Die Fotografie ist ein Medium des Augenblicks, zumal der Schnappschuss hält im Bruchteil einer Sekunde eine Situation fest, kann somit als Inbegriff des Gegenwärtigen gedeutet werden. Wenn nun das Kunstmuseum Reutlingen Fotografie des Gegenwärtigen präsentiert, suggeriert sie freilich, dass dies eher die Ausnahme wäre – und hat nicht ganz unrecht damit: Auch wenn das Foto einen kurzen Situationszustand festhält, präsentiert es uns damit stets Vergangenes, denn dieser Moment der Aufnahme ist Geschichte. Wie also kann Fotografie dennoch den Ausdruck des Jetzt beinhalten?
Archiv der Kategorie: Kunst
Tanz als künstlerisches Prinzip: Max Pechstein in der Kunsthalle Tübingen
Vermutlich haben die Menschen schon immer getanzt, wenn ihnen froh zumute war. Bereits Jahrtausende vor Christus finden sich Höhlenmalereien mit Reihentänzen, vermutlich zu kultischen Zwecken. Solche Tänze dürften bereits strukturiert gewesen sein, wie es im klassischen Ballett wohl am ausgeprägtesten zu sehen ist; doch eigentlich ist Tanz ein eher ursprüngliches Verhalten in ausgelassener Stimmung. Kein Wunder, dass gerade die Expressionisten sich davon angezogen fühlten, strebten sie doch ein Leben und eine Kunst in möglichster Natürlichkeit an, wie eine Ausstellung von Max Pechstein in der Kunsthalle Tübingen zeigt.
Legaler Schwindel: Op Art und ihre Wurzeln im Kunstmuseum Stuttgart
Höhenangst hat der Held in Alfred Hitchcocks Film Vertigo, und der Meister des Suspense erzeugt im Kinobesucher durch eine raffinierte Kamerafahrt dieselbe psychische Bedrängnis. Hitchcock griff mit solchen filmischen Tricks 1959 für seinen Film auf das zurück, was sich in der Kunst der 50er Jahre großer Beliebtheit erfreute. Die OpArt, wie sie später genannt wurde, bedient sich weitgehend des Mittels der Augentäuschung. Ihre Arbeiten, meist auf zweidimensionalen Bildträgern, gaukeln Räumlichkeit vor, sogar Bewegung. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt einen Überblick über das Spektrum der Spielarten und zeigt auf, dass wie vieles auch dies keinesfalls eine revolutionär neue Art der Bildherstellung war: Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels.
Die Bewegung der Bilder: Gemälde von Asger Jorn und Filme von Nathalie Djurberg im Kunstmuseum Ravensburg
Ein Gedicht sei wie ein Gemälde, behauptete in der Antike Horaz, und ihm folgten jahrhundertelang die Kunst- und Literaturtheoretiker, bis Gotthold Ephraim Lessing ihnen widersprach. Die Malerei ordne ihre Zeichen, also Farben und Formen, nebeneinander an, also im Raum, die Dichtung die ihren hintereinander, also in der Zeit, und das gilt auch für alle darstellenden Künste. Wenn nun das Kunstmuseum Ravensburg Malerei und Animationsfilme einander gegenüberstellt, ist das von besonderem Reiz, allerdings auch nicht ohne Risiko. Der Maler ist Asger Jorn, einer der herausragendsten Vertreter der Künstlergruppe CoBrA, die Filme stammen von Nathalie Djurberg, die mit dem Komponisten Hans Berg zusammenarbeitet.
Auf dem Weg zum Geistigen – der Maler Otto Nebel
Als Wassily Kandinsky sich Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Malerei und mehr noch in seiner Graphik von der Gegenständlichkeit entfernte und nur noch Linien, Farben und Formen als reines Ausdrucksmittel wählte, ging es ihm nicht um eine formale Kunst, vielmehr sah er darin die Befreiung zum Geistigen. Und mit seinem Almanach Der Blaue Reiter machte er deutlich, dass es ihm bei Kunst nicht nur um die bildende ging, denn er lud auch die Komponisten Arnold Schönberg und Alban Berg zur Mitwirkung ein, verstand selbst sein Malen als Komponieren. Damit traf er die Bestrebungen des später von ihm geförderten dreißig Jahre jüngeren Otto Nebel. Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen widmet ihm eine umfassende Retrospektive: Zur Unzeit gegeigt.
