Es muss nicht immer Origami sein. Plastiken aus Papier im 20. Jahrhundert

Asien war Europa in vielem weit voraus. Es war die Wiege des Schwarzpulvers, hier wurde Papier erstmals hergestellt, und hier entdeckte man auch, dass Papier nicht auf die Blattform beschränkt sein muss. Vor zweitausend Jahren kam man dort auf die Idee, Objekte aus Papier zu falten, und brachte sie rund tausend Jahre danach zur künstlerischen Blüte: Origami. Die Mauren setzten die Technik zu ornamentalen Zwecken ein, und die Deutschen im 19. Jahrhundert zu pädagogischen. Künstlerisch bedeutend wurde der dreidimensionale Umgang mit Papier in Europa erst im 20. Jahrhundert, danach war das Papier aus der Kunst allerdings nicht mehr wegzudenken, wie jetzt eine Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn zeigt: Skulpturen aus Papier.

Für die größte Arbeit ist ein ganzer Raum reserviert. Es ist zugleich die neueste Arbeit aus Papier, die schottische Bildhauerin Karla Black hat sie eigens für Heilbronn geschaffen – und bewegt sich damit wie so oft im Zwischenbereich zwischen Plastik und Malerei, Kunst und Leben, denn sie färbt ihre Papiere mit weiblichen Accessoires wie Puder, Lidschatten und Nagellack. Schwerelos scheinen die wolkenähnlichen Gebilde im Raum zu hängen – und damit verweist die Arbeit auf ein wesentliches Charakteristikum von Papier: Es ist federleicht, selbst riesige Gebilde können an dünnen Papierstreifen hängen – und es lässt sich in nahezu jede beliebige Form bringen.

So faszinierte vor fast hundert Jahren bereits Josef Albers, dass man mit einem winzigen Knick aus dem planen zweidimensionalen Papier ein dreidimensionales Objekt zaubern kann. Zudem hatte man ein für Skulpturen unübliches Material aufgewertet. Papier ist überall zu haben, stammt aus dem Alltag und ist vielseitig einsetzbar.

Die Alltagstauglichkeit war es vor allem, die die Künstler in der Folge reizte. Kurt Schwitters wollte Kunst und Alltag zur Synthese bringen, und so schuf er Collagen aus Papierschnipseln, die ihm zufällig in die Hände fielen: Fetzen aus Zeitschriften, Theaterkarten, Reklamezettel. Die banale Alltagswelt war kunstfähig geworden, mit Papier drang das Wertlose in die Welt der Kunst ein.

Gebrauchtes Papier ist nicht mehr rein, es hat Geschichte es trägt die Wirklichkeit in sich. Der Franzose Arman sammelte diesen Alltag mit seiner Wirklichkeitsgeschichte in Plexiglasbehältern. Andere fanden die Realität auf der Straße in Form von halb abgerissenen Plakatwänden, die sie nochmals dekonstruierten und so in mehreren Schichten zu fantastischen Bildlandschaften entwickelten. Aus de Banalität der Straße wurde ein Fantasieland der Kunst.

Papier ist also mehr als nur ein Stoff, aus dem Zeichnungen sind, es ist Bedeutungsträger und wurde eingesetzt zur Schaffung neuer Bedeutungen. Und weil vom Papier die Pappe nicht weit entfernt ist, schufen Künstler alsbald ganz neuartige „Skulpturen“, Plastiken, die eher an Architekturen erinnern denn an von Menschenhand geschaffene plastische Gebilde. Ein Pappkarton ist letztlich eine Urform der Behausung. Erwin Heerich nutzte dabei vor allem geometrisch simple Formen wie Quader, Zylinder, Kugel.

 

Charlotte Posenenske geht einen Schritt weiter. Sie baut aus Pappe Fantasiegebilde von mehreren Metern Länge. Mit einer Hand kann man die Gebilde mühelos beiseite schieben – ein herrliches Spiel mit der Monumentalität architektonischer Gebilde, die ja nicht selten Ausdruck von Macht und Herrschaft sind. Dass derartige Symbole aus schlichtem Papiermaterial bestehen, macht die Ironie umso größer.

Das dreidimensionale Potential von Papier scheint unerschöpflich. Franz Erhard Walther entwickelte seine Papierskulpturen schrittweise. Erst klebte er Papier zusammen und baute zwischen die Lagen Leimschichten ein. Dann blies er zwischen die Lagen Luft und schuf Luftkissen der besonderen Art.

All das ist den traditionellen Materialien der plastischen Kunst wie Holz, Stein oder Bronze nur bedingt möglich. Eine Eigenschaft aber geht diesen Materialien gänzlich ab. Papier kann transparent sein. Isamu Noguchi baut lampionähnliche Gebilde, die bei Tageslicht betrachtet wie herkömmliche Skulpturen wirken, im Dunkeln von innen her beleuchtet aber jeden Gedanken an Materialität verdrängen. Mit Papier kann die Plastik immateriell werden – oder scheinbar schwerelos wie bei Karla Black.

Skulpturen aus Papier. Von Kurt Schwitters bis Karla Black“, Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn bis 2.7.2017. Katalog 30 Euro

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