Kunst des Sowohl-Als auch: Constanze Vogt

Eine Zeichnung ist Flächenkunst, sie erstreckt sich über zwei Dimensionen. Eine Skulptur ist dreidimensional, greift in den Raum ein oder umfasst – etwa als Bronze – Raum. Beide Kunstformen finden sich auch im Werk der 1984 geborenen Constanze Vogt, und doch wird man vor ihren Arbeiten als Betrachter unsicher, ob das unverrückbare Gesetzmäßigkeiten sein müssen. In diesem Jahr ist sie die 17. Stipendiatin der HAP-Grieshaber-Stiftung und präsentiert vier große Werkgruppen im Reutlinger Kunstmuseum / Galerie.

o.T. (spira) © VG Bild-Kunst Bonn, 2020. Foto U. Schäfer-Zerbst

Man meint, Constanze Vogt habe bei Gebilden auf weißem Papier duftig-luftige Tüllgebilde auf einen Untergrund gelegt. Doch bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass es sich um Zeichnungen handelt, sogar sehr systematischen. Sieht man sich nur Teile dieser Zeichnungen an, dann meint man, sie bestünden aus lauter engen Parallelen, doch lässt man den Blick über die Zeichnungen wandern, merkt man, dass diese „Parallelen“ mäandern, zu schwingen beginnen, in Bewegung versetzt zu sein scheinen. Und geht man nur ein paar Schritte von der Wand weg, scheinen sich diese Liniengeflechte von der Fläche vorzuwölben wie kleine Teile von Damenspitzenunterwäsche.

Genau das Gegenteil erlebt man bei großen von der Decke hängenden runden Gebilden. Es sind eindeutig Skulpturen, allerdings ähnlich luftig wie die Zeichnungen. Constanze Vogt hat Holzreifen in schwarze Baumwollfäden gespannt. Jeder Luftzug im Raum lässt diese Gebilde erzittern und hin und her schweben.

reifen © VG Bild-Kunst Bonn, 2020. Foto U. Schäfer-Zerbst

Doch aus der Entfernung ist jeder räumliche Aspekt verschwunden, die Plastiken, denn um solche handelt es sich ja, sehen aus wie zarte exakte lineare Zeichnungen an der Wand. Die Wand wäre dann das Analogon zum Papier einer herkömmlichen Zeichnung. So verändern Constanze Vogts Arbeiten auch den Raum, in dem sie präsentiert sind.

Bei dieser Künstlerin muss man immer wieder umdenken, muss man als gesichert geglaubte Vorstellungen revidieren. Man könnte ihre Kunst als ein „Sowohl – als auch“ oder ein „Einerseits ja, andererseits aber auch wieder nein“ definieren. Ihre Arbeiten scheinen auf den ersten Blick eindeutig etwas ganz Bestimmtes zu sein – eine Zeichnung oder eine Skulptur, und entpuppen sich dann doch als etwas ganz anderes. Das gilt auch für ihre Arbeiten aus Pauspapier. Die kleinen Kohlepapiere näht sie zu großen Flächen zusammen und schafft dann durch raffinierte Faltungen Gebilde, die wie schwarze Skulpturen aussehen, und zwar wie ziemlich schwere. Die schwarze Außenhaut lässt an Metallskulpturen denken, aber es sind hauchdünne Kohlepapierhäute.

pausen © VG Bild-Kunst Bonn, 2020. Foto U. Schäfer-Zerbst

Sie erwecken einerseits den Eindruck, sehr schwer zu sein, sind aber federleicht, was man daran merkt, dass sie auf die Luftbewegung, die der Besucher durch sein Umhergehen erzeugt, reagieren und zu vibrieren, ja sich zu bewegen beginnen.

Es geht aber in ihren Arbeiten nicht nur um ein Spiel mit der Räumlichkeit oder der Fläche, nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den Kunstgattungen – Zeichnung, Skulptur. Es geht um grundsätzliche Welterfahrungen. So transformiert sie ihre Materialien bis zur Unkenntlichkeit, ja im Fall von ihren weißen wie Bodenplastiken wirkenden Gebilden verwandelt sie das Ausgangsmaterial in etwas ganz anderes. Das Grundmaterial ist handelsübliches weißes Fotopapier. Das traktiert sie mit der Nähmaschine so lange, bis die Außenteile wirken wie weißer Wollstoff, nur die Mitte bleibt glänzendes Fotopapier.

