Kunst erleuchtet: Mit der Sammlung des Kunstmuseums Reutlingen „ins Licht“

Der Sammlungsschwerpunkt des Kunstmuseums Reutlingen ist die Druckgraphik, vor allem der Holzschnitt, schließlich hat die Stadt von dem bedeutenden Holzschneider HAP Grieshaber einen repräsentativen Querschnitt durch sein Schaffen erworben. Aber es findet sich auch Malerei in der Sammlung. Ina Dinter, die neue Leiterin des Museums, hat jetzt eine Auswahl aus dem Archiv in einer Ausstellung versammelt, sie gewissermaßen „ins Licht“ geholt, so der Titel, der aber nicht nur die museumsarchivalische Aktion beschreiben soll, sondern auch thematische Leitlinie für die Auswahl war.

Wilhelm Laage, Septemberabend (1924) Foto: Kunstmuseum Reutlingen

Besser als mit dem Septemberabend von Wilhelm Laage hätte man eine Ausstellung mit dem Stichwort Licht im Titel kaum beginnen können. Laage, der in der Reutlinger Museumssammlung vor allem mit Druckgraphik vertreten ist, war ein Meister des Hell-Dunkel. Auf seinem Gemälde gelingt ihm ein gleißender Mond, der weit über die bloße Naturabbildung hinausgeht und fast schon etwas symbolisch Übernatürliches an sich hat.

Ähnlich gleißend, wenn auch völlig abstrakt, ist ein Gemälde von Vera Leutloff. Sie verschränkte abstrakte längliche Gebilde, die man als Stangen deuten kann, zu einem faszinierenden Labyrinth, in das sich überall helles Licht ergießt.

Und fast surreal wird das Licht bei Dieter Mammel. Er macht mit einem Bild deutlich, wie wichtig Licht für unsere Wahrnehmung ist. Auf seinem Bild einer Kerze tut sich lediglich in der Flamme der Kerze ein Bild auf, ein Bauernhof, der unsichtbar, weil von der diffusen gräulich grünen Bildoberfläche verdeckt, geblieben wäre, hätte nicht die Kerzenflamme ihn ins Licht gehoben.

Dreimal Licht und dreimal höchst unterschiedliche Deutungen, und darum geht es in weiten Teilen dieser Ausstellung. Zwar begegnet man immer wieder dem Aspekt Helligkeit, der einem bei diesem Begriff als erstes einfällt. So heißt ein Bild von Paul Wilhelm Keller-Reutlingen zwar Waldlichtung mit Schafherde, doch ins Auge fällt vor allem ein gleißend helles Licht, das durch die Baumstämme dringt. Auf einem anderen Bild von Dieter Mammel hat ein Kind eine Tür geöffnet; aus dem Raum dahinter dringt grelles gelbes l.icht – ein Raum des Geheimnisses, vielleicht ein Angst einflößender Raum, der das Kind vielleicht lehrt, dass man eben nicht jede Tür öffnen sollte.

Zum Licht gehört auch der Himmel, an dem Wolken Licht betonen, indem sie es verbergen.

Licht findet sich aber auch in übertragenem Sinn – zum Beispiel als Licht der Erkenntnis. Da knüpft die Ausstellung am Baum der Erkenntnis aus der Genesis an und verzichtet, Erkenntnis auf welche Weise auch immer im Bild zu entdecken. Hier findet sich die Gefahr des Erkenntnisdrangs.

Eckart Hahn, Baum und Schlange (2016) © the artist, Foto: Eckart Hahn

Eckart Hahn hat stilisiert einen Baum und eine Schlange auf einem Bild zusammengebracht, wer dächte da nicht an die erste Frau in der Bibel, und folglich findet sich neben der direkten Anspielung auf das Geschehen im Garten Eden das Bildnis einer mondänen Frau; wer dächte, von Hahns Bild kommend, da nicht an den Satz „Und ewig lockt das Weib“ – die Ausstellung regt zum Assoziieren an. Dazu dienen die zahlreichen Zitate aus Literatur und Philosophie. Über der Nische zum Thema Erkenntnis findet sich der Satz „Wer die Schlange sieht, der sieht das Paradies nicht mehr“ von Friedrich Hebbel, und mit diesem Satz wird die Auswahl der drei erwähnten Bilder sinnfällig.

Erkenntnis findet sich aber auch rein ästhetisch, die Franzosen würden sie möglicherweise mit dem Begriff „clarté“ benennen: Konkret-abstrakte Kunst, bei der die reinen Formen, die rechten Winkel das Auge zu Sehabenteuern verführen wie bei Paul Uwe Dreyer, auf dessen Bild Linien und Flächen einen immer wieder in die Irre führen bei der Frage nach dem Innen und Außen. Daneben reinstes Licht der Erkenntnis mit einem Strahlenwirbel von Vera Leutloff.

Vera Leutloff, Circular Oszillation: Dion, 2020 Foto: U. Schäfer-Zerbst

Natürlich fehlt auch ein Bild zum wohl berühmtesten Satz zum Thema Licht nicht: „Es werde Licht“ wird Gott in der Bibel zitiert, und bei Winand Victor streift eine Art Komet die düstere Erdoberfläche und entzündet ein Licht und damit erstes Leben.

Allerdings sind nicht alle Zitate erhellend zum Thema Licht, in manchen von ihnen kommt zwar das Wort vor, es geht aber um andere Themen, Kinder zum Beispiel, und so sehen wir in der entsprechenden Abteilung ein Kind auf Stelzen. In einem anderen Zitat geht es gewissermaßen um das Thema „Kleider machen Leute“, und also finden sich einige Figurenporträts. Mit dem Licht haben solche Exponate nichts zu tun, hier hätte man stringenter auswählen sollen. Doch insgesamt ist ein künstlerischer Parcours mit literarischen Assoziationen entstanden, für eine reine Sammlungspräsentation ungewöhnlich vielschichtig.

Ins Licht. Highlights der Gemäldesammlung“, Kunstmuseum Reutlingen/Spendhaus bis 27.2.2022

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