Auftakt zur Revolution. Mozarts Le Nozze di Figaro an der Staatsoper Hannover

Es war schon kühn von Mozart, den Schriftsteller Lorenzo Da Ponte damit zu beauftragen, ausgerechnet die Komödie Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro von Beaumarchais zu einem Opernlibretto umzuarbeiten, denn in Frankreich war dieses Stück verboten, prangerte es doch die Selbstherrlichkeit des Adels an, und in Wien verbot der Kaiser die deutschsprachige Version auf der Bühne, wenn auch nicht im Druck. Aber Mozart erhielt die Genehmigung zu dieser Oper, und bei der Uraufführung war der Kaiser höchstselbst anwesend. Ob er das auch getan hätte, wenn er die neue Inszenierung an der Staatsoper Hannover gekannt hätte, ist fraglich.

Sarah Brady © Sandra Then

Diese Inszenierung von Lydia Steier endet nämlich mit nichts Geringerem als dem Sturm – nicht auf die Bastille, auch nicht auf das Kapitol, obwohl eine leise Anspielung darauf deutet, sondern auf das Schloss des Grafen Almaviva. Mit geballt nach vorn gestreckten Händen dringt das Volk wütend in das Schloss ein, im Hintergrund lodern Flammen an der Fassade empor. Hier sind die Beteiligten nicht alle zufrieden, „tutti contenti“, wie es in der Oper heißt, hier entfaltet sich der Volkszorn.

Dabei fing alles so friedlich an. Die Figuren stehen paarweise am vorderen Bühnenrand, und nur Susanna und Figaro sehen sich dabei in die Augen, verliebt, als Hochzeitspaar; der Graf intoniert seine feierliche Bitte um Verzeihung seiner Gattin gegenüber. Giulio Cilona lässt das Niedersächsische Staatsorchester in einer himmlischen Langsamkeit diesen feierlichen Choral spielen, ehe er dann mit aufrührerischem Tempo die Ouvertüre intonieren lässt, einem Tempo, das das Revolutionäre dieser Oper perfekt ausdrückt. Das mag kühn erscheinen, macht aber Sinn, denn mit dieser Vergebungsbitte hält Mozart im Finale seiner Oper gewissermaßen die Zeit an. So wie er das komponiert hat, ist ein Hauch von Unwirklichem über dem Ganzen, es ist eine Utopie in Tönen. Und so inszeniert Lydia Steier die Szenen denn auch wie einen Traum. Die Figuren wirken wie die Puppen in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

Wenn dieselbe Musik dann am Ende der Oper erklingt, bekommt sie bei Lydia Steier einen ganz anderen Charakter. Kurz bevor der Graf seine Bitte intoniert, bricht er in eine Mischung aus verzweifeltem Weinen und einem selbstironischen Lachen aus ob der Aussichtslosigkeit seiner Lage. Und dass diese Ausweglosigkeit sich nicht nur auf sein Verhältnis zur Gräfin bezieht, sondern auf seine ganze Existenz, macht dann der Sturm auf sein Schloss deutlich, es ist das Ende des Feudalismus.

Das ist eines von zahlreichen Beispielen, die zeigen, wie in sich schlüssig diese Inszenierung in jeder Minute ist. Während der Ouvertüre hat sich der Vorhang vor der Figurengruppe gesenkt, nur Susanna ist übrig, balanciert auf einer Balustrade zwischen Orchester und Publikum, wie sie überhaupt fast ständig auf der Bühne präsent ist – mal die anderen beobachtet, mal mimisch kommentiert. So macht Lydia Steier deutlich, wer in dieser Oper die Hauptfigur ist, die ja eigentlich „Susannas Hochzeit“ heißen müsste. So verweist eine schwangere Dienstmagd im 1. Akt darauf, welches Schicksal Susanna drohen könnte, wenn es dem Grafen gelänge, sein feudales Recht auf die erste Nacht mit einer Braut in seinem Schloss durchzusetzen. Dass hier fast jeder vor allem Sex im Sinn hat, machen die deutlichen einschlägigen bis anzüglichen Gesten unübersehbar. Selbst Cherubino, der von Nina van Essen mit herrlich weichem Mezzosopran gestaltet wird, mimisch mit einer theatralischen Exaltiertheit, die ganz zu dieser stets verliebten Figur passt, wird geradezu anstößig in den Bewegungen.

Sarah Brady, Kiandra Howarth © Sandra Then

Nina van Essen, Germán Olvera, Sarah Brady, Philipp Kapeller © Sandra Then

Die Inszenierung ist psychologisch durchdacht und ungemein schlüssig. Während der Graf am liebsten mit jeder Frauensperson ins Bett gehen würde, allen voran Susanna, kommt seine Frau gar nicht mehr aus dem Bett heraus, schwankt in ihrer Depression ob der verlorenen Liebe ihres Mannes zwischen Atemmaske und Alkohol hin und her. Bei seiner aggressiven Arie im 1. Akt („Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen“) reißt Figaro voller Wut einer Kleiderpuppe den Kopf ab, Vorwegnahme der Enthauptung des französischen Königs durch die französischen Revolutionäre, denn auch soziologisch ist die Inszenierung ungemein klarsichtig. Die Figuren sind allesamt überschminkt, als hätte der Satiriker William Hogarth ein Gemälde des Rokokomalers Fragonard bearbeitet, nur Susanna und Figaro sind frei von solcher Schminktünche. sie sind die einzigen „normalen“ Menschen in dieser Gesellschaft, in der die Übrigen nichts als Speichellecker des Grafen sind außer wiederum Susanna und Figaro. Und diese Gesellschaft ist am Ende. Momme Hinrichs macht das in seinem Bühnenbild deutlich. Die Tapeten im Schloss sind fleckig und rissig. Aber die neue Welt ist noch im Aufbau, das Zimmer von Figaro und Susanna ist voller Möbelversatzstücke – eine Welt des Übergangs, man weiß nur noch nicht, in welche Richtung sie sich bewegen wird.

Auch die Figuren sind subtil charakterisiert. Der Graf ist alles andere als ein lediglich in der feudalistischen Vergangenheit verhafteter Dummkopf. Er ist gewohnt zu befehlen, kann aber auch demütig um Verzeihung bitten. Germán Olvera lotet das ganze psychologische Spektrum dieser Figur stimmlich perfekt und klangschön aus. Kiandra Howarths Gräfin kann hochdramatisch und nachdenklich lyrisch sein. Sarah Brady gestaltet die Susanna in einer Mischung aus Verschmitztheit und Verliebtheit einer jungen Frau grandios, nur Richard Walshes Figaro lässt diese Differenziertheit ein wenig vermissen.

Am Ende bleibt Susanna betreten zurück, als wolle sie sagen: „Das habe ich nicht gewollt.“ So endet eine in jeder Hinsicht konsequente Inszenierung, die auch heute noch das aufrührerische Potential dieser Oper spürbar werden lässt. Dass diese Oper überhaupt entstehen konnte, ist vor allem nach dieser so konsequenten Inszenierung, die ohne vordergründige Gags und Aktualisierungen auskommt und ganz aus dem Wesen des Werks heraus kreiert ist, erst recht ein Wunder. Was mag der Kaiser bei der Uraufführung wohl dabei gedacht haben, aber bei dieser Uraufführung endete das Ganze ja auch harmonisch als Komödie.

Als Stream on demand bis 20.7.2022 bei OperaVision abrufbar:

https://operavision.eu/de/bibliothek/auffuehrungen/opern/marriage-figaro-staatsoper-hannover

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