Was bin ich: Sichten auf den Körper im Stadtmuseum Esslingen

Vor 350 Jahren beharrte der Philosoph René Descartes noch strikt auf der Trennung von Körper und Geist: Cogito, ergo sum – das Denken mache das Ich aus. Vor hundert Jahren forderte dagegen Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele unserer Zeit, einen „feurigen Geist in einem muskulösen Körper“ – zwei Ansichten, wie sie konträrer kaum sein könnten. Im Stadtmuseum Esslingen kann man sich ein Bild vom Körper machen – und kommt vom Hundertsten ins Tausendste.

vitruv

                                                  Leonardo da Vinci, Der Vitrvianische Mensch

Die Ausstellung empfängt den Besucher mit einem Bild seines eigenen Körpers, allerdings nicht so, wie er ihn von seinem Spiegelbild zuhause gewohnt ist. In einer Vielzahl von leicht versetzt angebrachten Spiegelflächen tritt ihm ein Zerrbild seiner selbst entgegen – ein erster Hinweis darauf, dass unser Bild vom Körper alles andere als deutlich definiert ist. Es kommt auf die Perspektive an. So fehlen in der Ausstellung denn auch nicht Konkav- und Konvexspiegel, in denen man sich übermäßig dünn bzw. dick entgegentritt. Wie man idealerweise auszusehen habe, zeigte vor fünfhundert Jahren kein Geringerer als Leonardo da Vinci, als er den menschlichen Körper nach den Angaben des antiken Architekturtheoretikers Vitruv mit Zirkel und Lineal vermaß. Noch heute findet dieser Vitruvianische Mensch Verwendung in diversen Krankenversicherungskarten.

Solche Idealbilder freilich schlagen leicht in ihr Gegenteil um, in ein gefährliches Gegenteil, wenn sie nämlich als Norm verstanden werden, der sich alle zu unterwerfen haben. Im selben Ausstellungsraum, in dem da Vincis Idealmensch zu sehen ist, finden sich auch die durchtrainierten Körper, die Leni Riefenstahl in ihrem Film zur Olympiade 1936 perfekt in Szene gesetzt und damit verherrlicht hat – und der Rassenideologie der Nazis künstlerische Legitimation verschaffen wollte. In einer Vitrine gegenüber den Riefenstahlschen Idealbildern findet sich eine Ansammlung von Bildern, mit denen die Nazis die idealen arischen Kopfformen festlegen wollten – DSC05477 (1200x675)und daneben ein anthropometrischer Zirkel, mit dem in der Kriminologie des 19. Jahrhunderts Köpfe vermessen wurden. Die Ausstellung ist geprägt von einem Für und Wider, stets folgt einem Körperbild, das sich unter Umständen als Ideal definieren ließe, die Kehrseiten der Medaille.

Wer nicht zufällig über einen naturgegebenen idealen Körper verfügt, versucht, ihn den Idealvorstellungen entsprechend zu modellieren – sei es durch Bodybuilding, sei es durch Mode. Doch ist ein muskelgestählter, durch Öl glänzend hervorgehobener und in Posen zur Schau gestellter Körper wirklich ein Ideal? Und wenn ja, wo und zu welcher Zeit? Werbeplakate früherer Jahrzehnte preisen Süßigkeiten an, KörPersoektiven+Werbeanzeige+bk (600x555)die einen dem Schönheitsideal der 20er Jahre entsprechenden fülligeren Körper ermöglichen sollten, denn Körperfülle galt in jenen Jahren als Inbegriff von Gesundheit und Attraktivität – ganz im Unterschied zu späteren Jahrzehnten, in denen zuckerreduzierte Drinks den schlanken Körper befördern sollen.

Und wem der Körper nicht gehorcht, der hilft durch Modetricks nach, ob mit engem Korsett, das die Wespentaille vortäuschte – und alles andere als gesund war -, oder einem Pushup-BH unserer Tage.

Selbst die Wissenschaft hilft nicht weiter bei der Frage, was denn nun das perfekte Bild des Körpers ausmache: Modelle früherer Jahrzehnte mit herausnehmbaren Organen wirken heute wie Spielzeug für Kinder, während hochmoderne Karyogramme, die unsere Chromosomen abbilden, aussehen wie moderne abstrakte Graphiken, die mit dem Körper, wie wir ihn kennen, nichts gemein zu haben scheinen und doch sein Wesen vielleicht am exaktesten wiedergeben.

Die Ausstellung regt zum Nachdenken an über das, was Körper sein kann, und das, was man mit ihm machen kann – meist mithilfe vereinzelter Bilder oder Gerätschaften. Umfangreiche Texttafeln erleichtern es dem Besucher, Perspektiven in den Exponaten zu entdecken – oder aber er bildet sich in Reflexionen nach dem Ausstellungsparcours seine eigene Körperphilosophie: Der Körper – das bin ich, aber er ist nicht automatisch von Mutter Natur geschenkt, sondern zum Teil unser eigenes Produkt.

Körperperspektiven. Blicke auf unseren ständigen Begleiter“, Stadtmuseum Esslingen bis 28.8.2016

Zur Ausstellung findet sich ein Film von Horst Simschek und mir auf Youtube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.