Kunst im Auge des Betachter. Das Panoptikum von Jürgen von Ulardt und Dieter Rautenberg

Spätestens seit Marcel Duchamp kann streng genommen alles zur Kunst erklärt werden. Als der Franzose 1917 in den USA ein handelsübliches Pissoir für eine Ausstellung einreichte, wurde er zwar abgelehnt, stieg aber zum Medienereignis auf – und schrieb Kunstgeschichte. Was fängt in einem solchen Kunstjahrhundert ein Museumsbesucher an, wenn er an der Wand eines Musentempels einen Feuerlöscher erblickt? Er geht andächtig davor in die Hocke und stellt Fragen – so jedenfalls in einer Collage des Psychologen Jürgen von Ulardt und des Pädagogen Dieter Rautenberg. Beide befragen seit Jahren die Kunstgeschichte quer durch die Jahrhunderte nach einem tieferen Sinn – oder auch Unsinn.

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Angefangen hatte alles mit der „Schlummernden Venus“ von Giorgione, jenem Gemälde aus den Jahren 1508 bis 1510, auf dem sich vor einer malerischen italienischen Landschaft eine nackte Schöne liegend darbietet, wobei sie mit der linken Hand ihren nackten Schoß leicht bedeckt – schamhaft oder lasziv, wer will das schon sagen?. _DSC0558_col_18x13_300 (900x650)Der Pädagoge und Zeichner Dieter Rautenberg fügte der Schönen noch eine interessanten Reiz hinzu – in Form einer dritten Brust, zeigte die Neukreation seinem Freund Jürgen von Ulardt – und die Kooperation der beiden Hobbykünstler war geboren. Ulardt ergänzte das Rautenbergsche „Plagiat“ durch eine kleine Figur, einen Betrachter, denn was wäre Kunst ohne Betrachter.

Bild und Figur, bilden eine Einheit seither in beider Schaffen, denn so wie Ulardts Betrachterfigur fasziniert, wenngleich ungläubig mit den Fingern die Zahl der Brüste von Giorgiones Venus nachzählt, so reagieren alle diese Bildbetrachter sehr engagiert auf die Merkwürdigkeiten der großen Kunst. Zugegeben: die kultiviertesten Kunstfreunde stehen da nicht vor der hehren Kunst; sie erinnern eher an wohlgenährte Mafiosi. Angesichts des Selbstbildnisses von van Gogh, der sich mit abgeschnittenem Ohr vor einem Nachthimmel porträtiert hat, fasst sich Ulardts Betrachter unwillkürlich mit schmerzverzerrtem Gesicht an sein eigenes Ohr. Gottseidank! Es ist noch da.

Museumsbesucher identifizieren sich schließlich mit den Objekten ihrer Kunstbegierde. Wer versetzte sich nicht gerne in die einsamen Wanderer auf den Gemälden eines Caspar David Friedrich_DSC0526_col_18x13_300 (900x650), etwa den, der allein auf einem Berggipfel die ferne Alpenlandschaft betrachtet, die rechte Hand sorgsam auf einen Spazierstock gestützt. Bei Rautenberg ist der Gipfelstürmer einer Reklamefigur von heute gewichen – dafür hat von Ulardt seinen Bildbetrachter ins 19. Jahrhundert versetzt.

Manchmal geht mit Museumsbesuchern offenbar auch die Fantasie durch. Wer zum Beispiel küsst auf Gustav Klimts berühmtem Bild vom „Goldenen Kuss“ die in kostbares, golddurchwirktes Fell gehüllte Dame? Gesichter, gar küssende Münder sucht man auf dem Original vergebens. Rautenberg hat Abhilfe geschaffen! Bei ihm verschafft der Herr freilich ein zweifelhaftes Vergnügen, es ist ein Vampir – und also leckt sich auch der Betrachter vor dem Bild die bluttropfenden Lippen, aus denen ein aus Gruselfilmen sattsam bekannter Zahn hervorlugt.

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Gelegentlich sorgen die beiden Museumsfreunde auch für Begegnungen der besonderen Art. So hat René Magritte auf einem seiner skurril anmutenden Bilder einem Mann statt einer Nase einen grünen Apfel verpasst; also lässt Jürgen von Ulardt seinen Betrachter vor diesem Bild herzhaft in einen solchen beißen – und weil dem Kunstkenner Rautenberg beim Apfel immer Adam und Eva einfallen, vereinte er Magrittes Apfelnasenmann mit dem ersten Menschenpaar von Lukas Cranach.

Auch die Gegenwart, die ach so teure auf dem Markt der Kunstmessen (und Eitelkeiten), birgt ihre Überraschungen. Mag Gerhard Richter, der teuerste von allen, auch noch so realistisch eine Kerze porträtiert haben – er kann den Modernisierungstendenzen seines (auch nicht gerade billigen) Kollegen Georg Baselitz nicht entkommen, und so brennt Richters Kerze also – nach unten, und der Museumsbesucher fühlt sich zum Kopfstand bemüßigt.

Möglicherweise steckt ja hinter all dem nicht nur Scherz, Satire oder Ironie, sondern sogar tiefernstes Kunstanliegen, schließlich war Dieter Rautenberg jahrzehntelang als Lehrer tätig.

Die Mafiosi im Museum“, Rathausgalerie, Färberstraße 2, 72336 Balingen, bis 24.4.2016

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