Zwischen Farbe und Licht: Marguerite Hersberger im Museum Ritter

Zum Raum werde da die Zeit, heißt es in Richard Wagners Parsifal, gemeint ist der Übergang in eine neue Sphäre, in der Dimensionen wie Raum und Zeit miteinander verschmelzen, herkömmliche Grenzen zwischen den Dimensionen aufgehoben werden. Bei den Werken, die Marguerite Hersberger derzeit im Museum Ritter in Waldenbuch zeigt, kann einem dieses Zitat in den Sinn kommen. Hier, so scheint es, wird die Fläche zur dritten Dimension, das Bild zum Raum erweitert.

                                                               Ohne Titel Nr. 4 (1967)

Die früheste Arbeit in dieser Ausstellung – und eine der ersten künstlerisch selbstständigen von Marguerite Hersberger überhaupt – ist ein Gemälde aus dem Jahr 1967. Dass es sich um ein Gemälde handelt, bedarf bei ihr einer besonderen Erwähnung, denn sie fühlte sich bereits zu dieser Zeit eher als Bildhauerin und arbeitete in Paris zu dieser Zeit auch in einem Bildhaueratelier. Auf dem ganz in bläulichen Farbtönen gehaltenen Gemälde scheinen sich transparente Flächen wie spielerisch zu bewegen – allerdings nicht, wie bei einem Gemälde zu erwarten wäre, über eine Fläche, vielmehr scheinen sie im Raum zu schweben. Und damit ist dieses Bild geradezu symptomatisch für ihr darauf folgendes Schaffen. In der Ausstellung hängt denn auch neben diesem Gemälde eine Arbeit, die im selben Jahr entstand und die die reine Fläche verlässt. Es handelt sich um eine Art Relief: Auf einer weißen Holzplatte sind kleine Prismen aus Plexiglas ähnlich spielerisch verteilt wie die Flächen auf dem Gemälde. Von vorn betrachtet, ist lediglich das, was auf dem Gemälde zu sehen ist, in die dritte Dimension als eine Art Relief erweitert, denn die kleinen Prismenstücke heben sich von der Platte ab. Und doch unterscheidet sich diese Arbeit wesentlich von dem Gemälde: Die entscheidende Wirkung dieser kleinen völlig durchsichtigen Prismenstückchen ergibt sich ausschließlich aus dem Licht, das sich in diesen Prismen bricht.

Damit hatte die Künstlerin ihr zentrales Arbeitsmedium gefunden, das sie in den darauf folgenden Jahrzehnten immer wieder beschäftigte: das Licht als Ausdrucksmedium. So entstanden einige Jahre nach diesen frühen Arbeiten „Lichtpinsel“ – auf eine ebenfalls weiße Platte montierte und durch die abdeckende Glasscheibe flachgedrückte Pinsel aus Glasfasern, an deren Enden kleine Lichtpunkte aufleuchten. Das alles Weiß in Weiß – die Künstlerin erwies sich bereits in ihren Anfängen als Meisterin der Reduktion, der Beschränkung auf wenige Formen und Farben.

Und das Plexiglas war über Jahre hinweg ihr bevorzugtes Material, denn in ihm konnte sie ausschließlich mithilfe von Licht und dessen Reflexion ihre künstlerischen Visionen realisieren. Es war, wie sie es formulierte, „Lichtmalerei“, eine Malerei, die freilich ihr „Material“ erst durch die prismatische Brechung sichtbar machte, denn Licht erkennen wir zwar als Helligkeit, können es aber in erster Linie nur sehen, wenn es unmittelbar ins Auge fällt oder auf Gegenstände trifft. Marguerite Hersberger hat mit ihrer Prismenkunst ein Mittel gefunden, uns dieses Phänomen buchstäblich vor Augen zu führen.

