Bilder des Lebens: Fotografien von Vera Mercer

Gläser, Blumen, Essbesteck und Teller haben Maler bereits in der Antike fasziniert. Damit demonstrierten die Maler ihre Kunstfertigkeit und schufen zugleich symbolische Bilder zum Verhältnis von Realität und Kunst. Zu einem eigenständigen Genre aber wurden dieser Motivbereich erst im 17. Jahrhundert vor allem in Flandern. Da präsentierte man dem Betrachter Dinge, die ihm vertraut waren, sofern er einer gehobenen Gesellschaftsschicht angehörte, so naturgetreu, dass er versucht war, nach ihnen zu greifen – wie bereits in der Antike, als der Sage nach Vögel nach gemalten Weintrauben zu picken versuchten. An diese Maltradition fühlt man sich in der Ausstellung von Vera Mercer in der Galerie Schlichtenmaier in Dätzingen erinnert.

Paris, 2023 © Vera Mercer / © 2020 VG Bild Kunst, Bonn

Es ist alles da, was zu einem klassischen Stillleben flämischer Kunst gehört: der üppige Blumenschmuck in Vasen, Obst in Gestalt von Birnen, Äpfeln, Beeren, und die unvermeidliche Kerze, Symbol der Vanitas, der Endlichkeit allen Lebens, der die übrigen Bestandteile einer solchen Szenerie zu widersprechen scheinen, die jedoch hinter allem so lebendig Wirkenden unausgesprochen präsent ist. Kein Wunder, dass die Kerzen auf Vera Mercers Bildern meist schon bis auf den Stumpf heruntergebrannt sind.

The Painter, 2021 © Vera Mercer / © 2020 VG Bild Kunst, Bonn

Auch das in der flämischen Malerei beliebte „Selbstporträt“ des Malers in Gestalt seiner Utensilien – Pinsel und Palette – fehlt bei Vera Mercer nicht, und sie ergänzt es durch das in der Maltradition nicht unbedingt übliche Putztuch, mit dem der Maler seine Pinsel abwischt. Auch hier konterkariert ein kleines Detail einen rein historistischen Bildeindruck durch einen Hauch von Ironie.

Alles auf diesen Bildern ist genau durchdacht, genau komponiert und genau bildnerisch realisiert, wie man es eben von den flämischen Malern her kennt, die mit solchen Stillleben ihre Fähigkeit zur detailgetreuen Wiedergabe des Lebens demonstrieren wollten.

Aber Vera Mercers Bilder sind nicht mit dem Pinsel gemalt, sondern mit der Fotokamera aufgenommen, und darin liegt bereits ein wesentlicher Unterschied zur klassischen Stilllebenmalerei: Während die Maler auf ihrer Leinwand alles darstellen konnten – nicht selten auch Blüten und Früchte, die in der Natur mit ihren Jahreszeiten in unterschiedlichen Phasen zu erleben sind –, stammt alles, was Vera Mercer auf ihren Bildern versammelt, aus ein und derselben Zeit, präziser: kam alles zu ein und demselben Zeitpunkt zum Ensemble zusammen, denn der Maler kann aus dem Gedächtnis gestalten, der Fotograf jedoch ist auf das angewiesen, was ihm vor Augen kommt oder er sich für sein Foto zurechtgelegt hat.

Damit sind Vera Mercers Fotografien im wahrsten Sinn des Wortes Momentaufnahmen, wie es bei einer Fotografie üblich ist. Alles, was auf diesen Bildern wie zufällig wirkt, ist genau geplant. Dazu gehören auch, neben den Kerzen, die übrigen Hinweise auf die Vergänglichkeit. So ragen die Blumen auf diesen Bildern zwar geradezu stolz auf saftigen Stängeln in die Höhe, doch immer entdeckt man unter ihnen, neben der Vase auf dem Tisch, einige herabgefallene Blütenblätter. In einem Fall findet sich sogar die volle „Lebenspracht“ der Reife neben dem Symbol des Vergehenden. So liegt der unversehrte Zweig eines Nadelbaums mit allen seinen Nadeln auf dem Tisch, daneben aber, als seien sie eben abgefallen, finden sich einige wenige einzelne abgefallene Nadeln: Die künftige Existenzform des Lebens ist im Jetzt bereits angelegt – und unversehens werden aus den realistischen Momentaufnahmen Symbole der Existenz.

Vera Mercer verwandelt mit solchen Bildern die dem Jetzt verpflichtete Momentaufnahme des Fotoapparats in Statements zum Jetzt und Danach, zum Werde und Stirb des Lebens, sie inszeniert für ihre Aufnahmen gewissermaßen die Tragödie des Lebens; insofern hätte man keinen passenderen Titel für die Ausstellung finden können als den der „Bühne der Dinge“, denn was wie zufällig wirkt, ist das Resultat genauer Planung.

The Table, 2014 © Vera Mercer / © 2020 VG Bild Kunst, Bonn

Trotz dieser präzisen Komposition der Ensembles schwebt ein Hauch von Poesie über diesen Szenen, fast so etwas wie Surrealismus, wenn man bei einem mit einem Tischtuch gedeckten Tisch rätselt, ob er unter einem weiteren steht oder ob der Tisch über ihm aus einer anderen Bildwelt stammt. Diese Rätselhaftigkeit resultiert nicht zuletzt aus dem meist diffus unscharfen Hintergrund. Vera Mercer kombiniert für ein neues Foto die unterschiedlichen Naturelemente meist vor einem Foto, das sie – oft durch Vergrößerung – in eine diffuse „Tapete“ verwandelt. So bestehen ihre Aufnahmen, so realistisch momenthaft sie auf den ersten Blick auch wirken, aus mehreren Aufnahmen, sind also, wie die Versammlung von Blüten und Früchten auch, künstliche Ensembles mehrerer Szenerien.

So ist man immer wieder in Versuchung, an dem fotografischen Charakter dieser Bilder zu zweifeln, nicht zuletzt auch, weil Vera Mercer durch die Kombination unterschiedlicher Fotoaufnahmen die Größenverhältnisse, wie wir sie aus unserem Alltag kennen, konterkariert. Da finden sich Miniaturäpfel neben übergroß wirkenden Beeren – und aus der der Realität verpflichteten Fotografie wird auf diese Weise genau das, was der Begriff wörtlich nahelegt: eine „Zeichnung“ aus Licht. Die Realität mutiert zum reinen Kunstwerk, auch wenn man auf der Fotografie stets ihren Realitätsgehalt zu ahnen scheint: Kunst und Leben verschmelzen zur Einheit, und das nicht mithilfe von Pinsel und Farbe auf Leinwand, sondern durch die Kameralinse auf einem Foto. Die Welt wird so zur Bühne, und das Leben darauf zum Schauspiel.

Vera Mercer: Die Bühne der Dinge“, Galerie Schlichtenmaier, Dätzingen, bis 18.4.2026

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