Brüssel, wie es sein könnte. Robert Menasses Roman Die Hauptstadt

Brauchte Robert Menasse Walter Hallstein in seinem Europaroman? Sicher, würde der Romancier wohl antworten, schließlich plädiere er für ein starkes Europa, in dem die nationalen Grenzen möglichst abgebaut werden sollten, ein nachnationales Europa, und Walter Hallstein, der Präsident der ersten Kommission der 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, hatte sich für die Entwicklung europäischer Institutionen stark gemacht, und also führte er den Politiker in seinem Roman als Referenzinstanz ein, ohne sich allerdings nennenswert um die historischen Fakten zu kümmern. Über dem darüber entstandenen publizistischen Aufstand geriet sein Roman fast ins Hintertreffen, dabei hätte Menasse sich diesen Ärger sparen können.

Robert Menasse. Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag

Alle Figuren in diesem Roman sind erfunden: Da ist die karrieregeile Fenia Xenopoulou, die in der Generaldirektion Kultur eine Sackgasse für ihren politischen Ehrgeiz sieht. In Martin Susman begegnen wir einem zwar kleinen Beamten im Räderwerk der Brüsseler Verwaltung, der es aber doch aus einem Bauernbetrieb in Österreich in die große Metropole geschafft hat. Wir leiden mit Émile Brunfaut mit, einem belgischen Kommissar, der einen Mord in einem Hotel aufklären will, in die Intrigen des europäischen Interessendschungels gerät und seinen Fall verliert. Und wir haben Mitleid mit Alois Erhart, der seine Professorenkollegen auf einem Kongress verachtet, sich selbst aber in einem peinlichen Auftritt ins wissenschaftliche Aus katapultiert, weil es ihm um ein echtes Anliegen geht, nicht um reine Reputation.

Und natürlich ist auch das große Projekt reine Fiktion, mit dem der 50. Geburtstag der Europäischen Union gefeiert werden soll, so wie Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ vor hundert Jahren bei der Vorbereitung einer Feier zum 70. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph mitwirkte. Und wie Musils Held in eine Unzahl von verschlungenen Seitenaktivitäten verstrickt wird, sieht sich auch der mit dem Projekt betraute Martin Susman zunehmend in einem Gewirr von Sackgassen und Irrwegen gefangen.

An dem er freilich nicht geringe Schuld trägt, hat er seiner Vorgesetzten doch nichts Geringeres vorgeschlagen als Auschwitz zum Thema der Feier zu machen, die der in der Bevölkerung nicht gerade geliebten Europäischen Kommission eine etwas bessere Presse verschaffen soll. Schließlich, so seine These, sei die Idee eines geeinten Europa aus den Erfahrungen des 2. Weltkriegs hervorgegangen, verdanke ihr Entstehen gewissermaßen dem Slogan: „Nie wieder Auschwitz“. Menasse gelingt es meisterhaft, diese aberwitzige Prämisse zum Inhalt für einen prallen Roman zu machen, in dem es neben den Karrierebegierden der in der Kommission Beschäftigten auch Liebeleien, frustrierte Lebensläufe und das Schicksal eines Überlebenden von Auschwitz gibt.

Der Leser sieht gewissermaßen vor seinem geistigen Auge das Treiben in den Amtsstuben der Brüsseler Verwaltung vorüberziehen, und er kann die Figuren ernst nehmen, obwohl sich der Roman über weite Strecken an der Grenze zur Satire bewegt – ernst nehmen, als lebten sie tatsächlich.

Er wundert sich dann allerdings, wenn eben jener Walter Hallstein als Kronzeuge für eine solche Europaidee zitiert wird, den es ja eben doch gegeben hat, nur nicht mit einer solchen Äußerung, die er erst recht nicht in Auschwitz in einer Rede hätte formulieren können, denn der Eiserne Vorhang war zu seiner Zeit noch dicht, eine Reise des westeuropäischen Politikers in das in Polen liegende Auschwitz kaum möglich. Dieser eine Name ist ein Bruch in der Fiktion des Romans, und damit störend, denn er durchbricht das Prinzip Fiktion. Vor allem wäre er überhaupt nicht notwendig. Menasse hätte sich mit Formulierungen wie: „ein großer Vorkämpfer für die europäische Idee“ im Vagen halten und damit im Bereich des Fiktiven bewegen können. Der Einbruch der realen Welt in eine fiktive ist heikel, denn er kann dazu führen, dass das ganze fiktive Gebäude einstürzt, und das wäre in diesem Fall schade, denn wie Menasse die Idee einer an Auschwitz erinnernden Jubiläumsfeier durch alle Instanzen führt, wie er mit den zunehmenden Einsprüchen der jeweiligen Ländervertretungen das Projekt schrittweise zu Fall bringt, ist meisterhaft.

Zudem ist seine Ironie subtil. Ausgerechnet Fenia Xenopoulou, unter deren Ägide ein Plädoyer für ein nachnationales Europamodell vorbereitet wird, beruft sich auf ihre Herkunft aus Zypern und einen zweiten Pass neben dem griechischen, um Karriere zu machen, pocht also auf eine nationale Zugehörigkeit, die der Idee eines nachnationalen Europa diametral entgegengesetzt ist. Dass mit solchen Politikern ein derartiges Projekt zum Scheitern verurteilt ist, ist nur zu verständlich.

Am Ende geht alles aus wie das Hornberger Schießen, und auch hier blitzt Musils großer Roman durch, dessen Anfangskapitel die Überschrift trägt: „Woraus bemerkenswerterweise nichts hervorgeht“. Dieser grandiose Lärm um Nichts ist faszinierend inszeniert, brillant geschrieben und ein reines Lesevergnügen, auch wenn die eine oder andere Nebenhandlung (etwa die Flucht des Attentäters im Brüsseler Hotel) ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist.

Man wartet auf den nächsten Roman aus der Feder dieses Erzählers und hofft nur, dass er dann zu hundert Prozent Erfindung ist.

Robert Menasse. Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag. 459 Seiten, 24.70 Euro (Paperback 12 Euro)

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