Ein Plädoyer fürs Theater, welcher Spielart auch immer: Sebastian Hartmann inszeniert den Bühnenklassiker „Der Raub der Sabinerinnen“

Er gilt als Inbegriff des Schmierenkomödianten, der bedenkenlos Frauenrollen in Männerpartien umschreibt: Emanuel Striese, Direktor einer Wandertheatertruppe im „Raub der Sabinerinnen“ von Franz und Paul von Schönthan. Er ist aber auch ein alter Theaterfuchs, der weiß, das nicht durchfallen kann, was gestrichen ist. In Halle hat er es sogar zu Denkmalsehren gebracht, im Film hat ihn Gustav Knuth verkörpert. Gespielt wird das Stück meist auf der Boulevardbühne, in letzter Zeit nehmen sich aber auch die Staatstheater des Klassikers an wie jetzt das Schauspiel Stuttgart.

Der Raub der Sabinerinnen nach dem Schwank von Paul und Franz von Schönthan 18. November 2016 Regie Sebastian Hartmann Regie und Bühne: Sebastian  Hartmann Kostüme: Adriana  Braga Peretzki Licht: Lothar Baumgarte Dramaturgie: Jan Hein, Katrin Spira Auf dem Bild: Manuel Harder,  Peter René  Lüdicke Foto: Conny Mirbach Honorarfrei

Manuel Harder, Peter René Lüdicke. Foto: Conny Mirbach

Sebastian Hartmann hat sich vorgenommen, großes Theater zu zelebrieren. Ein roter Vorhang mit Fransenbesatz trennt die Bühne vom Zuschauerraum wie in alten Zeiten. Doch in diesem Fall wird der Vorhang die meiste Zeit über geschlossen bleiben, das Geschehen findet vor dem Vorhang an der Rampe statt. Das ist nur konsequent. Zwar geht es in diesem Stück um Theater – Gymnasialprofessor Gollwitz hat in seiner Jugend eine Antikentragödie um den Raub der Sabinerinnen geschrieben. Für ihn als ehrenwerter Bürger inzwischen eine Jugendsünde, doch als nun der Direktor der gastierenden Theatertruppe auf der Suche nach Stücken, die ihm Besucher bringen, das Stück des stadtbekannten angesehenen Bürgers auf die Bühne bringen will, ist dieser doch bereit, seine Kopfgeburt in die Welt zu entlassen, sofern der gute Ruf gewahrt bleibt und sein Name nicht genannt wird. Der gute Professor entpuppt sich als Ehrenmann mit zwei Seiten, der sich und der Welt eine Rolle vorspielt. Folgerichtig führt Hartmanns Regie Theater vor, nichts als Theater, denn auch die übrigen Personen spielen den anderen dauernd eine Rolle vor, geben sich als falsche Ichs aus. Das Theater also findet in der bürgerlichen Welt statt, nicht auf der Bühne; Gollwitz‘ Stück wird zwar geprobt, doch – außer in der Bearbeitung von Curt Goetz – nicht aufgeführt. Bei Hartmann öffnet sich erst am Ende der Vorhang, zu sehen ist eine fast leere Bühne, auf der nur drei antike Säulen stehen. Dort bewegen sicxh in waberndem Nebel in Zeitlupe alle Akteure in den Gewändern, die sie bei einer Aufführung von Gollwitz‘ Stück tragen würden. Das Theaterstück findet nicht statt, doch was sich vor dem Vorhang ereignet ist theatralischer als jede Bühnenszenerie.

Insofern ist es konsequent, dass Hartmann das alles vor dem Vorhang spielen lässt. Was sich da freilich abspielt, ist Theater pur. So lässt Hartmann die Figuren als Witzfiguren auf die Bühne treten mit all den Standardgesten, die man etwa von einem Willy Millowitsch kannte, Knallchargen, die wissen, wie Wirkung erzielt wird. Das verblüfft zu Beginn, macht jedoch bei genauerem Hinsehen stets Sinn. So hat Striese (Holger Stockhaus) bei Hartmann einen regelrechten Auftritt. Er ist sich bewusst, dass da Publikum im Raum ist, und agiert entsprechend, liefert einen einstudierten Auftritt ab. Das Dienstmädchen Rosa stiefelt auf Stöckelschuhen durch die Szene, als wäre sie eine Laiendarstellerin in einem – nun ja Schmierentheater. Das alles ist gekonnt auf die Bühne gebracht (eine gute Schauspielerin, in diesem Fall Manja Kuhl, muss Selbstverleugnung beweisen, will sie sich als übertrieben agierende Akteurin präsentieren). Mal lässt Hartmann seine Szene nach Art eines Udo Lindenberg-Songs darbieten, mal ein halbes Dutzend Mal wiederholen. Hartmann präsentiert auf dem Theater all das, was Theater ausmachen kann, er zeigt jede Möglichkeit eines Szenengags und entlarvt ihn zugleich als solchen. Da hat plötzlich Striese seinen sächsischen Dialekt verloren, den hat für ein paar Minuten Professor Gollwitz an der Backe.

Dies alles, wie gesagt, macht Sinn, befragt man die einzelnen Szenen auf ihre Funktion im Stück – und insofern ist Hartmanns Inszenierung erstaunlich textgetreu, auch wenn sie meilenweit von einem seriösen Theaterstück entfernt zu sein scheint.

Die Übertreibungen spielen alle Schauspieler virtuos, dass es eine Lust ist. Freilich ist eine zweieinhalbstündige Aneinanderreihung von Running Gags auch ermüdend. An einer Stelle sagt der Theaterroutinier Striese zu einem jungen Akteur, nachdem dieser zum zwanzigsten Mal seinen Gag wiederholt hat, man müsse auch wissen, wann ein Witz seine Wirkung getan habe. Das hätte sich Hartmann ebenfalls zu Herzen nehmen sollen. Auch bei ihm ist des Slapsticks letztlich zu viel.

Zweimal aber verzichtet Hartmann auf Gag und Übertreibung. Paula, die Tochter des Professors, gesteht ihre Liebe zum Theater, ganz leise, ganz bescheiden, verlegen sogar. Da versagt sich Hartmann jeden Witz, denn hier bekennt sich eine Figur zu der Welt, die er mit seiner Inszenierung feiern will: dem Theater. Und auch am Ende, wenn eigentlich Striese seine große Apologie des Schmierentheaters deklamieren sollte, bekennt sich Holger Stockhaus – jetzt nicht mehr in der Rolle des Striese, denn jetzt haben alle Akteure keinen Text mehr, so flehend sie auch zur Souffleuse hinabschauen – zum Schauspieler als Seele des Theaters.

So lässt sich für jede einzelne Szene in dieser Inszenierung ein Sinn im Text des Originals ausmachen, und doch ist ein ganzer Theaterabend aus Hunderten von Sitcom-, Comedy- und Schmierenkomödieneinfällen des Guten zu viel, nicht zuletzt, weil Hartmann viele Szenen zu lang ausspielen lässt wie auch die pantomimische Schlussszene. Weniger ist manchmal mehr, vermutlich hätte Striese das gesagt, denn er weiß ja nur zu gut: Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen.

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