Runen-Fahnen zur Runen-Fuge Unfeig, 1924/25 © Foto: Horst Simschek
Schwarze Kunst – Künstlerische Nachtvisionen im Kunstmuseum Albstadt
Um Tod, Wahnsinn und Gewalt geht es in dem 1973 erschienenen Album The Dark Side of the Moon von Pink Floyd. Der erste Titel darauf wird von Herzschlägen begleitet, so etwas könnte auch in einer Geschichte von Edgar Allan Poe stehen. Um die Macht halluzinogener Pilze geht es in Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes, eine wörtliche Übersetzung des Pink-Floyd-Albums, doch bezog sich Suter möglicherweise auch auf eine Bemerkung von Mark Twain, der meinte, jeder Mensch sei ein Mond und habe eine dunkle Seite, die er niemandem zeige. Wer da an die düstere Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde denkt, liegt nicht falsch. Das Kunstmuseum Albstadt zeigt nun, was bildenden Künstlern zu dieser dunklen Seite eingefallen ist.
Wilhelm Laage, Der Dorfbrand, 1898
Transzendenz der Farbe: Thomas Deyle in der Galerie Schlichtenmaier
Man kann gelegentlich den Eindruck gewinnen, unsere optische Wahrnehmung sei reine Sinnestäuschung, doch dazu tragen wir ein Gutteil selbst bei. So sagen wir: Das Kleid ist blau und behaupten damit, die Farbe sei eine Eigenschaft des Stoffs. Doch in Wirklichkeit kommt der Eindruck „blau“ erst durch das Zusammenwirken von Augen und Gehirn zustande, und die Augen nehmen nur die vom Objekt reflektierte elektromagnetische Strahlung wahr, also das, was vom Objekt nicht aufgesogen wurde. Ohne Licht also gäbe es für uns keine Farben. Das sollte man im Kopf haben, wenn man vor den Bildern von Thomas Deyle steht.
Die Bilder im Kopf: Daniel Deroubaix im Reutlinger Kunstmuseum
Als die Malerei noch als Handwerk galt, war es eine Ehre, bei einem großen Meister lernen zu dürfen und zu kopieren. Erst als dem Künstler Genialität zugesprochen wurde, das war Ende des 18. Jahrhunderts, galt es, aus sich selbst zu schöpfen. Dennoch sahen sich auch danach die Künstler fest eingebunden in die Tradition, und ein Picasso malte noch im Alter einige berühmte Gemälde in seinem Stil nach. Der 1972 in Lille geborene Damien Deroubaix bekennt sich dezidiert dazu, mit den Künstlern der Vergangenheit ständig „im Gespräch“ zu sein. So hat er jetzt die dritte Etappe eines Ausstellungsprojekts in Reutlingen im Untertitel Alte Meister genannt.
Spielerische Symbolwelten: Tom Sachs und seine USA
Es war eine Welle der Entgrenzungen, die Marcel Duchamp vor einem starken Jahrhundert auslöste, als er Gegenstände des Alltags zu Kunstobjekten erklärte. Von da an konnte alles als Material zu Kunstwerken dienen. Die Dadaisten schufen witzige bis skurrile Collagen aus Rechnungsbelegen und Streichholzschachteln. Daraus entwickelte sich eine regelrechte Kunstrichtung, die Bricolage, was soviel wie „Bastelei“ heißt, und einer der konsequentesten Vertreter ist der Amerikaner Tom Sachs, der seit den 90er Jahren in seinem Atelier Allied Cultural Prosthetics herstellt, Vereinigte Kulturprothesen. Das Schauwerk Sindelfingen zeigt einen Querschnitt durch sein fantasievolles Schaffen.
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Besuch in der Heimat: Jerg Ratgebs Altar in der Herrenberger Stiftskirche
Ein Schicksal musste der Herrenberger Altar von Jerg Ratgeb nicht erleiden: Er wurde im Zuge des reformatorischen Bildersturms nicht zerstört, sondern lediglich abgebaut und ausgelagert, bis katholische Truppen wenige Jahre darauf seinen Wiederaufbau herbeiführten. Doch allzu beliebt scheint er nicht gewesen zu sein: Er blieb zwar an seinem Ort, wurde aber Jahrhunderte hindurch zugehängt. Der Grund könnte seine Ästhetik gewesen sein, denn 1891 verkaufte der Stadtrat ihn für fünftausend Mark nach Stuttgart, angeblich wegen der „teilweise unschönen Bilder“. Seit 1924 befindet er sich in der Staatsgalerie Stuttgart, die nun zum 500. Jubiläum seiner Entstehung eine Art „Rückführung“ zustande gebracht hat.
Herrenberger Altar (Schauseite für den Osterfestkreis), 1519


