Das Spätmittelalter im Heute begründet: Die neue Präsentation der religiösen Kunst der Sammlung Dursch in Rottweil

Rund 180 Werke sammelte der spätere Rottweiler Stadtpfarrer Johann Georg Martin Dursch in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Neben der Faszination durch die religiöse Ausdruckskraft der Skulpturen, Altarbilder und -aufsätze war es der Wunsch, diese Objekte, die durchweg aus aufgelösten Kirchen und Klöstern stammten, vor dem Ausverkauf oder der Vernichtung zu retten. Er stellte sie auch aus – als Kunst. Dem entsprach die Präsentation der Sammlung seit der Eröffnung des Dominikanermuseums in Rottweil 1992, die weitgehend kunsthistorisch ausgerichtet war. Doch das entspricht nicht dem Charakter dieser Objekte, denn zur Zeit ihrer Entstehung waren sie nicht als Kunst gedacht, sondern situativ und funktional in das Kirchenleben eingebunden. Dem versucht nun eine Neupräsentation Rechnung zu tragen.

 

Thronende Maria mit Kind, Neckarschwaben oder Oberrhein, um 1290 © Ralf Graner Photodesign, Rottweil

Die Sammlung deckt nahezu alle Aspekte des Neuen Testaments ab, insofern hätte Ingrid-Sibylle Hoffmann, die Mittelalterexpertin des Stuttgarter Landesmuseums, das die Sammlung wissenschaftlich betreut, die einzelnen Abteilungen ihrer neuen Ausstellung mit den theologisch üblichen Begriffen überschreiben können: Verkündigung Mariä, Geburt, Epiphanie, Passion. Sie entschied sich statt dessen für Begriffe, die im Leben eines jeden von uns von Bedeutung sind, menschliche Kategorien wie Liebe, Tod und Trauer. Das mag theologisch unpräzise, vielleicht sogar falsch wirken, doch bei genauem Hinsehen trifft es das Wesen dieser Objekte sehr viel präziser. Natürlich finden sich da auch die üblichen narrativen Szenen wie die Krippe mit dem Jesuskind oder die Kreuzigung. Sehr viel häufiger finden sich in dieser Sammlung Einzelskulpturen, die möglicherweise früher einmal Teil einer Szene waren, aber vielleicht auch als Solitäre den Gläubigen präsentiert wurden, und da hatten sie die Funktion, Gefühle, auch Empathie auszulösen.

In einer Zeit, da die wenigsten lesen und also den Bibeltext verstehen konnten und in der die Sprache des Gottesdienstes Latein war, hatten Bilder eine ungleich wichtigere Aufgabe als in späteren Jahrhunderten. So sollte Maria natürlich als Muttergottes deutlich werden. Das findet sich bei Darstellungen, die Maria als Himmelskönigin zeigen, auf einer Mondsichel stehend. Doch Maria war zunächst einmal vor allem Mutter, und so entschied sich die Kuratorin in ihrer ersten Abteilung für das zentrale Wort „Liebe“, ergänzt durch „Menschlichkeit“, und die ausgestellten Beispiele zeigen neben der thronenden Maria auch eine Frau, die rührend besorgt das kleine Kind an sich drückt, das ihr denn auch die ganze kindliche Neugier zuteil werden lässt.

In der Abteilung mit der Geburt und Anbetung durch die drei Könige sind Begriffe wie „Freude“ und „Dankbarkeit“ zentral, und das zeigt sich auch in den Gesichtern der Figuren, die dem Kind huldigen. Und für die Passion dürften die Worte Christi „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ zu dem Begriff „Verzweiflung“ geführt haben. Wie nahe solche Begriffe den Gestaltungen der Skulpturen kommen, zeigt die Abteilung „Trauer und Mitleid“, die über das bloß inhaltliche Geschehen des Neuen Testaments hinausgeht und genau das andeutet, was die Gläubigen angesichts der biblischen Erzählung empfinden sollten, wobei unter Mitleid das Mitleiden gemeint ist, ein Gefühl, auf das die zeitgenössische Frömmigkeit und Theologie großen Wert legte, denn die „compassio“ mit dem Leiden Christi und der Trauer der Hinterbliebenen sollte sich auf die im Jetzt Lebenden übertragen. Insofern ist die Wahl solcher allgemeinmenschlicher Begriffe genau dem nachempfunden, was die Theologie in jenen Jahrhunderten in den Gläubigen erreichen wollte. Zudem sind diese Begriffe geeignet, im Publikum des 21. Jahrhunderts, das die subtilen theologischen Anspielungen dieser Bilddarstellungen nur bedingt erkennt, immerhin die angestrebte emotionale Beteiligung anzuregen, zumal die zentralen Begriffe durch ein Spektrum verwandter Begriffe ergänzt werden. Zur „Liebe“ gehören „Kind”, „Hingabe” und „Freude“, zur „Trauer“ die „Leere”, der „Trost” und die „Umarmung“, und auch das findet sich in den Darstellungen angedeutet.

