Gralsritter ohne Gral. Árpád Schilling inszeniert Lohengrin an der Oper Stuttgart

Als der fast schon legendäre Wagnertenor Leo Slezak den Lohengrin sang, soll er dem Schwan, der soeben seinen Nachen nach Brabant gezogen hatte, nachgerufen haben: „Wann kommt der nächste Schwan?“ War das noch ungebrochenes Vertrauen in die von Wagner szenisch manchmal aberwitzig märchenhaft vorgeschriebene Bühnenwelt, in der der Schwan ebenso selbstverständlich auf der Bühne erscheint wie Lohengrin als Leuchtgestalt vom fernen Gral? Oder deutete sich hier bereits eine leise Distanzierung von dieser Vorstellungswelt an? Heute jedenfalls gibt diese Oper den Regisseuren einiges zu bewältigen. Für den Ungarn Árpád Schilling, der Lohengrin jetzt für die Oper Stuttgart inszeniert hat, war der Vogel nicht das einzige, was er einer strengen Überprüfung unterziehen musste.

Michael König (Lohengrin), Simone Schneider (Elsa), Staatsopernchor. Foto: Matthias Baus

Dabei ist er durchaus da, der Schwan, wenn er auch nicht ein Boot mit dem Titelhelden hinter sich herzieht. An Zauber glaubt dieser Regisseur nicht, schließlich leben wir im 21. Jahrhundert. Und so zieht Lohengrin ein Stofftier aus seiner Weste und überreicht es Elsa, deren Unschuld er bei einem Gottesgericht beweisen soll, als Mitbringsel – ein Gag oder eine Geste mit Bedeutung? Schilling beweist mit diesem so beiläufig wirkenden Einfall, wo seine Regiestärken liegen: In der subtilen Figurenführung, die die ganze Bühne einbezieht, in diesem Fall nicht nur den eintreffenden Helden, sondern auch Elsa und Ortrud, die einst ja Elsas Bruder in einen Schwan verwandelt hatte, dessen Verschwinden jetzt Ortruds Ehemann Telramund Elsa zur Last gelegt hat – auf Wunsch seiner Frau, die ihm die Macht im Lande verschaffen will. Ortrud erschrickt zu Tode, als sie den Stoffschwan sieht. Ahnt dem Fremden etwas von ihrer Tat? Und auch Elsa scheint von einer Ahnung beschlichen zu sein. Mit der Hand macht sie eine Geste, mit der man die Größe eines Kindes angibt, als wollte sie fragen, war mein Bruder so groß, als er damals auf geheimnisvolle Weise verschwand.

Okka von Damerau (Ortrud), Martin Gantner. Foto: Matthias Baus

Solche feinen szenischen Nuancen prägen Schillings Figurenführung. Wenn Ortrud ihren Mann zu weiteren Schritten auf dem Weg zur Herzogskrone und Macht anstiftet, dann wird von vornherein deutlich, wer hier die eigentlich treibende Kraft ist. Telramund – in mausgrauem Anzug und Hornbrille mehr ein beamteter Bürokrat denn ein richtiger Herrscher – ist seiner Frau auch szenisch unterlegen.

Jede Geste, jede Bewegung in solchen Momenten ist mit Bedeutung aufgeladen. Wenn zum zweiten Mal ein Held gerufen wird, um Elsas Ehre zu verteidigen, kommt eben nicht der strahlende Gralsritter, vielmehr torkelt aus der Menge der Männer von Brabant ein Mitbürger hervor, fast von der Menge gestoßen, in die Rolle gedrängt, die er zunächst gar nicht will. Der „Heilsbringer“, der Führer, nach dem es dieses Volk so dringend verlangt, kommt aus den eigenen Reihen. Und der „Retter“ braucht gegen Telramund auch keinen richtigen Zweikampf zu führen. Die Menge schart sich schon von Anfang an hinter ihn, Telramund steht allein da, ohne Hausmacht.

Wenn in der Brautgemachszene Elsa schließlich demonstrativ nachweist, dass sie ein Recht hat, den Namen ihres Gatten zu erfahren, auch wenn sie zu Beginn versprochen hatte, nie danach zu fragen, sitzt wieder der Mann fast unterwürfig auf dem Bett, derweil die Frau herrisch über ihm steht.