So führt die Auseinandersetzung mit den Werkgruppen dieser Künstlerin zu ständigen Irritationen, und die beschränken sich nicht auf die Frage nach Fläche oder Raum, sie betreffen auch die Materialien. Bei den schwarzen Objekten hätte sie ja einfach schwarzes Papier nehmen können, Constanze Vogt aber entschied sich für Kohlepapier. Ein Grund mag sein, dass die eine Seite dieser Papiere matt ist, die andere glänzend, aber die Entscheidung für diese Papiere erhält durch ihre Bearbeitung auch noch eine symbolische Dimension. Kohlepapier dient dazu, von einem Original – einem getippten Text – eine Kopie herzustellen. Bei Constanze Vogt geschieht das Gegenteil. Sie stellt mithilfe dieses Kopiermaterials Werke her, die es vorher nicht gegeben hat, also Originale.

Ein ähnlich symbolisches Spiel mit dem Material stellt sich bei den weißen Arbeiten aus Fotopapier ein. Fotopapier dient dazu, ein Abbild von der Welt zu fixieren, ein Foto eben. Bei Constanze Vogt aber bleibt das weiße Fotopapier unbelichtet, leer, hier entstehen keine Bilder, das Papier, das normalerweise einem Zweck dient, ist hier Selbstzweck. Was wir im Alltag ohne Nachdenken einsetzen, wird hier seiner üblichen Funktionalität beraubt. Ähnlich subversiv ist ihr technisches Vorgehen mit der Nähmaschine: Nähen verbindet Stoffe oder bildet Zusammenhänge. Constanze Vogt aber reißt bei ihrem Nähen die Papiere bewusst auf und näht dann die so entstandenen Löcher wieder zu – Destruktion und Reparatur in einem.

Man kommt angesichts dieser Arbeiten unversehens vom Hundertsten ins Tausendste. Da ist zum Beispiel der Faktor Zeit. Tage, ja Wochen näht Constanze Vogt an einer Fotopapierarbeit. Das fertige Werk ist somit auch eine Art geronnener Performance. Hier geht es nicht mehr nur um die Herstellung eines Kunstwerks, der Prozess des Herstellens ist ebenso wichtig.

Auch die Titel tragen zur Mehrdeutigkeit ihrer Arbeiten bei. „pausen“ heißen die Arbeiten aus Kohlepapier, aber kleingeschrieben bedeutet das Wort den Vorgang des Durchschreibens mit der Schreibmaschine, nicht die hier erfolgte Arbeit. „nähte“ heißen die weißen Fotopapierarbeiten, doch die titelgebenden Nähte sind kaum zu sehen, sind nur Mittel zum Zweck der Materialtransformation. Und auch „reifen“ hat kleingeschrieben nichts mit den Holzreifen zu tun, die diesen Fadenarbeiten Halt und Stand geben.

Und schließlich gibt es bei fast allen ihren Arbeiten einen Faktor, den man gerne übersieht: Das ist das Dazwischen. Ihre aus Holzreifen und schwarzen Fäden hergestellten Raumobjekte bestehen zum größten Teil aus dem, was zwischen den Fäden ist, nämlich Luft. Auch ihre schwarzen Gebilde aus Kohlepapier bestehen letztlich aus viel Luft. Während sie ihre Ausgangsmaterialien entmaterialisiert, sie ihrer Alltagsfunktion beraubt, materialisiert sie zugleich etwas, das für unser Auge stofflos ist – die Luft, die durch ihre Arbeiten Form bekommt, die sie eigentlich nicht hat.

pausen. Constanze Vogt. 17. Stipendiatin der HAP-Grieshaber-Stiftung“, Kunstmuseum Reutlingen / Galerie bis 6.9.2020

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