Tänzerischer Aufbruch! in die Zukunft: Drei Uraufführungen am Stuttgarter Ballett

Es gibt Daten, die die Welt veränderten: 1518 mit dem Thesenanschlag von Martin Luther beispielsweise oder 1789 mit der Französischen Revolution. Für die deutsche Geschichte war das Jahr 1919 impulsgebend bis in unsere Tage. Die Weimarer Republik wurde gegründet mit ihrer freiheitlichen Verfassung, die u.a. den Frauen das Wahlrecht gab, und gleichfalls in Weimar wurde das Bauhaus aus der Taufe gehoben mit einer Ästhetik, die unseren Alltag immer noch prägt. So gab der Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich drei Choreographen den Auftrag, sich von diesem Jahr inspirieren zu lassen. Entstanden ist ein Aufbruch!.

Mizuki Amemiya, Diana Ionescu © Stuttgarter Ballett

Der Abend beginnt mit dem Bauhaus pur. Katarzyna Kozielska hat gleich vier Mal den Lampenschirm der sogenannten Bauhaus-Leuchte auf die Bühne gestellt, jene 5/8-Kugel aus Opalglas mit einem Metallring am unteren Ende. Drei Leuchten sind echte Lampen, die vierte hat als „Fuß“ den Körper einer Tänzerin. Damit hat die Choreographin von Anfang an ihr Thema benannt: die Ästhetik des Bauhauses als Tanz, denn mit eleganten Bewegungen tanzt diese vierte Leuchte über die Bühne. Bauhaus findet sich auch in Form von Stoffmustern; zwei Tänzer wickeln sich in entsprechende Stoffbahnen und beginnen ein Spiel der Anziehung und Ablösung. Bauhaus kann man auch in den verschiebbaren Wandteilen erkennen, die als Kulisse über die Bühne gefahren werden wie die variablen Zwischenwände der Häuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Und schließlich wird auch Oskar Schlemmers Triadisches Ballett zitiert. Eine Tänzerin wird mit dem Kopf voran seitlich in ein solches Wandelement gesteckt. Die Beine spreizen sich quer in den Raum und in einem Videofilm werden sie mit dem Zeichenstift zu einer von Schlemmers Ballettfiguren ergänzt. Dazu passen auch die marionettenhaften Bewegungen in anderen Passagen dieses Balletts. Diese könnten allerdings auch an die roboterhaften Bewegungen erinnern, die Charlie Chaplin für seinen Film Modern Times erfunden hat, denn Katarzyna Kozielska beschränkt sich nicht auf das Bauhaus, sondern hat eine zitatenreiche Revue zur Welt der Zwanziger Jahre auf die Bühne gebracht: Tänzerinnen mit Bubikopffrisur, kurze Gewänder wie die der Charlestontänzerinnen und vage Reminiszenzen an die legendäre Josephine Baker. Und in der Tänzerkonstellation könnte man eine Hommage an die Verfassung der Weimarer Republik sehen, die auch den Frauen das Wahlrecht zusprach: Es tanzen sechs Frauen und sechs Männer, paritätisch besetzt also.

In seiner Reihung ist das Ballett allerdings auch ein wenig zufällig, manchmal gar beliebig wie der Titel It. Floppy. Rabbit, der während der Proben aus Rufen der Tänzer entstand.

Ganz auf die Weimarer Republik nahm Nanine Linning Bezug, zumindest in ihrem Grundeinfall. Was, so fragte sie sich laut Programmheft, ist von dem damaligen Aufbruch erreicht worden, wie weit hat sich die Gesellschaft bis in unsere Tage entwickelt. Ihre Choreographie stellt allerdings ganz andere Fragen: Was macht eine Gesellschaft aus, in der dem Einzelnen zwar Freiheit zugestanden wird, die aber doch auch als Einheit funktionieren muss. In welchem Verhältnis steht der Einzelne zur Gruppe oder auch zur Masse. Und so kristallisieren sich immer wieder Konstellationen heraus, in denen die Gruppe dem Einzelnen entgegentritt, ihn vereinnahmt, Gruppen gegen Gruppen antreten, woraus Gegnerschaft entsteht, die dazu führt, dass die eine Gruppe die andere verdrängt. Es entstehen aber auch Sehnsüchte, Versuche, Schutzgemeinschaften im Kleinen zu bilden – Dreiergruppen, Sechsergruppen, deren Mitglieder sich durch gegenseitige Anziehung beistehen.

