Die Welt als Panoptikum: Reinhold Nägele im Kunstmuseum Stuttgart

Es war eine Zeit der großen Umbrüche in der Welt der Kunst. Die Expressionisten drückten ihre innersten Emotionen in kräftigen Farben aus, die Futuristen versuchten, der Geschwindigkeit des modernen Lebens künstlerische Form zu verleihen, die Surrealisten entdeckten die wahre Welt in Traumszenarien, und die Neue Sachlichkeit verzichtete auf unmittelbaren subjektiven Ausdruck. All das findet seinen Nachhall auch im Werk von Reinhold Nägele, der, wie jetzt eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zeigt, dennoch keiner dieser Strömungen zuzuordnen ist.

Abbrucharbeiten am alten Stuttgarter Bahnhof, 1924. Foto: Kunstmuseum Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Er war ein begeisterter Chronist seiner Zeit, genauer, seiner Heimat, vor allem seines geliebten Stuttgart. Kaum eine Neuerung, die er nicht mit Pinsel und Farbe festhielt, ob es die Entstehung des Mittnachtbaus war, der noch heute durchaus moderne Züge aufweist, oder des neuen Hauptbahnhofs. Und es faszinierten ihn nicht nur die fertigen Bauwerke, Nägele hielt auch alle Vorstufen und Arbeitsphasen fest, ihn interessierte der Abbruch des alten Bahnhofs ebenso wie der Erdaushub des neuen. Gerade in einer Zeit, da Stuttgart 21 ständig für Hiobsbotschaften sorgt, ist ein solcher Blick in die Geschichte von besonderem Reiz.

Cannstatter Volksfest, 1909 © Staatsgalerie Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Vor allem interessierte sich dieser Künstler für die modernen Errungenschaften. Mit dem Tagblattturm hielt er das erste Hochhaus in Stahlbeton und Sichtbauweise im Bild fest, auf seinen Bildern vom Cannstatter Volksfest, bei denen man angesichts der Qualmschwaden meint, riechen zu können, was da gebrutzelt wurde, betonte er den von Jahr zu Jahr zunehmenden Lichterglanz, und Nägele hielt immer genau fest, was auf den Bildern zu sehen ist, von welchem Aussichtspunkt er einen Stadtausschnitt porträtiert, in welchem Jahr er die Lustbarkeiten am Neckar besuchte. Die Technik hatte es ihm besonders angetan. Mit Vorliebe malte er Bahnhöfe und Schienenstränge, auch hier mit genauer Ortsangabe. Diese Begeisterung ging so weit, dass er auf einem Bild mit dem Titel Abendlandschaft weniger die Atmosphäre eines Sonnenuntergangs malte, als vielmehr Bahngleise und elektrische Oberleitungen. Damit steht er durchaus den Kollegen der Neuen Sachlichkeit nahe, die sich gleichfalls für Technisches interessierten, und doch ist Nägele alles andere als ein Vertreter dieser Strömung. Denn so exakt er auch die Lokalitäten wiedergibt, stets haben sie einen Hauch von Irrealität. So wirkt die Stuttgarter Zahnradbahn fast wie ein zum Lebewesen erwachtes Zwerglein, das mühsam einen Berg zu bezwingen versucht. Bei den Bildern von Bauarbeiten schildert er detailgenau, was alles zum Bauen gehört, bis hin zu den sorgsam sortierten unterschiedlichen Sand- und Schotterhaufen. Aber er schildert auch das Leben auf einer solchen Baustelle: Bauarbeiter klettern Leitern hinauf, streichen Wände an, während im Sichtschutz eines Bretterzauns sich zwei Passanten sehr nahe kommen. Als er eine Ausstellung der Stuttgarter Sezession porträtierte, finden sich neben den Juroren, die die eingereichten Arbeiten begutachten, auch Handwerker und ein Hausmeister, bei einer Ausstellung fällt eine Dame in Ohnmacht, eine Begebenheit, die sich tatsächlich ereignet haben soll: Der Chronist Nägele ist auf all diesen Bildern ein Geschichtenerzähler – und damit ragt er aus allen zu seiner Zeit entstehenden Kunstströmungen heraus. Seine Gemälde haben geradezu filmische Qualität, als ob ein Dokumentarfilm über ein Großereignis plötzlich zu einem Standbild erstarrte.

Solche Bilder wirken ein wenig altertümlich, so als erinnerte sich hier ein Maler der guten alten Zeit. Doch Nägele war in allem, was er tat, ein Zeitgenosse, wie er im Buche steht, ein Chronist der Moderne, wie die Kunsthistorikerin Anna-Maria Drago Jekal ihre Ausstellung zu Recht betitelt.

Weißenhofsiedlung Stuttgart bei Nacht,1928 Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Neben den technischen Errungenschaften seiner Zeit hielt er auch die künstlerischen Großtaten im Bild fest, die Weißenhofsiedlung zum Beispiel, in der 1927 Arbeiten der modernsten Vertreter der Architektur vertreten waren, oder die Ausstellungen der Stuttgarter Sezession, die sich von der verkrusteten Ausstellungspraxis älterer Kollegen distanzierte und deren stellvertretender Vorsitzender Nägele war.

Wie die Kuratorin in ihren anschaulichen Bildanalysen im Katalog zeigt, lassen sich alle Details präzise definieren – die prominenten Sezessionsmitglieder, der Redner der Ausstellungseröffnung. Und doch wohnt auch diesen so präzise die Realität wiedergebenden Bildern ein Hauch Märchenhaftigkeit inne. Nägele ist ein Chronist, der das Treiben seiner Welt von erhöhter Perspektive aus betrachtet, aus der Vogelperspektive, und daher immer auch den Eindruck erweckt, ein wenig belustigt zu sein über das, was er da sieht, als betrachte Zeus die Welt unter sich und breche dabei zwar nicht in homerisches Gelächter aus, könne sich aber ein ironisches Lächeln nicht verkneifen.

Und Nägele ist nicht reiner Realist. Immer wieder finden sich Anspielungen auf ältere Kollegen wie einen Breughel oder sogar Hieronymus Bosch. Bei seinen Bildern über die politischen Parteikämpfe seiner Zeit bauen die Menschlein auf seinem Bild an einem Turm zu Babel, nur beschränken sie sich nicht auf einen Turm, hier baut jede Partei ihren eigenen, und die Welt gerät dabei buchstäblich aus den Fugen, als hätte ein Salvator Dalí die geraden Linien der Stuttgarter Welt ein wenig traumverloren zerlaufen lassen. Bei seiner Revolution der Musikinstrumente wirbeln die Noten durch die Luft und gleich mehrere Celli fangen zu dirigieren an.

So erweist sich Reinhold Nägele als Künstler sui generis, der in seiner Malerei durchaus die Strömungen seiner Zeit erkennen lässt, der aber seinen ganz eigenen Stil gefunden hat und der die Welt so darstellt, wie sie durchaus auch erscheinen kann, als Szenarium zwar liebenswerter, aber stets doch auch etwas skurriler Menschen und Erscheinungen, als Panoptikum, wozu er sich auch selbst bekannte, porträtierte er doch zum Entsetzen der Verwandtschaft auf der von ihm entworfenen Dankeskarte der „Neuvermählten“ seine Frau in recht durchsichtigem Kleid.

Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“, Kunstmuseum Stuttgart bis 3.6.2018, Katalog 96 Seiten, 19 Euro

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