Spiel und Ernst: „Elektronische Lebensphilosophie“ von Walter Giers im Museum Ritter

Wenn jemand Industriedesign studiert hat, kann er die Welt verändern, indem er sie schöner oder bequemer zugänglich macht – oder er kann mithilfe der Technik die Fantasie anregen. Der 1937 geborene und 2016 verstorbene Walter Giers hat in seinem Leben beides gemacht. In Schwäbisch Gmünd hat er mit seinem Büro Form und Funktion für den Alltag zu vereinen versucht, am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe hat er seine Erkenntnisse Studenten vermittelt – und diese Erkenntnisse hatte er durch seine wissenschaftliche Analyse, vor allem aber durch seine künstlerische Arbeit gewonnen, denn Giers hat seit den 60er Jahren Objekte entwickelt, die vor allem mit Klang und Licht arbeiteten und den Betrachter als Mitstreiter aktivieren. Das Museum Ritter zeigt einen Überblick über sein Schaffen, in dem die Grenze zwischen technischer Konstruktion und kreativer Fantasie spielerisch nivelliert wird. Es ist eine Kunst, die zum Nachdenken anregt und zum Schmunzeln inspiriert.

 Zweimal Ich, 1994 © Nachlass Walter Giers. Foto: Horst Simschek

Zweimal Ich“ heißt eine Arbeit, die Walter Giers 1994 schuf, und in gewisser Weise stellt sie auch genau das dar: Zu sehen ist jene Tintenkleckserei, die unter dem Begriff „Rohrschach-Test“ in die Psychologie Eingang gefunden hat. Man kann diesen Künstler bei seinen Werken durchaus beim Wort nehmen. In diesem Fall: eine riesengroße schwarze Gestalt, die bei einem solchen klecksenden Tintenabdruckverfahren entstanden sein kann. In den beiden „Händen“ befinden sich Lautsprecher, aus denen Teile eines psychiatrischen Gesprächs erklingen. Die Arbeit ist symptomatisch für Walter Giers: Auf der einen Seite der Alltag, die Welt, in der wir leben, auf der anderen die Vermittlung dieses Alltags durch elektronische Geräte. Lautsprecher spielen bei ihm eine wesentliche Rolle; aus Lautsprechern schallt es unaufhörlich.

Stammtisch, 1992 © Nachlass Walter Giers. Foto: Horst Simschek

Das können Töne sein, wie sie der Betrachter in seinem Alltag von sich geben mag. Beim „Stammtisch“ beispielsweise, für den Giers vier Stühle zu einem Viereck gruppiert hat, Stühle, aus denen Gesprächsfetzen dringen. Hier gehen realistische Alltagswiedergabe und künstlerische Gestaltung eine Einheit ein, und künstlerische Gestaltung heißt bei dem gelernten Industriedesigner fast immer: Technik, die der Kommunikation dient, also elektronische Geräte und Lautsprecher. Das Pendant zum eher der Welt der Männer zugeordneten Stammtisch ist das „Kaffeekränzchen“. Und jeder visuellen Gestaltung in Form von technischen Konstruktionsgebilden oder Elementen unserer Alltagswelt ist der Ton beigesellt, mal verzerrt, mal durchaus realistisch abgebildet.

Kein Wunder, dass dieser Künstler in seiner Freizeit begeisterter Jazzmusiker war. So erfand er als bildender Künstler eben auch noch ein „Kleines Orchester“. Wie so oft bei ihm sind diese Arbeiten auf der einen Seite fast wörtlich zu nehmen, auf der anderen hochgradig abstrakt. In diesem Fall findet sich so etwas wie eine Zeile aus einer Partitur mit Punkten auf Notenlinien, die in einen Lautsprecher münden. So ist es nur logisch, dass diese Arbeiten nicht selten auch Töne von sich geben – mal elektronisch erzeugte Fantasieklänge, mal aber auch Klänge, die in der Geschichte der bildenden Kunst eine Rolle gespielt haben, etwa vor rund hundert Jahren, als die Dadaisten Lautgedichte erfanden und öffentlich darboten, wie etwa Kurt Schwitters mit seiner „Ursonate“ oder Raoul Hausmann.

