Synthese von Tradition und Moderne: Lyonel Feininger in der Galerie Stihl in Waiblingen

Die einzige Konstante in seinem Leben scheint New York gewesen zu sein: Hier wurde er 1871 als Sohn eines Musikerehepaars geboren, und hier starb er 1956: Lyonel Feininger. Dazwischen war es ein Leben voller unerwarteter Wendungen: Er wollte Geiger werden, wandte sich aber der bildenden Kunst zu, er heiratete eine Schülerin des Pianisten Arthur Schnabel, verließ seine Familie aber wegen Julia Berg, einer Künstlerin, er stellte zusammen mit den Expressionisten der Brücke und des Blauen Reiters aus und pflegte doch einen hochgradig unexpressionistischen Stil. Entscheidend war seine Begegnung mit dem Kubismus, doch ein Kubist im strengen Sinne wurde er dennoch nicht. Bekannt ist er vor allem als Maler, doch am Bauhaus leitete er die Druckwerkstätten, und so ist es nur folgerichtig, wenn die Galerie Stihl in Waiblingen nun den Graphiker Feininger ins Zentrum rückt.

 

Er war der Meister der spitzen Winkel, der geometrischen Formen. Geradezu explosiv schießen die Winkel in die Höhe, stoßen auf Vierecke, scheinen sich zu beruhigen und strahlen doch stets eine ungeheure Dynamik aus. Dabei sind seine Bilder trotz seiner Neigung zu geometrischen Formen stets dem Gegenstand verpflichtet. Mit der reinen Abstraktion, wie sie ein Kandinsky zur selben Zeit pflegte, hatte Feininger nichts im Sinn.

Er erhielt den Anstoß zu seiner Kunst in Frankreich durch den Kubismus, stellte denn auch 1911 im Salon des Artistes Indépendantes in Paris zusammen mit den Kubisten aus, und doch wäre es falsch, ihn als Vertreter dieser Richtung zu definieren, denn während die Kubisten sich damit begnügten, einzelne Gegenstände wie Vasen, Gitarren oder auch Gesichter in geometrische Flächen zu zerlegen, gestaltete Feininger ganze Bildräume nach geometrischen Prinzipien.

Das zeigen vor allem seine Städtebilder, die nicht selten im Zentrum eine Kirche haben. Bei Feininger ist in solchen Fällen nicht nur der zentrale Sakralbau in geometrische Flächen aufgeteilt, bei ihm folgt das ganze Umfeld dieses Gebäudes denselben Strukturprinzipien. Dadurch weisen seine Arbeiten eine intensive innere Einheitlichkeit auf: Alles ist aus einem Guss, alles folgt einem Prinzip.

Feininger sprach denn auch bezeichnenderweise bei seiner Kunst nicht von Kubismus, sondern von Prisma-ismus. Die Welt scheint in lauter dreieckige Flächen zerlegt zu sein, bildet ein rhythmisches Gefüge – hier zeigt sich der Musiker, der er ja auch war -, die Bilder wirken wie Crescendi eines Grundmotivs. Das zeigt sich in der Graphik möglicherweise noch deutlicher als in seiner Malerei, denn hier beschränkt sich Feininger oft auf die reine Linie; Flächen werden nurmehr angedeutet und sind doch zugleich vor dem Auge präsent, als Möglichkeitsform, das lässt diese Arbeiten noch kristalliner wirken als seine Gemälde – und macht ein weiteres Phänomen seiner Kunst augenfällig. Es ist eine Bildwelt aus lauter Licht – aus Licht und aus Räumlichkeit. Feininger arbeitet mit Flächen, gestaltet aber paradoxerweise nicht wie die Kubisten flächige Bilder, sondern Bildlandschaften mit einer tiefen dreidimensionalen Räumlichkeit.

Zugleich bleibt er bei den traditionellen Bildstrukturen, wie man sie von der Malerei der Romantik her kennt: ein leicht erhöhter Blickpunkt, klare Perspektiven. Feininger, das macht diese Auswahl deutlich, vereinte die Tradition mit der Moderne und schuf gerade deswegen Werke, die zeitlos sind. Sie ermöglichen dem Auge eine Reise durch Bildwelten, die immer wieder auf neue Details stößt, neue aufregende Winkelkombinationen, eine Reise, die mal am Detail verweilt, dann wieder in Windeseile ganze Bildräume durchmisst.

Dabei bleibt das Auge nicht selten zunächst an abstrakten Strichgebilden hängen, um dann beim Eindruck eines gegenständlichen Raums anzukommen – einem Schiff, einer Kirche, einer Scheune. Feininger wiederholt sich nie, obwohl er sich immer wieder denselben Motiven widmet. So finden sich in der Ausstellung zwei seiner Schiffsbilder von 1919: Auf dem einen erkennt man drei Schiffe, die gewissermaßen von einem Stellvertreter des Bildbetrachters beobachtet werden, einem Mann am Strand im Vordergrund. Auf dem zweiten Bild finden sich dieselben drei Schiffe, nun aber aufgelöst in reine Striche, ohne Vordergrund – eine Dynamik von Bewegung, Fläche und Tempo.

Das war eine erstaunliche Entwicklung, wenn man sein Frühwerk betrachtet. Feininger begann – für den Broterwerb – mit Comics und Karikaturen; das sind souveräne Zeichnungen, die vielleicht schon die spätere Beschränkung auf wenige Linien und Flächen ahnen lassen. Doch was Feininger später schuf, hat mit diesen Anfängen nur wenig gemein. Nach seinem Kontakt mit dem Kubismus entwickelte er eine Kunst, die ihresgleichen sucht. Sie ist singulär und aufregend, auch noch hundert Jahre nach ihrer Entstehung.

Lyonel Feininger. Zwischen den Welten“, Galerie Stihl, Waiblingen, bis 14.5.2017

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