in der Malerei der Gegenwart in Bad Saulgau

In seiner großen Studie über die Geschichte des „gemalten Gesichts“, des Selbstporträts, konstatiert der englische Kunsthistoriker James Hall, im 20. Jahrhundert hätten die Künstler eher eine Scheu gegen die Selbstdarstellung entwickelt. James Ensor habe Masken statt Gesichter gemalt, Picasso sei zumindest dem Selbstbildnisgemälde gegenüber skeptisch gewesen, Happeningkünstler hätten ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet und und Fotokünstlerinnen wie Cindy Sherman sich in Rollenspielen durch Verkleidungen und Maskierungen geübt. Eine Ausstellung in Bad Saulgau zeigt, welche Formen dieser eher distanzierte Umgang mit dem eigenen Ich annehmen kann: Selbstbildnisse und andere Rätsel.

Sigrun C. Schlehek, Selbst 5, 2014

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Urquell Farbe: Die Malerin Ida Kerkovius

Wäre sie ein halbes Jahrhundert später zur Welt gekommen, hätte sie möglicherweise eine Professur an einer bedeutenden Kunstakademie erlangt. Doch Ida Kerkovius war Jahrgang 1879, und regulär durften Frauen erst ab 1919 an Kunstakademien studieren. Dennoch hatte sie an der Stuttgarter Akademie schon reüssiert. Kein Geringerer als Adolf Hölzel hatte sie bereits in seiner Malschule in Dachau kennengelernt, in Stuttgart machte er sie 1911 zu seiner Assistentin. Ab 1920 studierte die offenbar unermüdlich Neugierige dann noch am Bauhaus und entwickelte sich zu einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihr jetzt eine Ausstellung: „Die ganze Welt ist Farbe“.

Abstraktes Stillleben, 1960 © Kerkovius Archiv Wendelstein

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Symbole für die Schöpfung: Der Bildhauer Jems Koko Bi

Wäre Jems Koko Bi der Tradition seiner Heimat gefolgt, hätte er sich der Schnitzerei von Masken verschrieben, die zum Teil in seiner Heimat als heilig verehrt werden, schließlich war sein Onkel, bei dem er aufwuchs, in dem Heimatdorf „Hüter der Masken“. Er aber ging auf die Kunstakademie in Abidjan, und dort brachte ihn ein deutscher Gastdozent auf die Idee, Skulpturen in Holz und Stein zu hauen. Koko Bi war jedoch in seiner Heimat derart verwurzelt, dass er erst die Ältesten in seinem Heimatdorf fragte, ob er damit nicht religiösen Frevel begehen würde. Sie beruhigten ihn, denn in Abidjan gebe es das von ihnen als heilig verehrte Holz nicht. Das Kunstmuseum Reutlingen zeigt nun eine große Einzelausstellung.

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Licht- und Schattenseiten: Power in der bildenden Kunst

Es gibt nur wenige englische Wörter, deren Übersetzungsmöglichkeiten so vielfältig sind, auch wenn das Bedeutungsspektrum relativ eng ist, wie das Wort power. Es ist die Kraft und damit auch die Energie, im physikalischen Sinn ebenso wie im biologischen und persönlichen. Es ist Fähigkeit und Leistung, ist Stärke, Macht und Befugnis, Strom und Elektrizität oder ganz allgemein Antriebskraft. Kein Wunder, dass es das Wort auch in die deutsche Sprache geschafft hat: Wenn eine Sache „power“ hat, dann sie es „in sich“. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen zeigt nun, was Künstler mit der Power schaffen.

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Welt zwischen Realität und Malerei: Roland Wesner

In der Regel erschließt sich Kunst immer mehr, je länger man sich mit ihr beschäftigt. Neue Details treten bei einem Bild in den Vordergrund, neue Zusammenhänge erschließen sich, ein Bild rundet sich, wird tiefer, in der subjektiven Deutung oft auch klarer, auch wenn diese subjektive Sicht naturgemäß stets mit einer Reduzierung möglicher Aspekte einhergeht. Bei den Bildern des 1940 geborenen und mit 47Jahren früh verstorbenen Malers Roland Wesner ist das anders. Hier gibt jeder weitere Blick auf die Bilder neue Rätsel auf, und das schon von Anfang seiner kurzen Karriere an, wie eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen zeigt.

Die Versuchung des hl. Lukas, 1979

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Grand Théâtre in Zeiten von Corona: Das Krisen-Onlineangebot der großen Theater im Land

Obwohl abzusehen war, dass die verordnete Zwangspause für Museen und Galerien vergleichsweise kurz sein würde, haben sich so manche Institute viel einfallen lassen, um Kunst online zu ermöglichen, wie ein Beitrag in diesem Blog darlegt. Sehr viel schwieriger gestaltet sich die Corona-Krise für die Theater. Es ist daher kein Wunder, dass vor allem die Dreispartentheater im virtuellen Raum ohne unmittelbar spürbares Publikum ihre Kunst weiter ausüben, mit unterschiedlicher Intensität.

Cornelius Meister dirigiert Laubenkonzert 2 © Staatsoper Stuttgart

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