Was Menschen Menschen antun: Marco Goeckes Ballett La Strada nach dem Film von Federico Fellini

Es ist eine Welt der Hoffnungslosigkeit, auch der Unmenschlichkeit, die Federico Fellini in seinem Film La Strada zeichnete. Der Kraftprotz Zampanò kauft sich als Assistentin für sein artistisches Schaustück auf Jahrmärkten das Mädchen Gelsomina, hält sie wie eine Sklavin, bis sie den Seiltänzer Matto trifft, das Gegenteil von Zampanò, zartfühlend. Ein Happy
End freilich wird es nicht geben. Am Ende sind Matto und Gelsomina tot und Zampanò erkennt verzweifelt, welchen Schatz er mit dem Mädchen verloren hat. Für das Gärtnerplatztheater in München hat Marco Goecke 2018 diesen Stoff für die Tanzbühne bearbeitet; jetzt hat das Theater eine Aufführung als Stream kurz zur Verfügung gestellt.

Luca Seixas, Alexander Hille © Marie-Laure Briane

Eine der erregendsten Szenen der Choreographie findet gegen Ende des Stücks statt. Sie ist fast regungslos. Matto und Zampanò stehen einander gegenüber und rauchen. Den Zigarettenrauch stoßen sie jeweils heftig in Richtung des Kontrahenten, als wären es lebensgefährliche Waffen. Und obwohl körperlich nicht anwesend, steht Gelsomina wie ein Geist zwischen ihnen, denn um sie geht dieser Kampf. Bei Fellini wird Matto später bei einem Streit mit Zampanò unglücklich fallen und sterben. Bei Goecke wird er von Zampanò ermordet. Goecke folgt zwar der Vorlage des Films, aber er erzählt nicht dessen Handlung nach. Sie sollte der Zuschauer am besten kennen, denn Goecke arbeitet oft nur mit Andeutungen. Die freilich haben es in sich. Schon bei Fellini ist Zampanò ein Berserker, bei Goecke ist er ein Gewaltmensch. Gleich zu Beginn traktiert er seine Frau Rosa derart, dass sie stirbt, weshalb er sich die kleine Gelsomina als Assistentin kauft. Matto dreht er den Kopf um – Mord. Und dass Gelsomina seine Behandlung überlebt, ist ein reines Wunder, denn er traktiert sie mit denselben Handkantenschlägen wie zu Beginn seine Frau.

Goecke bringt in seiner Choreographie Figuren in extremer Charakterisierung auf die Bühne und verfolgt, was für Auswirkungen ihr Wesen für andere hat. So steht Gelsomina, als sie sich in den Seiltänzer Matto verliebt, nicht einfach nur zwischen zwei Männern, sondern zwischen zwei Mentalitäten, die Goecke rein durch Bewegungscharakteristika deutlich macht. Auf der einen Seite Zampanò mit virilen, kraftvollen Bewegungen, auf der anderen Matto mit weichen, fließenden Bewegungen. So erschafft Goecke zwei atmosphärische Welten, und Gelsomina schwankt zwischen beiden. In ihr hat Goecke nicht nur das naive Mädchen wie bei Fellini, bei ihm ist sie ein Mensch, der keine eigene Persönlichkeit hat und jedem folgt, der sich ihr voranstellt. Wie sie das tut, ist freilich aufregend unterschiedlich.

Serena Landriel, Alexander Hille © Marie-Laure Briane

Bei Zampanò folgt sie dem Drill, mit dem er ihr den Zirkusauftritt einbläut, bei Matto folgt sie einem poetischen Bewegungskünstler, dem einen folgt sie aus Gehorsam, dem anderen aus Neigung. Goecke schafft so ein ganz eigenes Handlungsballett. Hier wird nicht Handlung durch Bewegung erzählt, hier sind die Bewegungen, die Körper und ihre Aktionen die Handlung. Und Gelsomina findet ihre eigene Sphäre der Freiheit, wenn sie den Clown geben darf. Wie Serena Landriel das gestaltet, ist faszinierend, desgleichen, wie ihr Körper die unglaubliche Bewegungsfantasie des Choreographen in aberwitzigem Tempo umsetzt.

Serena Landriel © Marie-Laure Briane

Da scheint jeder Knochen ihres Körpers völlig eigenständig zu sein, es gibt keine Wendung des Körpers, die ihr nicht wie selbstverständlich gelingt. Aber auch die Charakterisierungskraft von Alexander Hille als herrischer Zampanò und Luca Seixas als weicher, poetischer Matto ist grandios.

Dass sich ausgerechnet bei Goecke Tänzer gelegentlich in Zeitlupe bewegen oder fast regungslos dastehen, ist freilich für jeden, der seine Choreographenkarriere verfolgt hat, ein Wunder. Spätestens seit seiner Choreographie „Äffi“ 2005 ist Nervosität der Tanzkörper zu seinem Markenzeichen geworden war: Hände flattern, Arme huschen, zucken eng am Körper auf und nieder. Aber während diese nervöse Körperlichkeit früher weite Strecken seiner Choreographien prägte, ist Goecke mit den Jahren ruhiger geworden. Hatte er früher die Bewegungen in lauter minimalistische Einzelteile zerlegt und diese wie im Zeitraffer in flackerndem Licht auf die Bühne bringen lassen, schien er sie zunehmend wieder zusammengesetzt zu haben. Vor allem sind diese Zuckungen nicht mehr Selbstzweck, und das gilt vor allem für „La Strada“. Hier dienen sie dazu, die Figuren zu charakterisieren, und das sind Menschen, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen.

So lässt Zampanò buchstäblich die Muskeln spielen, gibt demonstrativ das, was sein Name andeutet, den Zampano. Und Matto ist mit weichen fließenden Bewegungen das krasse Gegenstück hierzu, eine poetische Erscheinung. Und dazwischen ein mädchenhaftes Wesen, das in die harte Welt der Realität nicht passt, zugrunde gehen muss. Goecke hat mit dieser Choreographie eines seiner größten Meisterwerke geschaffen in einer an Meisterleistungen gewiss nicht raren Karriere, und sein Stück wird von den Tänzern des Gärtnerplatztheaters souverän umgesetzt – ein Traum von einem Ballett, wenn auch handlungsbedingt ein trauriger.

Marco Goecke, La Strada. Der Stream der Aufführung vom 16.1.2021 ist bis 18.1.2021 23 Uhr als Stream zu verfolgen:

https://www.youtube.com/watch?v=qrPvT790FCE

Nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs wird das Stück auf dem aktuellen Spielplan stehen

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