Dem Acrylglas ist sie treu geblieben, nur von deren komprimierter Form als Prisma hat sie sich schon bald getrennt. Danach diente es ihr als Bildfläche und – wie man bei herkömmlichen Grafikausstellungen sagen würde – deren schützender Glasscheibe. Nur rückt sie Bild und Glasfläche einige Zentimeter weiter auseinander, als es gemeinhin bei Graphik geschieht. Das Resultat sind schmale, an der Wand hängende Kästen, in denen sich ein faszinierendes Miteinander zwischen Bildfläche und abdeckender Glasscheibe ergibt. Bei einigen Arbeiten ist das Acrylglas tatsächlich wie die bei Ausstellungen übliche Glasscheibe transparent. Doch da sie sich einige Zentimeter vor dem eigentlichen Bild befindet, treten beide Ebenen in eine Art „Kooperation“ miteinander. Je nach Standort des Betrachters verändert sich das Verhältnis der Ebenen zueinander. So kann eine Kreisform je nach Standpunkt des Betrachters zum Oval mutieren.                                                  Out of the Centre Nr. 29 (2006)

Auf diese Weise machen die Werke von Marguerite Hersberger den Betrachter auf das aufmerksam, das er in jeder Ausstellung meist unbemerkt tut. Ihre Arbeiten öffnen im wahrsten Sinn des Wortes die Augen, und dies bereits durch die Tatsache, dass Bildfläche und Glasscheibe durch einige Zentimeter voneinander getrennt sind, was die Glasscheibe gewissermaßen aufwertet, da sie jetzt konstitutives Element der ganzen Arbeit ist, nicht nur deren Schutz.

Mehr noch: Die vordere Acrylscheibe bearbeitet Marguerite Hersberger nicht selten mit Schleifpapier. Auf diese Weise werden einige Stellen matt, was sich auf der hinteren Fläche – dem eigentlichen Bild – durch die Beleuchtung im Ausstellungsraum wie ein Schatten auswirkt. Hat sie auf der vorderen Acrylscheibe zudem noch mit Farbe gearbeitet – Linien aufgetragen –, so werfen diese ihrerseits Schatten auf die hintere Ebene. So ergeben sich „Farbschatten“, die genau das sind, was das Wort evoziert.

Farbschatten Nr. 4 (2022)

Diese Wirkung kommt durch den Abstand zwischen Bildfläche und Glasscheibe zustande. Der Titel der Ausstellung „Zwischenräume“ versucht dem anschaulich nahezukommen. Doch entstehen hier genau genommen keine Zwischen-“Räume“. Entscheidend ist, dass etwas zwischen den beiden Ebenen geschieht. Es ist eine Kunst zwischen den Ebenen, zwischen vorn und hinten, zwischen einer Realität – nämlich einer bemalten Fläche – und davor geschalteter Glasscheibe, die durch ihre zum Teil matt geschliffenen Partien eine eigene Bildkraft entwickelt.

So können durch Licht, Farbe und transparente Glasscheibe „fluide Farbräume“ entstehen, oder „Multicolours“, also raffinierte wie im Nichts schwebende Farbflächen. Marguerite Hersberger arbeitet gewissermaßen mit einem Nichts an Material und zaubert darauf ganze Augenwelten. Dabei reichen ihr bisweilen schlichte dünne Fäden, handelsübliche Angelschnüre, die sie raffiniert über eine Holzfläche spannt und die auf dem Holz feinste Zeichnungen hervorrufen – durch Licht, versteht sich.

Vorn und hinten sind in dieser Kunst gleichbedeutend aufeinander angewiesen. Marguerite Hersberger hat das mit einer großen Arbeit augenfällig deutlich gemacht. Von vorn betrachtet handelt es sich um einen farbigen Kreis vor einem Quadrat. Von der Seite erkennt man, dass der Kreis einige Zentimeter von der Wand absteht. Dahinter ist die Wand weiß belassen. Das Resultat: Ein geradezu magisch anmutendes Blau, das im Raum zu schweben scheint. Das ist Malerei mit Farbe und Licht, wobei das Licht eben nicht nur möglich macht, dass man mit dem Auge Farben sehen kann, sondern als „Mitakteur“ konstitutiv für die Gesamtwirkung des Werks ist.

Es ist eine Kunst zwischen vorn und hinten, zwischen Farbmaterie und Licht, zwischen Realität und Illusion – also Kunst in jeder Dimension, die vor allem den Blick darauf lenkt, was, wie man in der Literatur sagen würde – „zwischen den Zeilen“ liegt, und damit im Grunde im Auge und der Fantasie des Betrachters.

Marguerite Hersberger. Zwischenräume“, Museum Ritter Waldenbuch bis 27.9.2026

 

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