Dass dabei immer wieder Mund und Ohr eine bildnerische Rolle spielen, versteht sich fast von selbst. Ebenso selbstverständlich ist es bei einem Künstler, der die Technik – und damit auch die Audiotechnik – perfekt beherrschte, dass diese Arbeiten nicht einfach nur stumm an der Wand hängen oder im Raum stehen. Man kann sie als Betrachter – so wollte es Giers ausdrücklich – durch Knopfdruck zum Tönen bringen; in Waldenbuch geschieht das durch ein Fußpedal. Auf diese Weise ist neben Bild und Ton bei Walter Giers auch der Betrachter konstitutiver Teil des Kunstwerks, der in diesem Fall nicht selten zum Mitstreiter wird, denn Kunst, so drängt sich unvermittelt der Eindruck in dieser Ausstellung auf, ist neben der kreativen Kopfarbeit und der praktischen Realisierung durch den Künstler stets auch die „re-kreative“ Arbeit dessen, der sich mit dieser Kunst befasst.

Und da Kunst in erster Linie etwas für das Auge ist, „äußern“ sich Giers‘ Werke nicht nur akustisch, sondern auch optisch. So leuchten seine Werke immer wieder fast magisch anmutend auf: Mal ergibt sich so ein wahrer Lichtfall, eine Art Wasserfall, nur eben aus Lichtwellen. Mal bilden wandernde Lichtquellen in einem Lichtspiel ein bewegliches Muster. Bei einem sternartigen Gebilde wandert Licht geradezu nervenaufreibend langsam durch das bläuliche Gebilde, ein gelber Stern scheint auf diese Weise geradezu in Bewegung versetzt zu sein.

Giers verblüfft den Betrachter immer wieder mit dem Wortwörtlichen und dem Sinngemäßen. Dem Wortwörtlichen beggegnet man in einer Reihe zu den vier Elementen: Auf einem Bild hat Giers Erde versammelt, die „Luft“ wirkt wie der Blick in einen von weißen Wölkchen überzogenen Sommerhimmel, und zum Stichwort Feuer fiel Giers ein Stapel Bücher ein, deren Verbrennung im Lauf der Geschichte nicht nur einmal zum entsetzlichen Symbol wurde.

Babel II, 1998 © Nachlass Walter Giers. Foto: Horst Simschek

Denn so witzig und dem Wort nachempfunden viele dieser Arbeiten auch wirken, Giers war stets auch ein hochpolitischer Kopf. „Babel“ nannte er eine Arbeit, die aus einem Turm aus zahlreichen Koffern besteht, Symbol der Vielsprachigkeit und der damit verbundenen Schwierigkeit, einander zu verstehen. Und was beim Themenfeld Bahnhof noch Alltagserkenntnis sein mag, wird gesellschaftskritisch, wenn Giers es auf die alltägliche Kommunikation anwendet. So „reden“ die vier zu einer Art quadratischem Gesprächs“kreis“ angeordneten Stühle miteinander – oder wahrscheinlich eher aneinander vorbei. Und wie so oft bei diesen Arbeiten kommt der Betrachter ins Sinnieren über das eigene alltägliche Tun – oder Lassen.

Nicht alle Arbeiten sind kritisch-philosophisch zu verstehen. Immer wieder blitzt bei den Arbeiten auch der schalkhafte Witz dieses Mannes durch – sei es beim Mr. Brabbel oder der „Diskussionsrunde“ über das Thema Kunst, die sich aus acht kleinen Lautsprechern artikuliert, die durch ein Gewirr von Drähten miteinander in Verbindung gebracht werden, denn fast immer zeigt Giers genau, woraus seine Werke bestehen. Und wie dicht gut und böse nebeneinander die Welt bevölkern können, zeigt seine Arbeit mit einer kleinen Marienfigur im Hintergrund. Den größten Teil dieser Arbeit bildet der Kopf einer rauchenden Frau – die Heilige und die Femme fatale.

Da fehlt in diesem Panoptikum unseres Lebens in Form von Elektronik und Drähten nur eines – ein Bild mit Drähten und elektronischen Elementen, aber ohne Lautsprecher. Dieses „Bild“ spricht nicht zu uns, es ist, auch das gehört zum Leben und zur Welt, eine „Verweigerung“. So erlebt man auch bei dieser Arbeit das spannende Wechselspiel zwischen Idee und Werk, Alltag und Elektronik, Witz und Ernst – das menschliche Leben eben.

Walter Giers. Einfach machen!“, Museum Ritter, Waldenbuch, bis 19.4.2026

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