Ergänzt werden diese unmittelbar mit der Bibelerzählung zusammenhängenden Kategorien durch eine Abteilung zum Thema „Familie”, denn schließlich gibt es auch noch die oft vergessene Großmutter des Jesuskinds, Anna, und zur Familie gehören auch „Solidarität“, „Vertrauen” und „Team” – alles Begriffe, die in Gruppendarstellungen deutlich werden.

Heilige Dorothea, heilige Katharina, Oberschwaben, um 1515/20 © Ralf Graner Photodesign, Rottweil

Zudem bekommt man Einblicke in die ästhetischen Vorstellungen jener Zeit, erfährt durch die knappen, aber sehr informativen Texte, die auf jedem Sockel den ausgestellten Skulpturen beigegeben sind, dass Schönheit kein ästhetischer Selbstzweck war, sondern als Ausdruck von Würde galt. Und in einem Kabinett bekommt man einen kleinen Einblick, in welche Zusammenhänge man sich die oft aus dem ursprünglichen Kontext gerissenen Einzelstücke zu denken hat. Hier wird das Modell eines Altaraufsatzes einem Original gegenübergestellt.

So entspricht die Wahl auch heute verständlicher Grundbegriffe dem Charakter der ausgestellten Werke. Sie entspricht aber auch dem künstlerischen Ausdruck der Arbeiten. Denn gerade im 13. und 14. Jahrhundert wandelte sich der Darstellungsstil. So finden sich hieratische Figuren, die eher auf Verehrung und Anbetung durch die Gläubigen zielten, was besonders für Heilige und Schutzpatrone gilt.

Schutzmantelmadonna, Meister des Dornstädter Altars (?), Ulm, um 1430 © Ralf Graner Photodesign, Rottweil

Sie sind denn auch in der Ausstellung erhöht platziert wie die Schutzmantelmadonna, unter deren Umhang alle Gläubigen Platz finden, während die „Trauernden“ fast auf Augenhöhe mit dem Besucher stehen. Es finden sich aber auch fast alltäglich-menschliche Aspekte. Da trinkt bei der hl. Elisabeth ein Kind aus einem herabhängenden Krug. Den beiden Schächern an den Kreuzen neben Christus sieht man die Folter durch die Knechte an, und im Zimmer, in dem die Verkündigung Mariä stattfindet, gibt es neben einem Lesepult, das die Bildung der künftigen Mutter andeutet, auch ein Kistchen mit Handarbeitsmaterialien, das auf die fleißige Hausfrau verweist. Es menschelt in diesen Darstellungen – die Kunstgeschichte fand dafür den Begriff Neuer Realismus -, weshalb allgemeinmenschliche Zentralbegriffe auch kunstästhetisch betrachtet angemessen sind, und wenn bei der eingangs erwähnten mütterlichen Maria im erläuternden Text auf dem Sockel nicht „Maria mit Kind” steht, sondern „Mama”, dann ist das nur konsequent. So ist eine Präsentation entstanden, die auf den ersten Blick modernistisch popularisierend wirkt, aber dennoch, oder gerade deswegen, den Kern der ausgestellten Objekte kongenial trifft.

Sakrale Kunst des Mittelalters. Sammlung Dursch. Dominikanermuseum Rottweil. Begleitbuch 128 Seiten, 12.50 Euro

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