Angelina Zuccarini, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Doch immer wieder dominiert die Masse, die sich behaupten will, aus der sich gelegentlich Anführer herauskristallisieren, die die Richtung angeben. Das kann schließlich zu Kriegsszenen führen, wenn Tänzer mit Masken ihre Individualität verbergen, eintauchen in die Anonymität der Masse, im Gleichmarsch tanzen in Röcken, die an die Gewänder der Samuraikrieger erinnern. Auch hier befreit sich eine einzelne Tänzerin (faszinierend ausdrucksstark Angelina Zuccarini) vom Zwang der Anonymität, verzichtet auf die Maske, bis die anderen ihrem Beispiel folgen. Ob das Ergebnis freilich absolute Freiheit ist, bleibt offen, die Revolte – so der Titel des Balletts -, der Kampf also scheint sich wie ein Gesetz durch die Geschichte zu ziehen.

Beeinträchtigt wird diese eindrucksvolle tänzerische Darlegung eines gesellschaftlichen Prozesses nur durch gelegentliche Leerläufe und Posen, die zum Teil der Musik von Michael Gordon geschuldet sind, die zwar durchweg dramatisch eindringlich ist, doch auch hin und wieder auf der Stelle tritt.

Bauhaus pur schließlich bringt Edward Clug auf die Bühne, allerdings nicht so vordergründig mit Symbolen der Weimarer Kunstschule wie bei Katarzyna Kozielska. Seine Patterns in ¾ ist eine spielerisch wirkende, dabei hochintelligent konstruierte Experimentalstudie aus dem Geist des Bauhauses. Clug scheint die Bewegungen des Menschen in ihre Grundelemente zerlegt zu haben und baut sie nun gewissermaßen wie aus einem Baukasten auf der Bühne Schritt für Schritt wieder auf. Mit kurzen Bewegungselementen fangen da Tänzer an, ihre Arme, ihre Beine zu beleben, mit einem Gegenüber in Interaktion zu treten. Wie entsteht eine Handbewegung, wie eine Beinbewegung, wie eine Drehung. Wie kommen zwei Personen zusammen, welche Interaktionsmöglichkeiten gibt es zwischen ihren Körpern und ihren Körperteilen, wie wird aus zwei Einzelpersonen ein Paar. Man könnte das Stück auch die „Grammatik menschlicher Bewegung“ nennen. Was wie Zufall aussieht, wirkt im Nachhinein wie eine komplexe Komposition von Bewegungen und Szenen. Clug dekliniert gewissermaßen den Bewegungsablauf durch, sein Ballett ist eine Schule der körperlichen Aktion und Interaktion. Die Tänzer scheinen sich ständig Fragen zu stellen.

Martí Fernández Paixà, Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Adhonay Soares da Silva © Stuttgarter Ballett

Wenn er dann noch L-förmige Kulissenteile über die Bühne wandern lässt, dann beginnt er dieses Spiel der Zerlegung gar mit den einzelnen Körpern, von denen mal nur die Beine, mal die Arme, mal die Köpfe zu sehen sind. Das alles ist witzig und zugleich raffiniert konzipiert und realisiert. Es ist die Tanz gewordene Grammatik unseres täglichen Lebens, ein Meisterwerk von nicht einmal einer halben Stunde, das wohl stets zeitlos bleiben wird, weil es sich mit Grundfragen beschäftigt, die jeden von uns angehen, ein Stück für unsere Gegenwart und für die Zukunft, ein wahrer Aufbruch.

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