Die Sänger realisieren diese Rollenkonzepte stimmlich faszinierend. Okka von der Damerau gibt stimmlich überragend eine alles dominierende Ortrud, ist aber auch in der Lage, sich im Timbre ganz der sanften Elsa anzupassen, wenn sie sich bei ihr einschmeicheln will. Martin Gantner gestaltet mit seinem hellen Bariton perfekt einen Mann, der von seiner Frau getrieben wird, der ohne eigenen inneren Antrieb ist, und dann doch sich – und anderen – beweisen will, dass er zu allem fähig ist, eine stimmlich und darstellerisch großartige Gratwanderung.

Simone Schneider zeichnet ein ähnlich subtiles, von vielen Facetten geprägtes Rollenbild. Ihre Elsa ist anfangs leise, mädchenhaft, mit glockenreiner Stimme singt sie ihre Traumerzählung von dem fremden Ritter, kann jedoch, wenn sie schließlich das aus ihrer Sicht ihr zustehende Recht einfordert, auch hochdramatisch werden. Differenzierter kann man diese Rolle kaum mehr anlegen und realisieren. Michael Königs Lohengrin ist stimmlich eher lyrisch angelegt, so wie es seine Rolle in dieser Inszenierung auch verlangt. Er ist eigentlich ein Mann wie jeder andere, wird erst in seine Rolle gedrängt, in der er dann zu heldischer – das heißt stimmlich metallisch glänzender – Höhe findet.

Beim Chor entfaltet Schilling diese differenzierte Figurenführung nicht, doch auch das lässt sich aus seinem Konzept heraus erklären. Das Volk besteht nicht aus Individuen, sondern ist Masse, als solche verunsichert, schließlich steht Krieg gegen Ungarn an, doch diese Verunsicherung, in der man am liebsten nach dem erstbesten sich bietenden Führer greift wie nach einem rettenden Strohhalm, lässt sich auch in unserer gesellschaftlichen Realität erkennen: Schillings Inszenierung ist hochaktuell, ohne vordergründig politisch zu sein.

Und Cornelius Meisters Dirigat lotet diese Oper in jeder ihrer Gefühlsschwingungen aus. Jede Nebenstimme ist erkennbar, deutlich akzentuiert das stets sich wiederholende, doch immer auch abgewandelte Leitmotiv des Frageverbots, aber genau in die orchestralen Zusammenhänge eingebettet – Meister lässt den Opernbesucher praktisch mit seinen Ohren in den Notenlinien der Partitur mitlesen.

Ähnlich überragend der Chor, der auch hier beweist, dass er zu Recht zum inzwischen elften Mal zum Opernchor des Jahres gekürt wurde. Er hat in dieser Oper ja sogar die heimliche Hauptrolle inne, insofern ist Schillings Regiekonzept von der Masse, die sich ihre Führer sucht, um der Aufgabe zu eigener aktiver Anstrengung entledigt zu sein, ganz aus Wagners Partitur heraus entwickelt. Am Chor zeigt Schilling auch, was für eine Funktion der Titelheld und seine Elsa haben. Sie sind weniger um ihrer selbst wichtig, als vielmehr in ihrer Funktion für das Volk. Kaum hat es sich diesen Lohengrin als Führer gewählt, ist es freier, gelöster, auch hierin folgt Schilling der Partitur. Und Elsa, die ja nicht nur die duldsame Frau ist, sondern durchaus ihr eigenes Recht einzufordern weiß, aktiviert die Frauen dieser Gesellschaft zu neuem Bewusstsein. Sie ziehen den Männern die mausgrauen Anzüge aus, unter denen dann individuelle legere Freizeitkleidung zum Vorschein kommt.

Simone Schneider (Elsa), Goran Jurić (Heinrich der Vogeler), Okka von Damerau (Ortrud), Staatsopernchor. Foto: Matthias Baus

Konsequent ist dann auch, dass dieses Volk sich drohend gegen Elsa wendet, denn sie ist letztlich daran schuld, dass der Heilsbringer Brabant wieder verlässt. Für den Schluss erlaubt die Entzauberung, der Schilling das Lohengrinmotiv unterzogen hat, eine faszinierende politische Wendung. War Lohengrin anfangs aus der Menge hervorgetreten, zieht er sich jetzt wieder in sie zurück; Schillings Inszenierung ist in sich logisch schlüssig. Wenn er ruft: „Seht da den Herzog von Brabant“ müsste der vom Schwanenzauber erlöste Bruder Elsas auftreten, doch den gibt es hier nicht. Statt dessen ergreift Ortrud ihre letzte große Chance. Sie packt sich den erstbesten Bürger aus der Menge und zieht ihn auf das Podest. So macht man politische Führer, wenn man selbst die Führung nicht übernehmen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.