Planung oder Intuition: Der Zufall in der bildenden Kunst

Gott würfele nicht, hat Albert Einstein noch 1942 formuliert – und er wusste auch, gegen wen er diese Formulierung wählte: Die Quantenmechanik (möglicherweise personell vertreten durch Werner Heisenberg), sie nämlich hatte offenbar endgültig Schluss gemacht mit einem deterministischen Weltbild. Doch spätestens seit der Quantenphysik ist der Zufall auch naturwissenschaftlich aus der Welt nicht mehr wegzudenken, und letztlich ist ja auch das evolutionäre Weltbild eines Charles Darwin ohne Zufall nicht vorstellbar. Und die Kunst zumal im 20. Jahrhundert macht da keine Ausnahme, wie nun das Kunstmuseum Stuttgart zeigt.

1964 befestigte Niki de St. Phalle auf einer Leinwand Farbbeutel, griff zum Gewehr und schoss auf die Beutel. Die Beutel platzten auf, die Farbe lief über die Leinwand – zufälliger geht es kaum mehr, es sei denn, man berücksichtige die Zielsicherheit der Künstlerin als Planung. Noch zufälliger kamen wohl die Werke zustande, mit denen die Ausstellung chronologisch beginnt: Victor Hugo, eigentlich Schriftsteller und Politiker, schuf mit Kaffee auf Papier „Klecksographien“, zufällig sich ergebende Farbverläufe. Es war vielleicht ein Ergebnis von Langeweile, denn er hatte sich 1853 wegen politischer Konflikte mit Napoleon ins Exil auf die Kanalinseln zurückziehen müssen, vielleicht versuchte er auch hier die Freiheit spielerisch auszuleben, die ihm das Exil verweigerte.

Sechzig Jahre danach entdeckte Hans Arp in Zürich den Zufall für die Kunst – ebenfalls in einer Krisensituation; der 1. Weltkrieg war bereits zwei Jahre im Gang. Vielleicht auch aus einer persönlichen Krisensituation heraus: Eine Zeichnung war ihm gründlich missglückt, er zerriss sie wütend in kleine Fetzen, sie fielen zu Boden, und Arp entdeckte dort ein ideales Kunstwerk, eine Zufallscollage. Er fixierte sie auf einem Blatt Papier – und fortan diktierte dieses „Gesetz des Zufalls“ seine Arbeit.

Noch spielerischer und frei von jeglicher Krise ging 1990 Guillaume Bijl vor: Er erwarb für eine Stuttgarter Galerie, was sich in der Umgebung der Galerie in Souvenirgeschäften und Flohmärkten an Erinnerungsstücken der kitschigen Art finden ließ: Bierkrüge, Figuren, Porzellanteller – und schuf daraus ein zufälliges Stuttgartporträt. Doch schon diese Arbeit zeigt, dass sich der Mensch mit dem Zufall offenbar schwer tut. Absolute Regellosigkeit verträgt sich schlecht mit dem Hang des menschlichen Denkens, Regeln und Formen zu entdecken. Und so sortierte Bijl seine Zufallsobjekte in einem Regal: Krug zu Krug, Teller zu Teller.

Ein solches Ordnungsstreben findet sich in der Ausstellung allenthalben. So griff Peter Lacroix für einige seiner Bilder zum Würfel,dem Inbegriff des Zufalls. Damit erwürfelte er sich die Farben für seine geometrischen Bilder. Doch ehe er zum Würfel griff, ging er systematisch vor. Er ordnete jeder Zahl auf dem Würfel eine Farbe zu. Was dann folgte, war Zufallsauswahl, doch innerhalb der zuvor festgelegten sehr engen Regeln: Zufall in der Hand der Künstler ist gelenkt, zumindest in Teilen.

Gerhard von Graevenitz, von Haus aus Wirtschaftswissenschaftler, war mit Statistiken bestens vertraut. Seine aus punktförmigen Erhöhungen und Vertiefungen bestehenden Reliefbilder heißen denn auch „Progression“ oder „Reihe“ und lassen zumindest vermuten, dass hinter scheinbarem Zufall auch System steckt.

Die Künstlergruppe Troika bauten ihre schwarzweißen abstrakten Bilder aus lauter kleinen Würfeln zusammen. Der Inbegriff des Zufälligen wurde zum Baustein der Kunst, einer Kunst, die erstaunlich regelmäßig anmutet, und das, obwohl die Würfelchen mit Hilfe einer Vorform des Computers kombiniert wurden, zufällig, oder doch nur scheinbar? Selbst ein K. O. Götz, der in die Geschichte der Kunst mit informellen – also dem Zufall des Augenblicks abgelauschten – Bildern eingegangen ist, hatte offenbar gelegentlich Angst vor allzu großer Freiheit und schuf 1961 Rasterbilder, mit denen er auf die aus Pixeln bestehenden Bilder der damaligen Fernsehapparate reagierte. Erst rechnen, dann würfeln, lautet gewissermaßen das Motto.

Es gibt aber immer wieder auch den uneingeschränkten Zufall, auch wenn sich der eine oder andere Künstler eines Tricks bedient. Um nicht im Chaos der Zufälligkeiten versinken zu müssen, delegieren sie die Zufallskomponente an andere. Dieter Hacker baute 1964 einen schwarzen quadratischen Tisch, dessen Oberfläche aus lauter kleinen quadratischen Fächern bestand. Darein legte er weiße Pfefferminzschokolinsen – zur freien Verfügung der Ausstellungsbesucher. Sie können sich ein oder mehrere Plätzchen nehmen, verspeisen – und haben per Zufall an einer sich ständig verändernden Struktur mitgearbeitet – per Zufall deswegen, weil sie die Weiterarbeit an diesem Kunstwerk an die nach ihnen Folgenden abgeben. Man könnte es den „delegierten Zufall“ nennen. Ähnlich delegiert hat Konrad Balder Schäuffelen – allerdings wieder einmal innerhalb fester Regeln wie Peter Lacroix. Er hat auf kleine blaue Zettel Sätze aus der Weltliteratur geschrieben, zusammengerollt, und die Röllchen in eine Schachtel gesteckt. Mit einer Pinzette darf sich jeder, der will, Zettelchen auswählen und sein eigenes literarisches Kunstwerk schaffen – einen „Lotterieroman“. Das war 1964 – die 60er Jahre waren offenbar guter Humus für die Blüten, die der Zufall treiben kann.

Die Ausstellung regt zu Gedanken über Zufall und Gesetzmäßigkeit an, aber auch darüber, was Zufall denn eigentlich ist. Der Katalog zur Ausstellung beispielsweise zitiert das Wörterbuch der Brüder Grimm. Ihnen zufolge sind Zufälle Vorfälle, die unversehens kommen – oder, wie der Titel der Ausstellung formuliert: „unerwartet“. Ein anderes Definitionskriterium ließe sich mit dem Wort Koinzidenz beschreiben, „Zusammentreffen“. Oder man definiert Zufall ganz allgemein als ein Phänomen, das sich nicht erklären lässt – und das kann durchaus auch der Fall sein, wenn diesem Phänomen genaue Berechnungen zugrunde liegen, wie den Bildern, die Rune Mields aus Primzahlen heraus entwickelte. Ohne genaue Erläuterung in einer Führung durch die Ausstellung oder besser noch durch einen verständlich formulierenden Mathematiker bleibt nur der ästhetische Eindruck von Bildern, deren Erscheinungsform eben „unerklärlich“ ist.

Selbst in der Wissenschaft ist ja auch nicht immer gleich auszumachen, ob Zufall oder Berechnung hinter den Erscheinungen steckt. In einem eigenen Raum wurde in Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern ein Labor geschaffen, in dem der Besucher anhand einfacher Experimente das Wechselspiel von Zufall und Ordnung nachvollziehen und entdecken kann, dass an unterschiedlich langen Fäden scheinbar chaotisch hin und her schwingende Kugeln in einem Gerüst genauen Gesetzen folgen.

Man beschließe den Rundgang am besten bei einer Arbeit von Timm Ulrichs. Dieser Meister des hintersinnigen Nachdenkens und der einfachen optischen Realisierung hat ein Spielfeld aus Sand gebaut. Darüber steht als Titel „casual“ – also zufällig. Auf dem Sandfeld liegen sechs Würfel, jeder mit einem Buchstaben versehen. Es sind dieselben wie im Titel der Arbeit: c-a-s-u-a-l, nur liegen sie jetzt in der Reihenfolge „causal“, also gesetzmäßig. Der Witz der Sache ist, dass ausgerechnet durch das Würfeln, den Inbegriff des Zufälligen, die Gesetzmäßigkeit hergestellt wurde. Vielleicht ist das ja die ganz eigene, subtil ironische Art, in der ein Gott würfelt, wenn er es denn tut.

[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“, Kunstmuseum Stuttgart bis 19.2.2017. Katalog 168 S. 29 Euro

Zu dieser Ausstellung gibt es einen Film von Horst Simschek und mir auf Youtube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.